Berlin

Sonntag, 15. Januar 2017

Berauschend ist anders


Die „Deponie“ ist eine gemütliche Kneipe unter der S Bahn Trasse zwischen Friedrichstraße und Hackscher Markt. Wir trafen uns nach meinem Samstagsunterricht zum Einkaufen und auf ein Bier. Ich fühlte mich wie betäubt nach den Stunden Tumordokumentation. Wenigstens machte ich inzwischen Fortschritte – ich bildete es mir zumindest ein. Noch drei Wochen bis zur Abschlussprüfung. Langsam sollte was gehen. Ich verschickte die ersten Bewerbungen an Krankenhäuser und ans KKRBB*.
Zielstrebig steuerten wir die „Deponie“ an. Die kalte Winterluft und die Samstagsnachmittagsbetriebsamkeit machten mir nicht sonderlich Freude. O. kann dem städtischen Treiben mehr abgewinnen, aber sie weiß, dass ich davon nur miese Laune kriege. Seit geraumer Zeit ist meine Stimmung sowieso nicht bestens, - was bei mir heißt, dass ich den Miesepeter bis zum Exzess kultiviere. In solchen Phasen ist es schwer auszuhalten mit mir. Es tut mir leid für O.
Um diese Uhrzeit fanden wir noch prima Platz in der „Deponie“. Wir pflanzten uns an einen Stehtisch neben der Bar. Einige Pärchen verteilten sich im Lokal, ein Tourist schrieb fleißig Postkarten, und ich saß da, als hätte ich einen Stock verschluckt. O. berichtete das ein oder andere von ihrer Arbeit. Immerhin hat sie noch nicht das Lachen verlernt. Wenn ich mir überlege, was sie alles hinnehmen und leisten muss… Von mir kam nicht viel mehr als „ist mir wurscht“ und „also gut, noch`n Bier“.
Inzwischen dämmerte es. Unruhig rutschte ich auf dem Hocker hin und her und wusste nicht, wohin ich schauen sollte. Der Tag war gelaufen. Es ging nur noch ums Abendessen und vorm TV Chillen. Wenn das Fernsehprogramm nichts hergibt (was oft der Fall ist), legen wir eine DVD ein (Columbo oder Agatha Christie).
Auf dem Rückweg durch den Park am Gleisdreieck fragte mich O., wo die Kaninchen seien. Ich antwortete mit einem Achselzucken, - ab und zu würde ich schon noch eins sehen am Morgen oder am Abend. Über den Dächern ein diffuser Lichtkegel unbekannter Quelle. Sterne funkelten schüchtern zwischen Wolkenfetzen. Die Häuserzeilen unserer Straße lagen vor uns.
O. schloss die Tür auf. Am Briefkasten eines Mitbewohners klebte eine handschriftliche Notiz, - echte Nachbarschaftspoesie:


An das unbekannte Klauschwein!

Vielen Dank für das Hinterlassen
meines aufgerissenen Pakets…
Echt armselig!

Ich hoffe, Du liest das,
und dir fallen die Klaupfoten ab!

Ach ja, und Krebs im Arsch
wünsche ich Dir auch!



Der beklaute Nachbar hat mein Mitgefühl.

(*Klinisches Krebsregister Berlin-Brandenburg)

Freitag, 13. Januar 2017

Schreck in der frühen Morgenstunde


„Hast du das gehört?“ fragte ich meine Partnerin neben mir im Bett. Erst ein lautes Rumsen, und gleich darauf der tierisch anmutende Schrei einer männlichen Person. Ich war sofort hellwach. Der Lärm hallte durchs Treppenhaus und schreckte uns am frühen Morgen auf. Aufgeregt lauschte ich in die Dunkelheit. Stimmen, und ein Hoch- und Runtergetrappel von Personen. Schließlich packte mich die Neugier, ich stand auf und schaute durch den Türspion. Mehrere vermummte Polizisten in Kampfmontur, einige zivile Personen und Kriminalbeamte mit Funksprechgeräten waren zugange, treppauf und treppab. Offenbar wurde eine Wohnung über uns gestürmt, - kriegt man auch nicht alle Tage in seiner unmittelbaren Umgebung mit…, wo man sich eigentlich zuhause und halbwegs sicher fühlt. Ganz schön beängstigend. Von wegen „my home ist my castle“. Klar, wir leben in Berlin und nicht in Schlumpfhausen.
Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei. Soweit ich das Geschehen verfolgen konnte, wurde niemand verletzt. Es kam zu keinen weiteren Aufregungen. Gut.
Soll auch schon vorgekommen sein, dass das SEK die falsche Wohnung stürmte…

