Samstag, 22. September 2018

Der Herbst ist eine gute Zeit für Beerdigungen


Wind und Regen. Ich öffne das Küchenfenster, und feiner Nieselregen weht mir ins Gesicht. Was war das für ein Sommer – wie ein fetter warmer Hefeteig, monatelang. Die Sonne machte schwindelig.
Es ist früh am Morgen, noch düster. Ich träumte wirres Zeug: von vergeblicher Liebe, von Verlassenwerden. Immerhin flog ich mal wieder. Doch stemmte sich mir eine unsichtbare Macht entgegen, und ich kam kaum vorwärts, wurde in Seitenstraßen abgetrieben. Ich musste mich unglaublich konzentrieren, was sehr viel Kraft kostete… Ich suchte meine Gefährten und fand sie nicht. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass das alles nicht wahr -, nicht wirklich passiert sein konnte.
Die Getränke sind alle, und ich warte auf den Lebensmittellieferanten. Natürlich läuft derweil Blues aus dem Internetradio. Irgendeinen alten Blues-Musiker hörte ich vor Kurzem sagen: „Blues ist, wenn es einem guten Menschen schlecht geht.“ Ich zünde eine Kerze an, für mich und meine Seele…
Ich will, dass sie endlich weg ist – weg aus Kopf und Herz, weg aus meinen Träumen. Normalerweise beerdigen wir unsere Toten, um ihnen zu gedenken, um einen Platz zu haben, an dem wir ihnen nahe sein können. Bei mir ist es das genaue Gegenteil: Ich will alle Erinnerungen, Bilder und Gedanken an eine Person beerdigen, die noch lebt. Die Trauer und das Gefühl des innerlichen Wundseins müssen ein Ende haben! In der letzten Kurznachricht an sie schrieb ich, sie sei nun endgültig für mich gestorben. Noch nie in meinem Leben stellten sich meine Gefühle einer Person gegenüber derart auf den Kopf. Aus Liebe wurden mittlerweile abgrundtiefe Verachtung und Abscheu. Ich denke an einen riesigen unförmigen Kadaver, der einst unsere Liebe war, nun vor sich hin faulend grausamen Verwesungsgestank ausströmt. Ich muss diese Pest loswerden, die mich seit Monaten von Innen vergiftet. Ich muss das faule Fleisch herausschneiden und die Wunde veröden. Aber leichter gesagt als getan, wenn es sich um so etwas Diffuses wie die Seele handelt. Andere Methoden müssen her. Eine Menge Bilder kamen mir in den letzten Tagen in den Sinn: Ausradieren, ausschaben, in einem Fahrstuhl zum Mittelpunkt der Erde schicken, in den Gulag verbannen, abschütteln wie Herbstlaub, totficken, in ein Schwarzes Loch schleudern, pulverisieren, wie Unkraut jäten, auskotzen… Meiner Seele ist wirklich nach Erbrechen. Leider kann ich mir nicht einfach den Finger in den Hals stecken und das Problem damit beseitigen. Ich stelle mir die Seele eher durchlässig mit sowas wie Poren vor, aus denen das Gift langsam entweicht, wenn ich mir es nur stark genug wünsche. Vielleicht helfen auch Rituale – erstmal alles vernichten, was an die Person erinnert. Mir fallen immer noch Sachen auf, die sie mir mal schenkte und hier rumliegen. Weg damit! So entdeckte ich vor Kurzem zwei Schals, die meiner Säuberungsaktion entgangen waren. Das Ganze darf nicht zu einer Halben Sache verkommen. Das Loswerden von seelischem Giftmüll durch eine verkorkste Liebe ist kein einfaches Unterfangen. Der Rückfall war freilich eine ganz große Dummheit von mir. Beinahe hätte ich mich dabei seelisch selbstverstümmelt. Scheiße aber auch.
Wie sieht`s inzwischen draußen aus? Etwas heller geworden. Ein paar mehr Passanten. Der Lieferservice ließ sich noch nicht blicken. Er hat ein Zeitfenster von vier Stunden. Gott sei Dank Wochenende. Ich hing auf Arbeit ganz schön durch. In mir nagte dieser unglaubliche, schmerzhafte Ekel. Hätte sie mir doch nur nicht geschrieben, was ich mir zwar ohnehin dachte, aber eigentlich nicht wissen wollte, nämlich, dass sie einen Neuen hatte. Wahrscheinlich bereits, als wir noch zusammen waren, - denke ich mir jedenfalls. Das würde einiges erklären. Aber egal. Ich verbot mir, weiter zu grübeln. Bringt nichts. Viel zu lange zermarterte ich mir das Hirn. Nun schließe ich endgültig die Tür hinter mir, eine meterdicke Panzertür, und werfe den Schlüssel in ein Meer aus Salzsäure. Soll sie ihren Frieden auf dem Schwanz des Neuen finden…
Ich verfluche den Tag, an dem sie mir begegnete. Nichts würde ich lieber tun, als die Zeit viereinhalb Jahre zurückzudrehen, um nicht an diesem Vormittag auf Mallorca in den Bus zum Bahnhof an der Placa Espanya zu steigen, wo sie am Fahrkartenschalter hinter mir stand und das Elend seinen Lauf nahm. Die Zeit kann man nicht zurückdrehen. Klar. Also in die Trickkiste greifen: So ein Blitzding, wie es die Agenten im Kinostreifen „Men In Black“ anwenden, würde mir auch schon helfen. Was für ein angenehmer Gedanke, sie einfach nicht wiederzuerkennen, falls ich sie sähe.

