Wer pflegt meine Eltern?


Meine Chefin knallte mir 13 Nächte in 17 Tagen rein. Ich bin verdammt froh, dass die Nachtwachen zur Zeit nicht zu stressig sind. Aber das kann sich bei den Alten schnell ändern, mindestens so schnell wie das Wetter im Hochgebirge - sie werden von heute auf morgen krank oder kriegen die Spinneritis. Nun, und auch der Tod kündigt sich nicht immer lange vorher an. Bei einigen Hochbetagten steht er bereits in der Tür. Manchmal steht er ziemlich lange auf der Schwelle, so dass wir ihn fast übersehen ... bis er eines Tages, eines Nachts seinen schwarzen Umhang mit einer fahrigen Bewegung über den Greis / die Greisin wirft ... als wolle er uns überraschen oder uns einen makabren Streich spielen.
Eine meiner Kolleginnen - und jetzt komme ich auf das, was ich heute eigentlich ansprechen wollte - ist seit Kurzem doppelt gebeutelt. Ihrer Mutter musste ein Unterschenkel amputiert werden, und zu allem Übel wird sie zusehends altersverwirrt, also demenzkrank. Als Tochter und Altenpflegerin befindet sie sich in der außerordentlichen Bredouille, ihrer Familie, hauptsächlich ihrem Vater zu erklären, dass sie die Pflege der Mutter kräftemäßig nicht schultern kann. Der Vater, der die Demenz und die wohl bleibende Pflegebedürftigkeit seiner Frau noch nicht akzeptieren kann, lässt kaum eine Gelegenheit aus, meiner Kollegin vorzuhalten, was denn die Nachbarn und Bekannten darüber denken, dass die Tochter, die doch Altenpflegerin ist, jetzt nicht für ihre Mutter da sei - er schäme sich für sie. Dieser psychische Druck durch die Familie ist immens. Jeder normale Mensch bekommt angesichts solcher Vorwürfe Schuldgefühle, und diese Schuldgefühle sind nicht ohne ...
Als mir meine Kollegin davon erzählte, wurde mir gleichzeitig warm und kalt, denn ich dachte natürlich daran, dass meine Eltern auch nicht mehr die Jüngsten sind. Früher oder später würde ich mit einer ähnlichen Situation konfrontiert werden, und ich will nicht in eine solche "moralische Zwickmühle" rasseln!
Als ich vorgestern mit meiner Mutter telefonierte, versuchte ich ihr meine Befürchtungen und Ängste nahe zu bringen. Ehrlich, ich fühlte mich beschissen dabei. Wer will schon seine Eltern auf die Eventualitäten ihrer kommenden Pflegebedürftigkeit und die damit verbundenen Schwierigkeiten ansprechen? Das ist in etwa so, als ob ich jemandem sage, dass er ein Auslaufmodell sei, dass es jetzt um die Schadensbegrenzung ginge.
Nein, so sollte es nicht klingen. Ich wünsche mir, dass wir uns zusammensetzen und darüber reden: über meine Ängste und die Erwartungen meiner Eltern. Ich verdenke es ihnen nicht, dass sie nicht täglich an die Morbidität des Alters erinnert werden wollen, dass sie einfach ihr Leben leben wollen, wie es ihnen hoffentlich noch lange vergönnt sein wird. Trotzdem reden wir besser jetzt miteinander als zu einem Zeitpunkt, wo das Schicksal uns mit schierer Endgültigkeit überholt, wie meiner Kollegin geschehen.
Mein Gott, ich bin froh, wenn ich dieses Gespräch hinter mir habe. Ich liebe meine Eltern, aber der Gedanke, sie pflegen zu müssen, macht mir große Angst. Ich bin Altenpfleger. Ich will nicht für meine Eltern der Altenpfleger sein ... die Vorstellung ist grauenhaft. Am liebsten würde ich manchmal davonrennen. Aber die Eltern kann man nicht abschütteln. Ich hoffe, sie lassen mich ein letztes Mal frei.

