In der Bergpredigt hat Jesus gesagt, wie grässlich das Leben ist: "Selig sind die, die da Leid tragen" und "Selig sind die Sanftmütigen" und "Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit"
Henry David Thoreau sagte bekanntlich: "Die Masse der Menschen führt ein Leben stiller Verzweiflung."
Es ist also kein bißchen mysteriös, wenn wir das Wasser und die Luft und die Ackerkrume vergiften und immer listigere Geräte zur Vorbereitung des Jüngsten Gerichts ersinnen, industriell wie militärisch. Seien wir zur Abwechslung mal ganz ehrlich. Für praktisch jeden kann das Ende der Welt gar nicht bald genug kommen.
Mein Vater, Kurt senior, ein Architekt aus Indianapolis, der Krebs hatte und dessen Frau etwa 15 Jahre vorher Selbstmord begangen hatte, wurde verhaftet, weil er in seinem Heimatort eine rote Ampel überfahren hatte. Es stellte sich heraus, dass er seit zwanzig Jahren ohne Führerschein gefahren war!
Wissen Sie, was er zu dem Schutzmann sagte, der ihn verhaftet hatte? "Dann erschießen Sie mich doch", hat er gesagt.
Die SPD beerdigt sich selbst. Schon faszinierend, wie man sein eigenes Grab schaufelt. Schaufel für Schaufel. Man kann wohl nicht mehr zurück.
Im Altenheim bin ich gerade Zeuge und leider unfreiwillig Mitwirkender eines solchen Auflösungsprozesses. Es ist grauenhaft, wie sich die Leute gegenseitig zerfleischen. Ich verstehe es nicht. Selbst die guten Worte werden zu Gift.
Es ist ein Witz, dass in einer Welt zunehmender Verrohung der Sitten und Moral die geleckten Verantwortlichen aus Politik und Gesellschaft diese Werte von jenen einfordern, die am unteren Ende der sozialen Leiter herumkrebsen. Freilich darf man jeden Menschen beim Schlafittchen packen und ihn zu mehr Moral, Demut und sozialen Gewissen mahnen; aber ich empfinde es als höchst unanständig, wenn sich gerade schmerbäuchige Politiker und andere Privilegierte aus dem Fernseher mit moralischem Zeigefinger in die Wohnzimmer derer lehnen, die durch eine jahrzehntelange Rationalisierungspolitik aussortiert und abgedrängt wurden. Es ist geradezu infam, was sich die Menschen aus der gehobenen Gesellschaftsschicht tagtäglich leisten ... und dann noch ihre Weisheiten im TV ablassen.
Ich plädiere nicht für noch mehr Wohlstand in unserer Gesellschaft, sondern für mehr Menschenachtung, die nach meinem Dafürhalten umso mehr abnimmt, desto mehr Reiche, Superreiche und Lackaffen es gibt. Hätten diese Leute ein soziales Gewissen, gäbe es keine Wohnungsnot, denn es gibt mehr als genug Wohnraum.
Hätten diese Leute ein soziales Gewissen, müsste schon lange kein Mensch mehr auf der Erde hungern.
Würden sie doch wenigstens die Klappe halten ... und sich und ihren Reichtum nicht noch rechtfertigen - dabei die Menschen verhöhnen, die sie ausbeuten!!
Für mich ist das harter Tobak. Ich bin Altenpfleger. Ich betreue und pflege die Menschen, die so gut wie keinen Fürsprecher mehr haben und muss mit ansehen, wie sogar diese hilflosen Menschen fürs Geschäft missbraucht werden. Die Heuchelei schlägt mir wie ein schwülwarmer Wind ins Gesicht: "Du kannst dir ja eine andere Arbeit suchen, wenn es dir nicht passt; der alte Mensch steht im Mittelpunkt ...", sagt man mir, ohne mit der Wimper zu zucken; und ich denke: "Klar, der steht im Mittelpunkt eurer wirtschaftlichen Interessen."
Dummerweise gibt es weder genügend Personal noch ausreichend Geld - also drangsaliert man die einfachen Mitarbeiter, legt ihnen Daumenschrauben an, damit sie endlich ihre Arbeit ordentlich verrichten, was im Grunde so viel heißt, dass sie nicht herummotzen und also gefälligst über die Missstände Schweigen bewahren sollen. Pflegeberichte und Pflegeplanungen werden gewissenlos getürkt.
Das Personal wiederum verliert die Motivation und läßt seinen Frust an jenen aus, die es eigentlich (liebevoll) zu betreuen und pflegen hat. Also, ich mach`s kurz: Es ist dann nur eine Frage der Zeit, dass Pflegemissstände aufgedeckt werden - ein Aufstöhnen geht durch die Gesellschaft ... und die sauberen Verantwortlichen aus Politik und Gesellschaft bescheren uns mal wieder einen tollen Diskussionsabend, nach welchem man so klug ist als wie zuvor.
Und so immerfort.
Lew Kopelew im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt:
"Ich bin kein Regimekritiker. Ich bin ein Literat, der ein Gewissen hat. Ich trete nicht gegen das Regime auf, sondern für den Menschen."
