Überlebt

Ich lag auf dem schmalen Zahnarztstuhl. Meine Schultern waren zu breit. Ich legte die rechte Hand in meinen Schoß. "Den Kopf ein klein Wenig zu mir und die Zunge ganz locker", sagte der Dentist. Er hatte bereits beim letzten Termin, als der Abdruck gemacht wurde, Probleme gehabt. "Sie haben einen kleinen Mund", wiederholte er, "dabei eine große Zunge und ausgeprägte Kaumuskeln." Er war sichtlich bemüht, während ich den Mund, soweit es ging, aufriss, mit der Behandlung weiter zu kommen. Die Feinarbeit erledigte schließlich die Zahnarzthelferin, während mir vom langen Mundaufsperren der Kiefer bis hoch zu den Schläfen schmerzte. Die ganze Prozedur war eine selbst auferlegte Folter, die mich zudem noch einen Haufen Geld kostete. Ich röchelte unter dem Absauger, versuchte ruhig durch die Nase zu atmen - dummerweise war ich leicht erkältet ... Das "Krönchen" musste angepasst werden. Es ging um einen Backenzahn, der bereits plombiert, vor ein paar Wochen abgebrochen war. Früher oder später hat es kommen müssen. Nach vier Sitzungen inklusive Zahnreinigung war es schließlich soweit: die Teilkrone wurde aufgesetzt. Der junge Zahnarzt, der die Zahnbehandlung durchführte, war nicht wenig gefordert. Bis Dato wusste ich nicht, dass ich einen solch kleinen Mund hatte ... Ab und zu schloss ich die Augen. Ich musste durchhalten. Ich wollte es endgültig hinter mich bringen. Links von mir sah ich aus den Augenwinkeln das Riesenrad, welches für das nahende Frühlings- und Weinfest bereits aufgebaut worden war. Über mir an der Decke hing ein Bild von einem Palmenstrand, welches wohl zur Beruhigung der Patienten gedacht war. Ein Bild von Picasso hätte mich mehr von der Tortur abgelenkt. Ich kam mir mit meinem weit aufgerissenen Maul in der nach hinten geneigten Position ... ziemlich abstrakt vor - während Zahnarzt und Helferin in meinem Mund irgendwie krampfhaft herum werkelten mit Bohrer und Absauger, irgendwelchem ekelhaften Flüssigkeiten, welche sie reinsprühen mussten, und Materialien mit denen sie meine Backe auspolsterten.
Endlich nach einer guten Stunde saß die Krone auf dem Zahn. Ich wollte bereits aufatmen. Doch der junge Dentist war Perfektionist ...
Da ich die Schmerzen nicht mehr ausgehalten hatte, musste ich mitten in der Behandlung gespritzt werden. Meine halbe Zunge sowie meine linke Backe waren völlig taub. Ich sollte nun noch ein dutzend Mal auf irgendwelche hauchdünne Blättchen beißen und dem Zahnarzt sagen, wie es sich für mich anfühlte. Ich fühlte den erneuerten Zahn etwas zu hoch beim Aufbeißen - wahrscheinlich hätte er noch ewig an der Krone und den umgebenden Zähnen herum geschliffen und poliert , wenn ich ihm nicht zu Erkennen gegeben hätte, dass nun alles ganz okay sei ...
Schließlich reichte er mir einen Handspiegel, damit ich stolz das Ergebnis seiner Arbeit sehen konnte. Also blickte ich aus einer sehr unvorteilhaften Perspektive auf meine Fresse sowie in den zu kleinen Mund mit der Porzellankrone links unten. Mann, war ich häßlich! Ich nickte dem Dentisten anerkennend zu und brummte: "Hmmm ..."
Endlich schwang ich mich von der schmalen Pritsche, stellte mich nach ca. 90 Minuten heftig gefühlter Ausgeliefertheit und Qualen auf die Füße, drückte zum Abschied die Hand des Dentisten und entschuldigte mich für meinen kleinen Mund.
Auch bei der Zahnarzthelferin bedankte ich mich. Es war früher Vormittag, als ich die Praxis verließ. Ich schwankte zwischen Erleichterung und Irritation. Life goes on. Mit der halbtauben Fresse fühlte ich mich unter meinen Mitmenschen recht seltsam. Gleichzeitig hatte ich wie selten das Gefühl, zu ihnen zu gehören ...
Aurisa - 03. Mrz. 10, 17:32

Eine große Klappe zu haben... beim Zahnarzt ein echter Vorteil...

