neulich bekam ich panik
dass ich morgen schon tot sein könnte
ich war über meine angst
selbst erstaunt
das ist eine neue dimension, dachte ich
manche dinge, die ich vorher
nur dachte
wurden plötzlich zum gefühl
leider nicht besonders angenehm
so wird man also verrückt
langsam verrückt
woher kommt die leidenschaft?
die mich von der jagd auf den
weißen wal
besessen macht ...
toc, toc – der holzfuß in meinem kopf
auf deck, der unruhige geist
der mich nicht loslässt
selbst wenn er mich
hinunter in die tiefen
reißt
einsam bin ich
ein einsamer, alter mann
dessen augen sich in tiefe seen verwandeln
und dessen schläfen der welt
grau
entgegenträumen
neulich blickte ich wieder über die roten
dächer meines geburtsortes
über kaskaden blühenden lebens
als wäre die uhr stehengeblieben
eine 95-jahre alte oma
saß auf der bank
daneben
ich war in ihr zahnloses lachen verliebt
(boMA, 15.04.2003)
Herr L. verstarb bereits am Sonntag. Ich hoffe, er ist jetzt an einem besseren Ort.
Ich wachte weichgespült auf. Das Weichspülmittel war eine schlanke, junge Frau mit halblangen, rotblonden Haaren. Wir waren in einem Hotelzimmer, irgendwo im Urlaub am Meer. Eigentlich wollten wir gleich nach dem Kino essen gehen, aber im Hotelzimmer zog ich sie gurrend an mich. Ich konnte mich nicht satt sehen an ihr. Wir waren frisch verliebt. "Okay, du hast mich überredet", sagte sie lächelnd und streifte ihre Hose herunter. Sie zierte sich ein wenig, was ich sehr reizvoll fand. Wir konnten später immer noch Essen gehen. An ihrer linken Schulter hatte sie ein Tattoo, das sich bis zum Brustansatz zog. Ihre Brüste waren klein und fest ... .
Ich liebe solches Kopfkino am Morgen. Doch einmal wach fand ich nicht mehr zurück in den Traum.
Ich lag in meinen Kissen und spürte ganz realistisch das wonnige Gefühl der Verliebtheit, wusste dass ich es nicht würde festhalten können, außer es aufzuschreiben. Es kommt nicht zu häufig vor, dass ich mich im Traum verliebe. Ich sitze am PC und überlege, was es damit auf sich hat.
Dabei kommt mir ein kurzer Text von Günter Wallraff in den Sinn, den Wolf Biermann auf einer LP musikalisch interpretierte. Gut dass ich noch nicht alle Platten wegwarf. Biermanns Liedtext lautet wie folgt:
""Ich träumte
Ich träumte, träumte, träumte
das Leben sei ein Traum
und wachte auf davon
Da war das Leben
gar kein Traum
Und da schlief ich
nie mehr ein""
Oft wollte ich, mein Leben und alles, die gesamte Existenz, sei nur ein Traum. Aufwachen will ich gar nicht. Oder wenn, dann sollte einfach alles verschwinden, die Träume, das Leben - Alles!
Wie vor meiner Geburt - da war doch auch alles weg für mich. Meine Eltern zerstörten meine Leere, mein Nichts. Ich wäre so gern in meinen Träumen geblieben. Auf ewig. Nun erwache ich jeden Morgen ...
Ist das für irgendwas eine Strafe? Und schon bin ich bei dieser Karma-Geschichte, an die ich nicht wirklich glauben mag.
Das Leben hat so was unwiederbringliches. Was mal ist, das ist. Nach 45 Jahren hadere ich noch immer mit dem Dasein. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, da zu sein. Ich funktioniere. Ich bin ein Mensch. Wer weiß, was ein Mensch ist? Nennt man das Nihilismus? Ich kann an nichts glauben.
Wahrscheinlich können meine Eltern gar nichts dafür, dass es ausgerechnet ich bin, den sie zeugten.
Ich mache ihnen nicht wirklich einen Vorwurf.
