Dienstag, 21. Oktober 2008

Die Leichenschau

Der Arzt war ein Komiker und quatschte viel. Meine Kollegin und ich warfen uns amüsiert Blicke zu. Wir drehten den Toten, und der Arzt begutachtete den leblosen Körper. Er schaue nach Einstichstellen, sagte er ironischerweise, und als er am Hals war, meinte er: "Aha, alle Spuren vom Strick entfernt."
"Wir sind halt Profis", erwiderte ich. Der Tote war käseweiß, wie man sich typischerweise eine Leiche vorstellt, an den Auflagestellen bereits leicht blaurötlich angelaufen, marmoriert, wie man sagt.
Ich fand ihn gleich nach Dienstbeginn, als ich durch alle Zimmer ging, um zu kontrollieren, ob sie noch alle da waren. Ich sah auf den ersten Blick, dass er tot war. Seine Augen sahen aus wie bei einer Puppe, als wären sie eingesetzt. Das Fenster zur Seele war nur noch ein Fenster, dahinter wohnte niemand mehr. Es war einer jener Todesfälle, wo man im Grunde seines Herzens Erleichterung empfand. Der alte Mann war in den letzten Monaten zum schweren Pflegefall geworden. Jede pflegerische Verrichtung wurde zur Qual. Er erbrach das wenige, das man ihm mit Mühe noch einflößen konnte. In den Jahren meiner Altenpflegetätigkeit hatte ich ein Gefühl entwickelt, wann die Zeit für einen Menschen gekommen war. Trotzdem war ich überrascht, als ich den Toten fand. Sterbefälle bleiben etwas besonderes.
Ich war froh, dass die Angehörigen, eine Nichte und ihr Mann, die Todesnachricht gefasst aufnahmen. Es bleibt nicht viel zu sagen. Man druckst herum und kommt schnell auf die Formalitäten zu sprechen.
Nachdem ich die Angehörigen informiert hatte, bestellte ich über den ärztlichen Bereitschaftsdienst jemanden für die Leichenschau. Der Arzt, der kam, machte einen lockeren Eindruck. Er mochte so alt sein wie ich (Mitte vierzig - er bestätigte dies im Verlaufe seines Besuchs), hatte einen Pferdeschwanz und sah insgesamt nicht besonders ärztlich aus. Ich hätte mir gut vorstellen können, mit ihm ein paar Bier trinken zu gehen.
Nachdem wir bei dem Toten waren, stellte er die Papiere aus. Der Verstorbene wurde Achtzig. "Das ist bereits die Generation meiner Eltern", sagte ich, "Gott sei dank sind die noch rüstig". "Weißt Du", entgegnete der Arzt, "es wird unheimlich, wenn ich bei meiner notärztlichen Tätigkeit immer mehr Todesfälle erlebe, die etwa mein Jahrgang sind"; und er erzählte meiner Kollegin und mir, wie man auch in "unserem Alter" sterben könne. Bei Erkrankungen wie z.B. Demenz mache man am Besten selbst Schluss, solange man noch könne, sagte er, was mit gewissen Mittelchen ganz einfach ginge; und er nannte uns einige tödliche Medikamentencocktails. Meine Kollegin sagte lachend: "Nein, das ist nichts für mich, ich habe Kinder, die will ich noch aufwachsen sehen." Dieser Arzt war wirklich eine Type. Mit einer Flasche Whiskey und Paracetamol könne es auch klappen, sagte er, oder einen Liter destilliertes Wasser trinken. Während er die Papiere für den Toten ausfüllte, erklärte er uns mannigfaltige Methoden, wie man sich ins Jenseits befördern könne, und wie besser nicht.
"Noch Fragen?" sagte er, als er alles gefaltet in einen Umschlag steckte. "Nein", antworteten meine Kollegin und ich fast wie aus einem Munde. Seine Ausführungen hatten uns prächtig amüsiert. Als er gegangen war, tranken wir einen Kaffee - die Nacht war noch jung.

Samstag, 18. Oktober 2008

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Drum nennen wir sie manchmal Melonen.

Freitag, 17. Oktober 2008

Leben ohne Geld

Ich finde es immer wieder faszinierend, auf Menschen zu stoßen, die scheinbar unüberbrückbare Grenzen überwinden; Menschen, die mutig und engagiert ihre Träume in die Tat umsetzen.

