Der Achtzigste


Klaus fährt mich. Das ist sehr anständig von ihm. Allerdings ist er bedrückt, als wir uns treffen. Er wurde schriftlich abgemahnt. Gleich doppelt. Er redet von nichts anderem. In vierzig Berufsjahren passierte ihm so was noch nicht. „Wenn es ganz schlimm kommt, muss ich eben in Vorruhestand gehen“. Eigentlich wollte er die paar Jahre bis zum seinem 65sten noch arbeiten, damit er die volle Rente kassieren kann. Ich weiß immer noch nicht genau, was er arbeitet. Er fängt mitten in der Nacht auf dem Großmarkt an und hat dort mit Früchten zu tun. Vor einem halben Jahr wurde die Firma von einer anderen übernommen, und seitdem hat er Schwierigkeiten. Wahrscheinlich will man ihn raus drängen. Er ist aber auch ein Dickkopf und ziemlich rechthaberisch. Die Abmahnungen sind ein Dämpfer für ihn. Verständlich. Ich weiß, wie ich mich damals nach der Abmahnung fühlte.
Die Sonne scheint. Es ist ein sehr kalter Wintertag. Ich blinzle müde in die Helligkeit. Nach der Nachtwache schlief ich kaum drei Stunden. Mein Vater wird Achtzig, und Klaus fährt mich. Mit den Nahverkehrsmitteln wäre ich sonst über zwei Stunden unterwegs. Es ist Mittag, als wir meine Heimatstadt erreichen.
Die Eltern freuen sich wie die Schneekönige über meinen Besuch. Wir sitzen zwei Stunden im Wohnzimmer zusammen, trinken Kaffee und reden. Das Hauptthema ist die Alzheimerdemenz des Vaters. Er verliert sein Kurzzeitgedächtnis. Von meinem letzten Besuch weiß er nichts mehr. Er spricht mich ständig mit dem Vornamen meines Bruders an. Er erzählt viel aus der Vergangenheit. Er sagt selbst, dass er sehr vergesslich ist. Aber die Vergangenheit sähe er ganz deutlich vor seinem geistigen Auge. Wir reden entspannt darüber. Ich weiß durch meinen Beruf viel über Alzheimer und sage den Eltern, dass sie so normal wie möglich weiterleben sollen. Sie arbeiten viel im Haus und im Garten. Sie sind den ganzen Tag über beschäftigt. Das ist gut. Sie sind beide sehr tapfer. Ich weiß, dass sie früher oder später meine Hilfe brauchen werden. Ich merke, dass nach zwei Stunden die Konzentration bei meinem Vater nachlässt. Seine Augen sind müde. Er sucht nach Worten. Er taucht ab in die Vergangenheit. Die Gegenwart weht durch ihn hindurch. Die Gegenwart ist für ihn ein Gespenst, das er nicht festhalten kann. Er fragt nach meinem Auto. Die Mutter erklärt ihm, dass ich schon lange kein Auto mehr fahre.
Wir verabschieden uns herzlich. Die Eltern winken von der Haustüre hinter mir her. Ich liebe sie. Ich gehe zu dem vereinbarten Treffpunkt, wo mich Klaus abholt. Der Tag ist sehr hell. Es ist kalt. Ich schaue mich um und schwelge in Erinnerungen. Alle Häuser und Straßen sind mir noch sehr vertraut.
Klaus kommt pünktlich. Er fährt einen Smart. Er zeigt mir die Abmahnungen. Er steht noch immer wie unter Schock. Im Kaffeehaus gehen wir noch einen trinken. Die Zeit verfliegt. Es wird Abend. Klaus verabschiedet sich. Für die letzte Strecke nach Hause nehme ich den Bus.