Andererseits... vielleicht hast du ja keinen zu kleinen Mund, sondern der Zahnarzt zu große Hände...?

Ich stelle mir das gerade vor... daß jemand Zahnarzt wird... und nicht daran denkt, daß er große Hände hat und das möglicherweise nicht gerade von Vorteil ist...

Und seine Patienten müssen es dann über Jahrzehnte ausbaden...

Na ja, wenigstens hast du es jetzt überstanden und hoffentlich wieder lange Ruhe vor dem Zahnarzt.

Viele Grüße
Klaudia

bonanzaMARGOT - 03. Mrz. 10, 19:27

hi klaudia

nö, der hatte keine ungewöhnlich großen hände. vielleicht war er etwas ungeschickt. solche fummelarbeit ist nicht jedermanns sache. auf der anderen seite hatte ich das gefühl, dass er ziemlich ehrgeizig war. ich hoffe, er wollte seine arbeit einfach nur sehr gut machen. aber was weiß ich schon von zahnärzten, wo ich in den letzten zwanzig jahren meine zahnarztbesuche an einer hand abzählen kann?

mir reicht`s erstmal wieder. obwohl es sicher nur eine frage der zeit ist, bis mir die nächste plombe herausfällt etc.
Lange-Weile - 04. Mrz. 10, 20:16

Torture

Hallo Bo.,

das ist wirklich eine Prodzetur mit Torture-Charakter. Ich kann jedes deiner beschriebenen Worte gut nachvollziehen, denn vor 2 Wochen durchlebte ich die selben Qualen mit dem viiileel zu kleinen Mund. Mir steckte die Ärtzin noch ein Paar große Tupfer hochkant in den Mund und so sah ich wie ein Monster aus. "Nun müssen sie noch 5 Minuten warten, bis das Medikament eingezigen ist"
Voll Scham setzte ich mich aufrecht und hiett die Hände vors Gesicht, schließlich sieht man ja nicht alle Tage so verschandelt aus und ein Spiegel wäre das letzte, was man mir hätte reichen können. Doch weil ich wegen das Abdruckprodzedur Luft geschluckt hatte und die sich beim Aufsetzen wieder nach oben arbeitet, kam ein riesiger lautstarker Rülpser aus meinen nicht schließbaren Mund.

Zum Glück kann man danach ja wieder lachen und dabei Zähne zeigen :-)

Gruß LaWe

bonanzaMARGOT - 05. Mrz. 10, 14:47

hi lawe, leider musste es gemacht werden. die reparaturarbeiten werden sich wohl in den nächsten jahrzehnten, falls sie verbleiben, häufen. immerhin bin ich dann doch dankbar, dass es ausgebildete zahnärzte gibt, und nicht mehr der frisör zuständig ist.
jedenfalls überstand ich in den letzten wochen 3 x 1,5 std. qualen - sowas macht demütig.
SehnsuchtistmeineFarbe - 04. Mrz. 10, 20:25

das kostet ja

einen haufen geld sowas. und nerven. (für beide seiten *g*). ich würde diese arbeit nicht gern machen wollen, ganz ehrlich. :)
kenne auch diese von dir beschriebene problematik. hoffe, du bist inzwischen wieder bewegungsfit und zufrieden mit dem ergebnis.

lg
s.

bonanzaMARGOT - 05. Mrz. 10, 14:53

das ergebnis ist ein überkronter backenzahn, den kein mensch außer mir (und dem zahnarzt + personal) sieht. farblich gut angepasst.
ja, ich wollte nicht unbedingt zahnarzt oder zaharzthelfer(in) sein. es wäre für mich ganz schwierig, damit umzugehen, anderen menschen richtig wehtun zu müssen und sie stundenlang auf einem folterstuhl zu quälen - selbst wenn es ja ergebnisorientiert ist und mit dem einverständnis des patienten geschieht.
es ist mir schon in der pflege arg, wenn ich an den alten (für beide seiten) unangenehme verrichtungen ausüben muss.

die rechnung kommt noch, - wird wohl ca. 1/3 meines monatlohnes verschlingen.

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