der gerontogiurg



ich sah ihn zum erstenmal in der gruppe von neuen, die ins altenheim einziehen sollten. er hatte einen runden, dicken bauch. der hellblaue, schmuddelige pulli rutschte ihm hoch und zeigte den monströsen, haarigen wanst. darunter standen die kurzen beine und die großen, nackten füße, die in ausgelatschten sandalen steckten.
der gerontogiurg, so nenne ich ihn, lief nicht oder schlurfte einfach vor sich hin, nein, er fiel zwischendurch um, rollte wie ein mops, tat unerwartet einen satz in die höhe, um nach diesen kapriolen in seinem geschlurfe fortzufahren, wobei er auch einige schritte zurückstolperte und seine schlappen verlor. seine runde gestalt kullert förmlich durch die gegend, unwillkürlich wie eine flipperkugel. als ich ihm einmal auf die beine helfen wollte, stieß er mich weg, und ich spürte die große kraft dieser obskuren kreatur. stumm vollzog der gerontogiurg seine bizarre vorstellung wie ein trauriger clown in einer unsichtbaren manege. sein kopf saß wie eine melone auf dem rumpf. augen, nase und mund erschienen auf den ersten blick wie aufgezeichnet und ohne rechten ausdruck. doch der gerontogiurg vermochte unglaubliche fratzen zu ziehen. er pumpte sein gesicht auf, bis die haut pergamentdünn und durchscheinend war. darunter erkannte
ich mit einem gruseln die knöcherne form seines schädels, als läge dieser in einer qualligen, farblosen riesenblase. diesen so entstandenen ballon nutzte er auf geheimnisvolle weise wie eine bildröhre. alle möglichen fremden gesichter spiegelten sich plötzlich auf diesem kugeligen bildschirm.
intuitiv klatschte ich beifall, und auch die umstehenden klatschten total verblüfft in die hände. auch unsere eigenen, mal von erschrecken, mal von erstaunen, gezeichneten visagen wurden vorgeführt. wir waren allesamt fassungslos. welchem unglaublichen schauspiel wohnten wir hier bei?
der gerontogiurg brach seine stumme vorstellung so schnell ab, wie er sie begonnen hatte. sein kopf schrumpfte auf die normalmaße, und seine knopfaugen funkelten mich lustig an. spontan schloß er mich in seine arme, dass ich angst hatte, zerquetscht zu werden. wir liefen ein stück weges arm in arm, und ich war stolz auf meinen kuriosen, neuen kameraden. aber der ließ sich auch von mir nicht zähmen. bald schon stieß er mich von sich, um sich wieder wie wild zu gebärden in einem nicht endenwollendem veitstanz. in pausen besuchte er mich und hieb mir auf die schulter, dass ich einknickte. und er lachte, das heißt, ich bildete mir das ein, weil zu hören war nichts. sicherlich lachte er in dröhnendem baß wie ein kindlicher riese. der gerontogiurg, wie ich ihn nenne, mochte mich. er sagte mir das stumm oder auch nicht stumm, denn das ist eigentlich nicht zu verstehen.



(boMa, aus "tal der zukunft", 2001)

ein literarisches Tagebuch

Kontakt



User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Apropos Liebe und Lügen,...
Apropos Liebe und Lügen, möglicherweise interessant...
rosenherz - 18. Jul, 00:14
Nun, ich sehe keinen...
Nun, ich sehe keinen Unterschied in deinem und in meinem...
rosenherz - 17. Jul, 08:11
bla bla bla?
... seltsam, dass du da keinen unterschied erkennst.
bonanzaMARGOT - 17. Jul, 04:39
Und was du beschreibst,...
Und was du beschreibst, BoMa, ist doch auch nicht mehr...
rosenherz - 16. Jul, 18:59
Wunderbar wie du den...
Wunderbar wie du den tiefen Sinn meiner Zeilen so schnell...
rosenherz - 16. Jul, 18:03
Da gebe ich dir sehr...
Da gebe ich dir sehr recht, lieber BoMa, in Wirklichkeit...
rosenherz - 16. Jul, 18:02

Archiv

September 2007
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
19
 
 

Neues in boMAs prosaGEDICHTE-Blog

Schauder
ich blicke die Leere in meinem Herz` als hätte...
bonanzaMARGOT - 11. Jul. 18, 06:03
Ach, wäre das schön, wenn man Menschen einfach übermalen...
Ach, wäre das schön, wenn man Menschen einfach...
bonanzaMARGOT - 07. Jul. 18, 15:37
Meins
Unterschiedliche Planeten Die sich um ein und dieselbe...
bonanzaMARGOT - 30. Jun. 18, 13:58
Bitter
Hand in Hand wollten wir die Hürden des Lebens...
bonanzaMARGOT - 27. Jun. 18, 06:45

Suche

 

Extras



prosaGEDICHTE (... die Nacht ist gut für die Tinte, der Tag druckt die Seiten ...)

↑ Grab this Headline Animator


Von Nachtwachen und dicken Titten

↑ Grab this Headline Animator



Status

Online seit 3960 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 18. Jul, 00:15