Sonntag, 30. Dezember 2007

Tod und Sterben

Ich werde mich mit dem Tod und dem Sterben nie abfinden. Es ist nicht die Trauer. Die Verluste schreibt nicht nur der Tod. Wenn ich nach ein paar Tagen Frei ins Altenheim zurückkomme und in den Betten mancher Bewohner(innen) liegen fremde Gesichter; Gesichter, die mir bald ebenso vertraut sind wie die der Verstorbenen - so ist das an sich nichts Ungewöhnliches im Altenheim, sogar staune ich über die Alltäglichkeit des Todes - warum ich mich mit ihm nicht abfinden will, ist die Absurdität der Existenz, welche mir durch sein Auftreten wie ein überdimensionales Fragezeichen ins Bewusstsein rückt. Wozu die ganzen Mühen und Qualen, wozu der Ehrgeiz und das Suchen nach Glück, wenn der Tod allem mit einer fahrigen Handbewegung schlicht ein Ende setzt, als wäre nichts von alledem von Bedeutung, höchstens als Durchhaltestrategie ersonnen. Wozu? Wie viele Menschen sah ich sterben in den 20 Jahren Altenpflege? Zahllose Gesichter und Namen sehe ich vor mir. Einige starben wie vom Blitz getroffen und andere warteten Monate, sogar Jahre an der Rezeption des Todes. Kein Flehen und kein Bitten half, der Tod wollte sie lange nicht zu sich holen, als hätte er sie vergessen, oder als hätten sie etwas abzubüßen. Und als wir es schon gar nicht mehr erwarteten, nahm er sie doch zu sich. Wie viel Leiden sah ich in diesen Jahren? Menschen litten grausam, ohne dass sie eine Sprache hatten. Ich stand an ihren Betten und fragte mich: Wozu? Der Tod und das Sterben machen das Leben absurd. So denke ich, weil ich ein Mensch bin. Nur Menschen schreiben darüber Gedichte.
Ich arbeite an der Rezeption des Todes. Das ist ein Ort, an dem es nicht wirklich eine Zeit gibt. Der Tod ist grausam, wenn er die Menschen warten lässt. Das Leben ist nur ein Haus. Und der Tod rückt vor. Das eine Mal plötzlich und das andere Mal wie ein Schatten, der sich beinahe unmerklich ausbreitet. Wenn ich ihn wachsen sehe in den Menschen, wie seine Hand in ihnen wühlt - als würde er sie bei lebendigem Leibe ausweiden - dann wird mir klar, wie klein ich bin, und wie achtlos und dumm als Mensch ... . Auch ich werde eines Tages an der Rezeption des Todes ankommen, ohne Dienstkleidung, nackt, alt, krank und gebrechlich. Dann soll er mich nehmen, der Hund! Wozu sich wehren?
Bis dahin sehe ich mit an, wie die Anderen sterben, und grübele ..., und erinnere mich an ihre Wärme und den Glanz ihrer Augen, so wunderbar, jedes Leben.

Donnerstag, 27. Dezember 2007

In der Mottenkiste des www.

ergoogelte boMA einen seiner Texte in einer fremden Homepage. Er meinte, dass er auch ein paar Jahre später gut passe, zumals jetzt, zwischen den Jahren. "Ja", meinte ich, "her damit!" Und da ist er, seltsam unverstaubt:


ich halte dagegen, so gut ich kann

hm, niemand wird es jemals schaffen die herde der lemminge
in eine vernünftige richtung zu lenken
wir sind übertechnisiert und hypermedial miteinander
verbunden, aber wir leben weiterhin im mittelalter
oder in der steinzeit - was weiß ich ...
es gibt leider zuviele menschen, die ihre persönlichen
ziele und ihren glauben einfach über die ehrfurcht vor
dem leben stellen
das war schon immer so
diese menschen instrumentalisieren sich selbst als
verfechter einer höheren idee oder ihres egoismus
und gehen über leichen
die moralische rechtfertigung hierfür schustern sie
sich zusammen - nichts leichter als das
oder? was ist mit dem gewissen eines soldaten, der auf
befehl tötet?
wir können von glück reden, daß wir in unserer gesellschaft
frei reden dürfen, und wir sollten diese gelegenheit
ausnutzen und eben nicht vorm fernseher einpennen
wir sollten schreien, auch wenn sich unsere nachbarn
peinlich berührt abwenden

