Sonntag, 27. Januar 2008

Altenheime - Lügengebäude

Das Altenheim soll verkauft werden. Ich bin gespannt, wer den alten Bunker haben will, wo er bald auseinander fällt. Es ist schwer vorstellbar, dass es sich für ein Unternehmen rechnet, den gesamten Bau zu renovieren, was dringend anstände, um den Altenheimbetrieb weiterzuführen. Das Fußvolk (also das Personal) wird wie meist als letztes informiert werden, wie es um ihre Zukunft in dem "alten" Altenheim bestellt ist. Na ja, und die Altenheimbewohner haben schon gar nichts zu melden. Gerüchte kursieren freilich schon; und wer weiß, vielleicht schließt der Laden früher, als es uns allen lieb ist. Im Frühjahr will man uns über die Pläne in Kenntnis setzen.
Dreizehn Jahre harre ich nun schon an demselben Arbeitsplatz aus. Man wächst zusammen mit dem Personal, dem Haus, den Bewohnern, sogar mit den Chefs. Mit gemischten Gefühlen denke ich an eine bevorstehende Schließung oder an einen neuen Arbeitgeber. Einerseits würde ein neuer Wind dem Betrieb gut tun, andererseits vertraue ich der Volksweisheit, dass neue Besen besser kehren, nur mit Vorbehalt. Die Altenpflege wird mehr und mehr zum Geschäft. Das Personal und die Bewohner sind Zahlen in einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Zum Glück müssen die Betreiber in ihre Berechnungen den Ruf des Hauses einfließen lassen. Um die Betten voll zu bekommen, braucht man auch in der Altenpflege eine möglichst gute Publicity. Drum wird dem Personal ein Schweigegelübde abgenötigt, dass nur nichts "ungehöriges" über die Zustände nach draußen dringt. Natürlich dringt es doch ..., und darum versucht man von oben die Angestellten und Arbeiter zu beruhigen und appelliert an ihr Gemeinschaftsgefühl. Dass den Alten und den Angehörigen zum Teil unmögliches versprochen wird, dass die Einrichtung für sich einen Pflegeleitfaden propagiert, der der Pflegewirklichkeit größtenteils Hohn spricht, daran gewöhnt man sich mit den Jahren. Es gehört zum Geschäft, denkt man, wie all die trügerischen Verpackungen und Werbeversprechen in der Wirtschaft. Die Kundschaft wird legal hinters Licht geführt.
Nun muss man nur noch irgendwie dem einfachen Arbeiter und Angestellten klar machen, wieso er für weniger Geld mehr und besser arbeiten soll, während die Preise steigen. Zu viel Unruhe und Unmut darf man in den Reihen der Beschäftigten nicht schüren, denn sie sind Mitwisser in dem großen Lügengebäude. Man erpresst sich gegenseitig ohne Worte. Der Arbeitgeber droht mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, und die Angestellten drohen damit, den Dreck unter den Betten ans Licht der Öffentlichkeit zu kehren. Idealerweise entsteht eine Art Symbiose, solange beide Symbionten zufrieden sind - ein wackeliges Gleichgewicht.
In unserem Heim herrschen seit geraumer Zeit atmosphärische Störungen. Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kritisierten die Regentschaft der PDL (Pflegedienstleitung). Seitdem fliegen die Fetzen. Das sensible Gleichgewicht der Lügen droht zu kippen. Nun beraten die Direktoren, was zu machen ist.
Am Besten verkauft man den ganzen Laden, bevor alles aus dem Leim geht. Es muss nur sauber von der Bühne gehen, denn man hat noch andere Einrichtungen. Man will keine schlechte Öffentlichkeit. Man verkauft keine Handys wie Nokia ...

