Fragment (2)


Die Zeit breitet ihre großen Schwingen über dir aus. Sie hebt dich sanft empor gleich einer Raubtiermutter, die ihr Junges in Sicherheit bringt. Du hast keine Angst, dabei trägt sie dich in scheinbar atemberaubendem Tempo fort. Wenn du nach oben blickst, siehst du nur einen Ausschnitt ihrer riesigen Umrisse. Die Reise geht in schwindelerregende Höhen: Städte und Landschaften verwandeln sich in Gemälde. Seltsam ist, dass du keinen Luftzug wahrnimmst, und du hörst keinen Ton außer einem beruhigenden Rauschen. Du assoziierst damit das Flüstern der Bäume, vielleicht in einer lauen Sommernacht, wenn der Wind auffrischt.
Seit dich die Zeit davontrug, kannst du nicht mehr sagen, wie viel Zeit eigentlich verging. Viele schöne Momente aus deinem Leben kommen dir in den Sinn, Zeiten von Liebe und Glück. Du fühlst dich unsagbar geborgen in den Fängen der Zeit. Himmel und Erde, Tag und Nacht lösen sich auf. Offenbar gibt es eine Dimension abseits von allem Irdischen. Inzwischen schrumpfte die Welt zu einer Ahnung. Du bemerktest gar nicht, dass die Zeit dich hier absetzte - am sorgenlosesten Ort, den du dir vorstellen kannst.

rosenherz - 28. Feb. 16, 20:33

Die Zeit? Das ist die Erinnerung. Ohne ihr wüssten wir beispielsweise nicht, dass im Herbst die Bäume blattlos geworden, im Frühling die Tulpen geblüht haben, letztes Jahr das Kind seinen 20. Geburtstag feierte. Die Zeit ist mit dem Körper und dem Planet Erde verbunden. Solange wir hier als physischer Körper leben, gilt das Phänomen Zeit für diese Existenz.

In Büchern über Nahtoderfahrungen liest man, im Übergang durch den Tunnel aus Licht, wir sehen die Auswirkungen von unseren Gedanken, Worten und Handlungen. Das vergangene Leben zieht in raschen Bildern an uns vorbei. (Angeblich sind wir selbst es, die zu diesem "Zeitpunkt" eine Bewertung des Gesehenen vornehmen)
Anita Moorjani schreibt in ihrem Buch, im vom Körper losgelösten (Energie)Zustand fühlen wir (alles) intensiv(er). Wir spüren, welche Folgen unser Handeln bei anderen ausgelöst hat.

bonanzaMARGOT - 29. Feb. 16, 06:11

wir sind zeitwesen. ohne erinnerung können wir nicht überleben.
durch unsere beschränkte lebenszeit und unseren eigenen lebensrhythmus nehmen wir die zeit sehr spezifisch wahr.
jedes ding und lebewesen hat seine zeit.
es ist die frage, ob es zustände gibt, in welchen wir quasi losgelöst von zeit und raum "sein" können. vielleicht wechseln wir auch nur in eine andere zeit, eine umfassendere...
rosenherz - 28. Feb. 16, 20:44

Ist halt die Frage, wie lange wir es "hier" am sorglosesten vorstellbaren Ort aushalten, ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Wohnung, ohne Schlafmöglichkeit, ohne Bekleidung des Körpers. - Ohne den irdischen Bedingungen, die an diesen Ort "hier"gebunden sind.

bonanzaMARGOT - 29. Feb. 16, 06:14

ich ließ mich bei dem text von meiner intuition treiben... ob es diesen "sorglosen" ort wirklich gibt - ich weiß es nicht.
(möglicherweise warten wir dort auf unseren nächsten "einsatz" im irdischen.)

ein literarisches Tagebuch

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