... dass diese Furcht zu irren, bereits der Irrtum selbst ist (Hegel)



Die Öffentlichkeit wartet auf den Schlichterspruch Heiner Geißlers zum Bahnprojekt Stuttgart 21.
Nach den Plädoyers Für und Wider zogen sich alle noch mal in ihren Kabuff zurück. Und die Journalisten füllen die entstehende Lücke mit Interviews im Umfeld der Veranstaltung.

Auch ich habe eine Lücke zu füllen. Erschreckend hell ist der Tag. Der Schnee reflektiert das Licht.
Die Gegenwart erscheint mir seltsam surreal. Sie brandet in mein Bewusstsein mit ihren Wellen, und ich lausche konsterniert. Menschen umkreisen mich auf nahen und fernen Bahnen wie Satelliten. Plötzlich wechselt der ein oder andere seine Bahn, entfernt sich von mir, und es entsteht eine Lücke. Manche Menschen entschwinden auch einfach spukhaft, als hätte es sie nie gegeben. Ich fange an zu zweifeln, ob ich dies alles überhaupt erlebte. Vielleicht war die Liebe nur ein Schwindel. Ein perfekter Schwindel.
Das gesamte Leben ist ein Irrtum. In dem Moment, wo ich zweifelte, verlor ich den Halt. Woher kommt dieser Zweifel? Warum kann ich nicht zombiegleich den Alltag verbringen? Wie können sich meine Mitmenschen derart perfekt zusammenreißen? Wie sieht es in ihrem Innern aus?
Solche Fragen stellte ich mir schon sehr früh in meinem Leben. Darum wurde die Schulzeit zur Qual. Ich sah Menschen, die gemäß ihrer Aufgaben funktionierten. Während der Pubertät sträubten wir uns dagegen, in diesen Moloch der Erwachsenenwelt überzugehen - doch nach einigen Jahren lichteten sich die Reihen. Meine Kumpels fanden peu à peu ins bürgerliche Spießertum. Und schließlich war ich allein übrig. Heute wirft man mir manchmal vor, dass ich nie richtig erwachsen wurde. Aber ich sehe es anders: ich blieb mir treu, ich wollte meine Gesinnung nicht auf die Gleise des Lebens werfen ..., ich konnte mich nicht anpassen. Die Welt ist mir fremd, wie sie die Menschen gestalten, und wie wir uns in emsiger Betriebsamkeit dem Materialismus unterwerfen.
Immerhin konnte ich mich bis heute durchwurschteln. Manchmal stand ich am Abgrund, doch die Ratio und der Überlebenswille ließen mich durchhalten. Das Leben ist total verrückt. Der Zweifel am Dasein räucherte mich aus. Während die meisten wie lebendig tot ihre Pflichten und Aufgaben erfüllen, fühle ich mich bereits tot - mit einem armseligen und skurrilen Rest Lebendigkeit, an den ich mich mal mehr oder weniger verzweifelt klammere: an eine Handvoll Menschen, meine Erfahrungen in der Altenpflege, an eine Liebe, an meine Lust und Sinnlichkeit ...

Inzwischen kann es nur noch wenige Minuten dauern, bis Heiner Geißler ans Rednerpult tritt. Alle sind gespannt darauf, was er zu sagen hat. Man sagt, er sei moralisch integer. Mal sehen.
Ich überlege mir, was ich mit dem Rest des Tages anfangen soll. Er ist immer noch blendend anwesend.
Gestern dieses Schneetreiben, und ich traf Klaus im Kaffeehaus. Klaus ist ein zorniger wie gutmütiger Mann Anfang Sechzig, der vor wenigen Jahren seine krebskranke Frau verlor und damals recht eigentümliche Erfahrungen mit Pflegediensten und unserem Sozialstaat machte. Wir verstehen uns gut, auch wenn mein Zorn aus einer anderen Anlage und anderen Erfahrungen entstand.
Es ist eine Weile her, dass sich in meinem Leben eine neue Freundschaft ergab. Keine Fuzzi-Sache. Und keine Verliebtheit. Sondern echte Freundschaft. Mal sehen. Ich mag Klaus.