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Wen juckt`s


Ein Dieb, der das Sparschwein vom Schrank klaute, ein Kürbis der auf derselbe Stelle verrottete, Wände, die zu meinem Zuhause wurden... Der Müll quillt aus den Abfallcontainern im Hof, weil die Müllabfuhr zwischen den Jahren pausiert. Ich sitze am Schreibtisch und warte auf den Weltuntergang. Oder ich vergammele wie der abgelegte Kürbis. Mein Gott, das Leben mit seinem ewigen Juckreiz – bin ich nach einem halben Jahrhundert bereits abgestumpft? Die DPD wird mir heute oder morgen neue Farben liefern. In zwei Tagen ist Silvester. Statt 2016 schreiben wir dann 2017. Dieses Ereignis wird mit großem Feuerwerkskrach begrüßt. Man fühlt sich dann wie im Krieg - besser mit einem Vollvisierhelm rausgehen. Ich besitze keinen und werde zuhause bleiben. Nein, ich übertreibe nicht. Mein zweites Jahr in Berlin. Ich mag die Stadt, obwohl sie voller Knallköpfe ist. Da bekommt man wenigstens eine Ahnung davon, warum so viel Scheiße passiert. Berlin ist einigermaßen authentisch. Berlin ist wie meine Malpalette, auf der ich die Farben mische. Ich treffe auf Spießer, die überhaupt nicht spießig aussehen, und ich begegne denen, die von ihrem Erscheinungsbild her Spießer sein sollten, aber keine sind. Ganz zu schweigen von all den anderen. Es mischt sich alles zu einem irren Durcheinander, das trotzdem irgendwie funktioniert. Womöglich fehlt mir nur der Durchblick. Ich stellte schon immer zu viele Fragen, weil ich die Dinge nicht einfach als gegeben hinnehme. Nichts änderte sich in den gut fünfzig Jahren, die ich lebe, außer dass es immer mehr Menschen und Mist gibt. Wir vermehren uns wie die Ratten und benehmen uns genauso.
Sagte ich vorhin, dass ich auf den Weltuntergang warte? Das ist freilich Blödsinn. Ich warte auf neue Farben. Ich warte auf die Rückkehr meines Lieblings…