Noch vier Nächte, dann endlich eine größere Verschnaufpause über Pfingsten. Zeit zum Nachdenken. Zeit zum Ausruhen. Zeit für den Frühling.
Aurisa - 01. Mai. 08, 17:03

Eine wirklich besch...eidene Situation, die man wirklich niemand wünscht :(...
Ich stelle mir deine Arbeit sowieso schon hart genug...
Aber fremde Menschen - und auch wenn man sie im laufe der Zeit ein wenig näher kennenlernt, stehen sie einem letztlich doch nicht so nahe wie die eigenen Angehörigen - das ist das eine... seine eigenen Eltern pflegen zu müssen ... das ist dann doch nochmal eine ganze Nummer härter...
Und wie man sich zwischen Pflegeberuf und Elternpflege zerreissen soll... das kann ich mir schon gar nicht vorstellen...
Das geht bei einem normalen (Büro)job schon kaum bis gar nicht... wie sollte das erst bei einem körperlich so anstrengende Arbeit gehen... von der seelischen Belastung wie gesagt ganz zu schweigen...
Viele Grüße
Aurisa

bonanzaMARGOT - 01. Mai. 08, 18:02

Hi Aurisa,

mir geht es vorallem um den moralischen Aspekt dabei. Was können Eltern von ihren Kindern erwarten? Machen sie sich Gedanken über ihre Zukunft? Als Kind / Sohn stellen sich mir mit fortschreitenden Jahren immer drängender einige Fragen: Wie lange können meine Eltern noch das Haus bewirtschaften, in welchem sie leben? Wie stellen sie sich das vor, wenn einer von ihnen pflegedürftig wird? Was planen sie überhaupt mit dem Haus? (Weder mein Bruder noch ich werden es übernehmen können.) Glauben sie, dass sich alles von selbst ergibt?
Ich würde gern langsam wissen, was auf mich zukommen könnte. Ich will wenigstens vorher mit meinen Eltern ein ausführliches Gespräch geführt haben, in welchem ich nachfragen kann und ihnen meine Ängste und Befürchtungen offen mitteile. Natürlich rüttelte mich die Geschichte meiner Kollegin gehörig auf. Für meine Eltern hört es sich vielleicht an, als würde ich Panik schieben; schließlich sind sie rüstige Rentner (Mitte Siebzig) und denken wahrscheinlich nur sehr widerstrebend an die zunehmenden Defizite und Krankheiten im Alter.
Da ich seit nunmehr 20 Jahren in der Altenpflege arbeite, ist meine Sicht hauptsächlich von den Schwierigkeiten und dem Leid alter Menschen geprägt. Ich sehe ja selten bis nie die alten Menschen, die bis ins hohe Alter selbstständig und geistig fit zuhause ihren Alltag bewerkstelligen können. Meine Eltern leben gesünder als ich - es ist sogar nicht ganz unwahrscheinlich, dass sie mich überleben könnten ...
Vielleicht bin ich einfach nur zu ängstlich.
alteFrau - 02. Mai. 08, 10:16

Moral und Verantwortung

Hallo Bonanza,
niemand hat die moralische Verantwortung, seine Eltern pflegen zu müssen, finde ich jedenfalls.
Allen Eltern sollte klar sein, dass sie in letzter Instanz selbst für sich zuständig sind und eigenverantwortlich ihre Zukunft für Alter und evtl. Gebrechlichkeit planen müssen.
Ein Haus kann man verkaufen oder vermieten und in eine kleine bedarfsgerechte Wohnung ziehen. Es ist der Lauf des Lebens und damit muss man sich abfinden, anstatt die Verantwortung der nachfolgenden Generation aufzuhalsen. Auch wenn es schmerzt, seine gewohnten Lebensumstände ändern zu müssen.
Außerdem braucht professionelle Pflege Distanz, und die hast Du bei Deinen Eltern nicht.
Du hast recht, vielleicht leben Deine Eltern gesund bis ins hohe Alter - es gibt so viele Menschen die "steinalt" werden und bis auf einen letzten, kurzen Krankenhausaufenthalt autark leben.
Ein Gespräch mit Deinen Eltern ist jetzt elementar wichtig - nicht erst, wenn etwas passiert ist.
Ich bin selbst Mutter zweier fast dreißigjähriger "Kinder". Nie würde ich später Pflege, oder tägliche Versorgung von ihnen erwarten oder wollen. Das fände ich egoistisch, unmoralisch und unangemessen. Sie haben uneingeschränktes Recht auf ein eigenes Leben - schließlich habe ich sie nicht in die Welt gesetzt, um später versorgt zu werden ...

Ich hoffe für Dich, dass Dein geplantes Gespräch, für alle, positiv ausgeht und kann mir Deinen "Bammel" davor gut vorstellen.
Gruß
E.