viele unserer westlichen zeitgenossen(innen) lassen
sich liebend gern vom wohlstandsmüll einlullen
und lehnen sich selten mal aus dem fenster
der idealismus ist irgendwo in den siebzigern des letzten
jahrhunderts hängengeblieben
wahscheinlich geht es uns zu gut, und die neuen medien
schaffen so einen unpersönlichen raum zwischen uns und
dem weltgeschehen ...
das hat nichts mehr mit erotik zu tun
oder doch? ich warte auf den absoluten cybersex
dann macht man sich nicht mehr schmutzig und kann sich
seine duftnote wählen

okay, vielleicht denke ich da etwas zu weit
vielleicht aber merken wir die schleichende infiltration
des materialismus und der gefühlsarmut gar nicht



(boMA, 11. 01. 2002)

wiedergefunden bei http://mitglied.lycos.de/LotharKrist6/tod/philosoph/10_west_human.htm

Donnerstag, 20. Dezember 2007

Die Versuchung des heiligen Antonius


(1878, Félicien Rops)

Auch ich bin manchmal versucht.

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Vorprogrammierte Altersarmut

Gestern bekam ich Post von der Rentenkasse. Sie teilte mir meine zu erwartende Altersrente mit. Ab dem 15.08.2029 darf ich eine Rente in Höhe von 829,55 Euro monatlich beziehen. Davon werden Steuern sowie Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge abgehen. Wenn ich Glück habe, kann ich mir mit dem, was übrig bleibt, im Jahre 2029 eine 2 qm Zelle leisten, wie es sie z.B. bereits in Hongkong gibt.
Schon mal davon Bilder gesehen? Die Menschen leben dort mit ihren wenigen Habseligkeiten in abschließbaren Käfigen, übereinander gestapelt, in denen gerade mal eine Pritsche Platz hat.
In dem Schriebs werde ich darauf hingewiesen, dass ein zusätzlicher Vorsorgebedarf besteht.
"Da die Renten im Vergleich zu den Löhnen künftig geringer steigen werden und sich somit die spätere Lücke zwischen Rente und Erwerbseinkommen vergrößert, wird eine zusätzliche Absicherung für das Alter wichtiger (Versorgungslücke). Bei der ergänzenden Altersvorsorge sollten Sie - wie bei Ihrer zu erwartenden Rente - den Kaufkraftverlust beachten."
Wenn ich diese Zeilen lese, kriege ich einen imaginären Lachanfall, der mir real im Halse stecken bleibt.
Wenn ich mich z.B. mit der Riesterrente zusätzlich absichere, bekomme ich doch auch nur ein paar müde Euro mehr. Spielt es eine Rolle, ob ich im Jahre 2029 mit 800 oder mit 1000 oder wegen mir mit 1200 Euro rumkrebse? In jedem Fall werde ich zum Sozialfall. Wieso sollte ich also von meinem schon spärlichen Gehalt noch etwas für eine Altersvorsorge abzweigen? Kinder habe ich keine, denen ich zur Last fallen könnte, und meine Eltern werden bis dann wohl das Zeitliche gesegnet haben.
Gar nicht auszudenken, wie vielen Altersgenossen mein Schicksal wahrscheinlich teilen. Wir, die zukünftigen Rentengenerationen, werden immer stärker in die Altersarmut rutschen. Ich frage mich, wer das dann finanzieren soll.
Der Wohnkäfig ist gar nicht so unrealistisch. Oder vorher umbringen? Ich denke schon, dass ich mich lieber umbringe, bevor ich den letzten Rest Menschenwürde verliere. Man sollte zu diesem Zweck Suizidgemeinschaften bilden. Gemeinsam lässt es sich bestimmt leichter sterben - (tut mir ja leid um die Altenpfleger(innen) der Zukunft ... man wird einfach zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben trennen ... und von je her, so ist`s in der Natur angelegt, müssen sich jene aus der Gesellschaft verabschieden, die sich nicht mehr selbständig versorgen können. Besser würdig sterben als unwert leben.)
Aber noch ist es nicht so weit, nicht wahr? Mir geht es gut, und ich habe jetzt einen Grund mehr, mich zu besaufen. Ich werde die mir zugestellte "Renteninformation" rahmen und in den Flur hängen - ich verschlucke mich so gern an meinem Lachen.

