boMA träumt in einem Gedicht von einem kreuzfahrenden Altenheim. Das wäre dann die MS Abendglueck. Nicht schlecht die Vorstellung, in meiner Freizeit aufs Meer zu blicken - die Welt bereisen und mit den Alten, die noch transportfähig sind, Landausflüge machen.
Eine hochbetagte Dame (über 90), die erst seit wenigen Monaten bei uns Bewohnerin ist, erzählte eines Abends meiner Kollegin und mir, dass sie mit ihrem Lebensgefährten zusammen die letzten 20 Jahre auf Kreuzfahrtschiffen über alle Weltmeere schipperte, bis aufgrund ihrer Gesundheit ein Krankenhausaufenthalt in der Heimat nicht mehr aufschiebbar war . Obwohl sie schon das ein und andere durcheinander bringt, schwelgte ich schnell mit ihr in ihren Erinnerungen und abenteuerlichen Erzählungen. Ein ganzes Jahrhundert sprudelte aus der alten Frau! Meine Kollegin und ich hörten gebannt zu, bis uns die Pflicht in Form einiger Klingeln wieder auf den Plan rief.
Manchmal erinnert mich mein Arbeitsplatz Altenheim an ein Schiff, eine Arche, die gestrandet am Berghang liegt. Die Bewohner sind verdammt, bis an ihr Lebensende an Bord zu bleiben. Das Altenheim ist zu einer ganz eigenen Welt geworden, und das Personal fährt mit auf den vielen letzten Reisen - begleitend, helfend aber auch oft ohnmächtig und beinahe verzweifelt. Der Tod ist das Meer um uns herum ... dieses Jahr holte er sehr viele unserer Bewohner und Bewohnerinnen zu sich.
"Es geht immer weiter", sagte ich zu meiner Kollegin.
"Und wir sind dabei."
"Ja, auf alle Fälle ..."
"Mutter"
Heute nahm ich mir vor, dass ich etwas über Frauen schreibe. Das Thema ist schwierig, heiß und beinahe undurchdringlich. Am Besten fange ich vorne an. Ganz vorne war meine Mutter. Sie war die erste Liebe meines Lebens. Aber natürlich! Etwas anderes gibt es nämlich nicht. Bei den Affen ist das sicher nicht anders.
Noch bevor ich in die Schule kam und der Schriftsprache mächtig war, schrieb ich ihr unleserliche Liebesbriefe, während sie am Herd stand und das Essen zubereitete. Es war zwar nur Gekritzel, aber an ihrem Lächeln konnte ich ablesen, dass sie den Inhalt sehr gut verstand.
Nun gut. Das Leben ging weiter. Meine Mutter wurde immer mehr nur Mutter und weniger Geliebte. Anfangs wollte ich sie noch heiraten; aber dann entschied ich (ich war damals Sechs), dass ich besser nie heiraten wollte.
Mein Vater war übrigens nicht selten eifersüchtig, wenn meine Mutter und ich vorm Fernseher schmusten. Er grunzte dann unwillig in seinem Sessel, schlief aber sowieso bald ein. Man muß ihm zugute halten, dass er am Tage hart arbeitete, um die Familie zu ernähren.
Als ich 12 war, empfand ich das erste Mal ein erotisches Interesse am anderen Geschlecht, ohne zu wissen, was Erotik eigentlich bedeutet. Das war der Zeitpunkt, als ich anfing mich zu schämen, wenn ich mit meiner Mutter zusammen in der Stadt beim Einkaufen gesehen wurde. Und als dann eines Tages meine Mutter aus einer vierwöchigen Kur heimkehrte, war meine Verwandlung vom Kind zum Teenager abgeschlossen: Ich umarmte sie nur noch unwillig, und Händchenhalten war schon gar nicht mehr drin.
Es sollten aber noch gut zwei Jahre ins Land gehen, bis ich Martina kennenlernte ...
(Doch davon nächstes Mal.)
Ich sehe immer noch bescheuert aus. Spätestens beim rasieren komme ich um den Blick in den Spiegel nicht herum. Manchmal frage ich mich, wie es die anderen Menschen aushalten, bis an ihr Lebensende ihr Spiegelbild zu ertragen. Einige können sich gar nicht satt daran sehen. Mit meinen Unterarmen und Händen bin ich ganz zufrieden - gut so - denn die habe ich beim Tippen ständig vor Augen.