Nicht erst seit der Bankenkrise versuche ich mir ein Leben ohne Geld vorzustellen. In einer Welt, in welcher Geld beinahe wie ein Naturelement gehandelt wird, scheint dies unmöglich zu sein. Man lernt von Kindesbeinen an, dass Geld das Mittel der Wahl ist, welches einem Tür und Tor öffnet; welches unbedingt notwendig ist, um sich seine kleinen und großen Wünsche zu erfüllen; ja, unabdingbar für das Überleben ist. Menschen stehlen und morden für Geld. Ganze Kriege werden für Geld geführt. Menschen werden für Geld gehandelt, oder sie verkaufen sich selbst. Ein Menschenleben hat seinen Preis. Selbst ideelle Werte scheinen ihren Preis zu haben. Der Mammon unterminiert Kirchen und Gesetz. Das Geld scheint über die Menschheit zu regieren. Es ist darum völlig absurd, ein Leben ohne Geld realistisch in Erwägung zu ziehen. Würde ich dies z.B. auf einer belebten Fußgängerzone ausrufen, würde man mich einen Spinner heißen oder mich gütig belächeln. Ich überlege mir folgendes Szenarium: Ein Stand in der Fußgängerzone, wo plakatiert ist, man solle sich all seines Geldes entledigen, um die Seele zu erleichtern - Slogan: "Lebe ohne Geld - Lebe leichter!" ... oder: "Geld ist Teufelsmaterial!"; am Abend solle man dann gemeinsam einer rituellen "Geldverbrennung" beiwohnen ...
Okay, ich sehe schon, Ihr lächelt. Ich werde Euch nicht dazu bringen, Euer Geld abzugeben; und als Guru bzw. Sektenführer tauge ich nicht. Ich bin viel zu schüchtern und bescheiden. Aber stellt Euch mal dieses Riesenfeuer vor - wir würden uns von einem echten Dämonen befreien - glaubt Ihr nicht?
Nein, nicht so richtig, gel?. Und wenn ich ehrlich bin, glaube ich mir selbst nicht. Zu groß ist die Verführungskraft, die vom Geld ausgeht; zu normal auch der Gebrauch - beinahe scheint es, als wären wir mit dem Geld verwachsen.

Anfang der Woche, ich hatte Nachtdienst, wir schauten nach unserem Rundgang fern. Es lief eine dieser vielen Talkshows - Kerner oder Beckman, egal. Jedenfalls saß dort in der Runde Heidemarie Schwermer, ehemals Psychotherapeutin, die ihre Praxis aufgab und seitdem ohne Geld lebt. Leider konnte ich nicht die ganze Sendung verfolgen, um Näheres zu erfahren, und notierte mir ihren Namen in der Hoffnung, etwas im Internet über sie zu finden. Meine Kollegin frotzelte darüber, aber ich meinte, dass ich so was fantastisch finde - vielleicht ergäbe sich ja eine echte Alternative zu der Altenpflegemaloche. Ich kann mir nämlich kaum vorstellen, bis zum Rentenalter als "Arschwischmaschine" zu funktionieren. Jedwede Alternative weckt meine Neugierde.

Hier nun der Link zu Heidemarie Schwermers Website:

http://projekte.free.de/gibundnimm/



Selbst wenn ihre Idee nicht auf mich passt, ich find`s toll!

Samstag, 11. Oktober 2008

Lebbe geht weiter

Es gibt Tage, an denen wünsche ich mir, gar nicht geboren worden zu sein. Meistens sind es die geraden Tage, weil mein Geburtstag auch ein gerader ist. Mein Problem ist, dass ich mir nicht mehr viel zu sagen habe. Ich fühle mich wie ein altes Ehepaar. Kennt Ihr "Die Katze" von George Simenon? Wurde verfilmt 1971 mit Simone Signoret und Jean Gabin - unbedingt sehenswert!
Ich habe keine Katze.
Wir leben nun schon 46 Jahre zusammen, und ich kann euch sagen: Die ersten Jahre waren die schönsten. Wir waren zwar dumm, aber auch wahnsinnig verliebt! Was wir uns damals alles für uns erträumten. Aber wie das so ist: Kein Glück dauert ewig. Die erste Krise nannten wir Pubertät. Wir sollten uns daraus nie ganz erholen. Heute sitzen wir uns meist nur noch schweigsam gegenüber. Wir kennen uns inzwischen so gut, dass wir uns das Reden sparen können. Wir kommunizieren mittels Zeichen. Ich muss mir nur ins Gesicht sehen, und weiß, wie der Tag laufen wird. Ich will`s gar nicht wissen, darum vermeide ich Spiegel - so kann ich wenigstens in der Illusion leben, dass es nicht ganz so schlimm ist. Ich wurde mit den Jahren zum Verdrängungsweltmeister. Manchmal tröste ich mich auch damit, dass ich keine Pickel mehr habe. Wir verständigen uns also mit Zeichen. Jeder redet mit sich, aber so, dass es der andere hört. Das sind diese selbstironischen Spielchen, die wir uns noch gönnen. Oder wir schreiben uns Zettel. Überall liegen diese Zettel - wir nennen sie Gedichte, Prosagedichte - ziemlich nichtssagend. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann es mit der Zettelschreiberei anfing. Ich glaube, es war schon in der Pubertät. Inzwischen hinterlassen wir uns auch Nachrichten auf dem Computer. Die letzte von mir hieß: "Es ist Herbst / Ich weiß nicht, wer ich bin / Meine Blätter sind grau / Sie fallen niemals / Du bist das Schicksal / Dass ich mir einrede". Mal sehen, ob ich was drauf schreibe.
Gestern sagte mir jemand: "Es geht immer weiter". Dragoslav Stepanovic meinte auch: "Lebbe geht weiter". Wie wahr. Morgen ist ein gerader Tag. Es ist sicher kein Zufall, dass dann meine Nachtdienste wieder beginnen.

