Samstag, 11. September 2010

11. September


Immer noch üben die Bilder des Terroranschlags auf die Twin Towers am 11. September 2001 eine Faszination auf mich aus - jagen mir einen Schauer über den Rücken. Diese Katastrophe war in jeder Beziehung monströs und wie geschaffen, um als Trauma in die Weltgeschichte einzugehen - ähnlich wie Pearl Harbour, Hiroshima oder der Kennedy Mord. Die mediale Präsenz des Ereignisses hämmerte es unauslöschbar in unsere Köpfe. Etwas eigentlich unfassbares war passiert, und die Menschen klebten an den TV-Bildschirmen oder an den Radios, die Zeitungen wurden den Verkäufern förmlich aus den Händen gerissen ...
Ich war damals mit dem Fahrrad in Cassis am Mittelmeer, ein kleines Städtchen zwischen Marseille und Toulon. Das Wetter war schön, und ich genoss die spätsommerliche Urlaubsidylle. In den Bars und Cafés liefen die Bilder von dem Anschlag immer und immer wieder, unterbrochen von der französischen Moderation. Am nächsten Tag kaufte ich mir die "Daily Mail" (deutsche Tageszeitungen gab es nicht ), um die Hintergründe zu erfahren. Mein Französisch war zu lückenhaft, um etwas wirklich Aufschlussreiches den französischen Nachrichten zu entnehmen. Ich kriegte jedoch so viel mit, dass unter den Franzosen nicht nur Betroffenheit und Mitgefühl für die Opfer herrschten - unter den arabischen Migranten waren viele, die in ihrem Amerikahass das Geschehen mit Genugtuung betrachteten. Da ich mit niemandem reden konnte, spukten in diesen Tagen die unmöglichsten Gedanken durch meinen Kopf: Würde es Krieg geben? Was würde als nächstes passieren?
Neun Jahre ist das nun her. Die Welt beklagt viele Tote auf den Kriegsschauplätzen im Irak und in Afghanistan. Die Vorbehalte im Westen gegenüber den Muslimen und der arabischen Bevölkerung wuchsen und drängten sich in die Medien, die Politik und den Alltag. Eine diffuse Angst vor Anschlägen machte sich breit. Abend- und Morgenland waren sich noch nie so fremd und gleichzeitig nah. Auf beiden Seiten wirken spaltende Kräfte durch Hassprediger und Extremisten. Ängste werden geschürt, alte Vorurteile bedient und neue in die Welt gesetzt. Feindbilder und simples Schwarz-Weiß Denken haben mal wieder Hochkonjunktur. Die Guten kämpfen gegen die Bösen, und alle glauben, dass sie zu den Guten zählen - total widersinnig ... Ein verrückter Pfarrer wird öffentlich den Koran verbrennen, und im Gegenzuge werden Islamisten mit Terror und Mord antworten - alles im Namen Gottes.
Es ist absurd! Es ist ähnlich absurd wie eine Autoimmunerkrankung, wenn körpereigenes Gewebe als Fremdkörper bekämpft wird. Wie kommen diese Feindseligkeit und dieser Hass zustande? Warum kann die Vernunft so wenig dagegen ausrichten? Mit dem Hass lassen wir das Böse in unsere Herzen. Der Teufel reibt sich genüsslich die Hände, wenn ihm die Menschen scharenweise auf den Leim gehen - Christen ebenso wie Muslime, Menschen aller Kulturen, Nationen und Rassen.
Der Anschlag auf das World Trade Center läutete das neue Jahrtausend mit einem infernalischen Paukenschlag ein und machte deutlich, dass die Menschen trotz allen Wissens und Fortschritt, trotz aller Vernunft und Weisheit von den Wölfen unter ihnen erpressbar und verführbar sind.
Die Bilder der brennenden und einstürzenden Türme lassen mich schaudern. Ich verstehe sie als Mahnung an die gesamte Menschheit - als gäbe es einen moralischen Weltgeist, der uns sagt: "Treibt es nicht zu weit! Ob ihr die Hölle oder das Paradies auf Erden habt, liegt in euren Händen."









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