Aber dann gibt`s da mein Gesicht, aus dem ich rausgucke. Okay, alle Menschen tragen Gesichter, das relativiert es wieder ein wenig. Was denkt zb. die Fleischereifachverkäuferin, wenn sie mir die Buletten über die Theke reicht? Denkt sie: "Die Buletten passen gut zu seinem Gesicht"? Oder denkt sie: "Was für ein adretter, junger Mann"?
Nein, ich habe keinen Minderwertigkeitskomplex. Den verbietet mir mein Verstand. Aus den Reaktionen meiner Mitmenschen lese ich ab, dass ich nicht so häßlich sein kann, wie ich mich manchmal fühle. Wahrscheinlich habe ich einfach zu hohe Ansprüche.
Ihr wollt mein Gesicht sehen?
Ich bin doch nicht plemplem! Eure Reaktionen wären doch jetzt verfälscht. Es ist äußerst unklug den Publikumsjoker zu nehmen, nachdem man eine Einschätzung äußerte. Mein Gott, ich stelle mir vor, ich säße Günther Jauch bei "Wer wird Millionär" gegenüber; und Millionen von Menschen würden im TV mein Gesicht sehen ... . Ich würde sterben!
Ehrlich. Selbst der Umstand, dass Günther Jauch auch bescheuert aussieht, könnte mich nicht davon abhalten.
Spätestens bei der 500 Euro Frage kippte ich vom Stuhl - und Jauch würde ständig sagen: "Was hat er denn? Was hat er denn? Mein Gott, was hat er denn?! ..."
Um`s rasieren werde ich nicht rumkommen, denn ich verlasse nie unrasiert das Haus. Eigentlich ein wonniger Donnerstag heute. Es wäre schade, wenn ich ihn bei Jefferson Airplane zuhause verschlonze. Die sind schon gut, die Jefferson Airplane. Also, den ganzen Mut zusammennehmen, und mich das eine Mal am Tag dem Spiegel stellen ...
Heute sehe ich aus wie ein Idiot, denn ich war beim Frisör. Gestern fand ich das eine gute Idee.
Immer wenn meine Zotteln eine kritische Länge überschreiten, wird der Gang zum Haarschneider zu einer Zwangshandlung. Alles fing damit an, dass ich vor 20 Jahren meine Haare aus praktischen Gründen stutzte. Ich ging damals beinahe tagtäglich schwimmen.
Eine Zeit lang frisierte ich mich mit einer Haarschneidemaschine selbst. Inzwischen mag ich es nicht mehr ganz so kurz und gewöhnte mich an den monatlichen Frisörbesuch.
Gestern war es also wieder so weit. Ich hatte nichts anderes zu tun. Also setzte ich mich in die Straßenbahn zum Hauptbahnhof. Dort ist ein türkischer Salon, in dem ich meist sofort dran komme.
Der Türke fragte wie immer dasselbe, als er mir die Schürze umlegte: "Feierabend?"
Und ich antworte: "In gewissem Sinne schon."
"Wie immer?"
Und ich: "Ja", und lächelte mein Felix-Lächeln.
Zehn Minuten später bezahlte ich wie aus dem Ei gepellt an der Kasse.
Sogar meinen Flaum stutzte er mit dem Rasiermesser. Mein Haarwuchs ist nicht besonders stark und dicht, aber dafür habe ich noch keine Platte.
Im Bahnhofsbistro gegenüber ging ich ein Pils trinken und überlegte, was außer einem kurzen Einkauf noch zu machen sei. Der Taxistand grinste mich an. Wenn ich schon hier bin, kann ich mir bei Mac Donalds ein paar Cheeseburger mitnehmen, dachte ich und setzte mein Vorhaben auch bald in die Tat um, bevor ich in die Taxe nach Hause stieg.
Eine Woche lang werde ich noch wie ein Idiot aussehen. Mindestens.
Ich komme mir vor wie ein Bergarbeiter, der nach der Arbeit den ganzen Ruß abwäscht und danach erkennt: Hätte ich den Dreck nur draufgelassen - mit dem sah ich besser aus!
Nur gut, dass man sich an sein Arschgesicht langsam wieder gewöhnt.
Ich kann nicht anders. Alle 4-6 Wochen muss ich zum Frisör. Es ist der Zeitpunkt, wo ich mir weder so noch "so" gefalle.
Und als ich die Cheeseburger mampfte, dachte ich: Wenn schon, denn schon!

