
(Mit Sahnehäubchen.)
"Es ist nicht notwendig, laufend bewusst Entscheidungen für sein weiteres Leben zu treffen. Diese Entscheidungen ergeben sich automatisch, sobald der Zeitpunkt hierfür gekommen ist."
(Aus "Die memetische Theorie" von Susan Blackmore)
Gestern auf dem Fahrrad wurde ich noch ganz schön nass.
Das Laub färbt sich langsam gelb. Die Luft schlägt mir kalt und feucht ins Gesicht. Ich fahre durch Pfützen. Die Autos verwirbeln die Nässe zu einem Nebel. Keuchend ackere ich mich den Berg hinauf und schimpfe über die Automania unserer Gesellschaft. Nein, ich habe nichts gegen Autos - aber ich hasse den Stellenwert, den sie für die Menschen inzwischen haben; ich hasse diese Rücksichtslosigkeit und Gewalt, die von diesen motorisierten Objekten ausgeht und die ganz selbstverständlich hingenommen wird. Oft stoße ich auf meinem Fahrrad Flüche aus, wenn sie mich an den Straßenrand drängen und mich brüllend überholen.
War ich eigentlich schon immer so empfindlich?
Mir kommt es vor, als ob ich mit der Zeit dünnhäutiger wurde. Immer seltener drehe ich die Musik laut auf, ich gehe nur noch ungern in die geschäftigen Innenstädte, ich fühle mich von den vielen Menschen, den vielen Eindrücken und dem Verkehrsaufkommen bedrängt. Wenn ich mich dennoch in diesen urbanen Moloch wage, suche ich nach den notwendigen Erledigungen schnellstmöglich eine Eckkneipe auf.
Vielleicht sollte ich meine Nerven wieder trainieren? Nerven lassen sich doch bestimmt trainieren?
Oder liegt es gar nicht an meinen Nerven sondern daran, dass ich nicht mit dem Strom schwimme und selbstverständlich mehr Kraft für ein eher unkonventionelles Leben aufwenden muss?
Warum fahre ich auch mit dem Fahrrad in einer Autowelt herum? Warum arbeite ich im Schichtdienst und mache die Nächte zu Tagen und unmgekehrt? Warum heiratete ich nicht und gründete eine Familie?
Warum mache ich nicht Urlaub auf Mallorca, relaxe mit Freunden am Strand und lasse am Abend in den Diskotheken die Kuh fliegen? Warum arbeite ich nicht in einem Büro sondern im Altenheim?
Gäbe es ein nevenschonenderes Leben für mich? Könnte ich zufriedener sein?
Nein! Quatsch! Hirnschiss!
Alles ist gut, wie es ist. Habe ich mir es etwa nicht ausgesucht - wenn auch unbewusst?
Eines schönen Tages werde ich morgens aufwachen, die Erde anhalten und sie andersherum drehen lassen. Wenn dieser Tag kommt, werde ich gar nicht registrieren, dass er da ist. Erst viel später.
Kann sogar sein, dass er schon da war.
Mal sehen, ob sich Ergebnisse einstellen.
Noch folgt der Abend dem Morgen und nicht umgekehrt. Oder ist mir da etwas entgangen?
Es wird Herbst. Ich mag den Herbst - auch wenn ich über sein Wetter fluche. Ist der Herbst nicht die aufrichtigste Jahreszeit?
Als ich gestern Abend zuhause ankam, schmiss ich die klammen Klamotten von mir und fletzte mich aufs Bett. Das Fahrradfahren und das Bier hatten mich hungrig und schlapp gemacht. Ich aß die Steaks vom Kerwemetzger. Mit Kartoffelpüree ("Das Komplette mit entrahmter Milch"). Was lief gestern eigentlich im TV? Dunkel erinnere ich mich an Günther Jauch. Wie heißt diese Sendung noch mal? "Wer gewinnt die Million?" ... ?
No - jetzt fällt`s mir ein: "Wer wird Millionär?" Günther Jauch könnte ich regelmäßig den Hals umdrehen ... . Im anderen Programm lief "Quiz-Taxi" mit Prominenten. Die Sendung spielt zur Zeit auf Mallorca. Ich zappte hin und her, lachte sogar einmal, wälzte mich auf die andere Seite und ließ meine Träume das Ruder übernehmen.
"Bis schließlich der Geist des Kindes aus lauter solchen Einflüsterungen besteht und die Summe dieser Einflüsterungen den Geist des Kindes bildet. Und nicht nur den des Kindes, auch den des Erwachsenen - zeit seines Lebens. Der urteilende, begehrende, abwägende Verstand - er ist aus diesen Einflüsterungen aufgebaut. Und alle diese Einflüsterungen sind "unsere" Einflüsterungen!"