Kopelews Ausspruch läßt sich analog auf meine Arbeit als Altenpfleger interpretieren:
"Ich bin kein Kritiker des Altenheims. Ich bin ein Altenpfleger, der ein Gewissen hat. Ich trete nicht gegen den Arbeitgeber auf, sondern für den Menschen."
Die Oberschwester schaute von ihrem PC plötzlich zu mir herüber und erhob ihre raue Stimme:
"Felix, was meintest du eigentlich, als du zu L. sagtest: Sollen die erstmal ihre Arbeit gescheit machen, dann mache ich auch gute Arbeit?" Ihr schmaler Blick traf meinen feierabendmüden Geist wie eine Sense. Es haute mich fast vom Stuhl. Tatsächlich hatte ich mich etwas verärgert gegenüber dem Stationsleiter L. wegen einer Dienstanweisung geäußert, die mir ohne weitere Erläuterung bei meinem Dienstantritt nach meinem Urlaub vorgelegt wurde. Den genauen Wortlaut meiner Schimpfe wusste ich selbst nicht mehr. Ich meinte, dass "die", also unsere Chefs, doch erstmal ihre Arbeit gut machen sollten, dann könnten sie auch erwarten, dass ich bzw. wir unsere Arbeit gut machten. Ich ahnte nicht, dass Stationsleiter L. brühwarm meine Worte an die Oberschwester weitergeben würde. Eigentlich hatten wir bis dato ein gutes Arbeitsverhältnis. Und ihn meinte ich schließlich nicht.
Natürlich würde ich die Dienstanweisung akzeptieren, verteidigte ich mich und versuchte die Situation meines Ärgernisses zu erklären - dass ich niemanden persönlich damit angreifen wollte und lediglich irriert über die Art und Weise war, wie mir die Dienstanweisung vorgelegt wurde. Die Oberschwester giftete indessen weiter: "Ich kann ein solches Verhalten nicht mehr dulden. Ich werde das zu Protokoll nehmen, und du kannst dich bei der nächsten Nachtwachensitzung rechtfertigen." Meine Nachtwachenkollegin war inzwischen kleinlaut aus dem Dienstzimmer geschlichen. Zurück blieben meine Chefin, eine Kollegin vom Tagdienst und ich. Die Kollegin fungierte als Zeugin für die Oberschwester. Wir diskutierten noch ein paar Minuten herum, in denen ich meinen müden Geist anstrengte, hinter den Sinn der morgendlichen Zurechtweisung zu kommen. Ich war mir keines wirklichen Vergehens bewusst. Sie dagegen geiferte in gewohnter Manier, dass sie andere Seiten aufziehen würde, vor allem dem Nachtdienst gegenüber; und sie sei froh darüber, dass ihr Stationsleiter L. meinen Ausspruch übermittelte ... mir rauschten die Ohren - wahrscheinlich stieg mein Blutdruck über 200.
Stocksteif verabschiedeten wir uns - noch ein kurzer Blick in ihre wässrigen Augenschlitze.
Ich war derart in Gedanken wegen dieses Vorfalls, dass ich am Ausgang vergaß abzustechen. Ich werde wohl ein Formblatt über meine Dienstzeit ausfüllen müssen. Als Begründung könnte ich schreiben: "Nach Kritikgespräch mit der Oberschwester kopflos das Altenheim verlassen und vergessen abzustechen - darum Rhythmusfehler." Das Formular werde ich zusammen mit der unterschriebenen Dienstanweisung in ihren Briefkasten werfen. Mal sehen, wie ich Stationsleiter L. das nächste Mal begegne. Die Angelegenheit bescherte mir einen schlaflosen Tag.
Hubble sei Dank!
Heute morgen, als ich aufwachte, lief im TV eine Doku über eine Trauminsel - North Island liegt in den Seychellen - eine Urlaubsinsel für VIPS und Superreiche. Wie schön die Menschen dort leben - paradiesisch, ohne Verkehr, ohne Lärm, unter Kokospalmen, am weißen Sandstrand, in der Nachbarschaft lediglich ein Paar kopulierende Riesenschildkröten. Den reichen Gästen liest ein persönlicher Butler, der rund um die Uhr zur Verfügung steht, jeden Wunsch von den Lippen ab. Währenddessen werden Technik und Logistik im Verborgenen abgewickelt; das Ambiente der Inselbehausungen ist der natürlichen Landschaft angepasst; das ca. 100köpfige Personal wohnt in einem Dorf in der Inselmitte.
Für gestresste Manager, Politiker, Schauspieler, Popstars der ideale Ort, um in der Natur bei höchstem Lebensstandard anonym zu relaxen mit dem sinnlichen Erlebnis von Meer, Wind und Sonne vor der Terrasse sowie einer intakten Inselökologie. Selbst das Personal scheint zufrieden und in völliger Harmonie zu leben - lediglich die Einsamkeit, das Leben weg von der Familie, macht einigen zu schaffen.