Ich habe keine Ahnung, wer dahinter steckt. Diesen Fall habe ich noch nicht gelöst. Ich sollte Columbo oder Brasko engagieren.
Irgendwer muss doch hinter allem stecken, oder? Ist es möglich, sich selbst zu erfinden? Bin ich meine eigene Erfindung, mein eigener gelebter Traum? Was seid aber dann ihr? Ihr seid eine verdammt gute Kulisse.
Ich merke schon, das führt zu nichts. Heute nicht mehr. Der Traum am Morgen war aber wunderschön.
Alle Frauen, auf die die Beschreibung passt, mit dieser markanten Tätowierung, bitte hier melden.
Am Besten mit Photo - vielleicht hatte eine denselben Traum.
Ich stelle mir gerade eine wippende Urinflasche vor. Wolken leuchten wie gebrauchte Wattebäusche vom Himmel herab. Ein blaues, schnittiges Auto steht am Hang. Ich trinke Colaweiß. Dabei höre ich Black Sabbath. Der Tag frisst sich durch meine Glieder. Noch habe ich meine Schublade nicht verlassen.
Ich könnte an alles denken und an nichts. Das Schwierigste ist die Entscheidung bei einem Gedanken zu bleiben. Bin ich mein eigener Herr? Muss ich mich dazu nötigen?
Was sind Geranien?
Hinter den Wolken gähnt der Kosmos. Trotz den Ausführungen des Professor Lesch wissen wir herzlich wenig über das, was da hinter den Wolken ist. Ist die Nacht der Tod? Ich stelle mir vor, dass jeder Tote ein Stern ist. Und wir, was sind wir? Sternenkinder? So unfassbar klein. Aber in unserer Welt sind wir groß. Bald zu groß.
Die Reden des Professors verwirren mich. Wo bleiben darin meine Gefühle? Wo ist die Liebe?
Gott schicke ich zum Teufel. Ich brauche niemanden, der für meine Seele zuständig ist. Ich will autark sein.
Warum komme ich immer wieder auf Gott zurück?
Zu oft stelle ich mir die Frage: "Glaubst du an Gott?" Diese Frage ist beinahe eine magische Formel.
Der Algorithmus des Seins.
Inzwischen läuft Blood Sweat and Tears. Ich habe alle meine CDs auf dem Computer gespeichert.
Sie reichen mindestens für tausend Stunden. Wieviel sind tausend Stunden?
Heute werde ich sie nicht mehr unterbringen.
"I love you, I love you, I love you, baby ..."

Die Urinflasche
Bei der Übergabe sagte ich, es sei nur eine Frage der Zeit, dass Herr L. (der Neuzugang) wieder stürze.
Ja, es sei zu befürchten, stimmten meine Kolleginnen zu. Wahrscheinlich haben wir ihn nicht lange bei uns. Er sieht ziemlich schlecht aus. Aber man muss nicht immer mit dem Schlimmsten rechnen - er würde bald zu schwach zum Aufstehen sein.
"(...) Ich fühle, ich könnte viel Bedeutenderes, Leidenschaftlicheres, Wirkungsvolleres leisten. Aber was? (...) Worte können Röntgenstrahlen gleichen, wenn man sie richtig anwendet, können alles durchdringen. Man liest und ist durchdrungen. (...) Wie schreibe ich durchdringend? (...) Kann man etwas über nichts sagen? Darauf läuft am Ende alles hinaus. Ich versuche und versuche ..."
Nach vier Nächten bin ich platt. Das Halskratzen ist wieder da. Ich wache mitten in einem herrlichen Sonnentag auf. Es ist Herbstanfang.
Wenn man doch die Schönheiten des Lebens immer aufnehmen könnte. Manchmal ist es, als wären in einem alle Türen verschlossen, und man bewohnt nur ein ganz kleines Zimmer. Die Welt ist ausgesperrt.