Ich wohne leicht oberkünftig, das heißt, ich wohne am Berg, eigentlich im Berg.
Okay beides. Die Straße bohrt sich die ersten zwei, drei Kilometer beinahe kerzengerade in die Berge. Ständig denkt man, jetzt müsste aber das Ortsschild gleich kommen, aber noch immer tauchen Häuser links und rechts auf - wie ein Lindwurm zieht sich die Häuserschlucht bergan.
Auf beinahe gleicher Höhe zum Ortsschild liegt mein Zuhause. Die Taxifahrer, die mich vom Bahnhof heim fahren, sind ganz berauscht von der Idylle. Ja, ich wohne sehr schön inmitten hängender Gärten, das Tal umrahmt von dichtem Wald. Störend ist lediglich die befahrene Straße hinunter in den Ort. Sie ist für mich die einzige Verbindung zur Zivilisation.
Zwei Kilometer stürze ich mich auf meinem Fahrrad in rasanter Fahrt in die Ebene - das Altenheim liegt links, etwas versetzt am Waldrand. Ich komme nicht umhin, meinen Kopf in Richtung des Altenheims zu wenden, wenn ich den Berg hinunterflitze. Dabei habe ich oft ein dumpfes Gefühl in der Magengegend. Ganz merkwürdig. Nein, ich darf mich auf meiner Talfahrt nicht ablenken lassen, die Autos preschen trotz der Geschwindigkeitsbegrenzung an mir vorbei, und der Straßenrand ist brüchig und weist Schlaglöcher auf.
Schließlich bin ich im Ort, der mich beinahe warm umschließt. Zum Supermarkt ist es nicht mehr weit. Ich radle an den Weinbergen entlang, wo die Weinlese in vollem Gange ist. Als ich zum Markt abbiege, erstreckt sich die Rheinebene vor mir bis zum Horizont. Es ist diesig. Die Pfälzer Berge zeichnen sich heute nicht ab. Ich denke oft, wie sehr ich meine Heimat für dieses Panorama liebe.
...
Diese Theorie geistert mir u.a. durch den Kopf:
http://www.bertramkoehler.de/memetik.htm
Sind wir nicht von Anbeginn unseres Lebens auf Sonntage konditioniert?
Das Zeitmuster der Woche prägte sich bereits früh in unser Bewusstsein ein.
Es wird als natürlich hingenommen, dabei ist es vollständig künstlich, willkürlich.
Der Mensch tut sich gemeinhin schwer, solche Muster und Traditionen zu durchbrechen. Von Menschen, die im Schichtdienst arbeiten, wird selbstverständlich erwartet, dass sie ihr Leben gegenläufig einrichten - der Verdienstausgleich fällt gemessen an den sozialen und gesundheitlichen Einbußen jedoch gering aus. Warum kriegt es unsere Gesellschaft nicht hin, diesen meist dienstleistenden Professionen eine größere Wertschätzung entgegenzubringen?
Warum werden immer noch Menschen in diesen Berufen geradezu verschlissen?
Menschen, die unheimlich viel für die Sozietät leisten - ähnlich wie beim Stand der Hausfrauen, der noch beschissener dran ist, skandieren die Apologeten unseres Gemeinwesens, dass solche Dienste so weit wie möglich ehrenamtlich oder im Fall der Hausfrauen sogar a priori gratis zu leisten sind - aber wäre es in einer modernen Gesellschaft, welche für sich in Anspruch nimmt, die Würde des Menschen und seine Gleichbehandlung zu achten, welche sich für ihr soziales Netz rühmt, nicht ein unbedingtes Muss, ausreichend finanzielle Mittel für eine menschenwürdige Versorgung der Schwächsten unter uns zur Verfügung zu stellen?
Für Eurofighter und Soldaten in Afghanistan zahlen wir doch auch Steuern. Wo ist das Geld für die Menschen, die mitten unter uns scheinbar "auf dem Mars" leben? Im Zuge des allgemeinen Privatisierungsrauschs sollen die sich wohl selbst finanzieren? Oder noch absurder: Die Pflege hilfsbedürftiger Menschen soll gewinnbringend sein.
Wie lange will man den Spagat, ausgehend von den Erkenntnissen in den Pflegewissenschaften und der Gerontologie einerseits gegenüber einer blauäugigen Politik und immer noch zu geringen gesellschaftlichen Aufmerksamkeit andererseits, noch aushalten? Zumal inzwischen jedermann weiß, dass die Bevölkerungsentwicklung auf einen "Staat der Alten" hinausläuft.