Lange-Weile - 04. Feb. 12, 23:26

liebevoll

Hallo Bo.,

>du hast über deine Eltern sehr liebevoll geschrieben. 80 Jahre - was für ein Alter. Nur schade, dass dein Vater mit der Gegenwart kämpft. Aber solange er sein Leben so leben kann, wie jetzt. ist es dann noch gut. Deine Mutter wird Kraft brauchen, weil sie für ihren Mann auch da sein und betreuen muss. Vielleicht geht ihr auch der Gesprächspartner verloren. Ich hoffe für beide, dass sie noch lange eine gemeinsame Zeit bekommen,

Ob dies für deinen Freund Klaus mit seiner Firma auch so sein wird? Es sieht so aus, als wollten sie ihn mürbe machen. Ich finde es wirklich furchtbar, wie man mit Menschen umgeht, die ein Leben lang gearbeitet haben, die ihr Arbeitsleben sich für den Wohlstand, in dem wir heute leben, abgerackert haben. Wenn es sein muss,. dann ist ein Ende mit Schrecken besser, als ein Schrecken ohne Ende. Ich weiß nicht, wie lange er bis zur Rente noch arbeiten muss. Vielleicht sollte er sich ausrechnen lassen, was er jetzt bekommen würde.

Worauf basiert die Abmahnung für deinen Freund? Neue Chef´s lassen den Wind ja auch aus einer anderen Richtung wehen, da muss man sicher seine Nase schnell in den Wind bekommen und die Segel auf die neue Windrichtung schnell einstellen können.

Ich drücke deinem Freund die Daumen, dass es zum schlimmsten nicht kommt.

Dir wünsche ich noch einen schönen Sonntag ;-)

LG LaWe


bonanzaMARGOT - 05. Feb. 12, 12:50

danke lawe!

klaus ist, glaube ich, 61 oder 62. er rechnete sich bereits aus, was es ausmacht, wenn er jetzt schon in rente geht. er verdient recht gut - also, wesentlich besser als ich. (drum gibt er mir öfter mal ein bier aus.)
ihm wurden in den abmahnungen vorgeworfen, dass er mit der geschäftsleitung nicht kooperiert und gewisse anweisungen nicht ausführte. eigentlich sind`s mehrere kleinigkeiten, weswegen man keine abmahnungen hätte schreiben müssen. normalerweise sollte vorher ein kritikgespräch stattfinden. vorallem mit einer person der geschäftsleitung kommt er nicht klar. und er ist in solchen fällen halt auch nicht gerade diplomatisch ...
morgen wird er weiter sehen, da hat er noch mal ein gespräch.

ja, meine eltern müssen tapfer sein, - vorallem meine mutter.
es ist leider absehbar, dass sich der geistige zustand meines vaters weiter verschlechtern wird. momentan kann er vieles noch halbwegs selbständig machen, wenn er dabei ein wenig geführt wird. vielleicht haben sie noch ein paar monate. schließlich wird er nach und nach immer mehr betreuung in allen angelegenheiten des täglichen lebens brauchen und dann auch pflege. meine mutter wird das überfordern.
entweder sie holt sich hilfe ins haus, oder sie muss ihn in ein pflegeheim geben, - wenigstens zur tagespflege. vielleicht stirbt mein vater aber auch vorher, also, bevor es ganz schlimm wird. das hat man auch nicht selten. es wäre fast eine gnade. ich weiß, wie meine eltern eingestellt sind. sie wünschen sich lieber tot, als derart abhängig von fremder hilfe zu werden.
sie müssen jeden tag genießen, den sie zusammen haben. sie sagen das selbst. ich mache ihnen da auch keine falschen hoffnungen. natürlich kann man nicht genau sagen, wie lange es dauert, bis mein vater ganz und gar den kontakt zur gegenwart bzw. zur realität verliert. bei manchen schreitet der demenzielle prozess langsamer, - bei anderen schneller fort. oft beobachte ich auch eine schubweise verschlechterung.
es freute mich, meine eltern am freitag glücklich gesehen zu haben. aber natürlich machte es mich auch traurig, weil ich zu gut weiß, was noch kommt.

dir auch einen schönen sonntag!

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