Willy Brandt sagte nach dem Fall der Mauer den denkwürdigen Satz: "Es wächst zusammen, was zusammen gehört. Gilt auch die Umkehrung: "Es kommt nicht zusammen, was nicht zusammen passt"?
Manchmal trägt uns die Hoffnung einen Menschen oder eine Idee zu, woran wir festhalten wollen, obwohl viele Anzeichen dafür sprechen, die Sache wieder zu verwerfen. Doch halten wir nicht selten fest, wie wir unsere Träume nicht verlieren wollen, wie wir insgeheim zu gern an das märchenhafte Glück und die Liebe glauben.
Morgen ist gestern, und heute ist morgen. Ich sitze an einem Fluss und schaue hinüber aufs andere Ufer.
Der Mensch baut Brücken. Tiere suchen sich eine Furt. Silbrig blenden mich die Fluten; der Fluss gehört dem Meer, wie auch ich einem Ozean gehöre - solange kämpfe ich mich durch das Leben und stemme meine Ellenbogen gegen die Ufer.
Eine Taube spaziert über den Kai, gleichzeitig verdunkelt eine schwere, dunkle Wolke den Tag. Sanft schlägt das Wasser gegen Boote und Kaimauer. Mehrstöckige Häuser stehen stramm Spalier hinter der Uferpromenade. Ich nehme einen Schluck aus der Rotweinpulle - samtig, lieblich und schwer zugleich wie die Szenerie. Der Wind bläst braune, welke Blätter über den Beton. Sie schleifen raschelnd an mir vorüber, halten kurz wie zur Begrüßung inne, bis das nächste Lüftchen sie packt und wieder ein paar Meter vor sich her stößt. Einige segeln in den Fluss. Der Herbst hat sein Gedicht begonnen. Ich mag seine brüchige, raue Stimme, obwohl sie mich erschüttert und verunsichert - es ist ein Requiem auf das Leben, die Existenz im Allgemeinen; wie ein ausblühender Gedanke, der kraftvoll seine Arme gen Himmel streckte ...; es ist die Welle, die langsam ausläuft, und die Welle, die ans Ufer klatscht; es ist die Stimme des Abschieds, aber nicht des hoffnungslosen Abschieds. Heute ist morgen.
Ein Hund bellt in der Ferne. Die Geräusche der Stadt schallen hinüber an meinen Platz und erinnern mich daran, dass ich mich bald aus der Kontemplation erheben muss, zurückzukehren in den wirklichsten aller Träume, in mein Leben.
Aus dem Kapitel "Der Schutzengel":
Im Laufe der Wochen hat mir diese erzwungene Einsamkeit zu einem gewissen Stoizismus verholfen und zu der Erkenntnis, dass das Krankenhauspersonal zweigeteilt ist. Da gibt es die Mehrheit, die mein Zimmer nicht betreten würde, ohne zu versuchen meine SOS-Signale zu begreifen, und die anderen, weniger gewissenhaften, die so tun, als sähen sie meine Notzeichen nicht, und wieder verschwinden. So wie dieser reizende Unmensch, der mir die Übertragung des Fußballspiels Bordeaux-München in der Halbzeit abgedreht hat und mir eine unwiderrufliches "Gute Nacht" zukommen ließ. Diese Unmöglichkeit der Kommunikation belastet natürlich weit über die praktischen Aspekte hinaus. So kann man den Trost ermessen, den es für mich bedeutet, wenn Sandrine (seine Logopädin) zweimal am Tag an die Tür klopft, mit einem Schnütchen wie ein ertapptes Eichhörnchen hereinschaut und auf einen Schlag alle bösen Geister vertreibt. Die unsichtbare Taucherglocke, die mich ständig umschließt, erscheint dann weniger bedrückend.
Ab Vierzig sollte man rückwärts zählen. Ist man dann wieder Zwanzig, kann man jedes Jahr wieder dazurechnen bis Vierzig, um dann engültig abwärts zu zählen. Somit würde man wenigstens numerisch nie die Vierzig überschreiten. Mit etwas Glück wird man nach dieser Rechnung zweimal Vierzig, und im Greisenalter von Hundert wäre man zum zweiten Mal Zwanzig. Danach geht`s zurück in die Kindheit.
Somit werde ich dieses Jahr 34. Damit kann ich leben, und ich wäre meinem gefühlten Alter näher.
Viele Alten im Altenheim wären gerade das zweite Mal in meinem Alter. Wir säßen zusammen auf einem spiralförmigen Karussell, zweireihig, das sich nach innen dreht, ich neben ihnen in der äußeren Reihe, in der Mitte ein diffuses Schwarzes Loch, das alles verschlingt.
Okay, denke ich, bevors endgültig abwärts geht, habe ich noch eine Umdrehung.