Ehrlich, mich kotzt das alles an!
Ich arbeite ganz unten am Menschen - doch von allen Seiten gibt es nur Druck oder Achselzucken.
Warum können wir nicht einfach gängige Muster, politische Konventionen und Traditionen für eine menschlichere Gesellschaft durchbrechen? Warum tun wir uns derart schwer, wenn es um das Vermeiden von Pflegenotständen geht? Die befahrenen Straßen unserer Republik bessern wir beinahe jedes Jahr aus - warum schaffen wir das nicht dort, wo die Menschen am Ende (ihres Lebens) stehen? Warum sind wir nicht in der Lage, allen Menschen, unabhängig von ihrem sozialen Status, einen würdevollen Lebensabend und ein würdevolles Sterben zu ermöglichen?
Unsere Kinder müssen wir dahingehend erziehen, dass sie humanes Denken und Handeln verinnerlichen. Sie werden uns eines Tages pflegen. Das Beste wäre - diese Worte sind hauptsächlich an die Mächtigen und Reichen unter uns gerichtet - wir gingen schon heute mit gutem Beispiel voran.
Sagen, was Sache ist, und nicht drumrumschwätzen.
...
Sonntage bedeuten mir nichts mehr.
" ... und darin", warf der Direktor salbungsvoll ein, "liegt das Geheimnis der Tugend: Tue gern, was du tun mußt ..."
"Die Normung Intellektueller kann mit Erfolg erst dann begonnen werden, wenn die Fetusse ihre Schwänze verloren haben ..."

Zeitlos schön: Die Bettpfanne, der Schieber, das Steckbecken
(Sieht in dieser Umgebung aus wie ein UFO.)
Als ich das Blog anlegte, dachte ich, es wäre ein Leichtes, jeden Tag etwas von sich abzusondern.
Aber dem ist ganz und gar nicht so. Ich hätte es mir denken können. Scheinbar unterliegt die Kreativität Gezeitenströmungen. Meistens ist Ebbe. Man watet fast immer durch Banalitäten und führt bedeutungslose Selbstgespräche. Etwa in der Art: "Uuuuuaaah - ist heute wieder ein verdammt schöner Tag! Aber irgendwie kühl, ich sollte aufstehen, warm duschen, oder erst nachher? Okay, nach dem Bier. Eine Flasche ist schnell getrunken. Nichts drin in diesen kleinen Flaschen. Wie viele habe ich eigentlich noch? Uuuuuuaaah - gut, dass mich niemand am Morgen sieht, ach so, ist bereits Mittag. Egal ..."
Die nachfolgenden Gedanken kann ich nicht annäherungsweise wiedergeben. Sie sind wie Dickicht, undurchdringlich und emotional überlagert. Überhaupt muss ich ständig dieses emotionale Störfeuer in meinem Kopf herunter dimmen. Wenn ich das nicht machte, würde ich keinen vernünftigen Satz herausbringen. (Wird "herunter dimmen" eigentlich zusammen oder getrennt geschrieben?) Es braucht viel Mut, sich den eigenen Gedanken zu stellen. Viele Menschen umgehen diese schwierige Konfrontation, indem sie ständig beschäftigt sind. Beinahe jede Minute ihres Lebens ist verplant, ihre Tagesabläufe ordentlich strukturiert. Es fängt mit den festen Mahlzeiten an. Ich dagegen esse erst am Abend. Ich lasse mich tagsüber nicht ablenken. Ich genieße die Zeitfolter in ihrer ganzen brutalen Banalität.
"Uuuuuuaaah - das Bier ist leer. Wer bringt mir ein Neues? Niemand, ergo muss ich selbst zum Kühlschrank pilgern. Der Gang zum Kühlschrank - der kürzeste Pilgerpfad, den`s gibt, haha ..."
Zurück - wer wäre für die Nachtwache geeigneter als ich? Ich brauche weder Kreuzworträtsel noch Stricknadeln, um zwischen den Rundgängen auszuharren. Ich bin total autark. Freilich, ich lasse mich gern berieseln, der TV läuft nebenher, auch habe ich nichts gegen eine angenehme Konversation mit der Kollegin einzuwenden. Doch ich finde, man sollte sich nachts zu einem Gespräch nicht genötigt fühlen. Ich bin überhaupt gegen Zwänge. Wenn meine Kollegin die Stunden bis zum Feierabend zählt, sage ich beruhigend: "Die Nacht wird rum gehen, sie geht immer rum." Ja, ich bin wie ein Fels in der Brandung.