Mittwoch, 19. September 2018

Mittwochs-Worte


Wohl dir, wenn deine Toten ruhn
Still unter grüner Erde! -
Doch wehe, wandeln sie auf ihr
Mit lächelnder Gebärde!


(Ernst Scherenberg, 19. Jhd.)

Montag, 17. September 2018

TV-Tipp

"Gruppenbild mit Dame", 22 Uhr, Arte

Sonntag, 16. September 2018

Wort zum Sonntag

Ich wusste nichts über den Teufel, ich wusste nicht, dass der Teufel auch eine Moral hat.

Gedanken zum Marathon


Heute ist ja Zombielauf! durchfährt es mich und meine damit den Berlin-Marathon. Soll ich Gaffen gehen? Am Ende kommt einer von den Zombies vom Weg ab und fällt mich an. Sicherheitshalber könnte ich die Machete mitnehmen. Wozu habe ich sonst die Machete?! Wenigstens ein paar von denen den Garaus machen, bevor sie einen am Boden haben…
Schon lange hege ich den Verdacht, dass unsere Gesellschaft von Zombies unterwandert ist. Schwer zu sagen, wer alles zu den lebenden Toten gehört, und wer nicht. Eine andere Theorie ist, dass die Körperfresser Besitz von den Körpern der Menschen ergriffen haben. Wie das genau geht, kann man heute auf Tele 5 im Spielfilm „Die Körperfresser kommen“ sehen. Ob nun Zombies oder von Außerirdischen gelenkte Marionetten spielt eigentlich keine Rolle. Jedenfalls stimmt etwas nicht mit dieser Welt, und es wird meiner Meinung nach immer schlimmer. Bereits als Kind fiel mir auf, dass die meisten Erwachsenen sich äußerst seltsam verhielten… Ziemlich gruselig die Erwachsenenwelt. Besser man wappnet sich. Von mir kann ich sagen, dass ich es irgendwie schaffte, nicht von innen ausgehöhlt werden. Aber ich spürte zwischenzeitlich schon, dass es da etwas gab, das mir meinen Willen und meine Seele rauben wollte. Offensichtlich gibt es einige Menschen, die wie ich dagegen immun sind. Nicht ganz einfach, die zu erkennen oder gar zu treffen, weil die sehr vorsichtig sind. Heute beim Marathon ist`s freilich ganz einfach, zumindest einige der Zombies als solche zu identifizieren, denn da sind sie nummeriert. Und wenn du den Läufern in die Augen schaust, kannst du`s auch sehen: dieser abwesende Blick, wie in Trance. Ganz typisch für die Untoten.
Aber soll ich mir das Elend wirklich anschauen? Wenn ich ehrlich bin, tun sie mir leid. Schließlich können sie nichts dafür, dass eine fremde Macht Besitz von ihren Körpern ergriff. Nein, ich will nicht zu den Gaffern gehören. Das Gaffen ist auch so eine grassierende Unart. Keine Ahnung, wo ich das einordnen soll. Ebenso eine Form der inneren Leere. Lieber bleibe ich zuhause, da bin ich am sichersten. Der Kühlschrank ist voll. Genug Bier und Wein, und der Blues schallt durchs Zimmer. Jeden Tag feiere ich, dass meine Seele noch mir gehört.

