Schlachtensee und zurück


Am zweiten Tag als Strohwitwer wagte ich einen Fahrradausflug zum Schlachtensee. Ich hatte wirklich etwas Bammel. Die Stadt erscheint in der Vorstellung wie ein riesiger Irrgarten mit tausend Tücken und Gefahrenstellen. Als Fußgänger kann man es gemächlich angehen lassen, aber als Radfahrer wird man vom Strom des Verkehrs mitgezogen und muss jede Sekunde höllisch aufpassen – auf die Autos, Busse, anderen Radfahrer, die Fußgänger, Baustellen, parkenden Autos, den Bordstein… Verkehrshindernisse jeglicher Art. Man ist ständig im Stress.
Die ersten Kilometer fuhr ich frei Schnauze - ich wusste schließlich die Richtung: bei der Urania links halten, vorbei an kleinen Plätzen und durch kleine Sträßchen bis ich früher oder später wieder an eine der Hauptverkehrsadern stieß, die eine weitere Orientierung zuließen. Ich querte die Lietzenburger Straße, korrigierte meine Richtung, kam auf den Kurfürstendamm – hinein in den brüllenden Verkehrsfluss – und bog in die ruhigere Paulsborner Strasse ab. Von da an ließ es sich ganz manierlich fahren, weil es einen Fahrradweg auf dem Bürgersteig gab. Ruck zuck war ich in Grunewald, kam auf den Hohenzollerndamm, der in die Clayallee mündete. Nun immer der Nase lang nach Zehlendorf, rechts in die Argentinische Allee abbiegen – und ich war schon fast da. Am Mexikoplatz genehmigte ich mir unter „Fossilien“ ein Pils. O. und ich nennen alte Menschen Fossilien, weil sie bereits etwas versteinert aussehen bzw. wirken. (Das ist freilich nicht abwertend gemeint!) Dieses Café am Mexikoplatz scheint jedenfalls ein Fossilien-Treffpunkt zu sein, wo man ganz gemütlich draußen sitzen kann. Ich schaute auf die Uhr und stellte erstaunt fest, dass ich bereits 90 Minuten unterwegs war. Auf der Karte sieht es viel näher aus, und bestimmt gibt es einen kürzeren Weg als den, den ich wählte. Unweit vom Mexikoplatz ist die U-Bahnstation Krumme Lanke, von wo die U3 zum Nollendorfplatz fährt. O. und ich nahmen bei unseren Ausflügen zum Schlachtensee oft diese Fahrmöglichkeit. Ich radelte allerdings nach den Wegweisern (es gibt sie, wenn auch selten) direkt zum Schlachtensee, das heißt, ich kam am S-Bahnhof Schlachtensee an. Den trennt nur eine Straße vom Ufer. Das Ziel war erreicht, und ich musste überlegen, wie ich den weiteren Nachmittag verbringen wollte. Man sitzt dort auf der Terrasse eines türkischen Imbisses auch nicht schlecht; - beim Bier betrachtete ich die vielen Badegäste, die von der S-Bahn zum See hinab strömten, und in mir reifte der Entschluss, mich nicht unter sie zu mischen... Das Bad im Schlachtensee fiel somit ins Wasser. Egal, ich war mit O. schon oft genug im See Baden. Menschenansammlungen schrecken mich einfach ab – vor allem wenn ich allein bin.
Wie also weiter? Ich schwang mich wieder auf meinen Bock, fuhr die Straße am See entlang und bog am Ende in die Spanische Allee ein. Nach der Spinnerbrücke über die AVUS liegt links ein Biker-Treff, wo O. und ich nach dem Bad im Wannseebad abschließend gern ein Bier tranken. Die S-Bahnstation Nikolassee ist gleich gegenüber. Was soll ich sagen: auch dort kann man schön im Freien sitzen, Motorräder und Leute betrachten… Der Gerstensaft ist ziemlich günstig: ein (gezapftes) Hefeweizen kostet gerade mal 3 Euro und ein Halber Pils 2 Euro 70! Ich setzte mich in die Sonne und betrachtete mir die Fossilien dort. Unglaublich, wie viele im Alter noch aufs Motorrad kommen. Man kann dazu einige Überlegungen anstellen, doch diese würden, befürchte ich, den Beitrag sprengen.
Das Schöne oder das Dumme an der Zeit, je nach Betrachtungsweise, ist, dass sie für sich ganz ohne Anstrengung vergeht, und man selbst mit ihr älter wird, ganz egal, was man macht oder tut. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir an, dass ich mich langsam auf den Rückweg machen sollte. Ich wollte einen anderen als den Hinweg wählen und konnte schlecht abschätzen, wie lange ich unterwegs sein würde. Am naheliegendsten erschien es mir, rechts in den Kronprinzessinnenweg abzubiegen. Weiter ging es auf der Havel Chaussee, wo ich dann doch noch einen schönen kleinen Strand entdeckte. Ich kühlte mich ab und genoss den Blick zum Wannsee, über den sich langsam die Sonne senkte.





Die Zeit saß mir im Nacken (und außerdem gab es da kein Bier), also radelte ich nach einer kurzen, sinnlichen Verweildauer an diesem wunderbaren Fleck weiter. Es ist eine schöne Strecke durch den Wald, die Havel links liegend, allerdings leicht hügelig, so dass ich zeitweise stramm in die Pedalen treten musste. Als ich die Heerstraße erreichte, öffnete sich vor mir der Schlund der Stadt. Die letzten Kilometer verliefen schnurstracks Richtung Mitte. Es war ein Gefühl, als befände ich mich auf einer langen, langen Zielgerade.
Trotz der Hektik und dem Verkehrschaos in der Potsdamerstraße genoss ich die Vertrautheit und die Nähe meines Zuhauses; - Ironie am Ende meiner Tour: Nachdem ich den Gefahren des Straßenverkehrs entkam und für mein Empfinden alles wunderbar meisterte, hätte mich fast ein halbwüchsiger Fahrradrowdy auf dem Gehsteig vorm Supermarkt über den Haufen gefahren...

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