Mittwoch, 23. Januar 2008

Die Suche nach Trost

Der Schleim brodelte und spritzte bei jedem Hustenanfall aus der gebogenen Tracheakanüle. Wir mussten den Bewohner häufig absaugen. In den Nachtdiensten ließ ich seine Zimmertür offen, damit ich die Atemgeräusche hören konnte. Vor drei Tagen verstarb er. Wir waren auf dem Windelrundgang gewesen, und als wir zu seinem Zimmer kamen, um ihn zu lagern und zu versorgen, sagte meine Kollegin, die in der Tür stand: "Felix, komm mal ..." Wie meine Kollegin sah ich auf den ersten Blick, dass Herr H. gestorben war. Ich sah es nicht nur , ich spürte es irgendwie. Es war diese "Ruhe".
Nein, er war nicht erstickt. Seine Augen waren geschlossen, seine Gesichtszüge entspannt.
Ich war dem Leben dankbar, dass es diesen Menschen nicht mehr plagte. Niemals werde ich seine aus Angst aufgerissenen Augen vergessen, seinen verzweifelten Blick, wenn wir ihn windeln mussten, ihn drehen mussten. Oft lag er bereits blau angelaufen in seinem Schweiß und wäre fast an seinem Schleim erstickt. Niemals werde ich dieses Brodeln, sein Ringen nach Luft vergessen, sein blaurotes Gesicht und die Schweißperlen auf seiner Stirn. Mein Mitleid half ihm nicht viel. Es war ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn ich ihn in den Arm nahm, wenn ich ihn streichelte, ihn beruhigte, um ihm die Angst zu nehmen. Man gewöhnt sich auch an das Leid. Man gewöhnt sich an die Grausamkeit des Lebens.
Oft fragen wir uns, warum manche Menschen derart leiden müssen. Wir haben keine Antworten.
Die Angehörigen hoffen oft noch auf Besserung. Wer soll es ihnen verdenken? Im Falle von Herrn H. war der Tod eine Erlösung. Ich glaube, ich darf das sagen. Er schlief ein. Vielleicht ist er jetzt an einem Ort, wo er Antworten auf all die quälenden Fragen des Seins erhält.
Ich werde noch viele Menschen sterben sehen. Und auch die Angst, die Verzweiflung und die Ohnmacht dabei erleben. Und die Suche nach Trost.

Donnerstag, 17. Januar 2008

Vier Goldbuben auf einen Blick:


................................................................. wer hat die dicksten Titten?

Wie sie da stehen, erinnert mich übrigens an eine Szene in Sergio Leones Meisterwerk "Es war einmal in Amerika". Eine junge Frau, die zuvor von einem Bankräuber vergewaltigt wurde, sollte denjenigen durch "Abgreifen" des Geschlechtsteils identifizieren. Die Gangster standen ähnlich wie diese vier Buben in einer Reihe ...
und grinsten so vor sich hin.

Samstag, 12. Januar 2008

Dieter Hildebrandt "Nie wieder achtzig!"



Geschlossene Gesellschaft

... Huxley hat in seinem Roman "Brave New World" einen interessanten Vorschlag gemacht. Er schlug vor, Luxushotels zu bauen, die Menschen ab einem Alter von 50 Jahren einen dreitägigen Aufenthalt mit tödlichem Ausgang anbieten. Während dieser drei Tage können die Alten einen nie erlebten Luxus genießen. Und mittels einer Schlaftablette, die wunderschöne Träume erzeugt, schlafen sie schmerzlos, gelöst und in Würde hinüber.
Auch die Vertreter der Kirchen, die natürlich über ihren Schatten springen müssten, könnten diese glücklichen letzten Tage verschönern helfen durch das Angebot besonders feierlicher Trauerfeiern. All das müsste kostenlos angeboten und mit geschmackvollen Werbetexten der Bestattungsindustrie begleitet werden. So ein Hotel könnte einen schönen Namen bekommen. Vielleicht "Point of no Return".
...
Auf jeden Fall sind wir Alten ein mächtiger Wirtschaftsfaktor. Man bemüht sich um uns. Private Altenheime vermehren sich ähnlich schnell wie die Alten.
Natürlich ist daran nichts zu verdienen.
Zu wenig Pflegerinnen und Pfleger. Zu wenig Zeit. Zu viele Alte. Zu wenig Geld. Wir sind, gemessen an dem Zustand einer ganzen Reihe von Heimen, eins der ärmsten Länder der Welt. Wahrscheinlich, wie auch in der Bildung, auf einem Abstiegsplatz. Platz 129.
...

Dienstag, 8. Januar 2008

TOO OLD TO ROCK`N`ROLL: TOO YOUNG TO DIE


Yep!

Donnerstag, 3. Januar 2008

- IV -

"Pubertät"