bonanzaMARGOT - 02. Mai. 08, 16:35

Hallo E.,

ich teile deine Meinung und finde deine Einstellung toll, dass du deine Kinder nicht (moralisch) verpflichtest. Es ist wohl auch eine Generationenfrage. Die Generation der Eltern meiner Kollegin und meiner Eltern fühlt sich noch eher eingebunden in die Tradition, dass die Kinder sich (selbstverständlich) um die Eltern im Alter kümmern müssen. Für viele dieser Generation ist es ein Unding, ins Altenheim zu gehen. Natürlich denken nicht alle so, je nachdem wie es in der eigenen Familie gehandhabt wurde. Der Vater meiner Kollegin pflegte z.B. seine Mutter, weil es für ihn nicht in Frage kam, sie ins Altenheim zu stecken. Dasselbe verlangt er nun von seinen Kindern, speziell von meiner Kollegin, weil die doch Altenpflegerin ist.
Meine Mutter pflegte ihren Vater, als er schwer krank wurde, das letzte halbe Jahr, bis er starb (natürlich zusammen mit der Sozialstation). Ich weiß nicht, was meine Eltern von mir erwarten ... eigentlich glaube ich nicht, dass sie mich direkt oder indirekt in die Pflicht nehmen wollen. Jedenfalls müssen wir darüber mal offen reden, auch um zu sehen, ob meine Eltern sich wirklich im Klaren sind, was Pflegebedürftigkeit (z.B. bei Demenz) bedeuten kann. Als Altenpfleger sehe ich leider viele traurige Schicksale ... und ich bete dafür, dass meine Eltern nicht ein solches ereilt.
Hoffentlich führen wir bald ein Gespräch, das den Nebel der Zukunft für alle Beteiligten etwas lichtet, ohne dass eine Seite enttäuscht ist oder sich mit Vorwürfen konfrontiert sieht.
alteFrau - 04. Mai. 08, 12:52

Pflegen oder gepflegt werden ...

Ich gehe sogar noch einen (un)moralischen Schritt weiter, Ralph.
Ich meine, auch unter Ehepartnern ist Pflege mit allem Drum und Dran nur sinnvoll und möglich, wenn beide sich darauf einlassen können.
Mein Mann und ich haben heute, auch aufgrund Deines Blogeintrages lange darüber gesprochen.
Und nein, keiner von uns möchte den anderen pflegen. Keiner von uns kann und will das. Dies ist im Laufe des Gespräches klar geworden. Das hat nix mit fehlender Liebe zu tun. Beim Windeln wechseln hört die Zuneigung auf. Für beide Partner.
Es ist gut, jetzt schon darüber zu sprechen - so bleibt genug Zeit und Raum, sich in weiteren Gesprächen zu überlegen, welche Möglichkeiten, oder welche Räumlichkeiten man sich bei solchen Eventualitäten vorstellen könnte.
Und das ist gut so.

Einen schönen Sonntag.
Gruß
E.

bonanzaMARGOT - 04. Mai. 08, 16:52

Es ist ein Glück,

dass in der heutigen westlichen Welt der gesellschaftliche Druck, gewisse Konventionen und Traditionen einzuhalten, immer geringer wird. Nichtsdestotrotz existiert dieser Druck noch in sehr vielen Familien - gerade auf dem Lande. Eine familiäre Ächtung ist nach wie vor psychisch sehr schwer auszuhalten; und viele Menschen leisten darum gegen ihre Gefühle, gegen ihre Natur Dinge (oder verschweigen Dinge), was sie auf Dauer krank und kaputt macht.
Es ist normal, dass die Menschen ihr Verhalten und ihre Moral mit dem Mainstream in der Gesellschaft und/oder ihrer Gruppe abgleichen. Niemand will wirklich schräg angeguckt werden oder gar aus der Gruppe (z.B. Familie) herausfallen. Die Pflicht zur Pflege der nächsten Angehörigen gilt immer noch in vielen Köpfen als ungeschriebenes Gesetz. Über Menschen, die ihre pflegebedürftigen Eltern in Altenheime abgeben (bezeichnenderweise sagt man "abschieben"), wird zumindest hinter deren Rücken immer noch abschätzig geredet. Ich sehe im Altenheim am Verhalten der Angehörigen oft die Verunsicherung und die Schuldgefühle - man schämt sich und kann darüber nicht reden. Doch nur durch Reden lassen sich die Verkrampfungen zu solchen Tabu-Themen lösen.

Elke, auch zwischen (Ehe-)Partnern sind solche Gespräche wichtig. Jede Familie und jedes (Ehe-)Paar sollte die Fälle von Pflege, Behinderung, schwerer Krankheit, Siechtum und Tod, und was dabei zu tun ist, erörtern. Gut, wenn sich die Einstellungen der Beteiligten in den wichtigsten Punkten decken ...
Ich stehe auf dem Standpunkt, dass es in jedem Falle falsch ist, wenn man eine starre Erwartungshaltung hat. Gerade meinen Liebsten möchte ich nicht zur Last fallen oder gar zur Qual werden.
Liebe heißt nicht Bindung auf Teufel komm raus. Liebe heißt vorallem Vergebung.

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