TV-Tipp

"Die Körperfresser kommen", 22 Uhr 5, TELE 5

Samstag, 15. September 2018

Rückfall


Die erste Woche nach dem Urlaub zurück im Büro überstanden. Alles befand sich noch an seinem Platz. Lediglich eine Pflanze sah merklich mitgenommen aus. Bei meiner Kollegin konnte ich nicht nachfragen, weil die ihren Sommerurlaub antrat, kurz bevor ich zurückkehrte. Das heißt, ich werde noch einige einsame Bürotage vor mir haben. Ab und zu besuchen mich zwar die Hühner, oder ich besuche sie an ihren Wirkungsstätten, aber das ist nicht dasselbe. Ich vermisse meine Kollegin.
Und sonst? Zwei neue Hühner im Sortiment, um die Flut der Tumormeldungen zu bewältigen. Die Panzerschränke sind nach wie vor gestopfte voll. Wir hinken rettungslos mit der Dokumentation hinterher. Aber davon lassen sich die Hühner weitgehend die Laune nicht verderben, und das finde ich gut! Nach meinen von Einsamkeit geprägten Urlaubstagen hörte ich sie gern gackern und lachen.
Die Rückkehr an meinen Arbeitsplatz verlief also ganz passabel.

Alles gut soweit. Aber dann hatte ich einen Liebesrückfall. Ich saß am Computer, fing gerade mit dem Dokumentieren an (Mamma- und Colon-Karzinome), da erwischte mich eine warme Welle Sehnsucht nach ihr. Und ich gab nach. Ich warf meine Bedenken über Bord und kontaktierte sie. Das erste Mal… seit Monaten. Ich glaube, ich schrieb: „Ich habe furchtbar sehr Sehnsucht nach dir.“ Nach ein paar Stunden antwortete sie: „Ich auch.“ Die Kommunikation verlief schleppend, aber schließlich keimte etwas Hoffnung bei mir auf. Vielleicht war es nicht falsch gewesen, der Sehnsucht nachzugeben. Meine Ratio hatte ich in diesem Moment weitgehend ausgeschaltet. Ich vertraute einfach meinen Gefühlen, so wie damals, als ich sie auf Mallorca kennenlernte. Warum auch nicht? Alle Probleme und Hindernisse können sich in der Liebe auflösen, als gäbe es sie nicht. Ich saß nach Feierabend im Biergarten und simste mit ihr, und hinterher fanden wir beide, dass es ein gutes Gespräch war.
Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Wäre wohl auch zu schön gewesen – sowas wie eine Reunion. An mir lag`s nicht. Als ich nach einem baldigen Treffen fragte, kriegte ich gleich die erste Klatsche. Sie sei zurzeit total in die Arbeit eingespannt…, antwortete sie. Und bald darauf ließ sie durchblicken, dass das gut und wichtig für sie sei, vor allem finanziell, auch gesundheitlich, weil sie seitdem weniger Bier trinkt.
Sie schrieb: „Ich will nur Frieden.“
„Aber ich lasse dich doch in Frieden.“
„Ich meine den Frieden, den ich nur mit dir haben kann.“
Und da schafft sie es nicht, sich ein paar Stunden am Wochenende frei zu machen, um mich zu treffen!? Sie liebt mich nicht mehr…, alles ist ihr wichtiger als ich, sie braucht mich nur um des lieben Friedens willen. Rumms! Ich ging (innerlich) in die Knie. Die Tränen schossen mir in die Augen. Was hatte ich mir nur eingebildet? Wie dumm von mir, der Sehnsucht nachgegeben zu haben.
„Nein“, antwortete ich ihr, „es war ein Fehler, tut mir leid.“
Ich hatte die Deckung einen Moment lang aufgemacht, und schon hatte sich mein Herz eine blutige Nase geholt.

Mein Gedanke heute: Es hätte nie ein nach Mallorca für uns geben dürfen.

Mittwoch, 12. September 2018

Mittwochs-Worte

Die Grenzen seines Verständnisses sollte man ab und zu überdenken und neu erfühlen.

