Scheiß drauf


Schon wieder muss ich einspringen. Momentan besteht eine große Planungsunsicherheit, was meine freien Tage angeht. Es ist, wie die Chefin sagte, fast unmöglich, examiniertes Personal zu bekommen. Sogar Leihfirmen wurden bereits angeschrieben. Offensichtlich gibt es in Deutschland nicht genügend Fachkräfte für die Altenpflege. Was mich freilich überhaupt nicht wundert. Oder wundert sich jemand darüber?
Ich wundere mich eher, dass ich noch immer in diesem Beruf durchhalte. Irgendwann ist auch bei mir der Ofen aus. Dabei erlebte ich auch gute Zeiten in der Altenpflege. Also, bessere Zeiten als heute. Ich erlebte gute Teamarbeit und Chefs, die sich für ihr Personal und gute Arbeitsbedingungen einsetzten. Aber seit Jahren steigt permanent der Leistungsdruck auf das Personal, während gleichzeitig die Leistungsbereitschaft eher abnimmt.
Gerade für den Nachtdienst wird es eng, wenn eine Nachtwache krankheitsbedingt ausfällt. Kein Schwein will bei uns gern Nachtdienst schieben, seit man alleine in der Nacht ist. (Von den anderen Belastungen ganz abgesehen.)
Es gibt das schöne Sprichwort: „Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht.“ Das gilt bereits seit vielen Jahren für die Altenpflege. Der Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist längst überdehnt. Trotz besseren Wissens bewegt sich in diesem System erst etwas, wenn der Totalausfall kurz bevorsteht. (Das gilt nicht nur für die Altenpflege.)
Vorher wird geheuchelt und gelogen, was das Zeug hält. Schönfärberei, welche sogar von den behördlichen Überwachungsinstitutionen unterstützt wird. Jedenfalls erscheint es mir so. Ich arbeite seit 1986 in der Altenpflege. Und die Politik redet sowieso nur um den heißen Brei. Seit Jahren gibt es den Pflegenotstand. Seit Jahren gibt es grauenhafte Zustände in Altenheimen. Aber anstatt man mittels mehr qualifiziertem Personal gegen diese Mängel vorgeht, entwirft man am Schreibtisch neunmalklug tausende von Qualitätsstandards. Die natürlich in der Praxis bei solch katastrophalen Bedingungen nie umgesetzt werden können. Es gilt die Devise: Hauptsache protokolliert und schriftlich abgehakt. Und wenn der Depp von Altenpfleger die Vorgaben nicht umsetzen kann, dann ist er eben unfähig. Dass eine Nachtwache niemals fünfzig zum Teil stark pflegebedürftige und demente Bewohner(innen) ausreichend versorgen kann, interessiert dabei nicht. Dasselbe gilt auch für den Tagdienst. Der Arbeitgeber ignoriert die Einwände des Personals oder sagt, dass für weitere Mitarbeiter kein Geld vorhanden ist. Kann es das sein?? Dass wir uns letztendlich alle in die Tasche lügen?
Ich habe natürlich keine Ahnung von dem Geld, das betriebswirtschaftlich zur Verfügung steht.
Aber ich denke: Irgendwelche scheiß Kohlekraftwerke werden vom Staat subventioniert – wieso subventioniert man nicht die Pflege?? (Das mit den Kohlekraftwerken war nur ein Beispiel. Ich denke auch an die Ausgaben für Waffen und anderen Unsinn.)
Wenn ich dann den Politikern lausche, die in Talksendungen ihren Senf zum Thema Pflegenotstand ablassen, habe ich das Gefühl, dass die überhaupt nicht wissen, was in Altenheimen eigentlich abgeht. Freilich können Politiker ihre Alten meist privilegiert versorgen lassen ...
Was mich aufregt, ist vor allem die stattfindende Heuchelei, die Schönfärberei! Sollen sie doch einfach Farbe bekennen und sagen, dass eine bessere Versorgung unserer Alten und Schwachen nicht möglich ist. Damit könnte ich leben und sagen: machen wir also das Beste daraus! Dann wäre wieder gute und ehrliche Teamarbeit möglich – ohne unerfüllbare Qualitätsvorgaben.
(Wenn man all die Gelder, die man mit der Theorie für eine gute Pflege und der damit einhergehenden Bürokratie aufwendet, in neue Arbeitkräfte und deren Ausbildung in den Altenheimen steckte, wäre das schon eine spürbare Verbesserung.)

Eigentlich wollte ich mich gar nicht mehr darüber aufregen. Ich kann es sowieso nicht ändern.
Scheiß drauf.

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