Wie kann es sein, dass es immer mehr Wissen gibt, wenn doch die Welt nicht wirklich zunimmt?
Wie bei der Energie handelt es sich doch lediglich um Umwandlungsprozesse. Bewegung wird zu Wärme, Wärme zu Strom, Strom wieder zu Bewegung, grob gesagt. Das Erscheinungsbild ändert sich, aber das Ganze bleibt das Ganze. Es kommt nichts dazu, und nichts geht verloren. Selbst was in Schwarzen Löchern verschwindet, ist nicht wirklich weg. Wo auch immer es ist, es ist.
Das Anwachsen des Wissens auf der Welt stelle ich mir also nicht wirklich als ein Anwachsen vor - vorausgesetzt, dass das Wissen ein geschlossenes System darstellt - es dünnt sich in Wirklichkeit aus, wenn es in unseren Augen wächst. Genau, in unseren Augen ... denn unser Kopf ist der Ort, der Wissen aufnimmt und reflektiert, der Wissen erst zu Wissen macht. Und was sage ich? Unser Kopf ist ein geschlossenes System. Oder doch ein offenes? Zumindest unterliegt er der Entropie und Konfusion. Man kann gar nichts so schnell ordnen, wie es wieder auseinander fällt. Dass alte Menschen immer verwirrter werden, ist somit zwingend - ein Naturgesetz.
Wissen, das sich ausdünnt, ist wie Magermilch. Man kann davon mehr trinken, ohne zuzunehmen.
Die Magermilch ist wie ausgedünntes Wissen in unserer Welt auf dem Vormarsch, ungeheuer auf dem Vormarsch. Inzwischen ist die Magermilch so dünn, dass man sie getrost "Weißes Wasser" nennen könnte. Und das Wissen ist so dünn, dass es sich nur in seltenen Fällen lohnt, etwas zu wissen; womit das nächste Problem angezeigt wird: Wie unterscheide ich Wissenswertes von Unwissenswertem?
Immer vorausgesetzt Welt, Wissen, Ich, Du befinden sich in einem geschlossenen System.
Es gibt kein "außen Außen" und kein "innen Innen". Anders gesagt, es liegt an unserer Betrachtungsweise, was außen ist und was innen. Was ich z.B. als wissenswert betrachte, kann für dich absoluter Schmonsens sein. Und umgekehrt. Ich schätze, darum verkauft sich Magermilch so gut.
Und darum haben wir das Gefühl, immer weniger wirklich zu wissen, in einer Welt, in der das Wissen rein faktisch jeden Tag immens anwächst. Faktisch bedeutet auch, dass die Menschen, die sich wie Menschen bewegen und wie Menschen aussehen, auf mich oft wie Marionetten oder Zombies wirken.
Faktisch dünnt sich das Menschliche aus. Ein Religionslehrer von mir sagte: "Umso mehr der Mensch weiß, desto mehr weiß er, dass er nichts weiß." Ich weiß nicht, von wem er das zitierte. Es ist gut, oder? Ich finde meine These von dem sich ausdünnenden Wissen bestätigt. Wenn ich einmal weiß, dass ich nichts weiß, dann bin ich wahrhaft weise. Nein, soweit bin ich noch nicht, denn ich weiß noch zu wenig. Oder zu viel? Es liegt im Auge des Betrachters.
Um zehn verkündete der alte, längst vergriffene Sciencefictionautor, er wolle jetzt ins Bett gehen. Es gäbe nur noch eins, was er uns, seiner Familie sagen wolle. Wie ein Zauberer, der einen Freiwilligen aus dem Publikum sucht, bat er, jemand solle sich neben ihn stellen und tun, was er ihm sage. Ich hielt die Hand hoch. "Ich, bitte ich", sagte ich.
Die Menge verstummte, als ich meinen Platz zu seiner Rechten einnahm.
"Das Universum hat sich so enorm ausgedehnt", sagte er, "mit Ausnahme von dem geringfügigen Glitsch, durch den er uns gejagt hat, dass das Licht nicht mehr schnell genug ist, irgendwelche Trips zu unternehmen, selbst wenn es unvernünftig viel Zeit dafür zur Verfügung hätte. Einst das Schnellstmöglichste, heißt es, gehört das Licht jetzt auf den Friedhof der Geschichte, wie der Pony Express.
Ich bitte jetzt dieses Menschenwesen, welches genug Schneid besitzt, direkt neben mir zu stehen, sich zwei funkelnde überflüssigen Lichts am Himmel über uns auszusuchen. Es ist nicht wichtig, was für Punkte es sind, sie müssen nur funkeln. Wenn sie nicht funkeln, sind es entweder Planeten oder Satelliten."
Ich suchte zwei Lichtpunkte heraus, die vielleicht anderthalb Meter weit auseinander lagen. Der eine war der Polarstern. Ich habe keine Ahnung, welcher der andere war. Meinetwegen war es Kotz, Trouts Stern von der Größe 2 b.