Dienstag, 18. Dezember 2007

Es weihnachtet

"... der Rettungssanitäter sagte, dass er am Wochenende neun Tote hatte, alles Selbstmorde. Auch hatte sich eine alte Frau auf ihren Balkon gelegt in der Absicht zu erfrieren."
"Bei uns (im Altenheim) sind sie wenigstens nicht allein", sagte ich zu meiner Kollegin.
Wir hatten morgens um vier Uhr den Notarzt gerufen, weil eine Bewohnerin akute Atemnot hatte. Sie war bereits blau im Gesicht, und ihre Hand, als ich sie berührte, kalt. Sie brodelte und konnte kaum sprechen. An den Mundwinkel und Nasenlöchern hatte sich Schaum gebildet. Wir säuberten sie und gaben ihr Sauerstoff, bis der Notarzt kam. Meine Kollegin kümmerte sich darum, während ich den Rest vom Windelrundgang erledigte. Die Frau wurde abtransportiert. Der junge Notarzt war sehr ungehalten. Er kannte unsere Bewohnerin schon. "Es ist immer dasselbe", sagte er, warum wir nicht den Hausarzt angerufen hätten. Meine Kollegin zuckte mit den Schultern. Es war 4 Uhr in der Nacht. Wir waren ziemlich müde, denn wir hatten viel Lauferei und einige Betten zu beziehen. Bestimmt riefen wir nicht aus Jux und Tollerei den Notdienst.
Der Rettungssanitäter erzählte meiner Kollegin von den sich häufenden Selbstmorden zur Weihnachtszeit. Währenddessen wechselte ich die letzten Windeln und machte einen Einlauf ... .
Der Mond war hinter dem Haus aufgegangen, direkt über dem Krankenwagen.

Sonntag, 16. Dezember 2007

Der Bettgalgen


einfach, stilvoll, zweckmäßig

Samstag, 15. Dezember 2007

Der Verdacht

Die Welt ist ein Riesenschwindel, nicht nur dass Stefan Raab und Mario Barth ein und dieselbe Person sind ...

Montag, 10. Dezember 2007

Verlorenheit

der Mensch fällt wie ein Puzzleteil aus dem Bild / wo ist mein Bild? / nichts passt mehr / die Zeit erlischt wie eine Kerze / die Orte fremd / dein Gesicht ist ein lachender Stern / deine Hand legt sich auf meine Seele / wo bin ich? / seit wann bin ich hier? / du führst mich und bist sehr freundlich / ich bin dir dankbar / wo bin ich? / seit wann bin ich hier? / auch grobe Hände kommen zu mir / und Gesichter wie Teufel / in meinem Niemandsland / in meinem Labyrinth bin ich verloren ohne die Liebe / die Nacht macht mich besonders verloren ...

ein literarisches Tagebuch

Kontakt



User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

deine Gedanken und Geschichten
und nicht ein einziger Kommentar darunter ist schon...
kontor111 - 30. Jan, 10:18
alien-lösung? da ging...
alien-lösung? da ging was an mir vorbei. ist aber eh...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 13:08
richtig. ich dachte nur,...
richtig. ich dachte nur, dass ich es meinen lesern...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 13:05
Wo ist denn das Problem?...
Wo ist denn das Problem? Durch die „Alien-Lösung” von...
C. Araxe - 7. Nov, 22:06
Wenn du ohnehin eine...
Wenn du ohnehin eine neue Blogheimat gefunden hast...kann...
rosenherz - 2. Nov, 13:51
Liebe Leser(innen)
Dieser Blog ruht fortan. Leider ist die Resonanz hier...
bonanzaMARGOT - 02. Nov. 19, 13:39

Archiv

Juni 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 
 

Neues in boMAs prosaGEDICHTE-Blog

Suche

 

Extras



prosaGEDICHTE (... die Nacht ist gut für die Tinte, der Tag druckt die Seiten ...)

↑ Grab this Headline Animator


Von Nachtwachen und dicken Titten

↑ Grab this Headline Animator



Status

Online seit 6848 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 30. Jan, 10:18