Montag, 24. Juni 2019

Nix verstan


Was einem nicht alles durch den Kopf geht auf so einer Fahrt. Man quasselt sich selbst zu. Ein Problem mit dem Alleinsein sollte man nicht haben. Dazu gehört auch die Toleranz zum eigenen Scheiße- oder Unsinn denken. Meine einzigen menschlichen Kontakte hatte ich, wenn ich am Nachmittag einen Zeltplatz klar machen musste. Da kam es dann sogar mal zu einem Gespräch mit einem anderen menschlichen Wesen. Die Kommunikation in Polen lief fast ausschließlich über Zeichensprache und ein paar Brocken Englisch. Man fühlt sich automatisch fremd und ausgeschlossen, wenn man so gar kein Wort von dem versteht, was die Leute um einen herum reden. Diese Sprachbarriere empfinde ich im Ausland immer als das größte Manko. Aber naja, was sollen die Polen, die neben mir sitzen, schon quatschen, sicher dasselbe profane Zeug wie die Menschen im eigenen Lande auch. Trotzdem hört sich eine fremde Sprache in meinen Ohren immer erstmal so an, als würde gerade über total großartige Sachen palavert – und es entsteht ein Minderwertigkeitsgefühl, jedenfalls bei mir.
Nun zurück in Berlin befinde ich mich wieder in meiner Sprachsphäre (Sarkasmus ist erlaubt) – wie angenehm!
Ich war also in den letzten Wochen weitgehend mit mir und meinen Gedanken alleine. Ein paar Punkte notierte ich mir. Darunter folgender: Ist es nicht verrückt, dass wir Menschen uns vor der Natur und gleichzeitig die Natur vor uns schützen müssen. Solche Sätze fielen mir eine Menge ein, während ich auf meinem Fahrrad durch die Landschaft holperte. Zum Weiterdenken kam ich nicht, weil ich mich zu sehr auf den Weg konzentrieren musste…

Da war ich


Ich war an meinem erklärten Reiseziel verflucht dicht dran, also musste ich den letzten Schritt auch noch tun, zumindest um ein paar Postkarten zu kaufen und Fotos zu schießen. Von Sopot, wo ich zuletzt für drei Nächte mein Zelt aufschlug, waren es etwa 15 Kilometer bis in die Danziger Innenstadt. Zuerst einmal wollte ich am Bahnhof mein Rückreiseticket kaufen. Danach schmiss ich mich ins touristische Gewimmel. Grausig…, fast wie in Heidelberg (meine alte Heimat) nur zwei Dimensionen größer und noch voller – ich wollte nach Danzig, und jetzt war ich in Danzig. Okay, es gibt dort wirklich viel Sehenswertes zu knipsen, und in den Seitensträßchen fand ich einige Plätze mit Liebreiz – mehr nach meinem Geschmack. Ich unternahm also an beiden Tagen meines Aufenthalts je einen Ausflug in die Stadt. So war ich wenigstens beschäftigt. Ein Problem am Ende einer solchen Radreise ist eine gewisse Starre, in die du verfällst. Plötzlich gibt es kein Ziel mehr – da ist kein Weg mehr, den du bewältigen musst. Du schlappst in der Fremde umher, und die Einsamkeit setzt sich wie ein fetter Sumoringer auf deinen Brustkorb.
Nach einer Stunde in einer Schlange am Ticketschalter des Bahnhofs machte ich mich auf die Suche nach dem eigentlichen Zentrum. Ich war noch nicht besonders weit, als vor mir eine Rockerkneipe auftauchte. Ich konnte nicht umhin, mich erstmal auf die Terrasse zu setzen und ein paar Zywiec zu süffeln, die dort favorisierte Biermarke, ansonsten auch Tyskie. Aus einem Außenlautsprecher tönte ZZ Top. Ich hatte Zeit.

Durchgeschüttelt


Ich schaffte es, während meiner Reise (12 Tage) keinen Bissen zu essen, – ernährte mich ausschließlich von Säften, Wodka, Bier und Rotwein. Es fiel mir nicht besonders schwer. Nach wenigen Tagen ist das Hungergefühl weg. Da ich viel schwitzte, musste ich hauptsächlich für sehr viel Flüssigkeit sorgen. Abends war ich so geschlaucht, dass ich mich mit einer Flasche Roten ins Zelt legte und mit meiner Lieblingsmusik in den Ohren dahindämmerte…
Eine sehr gute Anschaffung vor meinem Reiseantritt war der Kauf einer Urinflasche. Die Zeltnächte verliefen dadurch viel entspannter. Denn, was man tagsüber wegsäuft, muss schließlich wieder raus.
Inzwischen wurde ich, was das Essen angeht, rückfällig. Zuhause ist es eben etwas anderes. Eigentlich wollte ich noch die Tage, bis ich wieder arbeiten muss, durchhalten.
Mein Gott, wie schnell die Tage verflogen – wie im Rausch (lach!).
Ich lernte unterwegs alle Arten Kopfsteinpflaster und Panzerplatten kennen. Mein Gehirn wurde durchgeschüttelt wie ein Cocktail im Mix-Becher. Aber es nahm keinen Schaden… Ist halt ein Qualitätshirn. Wie auch meine Ausrüstung, hauptsächlich Fahrrad und Zelt, dank ihrer Qualität durchhielten. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, die Wege. Die Wege waren beschissen in Polen: Kies- und Schotterwege, steinige und sandige Waldwege, Landstraßen mit unzähligen Schlaglöchern… Es schüttelt mich immer noch, wenn ich dran denke. Dann und wann ließen sich die verkehrsreichen Landstraßen nicht vermeiden. Oft waren es endlose Alleen. Wie ein Affe auf dem Schleifstein radelte ich an den (unbefestigten) Straßenrand gepresst, die Sinne hellwach, Kilometer für Kilometer… Wirklich gute Wege, auf denen ich entspannen und die wunderbare Natur um mich herum genießen konnte, gab es wenig. Einer davon führte mich in der Hitze des Nachmittags von Krokowa nach Swarzewo an die Danziger Bucht, wenige Kilometer unterhalb der Halbinsel Hel. Danzig lag in Schlagweite. Ich war so gut wie am Ziel. In die Notiz-App meines Smartphones schrieb ich: „Das Ziel erreicht zu haben, ist irgendwie nichts Besonderes mehr, wenn man dort ist.“