Ich stelle mir vor, wie ich auf dieser Insel als Dichter und Künstler lebe. Nach dem Luxus hätte ich kein Verlangen. Ich würde bei dem Personal wohnen, einige kleinen Arbeiten übernehmen und in meiner Freizeit schwimmen, schnorcheln, schreiben oder malen. An einem solchen Ort würde ich die Zeit vergessen, ich wäre frei wie die Natur und würde mir vorstellen, so alt wie die Riesenschildkröten zu werden - der Pascha unter ihnen ist 150 Jahre alt.
Die Bilder von der Insel zerren an meinem Herz. Schöne Träume können weh tun. Im Dokumentationskanal diskutierte man inzwischen über das Für und Wider des Autos in unserer Gesellschaft und über die tragischen Schicksale von Eigenheimbesitzern vor und nach der Pleite. Ich nippe am Morgenkaffee und schiebe die Gedanken an den bevorstehenden Nachtdienst möglichst weit von mir. Es ist vertrackt - beinahe unerträglich, dass es etwas wunderschönes wie North Island gibt.
http://www.north-island.com/
Mit Erschrecken stelle ich fest, dass meine letzte Urlaubswoche beginnt.
Alles in allem verlebte ich kurzweilige Tage. Nicht alles war Gold, aber einiges wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Manches erscheint mir bereits weit weg, so dass ich mich frage, ob ich es wirklich erlebte oder nur träumte. Vieles auf meiner Fahrradreise passierte wie im Tagtraum. Ich fuhr wie durch einen Tunnel, um mich herum ein riesiges 3D-Kino. Ich schummelte mich über die Wege und Straßen, als gäbe es mich nicht. Das dachte ich wirklich zwischendurch, wenn ich alleine Kilometer um Kilometer in die Pedalen trat. Das Universum existierte lediglich in meinem Kopf. Ich hatte beinahe autistische Anwandlungen. Es war derart intensiv, dass sich mein Geist vielleicht auf diese Weise schützte.
Warum verrinnt die Zeit nur so schnell? Nichts kann man festhalten. Immer der Blick nach Vorne.
Am schlimmsten waren die trüben Tage. Wenn ich dann noch die Orientierung verlor, wurde die Welt zu einem riesengroßen Irrgarten, in dem ich alleine und von Gott verlassen herumirrte. Da wurden ein paar Sonnenstrahlen zum schönsten Trost. Schließlich fand ich auch den Weg immer.
Und manche Tage waren unbeschreiblich schön. Mir fehlen die Worte, darüber zu erzählen. Alles war in wunderbares Licht getaucht und verwandelte sich vor meinen Augen gleichsam zu Gold. Ich war vor Glück ganz aufgeregt - jetzt nur nicht auf eine Straße und sich die Stimmung vom Auto- und Lastverkehr vermiesen lassen!
Wieder entdeckte ich viele schöne Orte und Landschaften Deutschlands. Die hässlichen Seiten einer überindustrialisierten Gesellschaft zeigten sich natürlich auch viel zu oft. Wir leben in einer Autowelt. Straßen durchschneiden brutal die Landschaften, und ich hatte stundenlang das Verkehrsgebrumme in den Ohren. Auf stark befahrenen Straßen fühlte ich mich ohnmächtig, förmlich erdrückt von der Blechlawine, die an mir vorbeirauschte. Es war teilweise sehr beängstigend. Haben wir uns an das alles bereits zu sehr gewöhnt?
Die Anspannung löste sich auf den Radwanderwegen, die ich immer wieder suchte.
Ich lächele für mich in Gedanken an meine Reise. Es war schön ... und ich blieb heil.
Ein freundlicher Montagmorgen läutet meine letzte Urlaubswoche ein. Bevor ich anfange darüber Trübsal zu blasen, schwinge ich mich lieber auf mein Bike und drehe eine Runde. Arrivederci, Freunde!
Aus: 18. Nach dem Sieg
Aber morgens beim Aufwachen repetierte ich auswendig das Vaterunser lateinisch, russisch und deutsch. Ich war betrübt, wenn ich steckenblieb, ein Wort vergessen hatte - das bedeutete: mein Gedächtnis ist schwach geworden. Wenn ich aber alles ohne Stocken schaffte, freute ich mich und wiederholte noch und noch: "... und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel."
Russisch heißt es von dem "Arglistigen". Ich dachte darüber nach, warum das Lateinische von "malo" spricht, das Deutsche vom "Übel" und das Russische vom "Arglistigen"; ich fand dafür allerlei sozialhistorische Deutungen und überlegte, man müsse ein Buch über die Eigenarten in der Entwicklung der russischen Moralphilosophie schreiben. Aus meinen Gefägnisreflexionen über ein katholisches Brevier entstand viele Jahre später ein Begriff, eine Vorstellung: in der russischen Sprache und in der russischen Kunst ist das Gewissen nicht nur eine sittliche, moralische, sondern auch eine selbständige ästhetische Kategorie. Noch später erklärte ich gerade damit die organische Nähe des deutschen Katholiken Heinrich Böll zu unseren Lesern, zu den Traditionen unseres Schaffens und unserer Literaturrezeption.