Sonntag, 4. Dezember 2016

Jede Minute sollte man vergolden


Ich lausche dem Pfeifen der Berliner U-Bahn und denke, dass es prima als Thema in ein Musikstück einzubauen wäre, ähnlich wie es Doldinger mit dem Echolot-Geräusch in der Filmmusik „Das Boot“ machte. In der Stadt gibt es eine Menge zu hören, was ganz unterschiedlich zu Musik inspiriert, - wenn man die Muse zum Hinhören hat. Meist hetzt man allerdings gestresst durch die Straßen, mitgerissen vom Menschenstrom. Das Unbehagen erfasst mich ganz automatisch, wenn zu viele Menschen und zu viel Verkehr um mich herum sind. Als wir gestern Nachmittag den Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt aufsuchten, bereute ich schnell meinen Vorschlag, dort hinzugehen. Nach vier Doppelstunden Unterricht am Computer waren meine Nerven schnell überfordert. Ich wunderte mich, wie manche Leute in diesem Gedränge noch etwas essen oder trinken konnten. Eigentlich hätte ich es mir denken können: Sonnabend und dann noch Vorweihnachtszeit – da sucht man als Neurastheniker besser nicht Orte in der Innenstadt auf. Schade um die Zeit, die man dabei vergeudet.
Nach einer kurzen sardinendosenmäßigen U-Bahnfahrt waren wir zurück in unserem Kiez, wo es in der Potsdamerstraße alles andere als entspannt zugeht. Aber wenigstens ist mir dort alles vertraut. Die Sonne hatte sich bereits hinter die Häuser gesenkt, und der Himmel strahlte in einem überirdischen Blau mit schmalen feurigen Wolkenfetzen. Die winterlichen Gerippe der Bäume zeichneten sich dunkel darauf ab. Eine junge Frau vor mir am Fußgängerüberweg fotografierte die Kulisse mit ihrem Handy. Es gibt allerlei schöne und interessante Fotomotive in der Stadt, wenn man die Muse hat hinzuschauen.
In Puschels Pub lief wie jeden Samstag Bundesliga. Hertha spielte gegen Wolfsburg. Wir gingen durch den schmalen Schlauch Kneipe nach hinten, wo noch ein paar Plätze frei waren. Ein alter Sack, bereits Inventar, saß am Geldautomaten. Die „Ratte“, wie O. die Bedienung nennt, brachte uns zwei Berliner Pils und ein Schälchen mit Salzgebäck. Als Hertha den Ausgleich schaffte und schließlich sogar siegte, waren einige Gäste total aus dem Häuschen. Der alte Sack am Automaten grinste nur. Ich trank das Bier und spürte die Müdigkeit von der anstrengenden Woche in mir hochkriechen. Auch O.hatte eine anstrengende Arbeitswoche. Wir redeten nicht viel. O. meinte, wir sollten mal wieder verreisen, worauf ich ungehalten reagierte, ich sei durch Fortbildung und Praktikum bis Ende Februar eingespannt, an ein Verreisen also erstmal gar nicht zu denken. Das kleine Schälchen mit dem Salzgebäck hatten wir schnell leergefuttert. Ein Hund mit schönem schwarzglänzenden Fell (sein Herrchen saß am Nachbartisch) hatte uns dabei eindringlich bittend angeblickt. Als ich O.s traurigen Gesichtsausdruck bemerkte, ärgerte ich mich über meinen schroffen Ton. Auch ich würde am liebsten verreisen, nicht nur für ein Wochenende, sondern gleich für Wochen...
Inzwischen waren alle Samstagsspiele der Bundesliga beendet. Die Reihen der Kneipengäste lichteten sich. Der alte Sack am Automaten zählte sein verbliebenes Geld, und die „Ratte“ hatte Feierabend.

Sonntag, 6. November 2016

Sonntagmittag-Blues


In Polska Stacja, dem Blues-Sender, den wir zuhause vornehmlich hören, läuft Bob Dylan gefühlte zehnmal häufiger, seit er den Nobelpreis bekam. Langsam gewöhne ich mich an sein kauziges Geschnarre. Ich schaute sogar nach, ob er vielleicht irgendwann nach Berlin kommt. Aber es ist noch nichts bekannt. Auf meine alten Tage könnte ich mir ein Bob Dylan Konzert reinlaufen lassen. Würde ganz gut passen. Und wer weiß, wie lange er noch unter uns weilt. Dieses Jahr starben eine ganze Menge Berühmtheiten. Die Generation, von der unsereins in der Jugend beeinflusst wurde, läuft langsam aus. Die Nächsten sind dann schon wir. Noch zwei bis drei Jahrzehnte, dann wird für die Brad Pitts und George Clooneys dieser Welt die Luft dünn… und auch für mich.
Dieser polnische Blues-Sender bringt wirklich klasse Musik. Ich habe ganz selten Lust, was von der eigenen Musiksammlung aufzulegen. Schön. O. entspannt sich auf der Couch, während ich hier meinen Blödsinn zum Besten gebe.

