Greisenlachen

Ich war überrascht, als die über neunzigjährige Frau anfing lauthals zu lachen. Erst verstand ich nicht, worum es ging, bis mir meine Kollegin erklärte, dass Frau M. wohl vor siebzig Jahren als junge Frau eine zeitlang geschauspielert hatte. Sie imitierte den französischen Akzent einer feinen Dame und lachte hernach köstlich. "Und nun Sie, und nun Sie", forderte sie uns auf. Wir mussten nur ein paar französische Worte sagen, und die Greisin explodierte förmlich vor Lachen in ihrem Rollstuhl. "Ich hatte die Geschichte längst vergessen, Felix, können Sie sich das vorstellen?" sagte sie, "und plötzlich kam es über mich!" Sie wurde gar nicht fertig darüber, derart unglaublich erschien ihr das Ganze. Ich freute mich für sie, denn zu oft wurde die Greisin von schlechten Erinnerungen geplagt, oder sie äußerte sich verzweifelt über das Altwerden und das beschissene Leben im Altenheim, wenn man auf Hilfe angewiesen war. An diesem Abend aber strahlte das ganze Zimmer vor guter Laune, als wir sie ins Bett packten. Ihr herzhaftes, zahnloses Greisenlachen werde ich so schnell nicht vergessen.

Eine andere bereits hundertjährige, der wir nachts öfter auf den Toilettenstuhl helfen müssen, hat ihren Humor auch nicht verloren. "So, und nun packen Sie meine Rosette wieder ein", sagte sie und lachte, als ich ihr die Einlage wieder anlegte und die Unterhose hochzog. Diesen Spruch erwartete ich nicht, denn die alte Dame erschien alles andere als ordinär.

Allzu Menschliches - Erlebnisse wie diese prägen sich nachhaltig ein. Ich bedaure es, dass wir viel zu oft im Stress sind, um die Alten, diese Urgesteine des Lebens mit ihren Wesensarten besser wahrzunehmen und zu verstehen. Man könnte sich viel mehr geben.
Böhm - 02. Nov. 08, 16:08

Hallo Bonanzamargot

Genau das, was du hier beschreibst, isr für mich "die Würze" des Altenpflegeberufes. Wie du schon sagst, leider hat man viel zu wenig Zeit, diese "Urgesteine" besser kennen zu lernen. Sehr schade...aber wie oder wann sollte man das ändern? Als ich noch im Altenheim gearbeitet habe, hatte ich mir vorgenommen, es in meiner Freizeit zu tun. Aber das schafft man auch nicht.
Ich fühle mit dir: Grüße: Heidrun

bonanzaMARGOT - 02. Nov. 08, 16:24

Das Menschliche ist in einem sozialen Beruf Dreh- und Angelpunkt. Dummerweise wird es oft vernachlässigt. Es gibt viele Gründe, die miteinander wechselwirken, warum das soziale Element in unserer mehr und mehr kapitalistischen Welt leidet. Ein jeder muss sich da selbst am Hintern kratzen. Wir sind alle Rädchen im Getriebe.

Danke Heidrun: Auf der einen Seite wollen wir menschlich sein und helfen, aber auf der anderen Seite sind wir auch nur Menschen.

Lieben Gruß
bon.
testsiegerin - 08. Nov. 08, 21:06

darf ich das unterschreiben?

bonanzaMARGOT - 09. Nov. 08, 06:50

darfst du.

irie_ways - 14. Nov. 08, 21:57

:)

bonanzaMARGOT - 14. Nov. 08, 22:06

danke für den besuch, max.

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