"Funkeln sie?" sagte er.
"Sie funkeln", sagte ich.
"Versprochen?", sagte er.
"Ehrenwort", sagte ich.
"Hervorragend! Klingeling!", sagte er. "Nun denn: Welche Himmelskörper diese beiden Glitzerteile auch repräsentieren mögen, sicher ist, dass das Universum einen solchen Verdünnungsgrad erreicht hat, dass das Licht, um vom einen zum anderen zu gelangen, tausende oder Millionen von Jahren benötigen würde. Klingeling? Doch nun bitte ich Sie, erst ganz genau den einen und dann ganz genau den anderen anzusehen."
"Okay", sagte ich, "fertig."
"Hat eine Sekunde gedauert, ja?", sagte er.
"Länger nicht", sagte ich.
"Selbst wenn es eine Stunde gebraucht hätte", sagte er, "hätte sich zwischen den beiden Punkten, wo diese beiden Himmelskörper einst waren, etwas von da nach dort bewegt, und zwar, vorsichtig geschätzt, eine Million mal so schnell wie die Lichtgeschwindigkeit."
"Was war es?" sagte ich.
"Dein Bewusstsein", sagte er. "Das ist eine neue Qualität im Universum, die nur existiert, weil es Menschen gibt. Von jetzt an müssen Physiker, wenn sie die Geheimnisse des Kosmos bedenken, nicht nur Energie und Materie und Zeit in ihre Rechnungen einbeziehen, sondern etwas ganz Neues und Schönes, welches man menschliches Bewusstsein nennt."
Trout machte eine Pause und stellte mit dem Ballen seines linken Daumens sicher, dass seine obere Gebissplatte nicht rutschte, während er an jenem verzauberten Abend seine letzten Worte an uns richtete.
Die Zähne saßen prima. Dies war sein Finale: "Ich habe über ein besseres Wort für Bewusstsein nachgedacht", sagte er "Nennen wir es Seele." Wieder macht er eine Pause.
"Klingeling?", sagte er.
Eine Nachtwache fährt mit dem Fahrrad zur Züchterklause, damit sie die letzten Augusttage mit ein paar Sonnenstrahlen genießen kann.
Hahn Hannes wurde wohl in der Nähe ausgesetzt, wie ich erfuhr, und fand nun hier hauszahm eine neue Bleibe. Tagsüber stolziert er zwischen den Bänken der Gäste umher. Manche reichen ihm Weintrauben, andere geben etwas von ihrem Essen. Hahn Hannes ist Gesprächsthema. Auch mir gefällt er, wenn ich bei Bier und Lektüre relaxe. Er hat es ziemlich luxuriös - ich hörte, dass er nicht wie ein normaler Hahn schläft, sondern seinen Kopf auf ein Kissen bettet; er scheint seine Prominenz zu genießen, wenn er an uns vorbeistolziert ... wie es um sein Sexualleben bestellt ist, weiß ich nicht - aber sein Kikerikiiii! ist eine Wucht, sein Kikerikiii! ist besser als meins.
Ich begnüge mich damit, noch ein Bier zu bestellen, in die Sonne zu blinzeln wie ein müder, alter Hund.
Okay.
Jetzt kommt die Hardcore Version:
Ich begnüge mich! Ich begnüge mich!
Bin weder Hahn noch Gockel!
Mache weder Kikerikiii!
Noch Wumms-Bumms!
Denn ich begnüge mich ... Ich begnüge mich!
Ich begnüge mich!!
Ich begnüge mich!!
Bin weder Hahn noch Gockel!
Und mein Kikerikiii
hört man nur, wenn man ganz genau
die Ohren spitzt.
(Vor Hahn Hannes habe ich allen Respekt, denn er ist ein Hahn.)
An meine Küchenwand über die Spüle klebte ich einen Spruch von einem Abreißkalender aus dem Altenheim. Die Tagesweisheiten darauf sind zu über 90 % dämlich. Aber ab und zu ist doch etwas Nachdenkenswertes dabei, und ich schneide es mir aus.
Wenn unsere Chefin morgens früh zum Dienst kommt, und wir haben das Kalenderblatt nicht abgerissen, motzt sie uns deswegen blöde an - das nur nebenbei.
Hier also der Sinnspruch, um den es mir geht, von Franz von Assisi:
"Tu erst das Notwendige,
dann das Mögliche,
und plötzlich
schaffst du das Unmögliche."
Ich denke, dass es auf unserer Welt bereits beim Notwendigen hängt. Offensichtlich gibt es unter den Menschen sehr unterschiedliche Ansichten darüber, was notwendig ist.
bonanzaMARGOT
- 14. Aug. 08, 15:13