Mein Gott, die beraten immer noch. Logisch, dass ich für die Stuttgart 21 Gegner bin. Die stehen einfach für die menschliche und ökologische Seite, während Bahn und Politik kapitalistische Interessen abseits jeglicher Vernunft durchsetzen wollen. Komisch, sogar an den Gesichtern erkannte ich diese Zweiteilung. Die Befürworter von Stuttgart 21 grinsten oft selbstgefällig und zeigten dabei echte Verbrechervisagen, während die Gegner eigentlich durch die Bank weg wesentlich sympathischer rüber kamen. Aber natürlich bin ich voreingenommen.
Es gibt selten solche wirklichen Schauspiele, wo Bürger auf die Macht treffen ..., sachlich und mit rhetorischem Vermögen.

Es dauert noch, sagt der "Flur Funk".


Lange-Weile - 01. Dez. 10, 23:18

2 Welten

Hallo Bo.,

"Irren ist menschlich" - ein alter Spruck. Vielleicht maht die Fehlbareit uns Menschen aus und nicht die Perfektion, wie sie zur Zeit praktiziert und hoch gelobt wird.

Bevor ich mein erstes Gespräch mit einen ehrlichen und lebendigen Menschen führte - ausgenommen meine Verwandten, die man ja in- und auswendig kennt - glaubte ich, falsch gewickelt zu sein. Ich wollte die Welt und das Leben erforschen, doch das interessierte niemanden in meinem Umfeld. Die erwachsenen Gleichaltrigen waren mit Anschaffungen und Hausbauen beschäftigt. Die Frauen gingen in Haushalts- und Erziehungsthemen auf. Ich fühlte mich wie eine aussetzige. Weil ich mich damals mit meinem Kopf allein fühlte, trank ich mich in die Nähe der anderen.

Erst als ich die erste Gegegnung mit einem Menschen hatte, mit dem ich so kommunizieren konnte, wie es im meinen Kopf rum ging, fühlte ich mich nicht mehr allein. Aber mein Bedürnis nach Austausch war groß geworden und ich hungerte nach weiteren Gesprächen.

Aber ich lernte damals auch, das die Menschen in unterschiedlichen Welten lebten. Einige dieser Welten waren meiner ähnlich, andere waren meiner Welt fremd und ebenso empfand ich auch diese Menschen in meiner Nähe. Ähnlich geht es dir vielleicht bei den Menschengruppen für uder gegen Stuttgard 21. So weit ich weiß, hat Geißler den Bau für den unterirdischen Durchgangsbahnhof empfohlen.

Vielleicht irren die Beführworter sich - doch werden sie sich diesen Irrtaum nicht eingestehen.

Gruß LaWe

bonanzaMARGOT - 02. Dez. 10, 10:57

der schlichterspruch fiel - wie erwartet im großen und ganzen für das projekt stuttgart 21.
immerhin war die schlichtungsrunde ein erfrischender und informativer austausch ...
für die gegner galt: die hoffnung stirbt zuletzt. und sie hoffen auch jetzt noch - dass vielleicht durch die landtagswahlen das projekt noch abgebogen werden kann. aber ich glaube, die luft in nun raus.
heiner geißler machte einen recht anständigen job.
er versuchte, salamonisch zu sein ...

mich bedrückt, dass letztendlich die mächtigen doch am ruder bleiben. das sahen wir auch bei der bankenkrise. die hohen herren machen weiter wie gehabt.

ja, man sollte sich vorm irrtum nicht fürchten.
der größte irrtum ist zu glauben, man wäre über jeden irrtum (bzw. fehlerhaftigkeit) erhaben.

ja, lawe, ich begegnete in meinem leben auch nur wenigen menschen, mit denen ich mich auf einer wellenlänge fühlte. und diese wenigen blieben mir nicht dauerhaft erhalten ...
so habe ich immer wieder phasen geistiger vereinsamung zu überstehen. leider ist es noch viel seltener, in der liebe (sozusagen zusätzlich) auf derart viel geistigen gleichklang zu stoßen.

auch im internet (ob unter den bloggern oder in foren) sind die menschen rar gesät, die mir (wie dir) das gefühl geben, nicht allein zu sein.
du siehst es ja an den kommentaren.

immerhin: bei dir fühle ich mich geistig sehr wohl, lawe. du bist ein prima typ - sowieso eine prima frau!

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