Ich will mich aufraffen, um vielleicht noch ein paar Lebensgeister aus diesem Tag zu schöpfen. Die Zeit verrinnt wie Sand in einer Sanduhr. Kann sie nicht ein paar Momente innehalten - damit ich in Ruhe Kaffee trinken und duschen kann und dennoch etwas von dem Tag habe? Ich habe nichts dagegen, wenn die Zeit während der Nachtwachen verfliegt, aber sie soll mir nicht die Tage stehlen.
Die Zeit ist ein flinker Dieb, während ich mich heute müde und langsam bewege. Ich schaue mich einmal um, und eine Stunde ist vorrüber. Am schlimmsten ist es an den Tagen nach den Nachtwachenblöcken. Sie vergehen beinahe ausdruckslos - wie ein flüchtiger Luftzug.
Nun muß ich aber in die Gänge kommen, sonst wird das wirklich nichts mehr mit einem Bier in der Sonne.
Hübsche Frauen sind in der Altenpflege unterrepräsentiert. Nein, ich philosophiere jetzt nicht darüber. Heute habe ich das Glück mit einer Kollegin die Nacht zu verbringen, die selbst in den Dienstklamotten sexy und knackig aussieht. Außerdem ist sie sehr nett. Beinahe freue ich mich auf das Altenheim - es ist mal wieder meine letzte Nacht.
Samstag, ich war mit dem Fahrradanhänger im Aldi einkaufen. Mein Kühlschrank ist nun proppevoll.
Der Tag war viel wärmer, als ich es einschätzte. Auf dem Fahrrad kam ich ganz schön ins Schwitzen. Nun bin ich stolz darauf, dass ich die Fuhre den Berg hochkriegte.
In der Stadt war Feuerwehrfest. Ich hörte sie aus voller Kehle singen und gröhlen. Unwillkürlich dachte ich an Burschenschaften - oder noch schlimmer: an Neonazis. Aber es waren nur harmlose Feuerwehrmänner, die ihren Ritualen fröhnten. Mir wurde mal wieder unangenehm bewusst, wie wenig ich doch meine Mitmenschen und ihre ganzen Umtriebe verstehe.
Am Ende landen sie bei uns im Altenheim: die Feuerwehrmänner, Kirchgänger, Geschäftsleute, Hausfrauen, die Säufer sowie die Tugendhaften.
Eine hübsche Kollegin ist in dieser Umgebung des Elends und des Verfalls wie ein Sonnenschein.
Neuzugänge werden oft bei uns abgeliefert wie ein lebendiges Paket. Ein Paket Mensch, das nirgendwo mehr hingehört. Zuhause verwahrlosten sie, stürzten oder hatten einen schweren Schlaganfall. Die ganze Krankenhaus- und Rehabilitationsprozedur haben sie dann schon hinter sich - sie sind entweder zu alt oder zu krank, oder sie sperrten sich gegen jegliche Therapie und Hilfe. Als "schwierige Fälle" landen sie schließlich bei uns. Außer dem Krankenhausbericht wissen wir oft nichts von ihnen.
Gestern hatten wir wieder ganz überraschend einen Neuzugang. Mein Kollege sagte mir aufgeregt, dass er am Abend bereits zweimal in seinem Zimmer auf dem Boden lag. Der Mann könne nicht ohne Hilfe aufstehen und laufen, versuchte es aber dennoch immer wieder; er sei ziemlich eigenwillig. "Das wird eine schöne Nacht werden", sagte mein Kollege. Ich meinte zu ihm, wir sollten erstmal abwarten. Der Mann war erst seit ein paar Stunden in unserer Einrichtung. Ich kannte die Schwierigkeiten der Eingewöhnung. Die Neuzugänge kamen und wurden in einer für sie völlig fremden Umgebung einfach abgestellt, ohne dass sich jemand dazu berufen fühlte, sich mit ihnen etwas länger zu beschäftigen; was auch sehr schwierig ist, da das Personal genug um die Ohren hat, wenn sie abends zu dritt 40 Bewohner ins Bett bringen müssen.
Ich wollte mir erstmal ein Bild von dem neuen Bewohner machen, bevor ich mir die Nacht in den schrecklichsten Farben ausmalte. Natürlich hatte auch ich keine Lust auf Notarzt und Tamtam.
