Die Tage, die bleiben


Ich stelle mir das Leben bildlich wie einen Berg vor. Runter geht es schneller als hinauf. Wobei die Bergspitze eher einer Kuppe gleicht, die nur leicht gewölbt ist, so dass man ihr Überschreiten gar nicht recht wahrnimmt. Es ist leicht zu ignorieren, dass es in Zukunft abwärts gehen wird. Aber mit der Zeit nimmt man dann doch an Fahrt auf, und der Abbau ist nicht mehr zu leugnen. Anfangs ist es ein sanftes Gleiten. Man fühlte sich gerade noch prächtig, eben in der Mitte des Lebens. Man überschreitet die Fünfzig und will es nicht glauben. Die Jahre huschen immer schneller an einem vorüber. Die Schwerkraft der Vergänglichkeit hält einen im Bann. Es gibt kein Anhalten. Obwohl man das glauben könnte, wenn man sich z.B. alternde Stars in ihrem Bemühen des verzweifelten Abbremsens betrachtet. Oberflächlich scheinen sie zumindest einen Aufschub ihres Zerfalls hinzukriegen. Es ist auch nicht so, dass jeder Steuerungsversuch sinnlos wäre. Der Weg nach unten kann sehr kurvig sein. Sowieso gibt es immer auch die Gefahr des jähen Absturzes über eine Klippe oder in eine Spalte …


Die Mutter im Altenheim besucht. Ein großer Komplex, architektonisch und farblich nicht sehr ansprechend, aber innen alles sauber, modern und großzügig gestaltet. Ich war von dem Zimmer überrascht – sicher doppelt so groß wie die Zimmer in meiner Arbeitsstätte. Ich verbrachte den Nachmittag bis zum Abendessen bei ihr. Sie fühlt sich gut aufgehoben. Das Personal ist sehr nett, sagte sie, und sie bekommt viel Besuch. Ihr Zimmer ist wirklich hübsch und gemütlich. Wie aus dem Prospekt – wenn ich da an meinen Arbeitsplatz denke, wo alles mehr nach Pflegeheim aussieht und riecht, beengter und unordentlicher ist.
Ein ganzes Netzwerk von Menschen ist um meine Mutter bemüht. Ich kam mir beinahe fehl am Platze vor. Nun ist ihr nur noch zu wünschen, dass sich ihre Gesundheit stabilisiert, damit sie dort noch eine gute Zeit verbringen kann. Wenn der Frühling endlich kommt, kann sie im parkähnlich angelegten Außenbereich spazieren gehen. Auch einige Geschäfte sind zu Fuß gut zu erreichen.
Der Leimbach plätschert unweit vorbei. Kindheitserinnerungen werden wach. Ich tollte hier oft herum. Es veränderte sich zwar einiges, aber im Großen und Ganzen blieb das „Grundgerüst“. Ich war schnell wieder orientiert.
Mit dem Gefühl, dass Mutter gut untergebracht und versorgt ist, machte ich mich auf den Rückweg zu Fuß, mit Bus, S-Bahn, Straßenbahn ...



Jeder Mensch nimmt seinen Weg über den Berg des Lebens. Jedes Schicksal gestaltet sich anders. Es gibt nicht viel mehr zu sagen. Wir genießen die Tage, die bleiben.

Lo - 27. Mrz. 13, 12:39

Ich habe ebenfalls so einen Berg als Lebensbild vor Augen.
Sehr schön beschrieben...

bonanzaMARGOT - 27. Mrz. 13, 14:42

Danke, LO!
fata morgana - 28. Mrz. 13, 11:48

...ja genau so ist es...mir läuft die gänsehaut über den rücken.
doch das tröstliche bei alldem ist, dass wir nicht einfach 'bergab-gegangen-werden' - sondern wir vieles weiterhin selbst in der hand halten (dürfen)...

bonanzaMARGOT - 28. Mrz. 13, 12:03

bei meinen eltern war es leider am schluss so, dass sie es einfach geschehen ließen.
ich weiß nicht, in wie weit man noch selbst steuern kann. es braucht viel mut, in den "abgrund" zu schauen und konsequenzen zu ziehen. es ist wie der blick auf die schlange, oder der kurs auf den eisberg - oft läßt man die katastrophe passieren, ohne dass man vorbereitungen für diesen ernstfall traf.
für mich als sohn war es ein schock. ich sprach meine eltern zwar in den letzten jahren mehrmals auf diese problematik an, aber sie reagierten nur mit "du hast ja recht, blabla". dabei konnte ich prima als altenpfleger über diese problematik berichten. es war also nicht nur gerede.
als dann ende 2012 die katastrophe ihren lauf nahm, war ich nicht in der lage, ihnen in dem maße beizustehen, wie sie es sich vielleicht erwarteten.
fata morgana - 04. Apr. 13, 08:04

..du schriebst auch über die menschen in unserem alter und da ist es zum glück so, dass man noch vieles selbst in der hand hält - auch wenn einige diese chance nicht be - und ergreifen...

mit zunehmendem alter wird dies immer geringer, ja das ist leider so...
bonanzaMARGOT - 04. Apr. 13, 09:06

jedenfalls sollte man unbedingt mit der familie über die eigenen wünsche und erwartungen im falle eines falles reden. und natürlich sollte man dabei realistisch sein.
auch sollte man gewisse persönlichen dinge im voraus klären (testament, patiententestament etc.) und auch mit der familie besprechen.

ich habe keine eigene familie. insofern werde ich nahen menschen keine last sein. auch habe ich nichts zu vererben. es bleibt nur das patiententestament.
das altenheim ist für mich kein schreckgespenst. man muss für jede hilfe durch ärzte und pflegepersonal dankbar sein.
Lange-Weile - 28. Mrz. 13, 15:27

gut getroffen

Hallo Bo.,

dein Muttchen hat es dann ja ganz gut getroffen und wenn sie sich wohlfühlt wird sie vielleicht noch einmal aufleben können.

Der Vergleich ein Menschenleben mit einem Berg ist ein wirklich gutes Bild. Ich kann mich förmlich auf dem Berg sehen, den schwierigen Aufstieg bis zu meinem persönlichen Gipfel und diesen mit einer herrlichen Aussicht. Ich will den Gipfel jetzt mal nicht als Zenit des Lebens betachten, sondern als individullen Höhepunkt im Leben, der unabhängig vom Alter ist. Gipfel im Sinne von alles erreicht..was ich erreichen wollte..oder noch anders herum..mein individuelle Potential ausgeschöpft.

Abe das ist wieder mein eigenes Sinnbild vom Berg des Lebens ...das mit auf´s und ab´s seinen Verlauf nimmt. Was das betrifft, weiß ich nicht, ob ich wirklich schon meinen Gipfel ereicht habe. Wahrscheinlich werde ich es erst wissen, wenn ich den Löffel abgeben muss.

LG LaWe


bonanzaMARGOT - 28. Mrz. 13, 15:36

ich betrachte den gipfel (des lebens) als den punkt oder besser die phase, wo wir altersmäßig und gesundheitlich oben angekommen sind, - und dananch der abstieg richtung altersgebrechlichkeit und sterben notgedrungen auf uns zukommt.
natürlich gibt es persönlich/individuell viele zenite, wo wir uns auf der höhe eines schaffens oder lebensabschnitts fühlen ...

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