Montag, 31. Oktober 2016

Wein, Bier und Süßes


Zwei ältere Damen saßen in dem gemütlichen Café in Pankow, als wir reinkamen. Die vollautomatisierte Öffentliche Toilette hatte versagt. Zuvor waren wir über das kleine Winzerfest geschlendert. Ein paar Stände auf dem Platz zwischen den Fahrbahnen der Breiten Straße. Es war ein prächtiger Herbsttag. Die Sonne brachte die Farben der Blätter zum Tanzen. Fürs Gemüt. Wir tranken ein paar Gläschen und kauften fürs Abendessen Zwiebelbrot und geräucherte Forellen.
Auf mich wirkt Pankow recht heimelig…
Die Sonne verabschiedete sich früh. In der Nacht wurde die Sommer- auf die Winterzeit umgestellt. Ich kann jedes Mal aufs Neue wiederholen, dass man sich dieses Prozedere ruhig sparen könnte. Es verwirrt nur – und wem bringt es denn was? Von mir aus immer Sommerzeit.
Auch die zwei alten Damen im Café thematisierten das kurz, aber vor allem schwärmten sie von den gebackenen Waffeln, die es gab. Leise säuselte die Musik vor sich hin – zum Nichthinhören. Wir waren froh, uns kurz aufwärmen zu können und die Toilette zu benutzen. Außerdem gab es Radeberger vom Fass. „Das dauert aber etwas“, sagte die Bedienung, typisch Berliner Schnauze. „Macht nichts“, antwortete ich, „wir haben Zeit.“
Zwischendurch betraten Leute das Café, um sich das angebotene Gebäck und den Kuchen anzuschauen. Freilich alles Selbstgemacht. Die Bedienung war ganz offensichtlich die Inhaberin des netten Ladens. Ich lauschte der Konversation der zwei älteren Damen. Die eine war etwas älter und offensichtlich seniler. Sie wiederholte immer wieder, wie gut ihr die Sachen schmeckten, und meinte zur Gastwirtin: „Vor 20 Jahren hätten Sie hier sein sollen!“ Woraufhin sie von ihrer Begleiterin zurechtgestutzt wurde: „Das hast Du vorhin schon gesagt!“
Die Beiden waren wirklich süß, alte Damen, wie man sie bei Miss Marple zum Kaffeekränzchen erwartet.
Wir tranken langsam das Bier aus. O. war durch die angepriesenen Kuchen in der Auslage auf den Geschmack gekommen. Sie konnte nicht widerstehen und ließ sich ein paar Teile einpacken...





Dienstag, 25. Oktober 2016

Leider sind nicht alle Herbsttage so schön




Sonntagsspaziergang zum Potsdamer Platz

Dienstag, 4. Oktober 2016

Hoppe- Hoppegarten


… Kein Reiter fiel vom Pferd, soweit ich es sehen konnte. Es war ein stimmungsvoller Renntag zum Tag der Deutschen Einheit. Die Kulisse wunderbar. Ich hatte etwas Sorge wegen der Menschenmassen gehabt, aber es wurde Gott sei Dank nicht zu eng auf dem großen Gelände. An den Wettschaltern musste man natürlich etwas anstehen sowie an den Damentoiletten, wo sich lange Schlangen bildeten.
O. und ich waren zum ersten Mal bei einem Pferderennen, und gewettet hatten wir auch noch nie. Als Wett-Debütanten mussten wir uns erstmal etwas in der Programmbroschüre belesen, wo die verschiedenen Wetten erklärt waren und außerdem kurze Einschätzungen zu den startenden Pferde standen. Gar nicht so einfach… An die Kombiwetten wagten wir uns nicht. Wir setzten bei jedem Rennen geringe Geldbeträge auf Platz oder auf Sieg. Auf die Pferde einigten wir uns kurz vorher. Nach vier Rennen waren wir sogar etwas im Plus. Dann kam das sechste Rennen, „Der Preis der Deutschen Einheit“. Wir wagten etwas mehr und verloren. C`est la vie. Mit leichten Verlusten in der Brieftasche, für den Eintritt hatten wir bereits 18 € pro Person gelöhnt, machten wir uns auf den Heimweg. „Das müssen wir öfter machen“, sagte ich zu O.. Und sie stimmte mir zu, denn ansonsten war der Tag absolut gelungen. Allein schon wegen der gesamten Atmosphäre, der Spannung bei den Rennen…
Für 2016 endete allerdings mit diesem Event die Saison auf der Galopprennbahn Hoppegarten. Eine Alternative wäre die Trabrennbahn Mariendorf. Sicher werden O. und ich nicht zu Spielern. Aber wir entdeckten neue lohnenswerte Ausflugsziele für unsere Wochenenden in Berlin.





Sonntag, 2. Oktober 2016

Kürbisfest Akazienstraße




(fotografiert von O.)

Freitag, 30. September 2016

Die Dächer Berlins




Aussicht vom Klunkerkranich

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