Sicher war, dass es sich "nur" um einen Menschen handelte, der verwirrt und verunsichert war.
Aufregung hilft da in keinem Falle weiter.
Als ich Herrn L. in seinem Zimmer aufsuchte, um nach ihm zu sehen, war er glücklicherweise überhaupt nicht widerspenstig. Ich versuche den Menschen durch mein freundliches Auftreten die Angst zu nehmen. Die Wundermittel, um mit den Bewohnern klarzukommen, sind ganz schlicht: Freundlichkeit, Ruhe, Selbstsicherheit, Aufmerksamkeit und Behutsamkeit. Der Bewohner registriert sofort, wenn man in Eile ist oder sich ihm nur beiläufig widmet.
Herr L. hatte Stuhlgang. Es sah ganz danach aus, als wäre er schon tagelang nicht mehr gewaschen worden. Haut und Schmutz bildeten eine scheckige Schicht, wie es der Fall ist, wenn man einen Gips trägt. Aus dem Krankenhaus brachte er einen Blasenkatheter mit. Der Urin war beinahe schwarz. Ein Arzt wurde noch vom Spätdienst telefonisch herbeigerufen, um sich den Bewohner anzuschauen und die Medikamente aufzuschreiben - wer nicht kam, war der Arzt.
Ich hoffe stark, dass heute eine ärztliche Betreuung stattfand, und dass Herr L. gebadet wurde.
Wie sagt man lakonisch: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Herr L. blieb den Rest der Nacht in seinem Bett. Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass er schon länger nicht mehr menschlich behandelt wurde. Aber das war nur so ein Gefühl.
"Jeder ist seines Nächsten Eigentum."
"Enden ist besser als Wenden."
Ich wache mit einem Halskratzen auf. Im Fernsehen läuft "Eine schrecklich nette Familie".
Die Sonne scheint durch die Rollladenschlitze. Ich sortiere die Kissen und fabriziere einen löslichen Kaffee. Der Tag geht bereits in die zweite Runde. Mein Kopf ist leer, aber mir geht`s nicht schlecht dabei.
Wie immer vor der ersten Nacht hatte ich ein mulmiges Gefühl. Woher das kommt, weiß ich gar nicht. Als ich dann im Altenheim bin, ist alles vertraut. Ich wundere mich über mich selbst. Spätestens wenn ich umgezogen bin, bin ich der Altenpfleger Felix. Der erste Weg führt mich zur Stechuhr und zum Kaffeeautomaten. Nach 13 Jahren bewege ich mich beinahe traumwandlerisch sicher über die Stationen.
Vielleicht überspiele ich aber auch die Anspannung.
Die erste Nacht war jedenfalls okay. Mein Kollege und ich waren in etwa gleich müde und motiviert. Wer reißt schon gern Menschen aus dem Schlaf, um ihnen die Windeln zu wechseln und sie im Bett hin und her zu wenden?
Es gehört einiges Fingerspitzengefühl dazu.
Zwischen den Rundgängen saßen wir im Aufenthaltsraum. Ich hätte Kapitel 4 von "Schöne neue Welt" fertig lesen können - wenigstens - mein Kollege ist nicht sehr gesprächig. Aber irgendwie fehlte mir die Muse.
"Hatschiiiiii!" Eine Erkältung würde mir gerade noch fehlen.
Wie viele schöne Tage verschlief ich schon?
Welcher Teufel ritt mich, als ich in den Nachtdienst ging? Mein Kollege sagte zu den Gründen, warum er die Nachtarbeit wählte, dass er ein paar Euro mehr gut gebrauchen könne, denn er kaufte sich allerlei aus dem Internet zusammen; außerdem erwarte ihn morgens nur ein leeres Bett ...
Noch ein Kaffee? Das Halskratzen ist fast weg. Der Rollladen ist oben. Die Sonne scheint auf die Tastatur und meine Hände. Ich wollte noch ein paar E-Mails beantworten. Schließlich habe ich auch ein Privatleben, denke ich, und grinse in mich hinein.