Ich bekam Hausverbot. Martinas Vater war tierisch eifersüchtig. Wenn Klassenpartys waren, holte er seine Tochter Punkt Zehn am Abend ab. Da half auch das charmante Betteln von Martinas Freundinnen nichts. Erst nach und nach lockerten sich die Verbote. Martina würde ja in nicht allzu ferner Zeit Achtzehn werden. Unsere Liebesbeziehung entromantisierte sich zusehends. Ich hatte den Alkohol als Abenteuer für Männer entdeckt und besoff mich das ein ums andere Mal mit meinen Kumpels. Auch fiel mein Blick auf die vielen anderen Mädchen, die ich reizvoller und hübscher als meine Martina fand. Wir waren zwei Jahre zusammen und standen kurz vorm Abi. Die Pubertät tobte sich in den Hormonen aus. Pickel sprießten in meinem Gesicht wie Blumen auf einer Frühlingswiese. Und ich hatte null Bock auf Lehrer, Eltern und die Zukunft, für die ich angeblich lernte. Meine Helden waren die Aussteiger, die Rock-Stars, die Gescheiterten und die Gerechten, während die Gesellschaft verlogen, arrogant, autoritär und korrupt langsam ihre Spinnenarme nach mir ausstreckte. Ich sollte erwachsen werden. Ich sollte werden wie sie. Dagegen wehrte ich mich. Ich soff. Ich soff vor der Schule. Ich soff in den Freistunden. Ich soff nach der Schule. Niemandem schien es großartig aufzufallen. Mein Kumpel hatte schon ein Auto, und wir schwänzten zusammen die Schule. Im Auto tranken wir Wein und alles, wofür der Geldbeutel reichte.
Es kam, wie es kommen musste: Martina trennte sich von mir. Ich hatte meinen ersten handfesten Liebeskummer. Mein Gott, da soff ich natürlich erst recht. So bitter und schmerzhaft es war, genoss ich dieses Gefühl auch, passte es doch gut zu meinem erträumten Anti-Helden-Dasein. Ich war jetzt einer von ihnen. Ich war abgrundtief verzweifelt und spielte mit Selbstmordgedanken. Nein, es war nicht nur Pose.
Da lief mir eines Abends Veronika über den Weg. Ich saß mit meinen Kumpels im "Loch Ness", einem Jugendkeller. Es lief die Rockmusik der 68er, und die Flasche Bier kostete nur 1 DM.

Mittwoch, 2. Januar 2008

Dicke Lippen

James Stewart, heute morgen dachte ich an ihn. Keine Ahnung, warum. Einer der wenigen Schauspieler, den ich von Herzen mag.

Ein Mann mit einer Unterlippe wie ich.

Montag, 31. Dezember 2007

Silvestergedanken

Der Dezember entwickelte sich mit den Jahren für mich mehr und mehr zum Unmonat.
Drei Termine, die sich mit meiner Lebenseinstellung schwer vereinbaren lassen: Geburtstag, Weihnachten, Silvester.
Den Geburtstag feiere ich nicht, weil ich spätestens, seit ich altersmäßig die Mitte des Lebens überschritt, mir Jahr für Jahr bewusster wird, wie elend das Leben ist. Die Träume gehen den Bach runter, und das Ableben rückt unweigerlich näher. Warum soll ich einen Tag feiern, der das alles sozusagen eröffnete?
Weihnachten ist für mich der Inbegriff gesellschaftlicher Doppelmoral. Man macht auf Friede-Freude-Eierkuchen, während die ärmsten der Armen quasi vor der Haustüre verrecken. Die Familien schließen ihre Türen ab und feiern ihre ganz eigenes Fest der Liebe, das Fest der unsinnigen Geschenke, des Kommerzes und der Völlerei. Und die Kirchen sind wenigstens einmal im Jahr übervoll.
Mich erfasst Ekel, wenn ich an Weihnachten denke. Dies ist nicht meine Ethik!
Silvester bildet den krönenden Abschluss, als müssten die Menschen mit der Knallerei landein, landaus noch eins draufsetzen, als hätten sie noch nicht genug abgefeiert und gefressen, als müssten sie sich selbst zeigen, wie stolz sie auf ihre Leistungen sind. Schlimmer geht`s nimmer, würde ich sagen.
Silvester ist auch der Tag der guten Vorsätze und Wünsche für`s nächste Jahr. Ich wünsche mir, dass dieser Irrsinn und diese Verlogenheit endlich aufhörten, denn jedes Jahr wird mir übler, nicht nur im Unmonat Dezember.

Insofern bin ich ganz froh, dass ich heute am Silvestertag Nachtdienst im Altenheim schiebe. Die meisten Alten sind demenzkrank und verschlafen Silvester. Die Knallerei könnte manche verängstigen - sie fühlen sich an den Krieg erinnert. Wie jede Nacht hoffe ich, dass ich den Notarzt nicht brauche und die Bewohner am nächsten Morgen noch alle lebendig in den Betten liegen. Ich spüre nichts besonderes mehr, wenn die Uhr Zwölf schlägt. Aus Höflichkeit stoße ich mit meiner Kollegin an und wünsche den Alten, die wach sind, ein Gutes Neues Jahr.
Da ich schon mal dabei bin: Liebe Blog-Leser, auch euch einen guten Rutsch. Bleibt gesund und werdet nicht so kauzig wie ich.

ein literarisches Tagebuch

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