macht sich auf jedem Nachttisch gut.
eine dose rasierschaum hebt ziemlich lange
summertime, and the living is easy
rotweintropfen auf meinen gedichten
und handschriftliche notizen
würde ich am liebsten einrahmen
bami goreng aus der tiefkühltruhe
ich hasse schmutziges geschirr
morgen kommst du
ist das wahr?
ich zünde eine kerze an
auch für den toten mann, dessen hand ich
auf dem sterbebett streichelte
während seine tochter herzzerreißend weinte
es ist vorbei
es ist vorbei
ihr verheulter blick traf mich
der arzt zeigte mir die typischen verfärbungen
an den händen, auf dem rücken
ich war erleichtert, als er kam
und als sich die familie verabschiedet hatte
setzte ich mich wieder zu meinen kolleginnen
und knabberte kartoffelchips
atmete durch
danach
carolin und ich falteten seine hände
und hoben ihn auf die bahre
„ich dachte nicht, dass er so schwer ist“, sagte ich
wir breiteten ein leintuch über ihn
dass ich mal zusammen mit einer leiche
fahrstuhl fahre, hätte ich mir nie vorgestellt
was man nicht alles erlebt
ich werde morgen einkaufen gehen
bevor du kommst
der rasierschaum ist bald leer
und ich versprach dir ein frühstück im bett
nach unserer liebesnacht
mein schatz
(bo MA, 25.11.2002)
Mein Kollege hatte mir schon bei Dienstanfang im Telegrammstil angekündigt: "0 Uhr, Land of the Dead." Ich verstand ihn erst nicht, weil er im hiesigen Dialekt nuschelt und oft ohne Bezug eine Aussage in den Raum stellt.
"Was?"
"Der Zombiefilm", entgegnete er.
"Ach so. Könnte hinhauen. 0 Uhr dürften wir mit dem Rundgang fertig sein." Ich nahm meinen Kaffeebecher und wanderte zur Übergabe.
Mir ist egal, was in der Glotze läuft. Hauptsache, ich habe eine Ablenkung, einen Hingucker, wenn ich zwischendurch die Beine hochlege.
Ein paar Minuten vor Zwölf waren wir pünktlich zum Film fertig und richteten es uns im Aufenthaltsraum ein. Ich schmierte mir in der Küche ein Leberwurstbrot und pflanzte mich in einen Sessel. Mein Kollege holte sich zwei Joghurt aus dem Kühlschrank. Er hatte mir erzählt, dass er einige dieser Splatter zuhause hat und sie ab und zu ganz gern schaut.
Na gut, in meiner Teenagerzeit hatte ich auch eine Phase, wo mich Gewalt in Filmen seltsam berauschte. Es konnte nicht heftig genug sein. Eine Mischung aus Neugierde und sadistischem Genuss. Mit der ersten Liebe gab sich das Gott sei Dank. Nach etlichen Jahren sollte ich also im Altenheim wieder einen Zombiefilm sehen: Den Zombies wurden ordentlich die Köpfe weggeschossen, und sie revanchierten sich, indem sie die Lebenden, die sich in einer Schutzzone verschanzt hatten, angriffen und abschlachteten. Soviel zur Handlung. Die Gewaltexzesse waren derart überzogen, dass ich bei manchen der blutrünstigen Szenen unwillkürlich grinsen musste. Wir Altenpfleger sind ja bekannt für unseren etwas derben Sinn für Humor - wie auch Chirurgen, Rettungssanitäter und Bestatter.
Als es klingelte, bewegte ich mich schlafwandlerisch weg von dem Gemetzel auf der Mattscheibe hin zu den Bewohnern in ihren Zimmern. Die Alten erschienen mir merkwürdig fremd - wie skurrile Figuren in einem Zwischenreich, dem Tod näher als dem Leben. Das künstliche Licht und die Schatten der Nacht verstärkten das Gefühl einer ganz eigenen Atmosphäre: Man war abgeschnitten vom Rest der Welt! Die Untoten lagen bei uns im Altenheim! Nur waren sie nicht so blutrünstig wie die Zombies in dem Splatter. Doch vielleicht würden sie eines Tages bzw. Nachts zu neuem Leben erwachen, aus ihren Betten klettern, um uns zu massakrieren ... . Ich kehrte zum TV zurück. Ein Zombie fraß gerade an einem Unterarm wie an einem Hühnerschenkel. "Stell dir vor - unsere Alten als Zombies", sagte ich.
Mein Kollege lachte und brummelte etwas unverständliches. Der Film ging nicht mehr lange. Schnell hatte uns wieder der ganz normale Altenheimwahnsinn im Griff.
Alle überlebten die Nacht.
der Ernst des Nachtdienstes beginnt, schnell noch "Spongebob Schwammkopf" reinziehen ...