Montag, 29. September 2014

Was auch mal sein muss


Putzen ist anstrengender als Sex – puh! Alle Achtung vor den Frauen, die quasi jeden Tag putzen. In der Regel sind es immer noch die Frauen. Den Boden schrubben, in die Nischen und Ecken kriechen, Fenster putzen, Teppiche ausklopfen, Klo und Bad wischen, dann die ganze Feinarbeit wie Spiegel putzen, Regale und die ganzen Utensilien abstauben … dabei kriegt man Kondition und Kraft. Das ist mindestens so gut wie Circle-Training.
Heute habe ich mich überwunden, wenigstens eine Grob-Reinigung vorzunehmen.

Nach einem halben Tag bin ich beinahe fertig. Nur noch Waschbecken und Spüle ... und dann noch mich. Die Bettwäsche trocknet vor meinem Fenster. Ein Prachtexemplar von Kreuzspinne baute an diesem exponierten Ort ein neues Netz. Ich atme ein paarmal erleichtert durch.
Das Putzen macht mir eigentlich keinen Spaß. Habe ich aber mal angefangen, überkommt mich eine unerklärliche Lust, immer weiter zu putzen …
Dazu ein Plausch durchs offene Fenster mit dem Nachbarn – mein Gott, ich werde noch zum Spießer!
Die Herbstsonne lächelt gutmütig. Die Welt erscheint mir wohlgesonnen.

Sonntag, 28. September 2014

Tag 0


Die Zeichen des nahenden Todes waren unübersehbar: Schnappatmung, und die Gliedmaßen der alten Frau waren bereits marmoriert. Ich wechselte die Windel und lagerte sie um. Eine Stunde vor meinem Feierabend kam ich dazu, als sie das Leben aushauchte. Ich legte ihre Hände auf dem Bauch zusammen und strich ihr über die Haare. Ihre Augen waren geschlossen. Mit einem feuchten Waschlappen wischte ich ihren Mund ab. Etwas schaumiger Speichel rann ihr aus dem Mundwinkel.
Nun hatte ich in meiner letzten Nacht noch meinen letzten Sterbefall. Für die Frau empfand ich es als Erlösung. Seit einem Schlaganfall vor zwei Wochen war sie bettlägerig und lehnte das Trinken und Essen ab. Die Tochter (und Betreuerin) wollte sie nicht ins Krankenhaus verlegen lassen. Es wäre nicht im Sinne ihrer Mutter, sagte sie, sie solle in ihrer gewohnten Umgebung sterben …
Ich rief Tochter und Bereitschaftsarzt an.
Eine halbe Stunde später liefen meine Kollegen vom Frühdienst ein. Ich übergab meinen Spindschlüssel. Es blieb nicht viel zu sagen - ein Händedruck, ein Schulterklopfen, eine klamme Umarmung, ein verlegenes Lächeln ...
Eine Grußkarte und ein paar Süßigkeiten für Bewohner und Arbeitskollegen drapierte ich auf dem Tisch der Pausenecke. Beinahe kam es mir vor, als würde ich mich davonstehlen.
Die Morgenluft war frisch. Ich trat hinaus ins Zwielicht.

Freitag, 26. September 2014

Was ist Zeit?


Die Zeit ist deshalb so schwer zu begreifen, weil wir vollkommen in ihr aufgelöst sind. Die Frage müsste lauten: was ist eigentlich nicht Zeit? Sie stellt keine zusätzliche Dimension dar, sie ist die Dimension! Nichts existiert ohne Zeit.
Interessiert verfolgte ich gestern Abend auf 3sat eine Diskussion zum Thema "Was ist Zeit?". Aus verschiedenen Wissenschaftsrichtungen wurden Aspekte der Zeit beleuchtet. Im Großen und Ganzen erfuhr ich nichts Neues, aber ich wurde zu eigenen Gedanken inspiriert. Am Ende der Sendung, bevor ich einschlief, notierte ich auf einen Zettel: „Zeit ist wie Liebe“. Die Liebe ist ebenso wesentlich für das Dasein und unerklärlich. Intuitiv glaubte ich viele Parallelen zwischen der Liebe und der Zeit zu sehen. Sicher ist, dass sie in einer poetischen Beziehung zueinander stehen – jedenfalls für mein Empfinden.

