Mit Tibor in den Dschungel der Vergangenheit


Ich vergleiche das Leben mit einem Haus. Mittlerweile wurde das Haus zu einem Hochhaus, und ich lebe in der 45. Etage. Stehe ich auf dem Balkon und beuge mich über die Brüstung, wird mir ganz schön schwindelig. Lieber hefte ich meinen Blick an den weiter werdenden Horizont. Ich registriere: In dieser Höhe ist nicht mehr ganz so viel los wie ehemals, dafür wuchs der Ausblick.
Im Hintergrund laufen "The Lords" - das waren noch Zeiten. Damals begeisterte mich Tarzan, und ich verschlang Tibor-Comics und Gespenstergeschichten. Mein Vater schickte mich in den Keller, um eine Kanne Öl für den Wohnzimmerofen hoch zu holen oder Kartoffeln aus dem Kartoffelbunker. Die Gerüche sind fast wieder präsent in meiner Einbildung. Es müffelte dort nach meinem Vater. Er war oft im Keller. Ich musste ihn holen, wenn meine Mutter mit dem Essen fertig war. Zeitweise war das Leben eine heile Welt. Die Mutter war die Mutter, der Vater der Vater; und ich träumte mich weg in die Abenteuer meiner Comichelden. Ich hatte sogar eine Zeit lang Spaß in der Schule. Es gab viel zu entdecken, und mir war noch gar nicht bewusst, dass sich das Leben bald in eine Spaß- und eine Ernstseite splitten sollte. Es war für mich gleich, und ich war von Geburt an ehrlich. Drum erinnere ich mich auch so gut an meine ersten Lügen. Ich log umso mehr, desto ernster das Leben wurde.
Inzwischen sind alle diese Erinnerungen wie die Kartoffeln damals verstaut im Keller des Hauses, das sich "mein Leben" nennt. Heute greife ich in den Bunker meiner Erinnerungen und hole ein paar hoch. Ich bekomme Lust auf Pellkartoffeln, der Vater schälte sie uns mit seinen Arbeiterhänden. Es gab viele solcher Gesten, an die ich gerne denke. Deswegen legte ich auch "The Lords" auf den Plattenteller. Mit ihrer Musik fällt mir das Zurück in die Vergangenheit leichter. Ein komischer Zustand ist das, als würde ich mit einem Bein in der Gegenwart stehen und mit dem anderen hinunter in den Keller steigen.
Eine Menge Stockwerke überspringe ich, bis ich in meiner Kindheit ankomme. Es ist noch alles da, aber ich weiß gar nicht, wo ich hinfassen soll. Vor mir die Werkbank meines Vaters, Sägen, Feilen und allerlei Werkzeug. Stundenlang war ich manchmal im Keller, um aus einem Holzscheit den Rumpf eines Schiffes zu sägen. Es klappte nicht immer besonders gut - wie jetzt, wenn ich an Texten und Gedichten feile. Aber trotzdem übte der Platz an der Werkbank eine magische Anziehungskraft auf mich aus.
Ich versank in andere Welten. Der Keller gehörte meinem Vater - wo würde einmal mein Platz sein? Der Ernst des Lebens saß mir zusehends im Nacken, da halfen mir alle Tibors und Tarzans nicht. Ich kämpfte in einem anderen Dschungel, wo das Böse nicht einfach von dem Guten zu trennen war. Ebenso verwischten sich Lüge und Wahrheit.
Zurück kann ich nicht. Ich weiche einen Schritt von der Balkonbrüstung zurück. Der direkte Weg wäre tödlich. Ich will lieber noch aufstocken. Aber mir ist bange, wenn ich an das Dachgeschoss denke. Schließlich bin ich Altenpfleger.



ein literarisches Tagebuch

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