Donnerstag, 15. Juli 2010

Das Pferd von hinten aufgezäumt: Die Rückreise


Vom Zielbahnhof hatte ich noch zwanzig Kilometer durch die Neumondnacht nach Hause zu radeln.
Ich ließ einen zermürbten Reisegefährten zurück, der noch weiter bis Gießen fahren musste. Wir trafen uns in Salzburg auf dem Bahnsteig. Er auf der Rückreise von Budapest. Wie ich war er mit dem Fahrrad die Donau hinunter gefahren, nur noch einige Kilometer weiter.
Keiner von uns hatte sich ausgemalt, welche Pannen auf der Rückreise passieren sollten.
Morgens um Fünf war ich aus dem Schlafsack gekrochen, um rechtzeitig zur Abfahrt am Wiener Westbahnhof zu sein.
Die Schwierigkeiten fingen damit an, dass ich erstmal herausfinden musste, auf welchem Gleis mein Zug steht. Es blieb mir nichts anderes übrig, als es am Infopoint zu erfragen. Der Westbahnhof ist zur Zeit eine einzige Baustelle und eine Zumutung für jeden, der mit schwerem Gepäck unterwegs ist.
Ich fand meinen Bahnsteig und auch den Gepäckwagen. Wenige Minuten vor Abfahrt erschien schließlich der Schaffner, der die Ladetür des Wagens für die Fahrräder öffnete. Ein Radler mittleren Alters schimpfte bereits wie ein Rohrspatz und machte Gott und die Welt narrisch.
Als wir schließlich alle im Zug unsere reservierten Plätze bezogen hatten, kam die Durchsage, dass der Zug eine halbe Stunde verspätet abfährt, da ein Waggon defekt war. Viele Mienen der Mitreisenden zuckten nervös, sie würden wahrscheinlich ihre Anschlusszüge verpassen. Aufgeregt wurden die Handys gezückt.
In Salzburg hatte ich sowieso vier Stunden Aufenthalt, also berührte mich die Verspätung nicht. Ich streckte meine müden und von Schnaken zerstochenen Glieder aus und schlief ein Stündchen. Den Rest der Reise bis Salzburg verbrachte ich im Restaurantwagen. Die Hitze schlug bereits wieder gnadenlos zu.
Der Bahnhof in Salzburg war wie der Westbahnhof eine einzige Baustelle. Ich musste das Fahrrad mitsamt Gepäck Holzstiegen rauf und runter tragen. Nass geschwitzt trottelte ich durch die Salzburger Innenstadt, vier Stunden Zeit totschlagen. Die Sonne brannte, und die Menschen verzogen sich fast alle an die schattigen Plätze. Am liebsten hätte ich mich auf eine Wiese gelegt und gepennt, aber ich hatte Sorge zu verschlafen.
Vor der Weiterfahrt musste ich auf die Toilette. Nach fünfzehn Minuten Herumirren am Bahnhof fand ich auch eine.
Dort sollte ich noch 50 Cent löhnen, worauf die Klofrau meinen Ärger abbekam. (Es ist natürlich nicht die arme Klofrau, und es ist auch nicht der wortkarge, grantige Schaffner oder der gereizte Mensch am Servicepoint, - es ist wie in der Altenpflege und in anderen Betrieben: Der Fisch stinkt vom Kopf! Die Bediensteten und die Kundschaft müssen es ausbaden. Die Reisenden sind abhängig von der Bahn, und die Alten sind abhängig von der professionellen Altenpflege, egal ob nun durch mobile Pflegedienste oder in Altenheimen.)
Der Zug Richtung Saarbrücken kam, es war kaum anders zu erwarten, zwanzig Minuten zu spät. Als dann aber Fahrräder und Gepäck aller Reisenden verstaut waren, atmeten wir erleichtert auf.
Ich unterhielt mich mit dem Radler, der in Budapest abgereist war, über unsere Tourerfahrungen. Außerdem saßen in unserem Wagen noch zwei gutgelaunte schwäbische Paare, die für etwas Ablenkung sorgten. Es ging voran, auch wenn wir unter der Hitze stöhnten. Mit dem Schaffner, der die Fahrkarten kontrollierte, frotzelten wir noch über die Klimaanlage ...
In München hieß es: "Der Zug endet hier, wegen eines Schadens an der Klimaanlage." Also, alles raus! Der Zug war vollbesetzt. Und wir Radler konnten nicht auf den ICE ausweichen, der für die Weiterfahrt durchgesagt wurde, weil der keine Fahrräder mitnimmt. Also, am Servicepoint anstehen. Im Münchner Hauptbahnhof waren bereits an jeder Ecke Sicherheitskräfte postiert. Die ersten Reisenden gingen auf Bahnbedienstete los.
Wir kriegten schließlich auch die Info für einen Ersatzzug und saßen bald wieder alle beisammen. Es war inzwischen früher Abend. Die Schwaben stiegen in Plochingen aus. Mein Reisegefährte und ich mussten in Bruchsal nochmals umsteigen, in eine Regionalbahn nach Heidelberg. Es sollte noch mal eng werden beim Umsteigen. Wir hatten nur drei Minuten, um den Bahnsteig mit unseren sieben Sachen treppauf und treppab zu wechseln.
Versagte nicht die Elektronik der Ausstiegstür ! - und wegen unserer Fahrräder konnten wir auf keinen anderen Ausstieg ausweichen. Glücklicherweise befanden wir uns am Kopf des Zuges, und ich konnte an die Trennscheibe zum Zugführer pochen, der daraufhin sichtlich genervt nach einigem ungläubigen Rumprobieren die Tür per Handmechanismus öffnen musste. Wir nichts wie raus!
Verschwitzt und außer Atem auf dem anderen Bahnsteig angekommen, erreichte uns die Durchsage, dass die Regionalbahn nach Heidelberg wegen eines Stellwerkfehlers in Karlsruhe zwanzig Minuten Verspätung hat. Ich musste lachen. Doch meinem Reisegefährten war gar nicht zum Lachen. Er würde zwar noch nach Frankfurt kommen aber dort bis zum nächsten Morgen festsitzen.
In Heidelberg verabschiedeten wir uns voneinander. Die Uhrzeiger rückten gen Mitternacht.
Ich hatte es geschafft. Noch ein Ankommensbier an meinem Wohnort im Kaffeehaus. Ich saß allein an der Bar und zitterte innerlich. Die Nacht war dunkel und warm.





(im Hintergrund der Reisegefährte, im Vordergrund mein Drahtesel)

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