Montag, 10. September 2018

TV-Tipp

"La dolce vita", 20 Uhr 15, Arte

Ende


Der Sonntag wurde dann doch noch für mehrere Stunden sonnig. Fast bereute ich, dass ich am nächsten Tag die Rückreise antrat, denn bei solchem Wetter konnte man die wunderbare Natur an der Küste bei St. Peter Ording in vollen Zügen genießen. Ich unternahm eine kleine Wanderung an den Salzwiesen und Dünen entlang. Das schöne Wetter lockte viele Jogger, Radfahrer und Spaziergänger hinaus in die Natur. Aber anders als in Büsum verteilten sich die Menschen an der langen Küste besser, so dass ich mich nie von den Menschenmengen abgestoßen fühlte. Lediglich im Ortsteil Bad gab es eine Anhäufung vom üblichen Tourismus-Konsum, aber dort hielt ich mich nicht lange auf. Am liebsten trank ich mein Bier in einem Münchner Hofbräu Gasthaus im Ortsteil Dorf. Das lag etwa in der Mitte des wie Lakritze auseinandergezogenen St. Peter Ording. Jedenfalls hatte ich am Ende meines letzten Reisetages nochmal einen leichten Sonnenbrand.
Am Morgen meiner Abreise war dann das Wetter wieder beschissen, was mir den Abschied erleichterte. Erst ging`s nach Husum – die Bahn fuhr wieder, der Lokführer offenbar gesundet. Dort blieben mir ein paar Stunden, und ich trieb mich nochmals in Husum herum. Ich hatte im IC von Westerland kommend reserviert. Der fuhr durch bis Berlin und weiter nach Dresden. Er war sogar pünktlich. Der einzige Stress entstand, weil ich mich am Wagenstandanzeiger orientierend ans falsche Bahnsteigende gestellt hatte. Als ich dann am richtigen Ende ankam, stiegen vor mir einige Jungs mit ihren Rädern ein, die das ewig nicht gebacken kriegten, bis ich schließlich ein Machtwort sprach, sie sollten veflixt nochmal das Gepäck abnehmen – das mussten sie sowieso spätestens im Zug, sonst passten die Fahrräder nicht in die vorgesehenen Haltevorrichtungen. Die Jungs waren cool, nicht aus der Ruhe zu bringen, die Pizzaschachteln, die sie dabeihatten, waren ihnen wichtiger als alles. Okay, ich war froh, als ich auf meinem Platz saß.
Das wars also. Ende Gelände. Der Kreis schließt sich. Es war eine kurzweilige Tour, das muss ich sagen, mit allerlei Strapazen. Aber letztendlich ging alles gut. An die Nordsee muss ich so schnell nicht wieder.


(PS: Bilder zur Reise unter https://abendglueck.wordpress.com/)

Sonntag, 9. September 2018

TV-Tipp

"Le Magnifique", 21 Uhr 45, Arte

Ausflug nach Husum


In St. Peter Ording beließ ich das Fahrrad weitgehend auf dem Campingplatz. Mein geschundener Hintern verlangte dringend nach einer Pause. Es war auch nicht gerade Fahrradwetter. Nur selten kam die Sonne hervor. Der Wind nach wie vor heftig, und immer wieder Regenschauer. Ich war am Ende meiner Reise. Wozu sich bei diesen Bedingungen noch weiterquälen? Ich beschloss, drei Nächte übers Wochenende zu bleiben und am Montag per Zug zurückzureisen.
St. Peter Ording besteht aus mehreren Küstenörtchen, die zusammenwuchsen. Der Campingplatz befand sich am einen Ende, und die Musik spielte am anderen. Dazwischen lagen schätzungsweise fünf bis sechs Kilometer. Am ersten Tag nach meiner Ankunft war richtig mieses Wetter. Ich marschierte mit dem Schirm los. Was sollte ich den lieben Tag lang machen? Ich entschied mich für einen Ausflug nach Husum. Dummerweise fiel die Bahn aus. Ich stand mit ein paar anderen Figuren ratlos an dem kleinen Bahnhof herum. Dann kam plötzlich ein Bus um die Ecke – Bahnersatzverkehr. Klasse! Der Busfahrerin war es egal, ob wir Fahrscheine hatten oder nicht. Sie war echt gut drauf. „Ist jemand hier, der weiß, wie ich am Besten den nächsten Bahnhof anfahre?“ fragte sie durch die Lautsprecher.
Nach einer knappen Stunde erreichten wir Husum, wo bereits einige verärgerte Reisende warteten, die nach St. Peter Ording wollten. Im Bahnhof gab es ein kleines Reisezentrum, wo ich nachfragte, ob die Bahnverbindung den ganzen Tag ausfalle. Das wisse sie nicht, sagte die Dame hinterm Schalter, der Lokführer sei krank… Ich drückte mein Bedauern aus – „Oje...“
10 Minuten später stand ich in der Innenstadt. Da war ich also in Husum und sah mich um.


(PS: Bilder zur Reise unter https://abendglueck.wordpress.com/)

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