Ich schone meine Energie und meine Nerven, denn schon im nächsten Moment könnte ich 200%ig gefordert werden - schließlich befinde ich mich in einem Altenheim. Niemand würde mir widersprechen, dass die Arbeit in einem Altenheim viele Nerven kostet.
"Uuuuuuaaah - gut, dass ich noch ein paar Tage frei habe. Was will ich eigentlich heute machen? Es ist so ein verdammt schöner Tag! Wollte ich nicht nach dem Bier duschen? Okay, nach dem nächsten. Schließlich drängt mich niemand, hehe, ich bin mein eigener Herr, ich unterliege keinen Zwängen ..."
Juchhu, ich habe frei! Eine ganze Woche. Das ist einer der Vorteile des Nachtdienstes, zumal ich mich mit 70% begnüge, ich habe zwischen den Blöcken mehrere Tage frei. Nun müßte mir nur noch etwas Vernünftiges einfallen, was ich mit dieser Menge Freizeit anfange. Ich gehöre nämlich nicht zu der Sorte Menschen, die sagen, dass sie schon wüßten, wie sie die freien Tage verbrächten. Nein, ich mogele mich so durch. Es fällt mir schwer, über meine Tatenlosigkeit zu reden. Wie kann ein Mensch nur so wenig Nützliches mit seiner Lebenszeit anfangen? Gewissensbisse plagen mich darum.
Ich werde jetzt nicht näher darauf eingehen - der Tag ist viel zu heiter, und ich habe mir vorgenommen, mit dem Fahrrad nach Heidelberg zu düsen. Auf dem Weg liegt eine Gartenwirtschaft, wo das Bier auch für arme Altenpfleger noch bezahlbar ist. Yep, das werde ich machen - und meine Lektüre ("Schöne neue Welt" von Aldous Huxley) mitnehmen. Über das Vorwort kam ich nämlich noch nicht hinaus.
Genaugenommen ist dieses Blog auch nichts anderes als ein Zeit-Totschlagen. Immerhin: Das Schreiben fällt mir leichter als zum Beispiel ... Staubwischen und -saugen, oder was sonst in einem Single-Haushalt anfällt.
Hallo, mein Name ist Felix, ich bin Altenpfleger und eine Erfindung von bonanzaMARGOT.
Seit 2000 arbeite ich in der Seniorenresidenz "Abendglück" als Nachtwache. Dieses Altenheim gibt es freilich ebenso wenig wie mich, so wie auch alles, was ich hier zum Besten geben werde, nicht den Tatsachen entspricht.
bonanzaMARGOT (verflucht sei dieser lange Nick), ich werde ihn der Einfachkeit halber liebevoll boMA nennen, boMA regte mich zu diesem Blog an. Er sagte: "Felix, dir brennt es doch schon lange auf den Nägeln, etwas über deinen Beruf als Altenpfleger zu schreiben. Warum verarbeitest du deine Erlebnisse nicht in einem Blog?" Und ich sagte: "Geile Idee, wenn du mir das Blog dazu einrichtest, denn ich bin nur ein bescheuerter Altenpfleger - ich kriege noch immer die Krise, wenn ich an den Computern arbeiten muß, die wir vor einem guten Jahr für die Dokumentation und Pflegeplanung einrichteten."
Was soll ich sagen - wie ihr seht, ist es nun soweit.
Zu meiner Person - da ich nicht real bin, kommt es auch nicht so drauf an.
Ich bin um die vierzig, männlich, und kann mich nicht entsinnen, wie ich eigentlich zur Altenpflege kam.
Alles weitere über mich erfahrt ihr im Rahmen meiner Aufzeichnungen in diesem Blog. Ich weiß bis dato ja selbst nicht mehr als ihr.
Das Altenheim, in dem ich arbeite, könnte überall in Deutschland liegen. Für boMA war es das Einfachste, es in der Gegend anzusiedeln, in der er sein Unwesen treibt, also im Rhein-Neckar-Kreis.
Von mir aus.
Tja, es kann losgehen. Momentan habe ich frei. Das Wetter ist super ...
Felix, den 13.09.07
PS: Ein dickes Dankeschön an Virago (Forenmama von
http://literarchie.plusboard.de/ ), die mir half das Blog "abendglueck" sowie das Blog "bonanzamargot" zu inszenieren. Besser spät als nie - ich dachte, es sollte mal explizit hier erwähnt werden. (26.07.08)