Dienstag, 7. Oktober 2008

Die Marienkäfer kommen!

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,510832,00.html

(Nachtrag: Der Artikel ist vom Oktober 2007.)

Ich traue meinen Augen nicht: Abertausend Marienkäfer schwirren durch die Luft. Gut, dass meine Fenster geschlossen sind.

Montag, 6. Oktober 2008

Ein Anfang

Gesichter gefangen in Blättern - Millionen Gesichter gefangen in Blättern im Buschwerk vor meinem Fenster - Millionen Gesichter gefangen in Blättern im Buschwerk vor meinem Fenster am frühen Abend - Gesichter gefangen in Blättern im Buschwerk vor meinem Fenster am frühen Abend sehe ich - Gesichter gefangen in Blättern im Buschwerk vor meinem Fenster sehe ich von meinem Bett aus - Millionen Gesichter gefangen in Blättern im Buschwerk vor meinem Fenster am frühen Abend sehe ich von meinem Bett aus, während ich Radio höre - Millionen Gesichter gefangen im Buschwerk vor meinem Fenster, während ich Radio höre und es langsam dämmert - Gesichter gefangen in meinem Fenster sehe ich am frühen Abend, während ich Radio höre und in einem Buch blättere - Gesichter gefangen in der Dämmerung sehe ich von meinem Bett aus, während ich Radio höre und in einem Buch von Dir blättere - Gesichter gefangen in Deinen Blättern - Millionen Gesichter gefangen in Deinen Blättern im Buch, in Deinem Busch, in Deinem Fenster, an Deinem Abend, in Deinem Bett - Stimmen gefangen im Radio - Millionen Stimmen gefangen im Radio, bevor ich einschlafe - Millionen Stimmen gefangen im Radio, bevor ich einschlafe in der Nacht - Millionen Stimmen gefangen im Radio, gefangen in der Nacht ...



(25.07.2000)

Dienstag, 30. September 2008

Der Schluuch

In mich versunken sitze ich an einem der Stehtische an der Wand und blicke förmlich herab auf die Reihe der Gäste gegenüber. Der Gastraum streckt sich gleich einem kurzen Schlauch, woher die kleinbasler Schänke ihren Namen hat - "Alte Schluuch". Die meisten Damen und Herren haben die Mitte des Lebens überschritten und sind, grob gesagt, dem Trinkermilieu zuzurechnen - ein illustrer Haufen. Die Wirtin, eine dunkle Schönheit, ich nehme an Tunesierin, setzt sich gern zu den Gästen, um mit ihnen zu schäkern und zu plaudern. Auch an meinem "Hochsitz" streift sie vorbei und lächelt mir charmant zu. Die Stimmung ist ausgelassen, heiter; ab und zu werden Zoten über die Tische geschrieen, Anzüglichkeiten der angetrunkenen, älteren Herrschaften den wenigen Damen gegenüber, die ihrerseits schlagfertig kontern. Ich verstehe nur Fetzen des Schwizzerdütsch aus diesem Worttumult. Meine Augen beobachten Mimik und Erscheinung der Anwesenden. Es gibt einige Skurrilitäten zu sehen, und aus den verlebten Gesichtern könnte ich Romane lesen. Die Details verlieren sich schnell wieder im Potpourri der Eindrücke. Dann starre ich gedankenverloren über mein Bierglas hinweg.
Obwohl ich mich mitten in der kleinen Kneipengesellschaft befinde, der "Schluuch" dürfte nicht viel mehr als 30qm haben, fühle ich mich dem Geschehen seltsam entrückt, fühle ich mich fremd und doch menschlich vertraut. Ab und zu spüre ich Blicke auf mir. Ich bin allzu gern in der Rolle des stillen, biertrinkenden Fremdlings. Diese Rolle spiele ich nicht allein. Wir gehören zur Staffage in jeder Kneipe: An der Theke, in einer Ecke, alleine am Tisch, schauen wir Löcher in die Luft oder lesen Zeitung.

Der "Schluuch" ist einer von mehreren Zwischenstopps in Basel, wenn ich für ein paar Stunden am Nachmittag der häuslichen Enge entfliehe. Ich genieße die Anonymität im städtischen, bunten Treiben, den leisen Anflug von Verlorenheit und das über-das-Bierglas-hinweg-träumen. Die Zeit scheint für Momente stillzustehen, und ich versinke in allerlei Tagträumereien. Aber die Realität lässt sich nicht lange abschütteln, sie lauert mich beinahe wegelagerisch auf, mahnt mich zur Pflicht, oder stellt mir ein Ultimatum. Ich schätze, es geht vielen von uns ähnlich - ständig auf der Flucht vor der räuberischen und erpresserischen Realität - ein paar von uns finden sich im "Schluuch".

Montag, 29. September 2008

Der Romanesco

mit seinen fraktalen Strukturen



ist eine "dicke Titte" par excellence.

ein literarisches Tagebuch

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