Das Unwetter auf Hel


Die Halbinsel Hel hängt 34 Kilometer wie ein fransiger Strich bei Wladyslawowo in die Danziger Bucht. Ich hatte einen ziemlich harten Tagesritt hinter mir und suchte dort lediglich einen Übernachtungsplatz. Der nächste Campingplatz auf meiner Tour lag erst bei Sopot, und bis dahin war es mir zu weit. Die letzten Tage verliefen wettermäßig im Wechsel regnerisch und heiß. Ich musste mein Zelt am Morgen oft nass einpacken, weil es in der Nacht Gewitter gab. Die Tage begannen dann düster, mit Regenschauern durchsetzt. Aber nachmittags setzte sich irgendwann die Sonne durch, und es wurde heiß auf der Strecke. Scheiße heiß – wenn man auf dem Bock über Stock und Stein, bergauf-bergab durch Pommernland radelte. Ich kam nicht selten an meine Grenzen. Nicht unbedingt körperlich, aber moralisch.
Ich war halbwegs zufrieden mit meiner Tagesleistung, als ich beim zweiten Campingplatz auf Hel das Zelt aufbauen durfte. Ich wurde auf meiner Reise ein paarmal abgewiesen. Viele Campingplätze nehmen gar keine Zelte an – nur noch Wohnwägen und Campingbusse, oder sie spezialisierten sich auf Wohncontainer. Das mit dem Zelten scheint immer mehr aus der Mode zu kommen. Die Menschen stehen nicht mehr auf solch Hardcore-Camping. Sie verweichlichen immer mehr. Warum soll man gerade im Urlaub auf Bequemlichkeiten verzichten? Nun ja, ich bin auch eine bequeme Sau… Aber genau deswegen gebe ich mir solche Fahrrad-Reisen, um nicht noch mehr abzustumpfen. Der westliche Konsumsumpf macht dich doch irgendwann blöde, so dass du nicht mehr weißt, ob du noch lebst oder schon total zum Zombie wurdest.
Der Tag endete heiß auf Hel, aber dass es auch in dieser Nacht gewittern würde, zeichnete sich am Horizont bereits ab. Wenigstens schlief ich in einem trockenen Zelt ein, auch wenn ich es am Morgen für die Reise wieder nass einpacken müsste. Gegen Mitternacht begann das Inferno. Ich kann mich nicht entsinnen, ein solches Agglomerat an Unwettern jemals so direkt erlebt zu haben. Wie versteinert lag ich in meinem Schlafsack. Unmöglich diese Dichte an Blitz und Donner zu schildern. Dazu die Wasserfluten, die in Kürze vom Himmel herabgingen, auf mein Zelt eintrommelten, – der Wind, der in Böen an diesem fragilen Gebilde, in dem ich armes Würstchen meine Schlafruhe suchte, zerrte. An Schlafen war unmöglich zu denken. Das Wasser unterspülte das Zelt. Mit einem Rest Humor, dachte ich: Aha, so fühlt sich also ein Wasserbett an. Gut, dass der Zeltboden dichthielt. Zwischendurch hörte ich von draußen diffus Stimmen von Mitcampern. Neben mir zeltete eine Gruppe junger Leute, die offenbar einiges zu tun hatten. Der Lichtkegel einer Taschenlampe streifte meine Zeltwand, und der Schatten meines draußen ausharrenden Fahrrads zeichnete sich darauf ab. Indessen ließ das Unwetter kaum nach. Ich lag auf meinem neuen Wasserbett und hoffte-betete, dass es da draußen bald ruhiger würde.
Am Morgen war der Spuk vorbei – als hätte ich nur einen wüsten Traum gehabt. Einen äußerst wüsten Traum mit Todesängsten. Von meinen Nachbarn nichts mehr zu hören. Sie schliefen nach der nächtlichen Aufregung sicher erstmal aus. Eines ihrer Zelte hatten sie auf eine erhabenere Stelle umgesetzt. Das Wasser unter meinem Zelt war inzwischen abgeflossen. Die Helligkeit des Tages holte mich zurück in die Wirklichkeit. Wie schön, dem Vogelgezwitscher zu lauschen…
Ich schlappte durch die Nässe zu den Sanitäranlagen mich waschen, vorbei an den Wohnwägen, Wohnmobilen und dicken SUVs. Der Campingplatz lag wie ausgestorben da. Wir waren alle davongekommen. Manche besser, andere schlechter.

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