Meine letzten zwei Nachtwachen liegen vor mir. Vom Gefühl her ist es ähnlich wie auf meinen Fahrradreisen, bevor ich das Meer erreiche. Ich sehe es noch nicht, aber ich weiß, dass es nur noch wenige Kilometer sind. Gerade diese letzten Kilometer kommen mir manchmal ewig vor. Und plötzlich liegt das Meer vor mir! Ich blicke über das endlose Wasser zum Horizont – erschöpft aber glücklich, als ob sich meine Seele langsam mit warmem Sirup füllt. Die Anspannung und der Stress der Reise fallen von mir ab.
Ich lasse die Zeit des Altenheims hinter mir. Auch wenn es vielleicht kein Abschied für immer von der Altenpflege bedeutet - jedenfalls ist es in meinem Leben ein wichtiger Zeitpunkt: ein Ende und zugleich ein Anfang, ein Wendepunkt, den ich selbst festlegte … Irgendwie werde ich die Kurve kratzen müssen. Wer weiß, was die Zeit bringt.

Donnerstag, 25. September 2014

Von einer faulen Nuss


Der Kosmos ist ein Gehirn. Cluster von Neuronen. Ich schaue in das Gesicht der Welt. Die Größen heben sich auf. Unterm Strich bleibe ich, eine Null. Gott lacht sich kaputt. Jede Nacht. Er hat Bauchweh vor lauter Lachen. Ich bin dem Witz des Lebens auf der Spur. Wenn ich ihn verstehe, wird es um mich geschehen sein. HAHA! Ich stelle mir das Nirwana als einen Ort vor, wo nur gelacht wird. Obsessives Lachyoga. Wenn man schon tot ist, kann man sich nicht mehr totlachen. HAHA.
Noch bin ich nicht so weit. Ich hänge in der trüben Kochsalzlösung eines Tages fest. Es ist mein 18910ter Tag seit meiner Geburt in den Irrsinn der Welt. Klingt gar nicht besonders viel, und trotzdem fühle ich mich an manchen Tagen sehr alt. Die Zeit schrumpft im Leben wie eine Wollsocke in der Waschmaschine bei 90°. Es ist nicht nur die Zeit, die einem bleibt, sondern die Zeit an sich. Wie lang waren doch die Tage in der Kindheit – und jetzt? Ich stehe auf, bohre ein paarmal in meiner Nase, und es ist Abend. Eines schönen Tages wird es so sein, dass meine Füße noch im Bett liegen, während sich mein Oberkörper schon wieder Schlafen legt.
Okay, das hätten wir also auch. Der Nebel um mich herum wird dichter. Das heißt, ich bin dem, der das Leben verbrochen hat, ziemlich dicht auf den Fersen. Hirnwichserei. Ich fresse mich langsam aber stetig durch den Teig, in den ich eingebacken bin. Eine Rosine in einem unendlich großen Brotteig. Oder eine faule Nuss. Rosinen mag ich nicht besonders.
Und mehr kommt nicht dabei raus? Zig Milliarden Neuronen für`s in der Nase bohren?
Das Leben ist eine einzige Verschwendung von Ressourcen. Wenn da nicht die schönen Sonnenuntergänge wären, und das Meer und der Horizont … und die gottverdammte Liebe. Und Musik und ein kaltes Bier.

Mittwoch, 24. September 2014

TV-Tipp:

"Cern" (Doku), 23 Uhr 20, ARTE

Mittwochs-Weisheit

So verrückt die Welt auch ist - sie funktioniert.

Dienstag, 23. September 2014

Mindestens indirekt


Gestern hatte ich meinen zweiten Termin beim Arbeitsamt. Ein junger Türke, vollkommen integriert, ist mein Arbeitsberater – ein sympathischer junger Mann und Familienvater. Ich blickte immer wieder auf das gerahmte Bild seiner kleinen Tochter, das auf seinem Schreibtisch stand.
Er befragte mich nochmal zu meinen beruflichen Fähigkeiten, ob ich über Grundkenntnisse oder Expertenwissen verfüge. Ein Aspekt lautete „indirekte Pflege“. „Noch nie gehört“, lachte ich, „indirekte Pflege? Was soll das sein?“ Er wisse es auch nicht, sagte er.
Wir besprachen die weitere Vorgehensweise. Ein Termin beim Amtsarzt wird das Nächste sein.
Eine Stunde saßen wir zusammen. Unter anderem ging es um meinen Urlaub, den ich für Oktober und November brauche, und die Krankenversicherung. Es ist noch nicht raus, ob ich eine dreimonatige Sperre kriege, aber es ist anzunehmen. Ich rechnete damit, erst mal ohne Arbeitslosengeld über die Runden zu kommen. Wichtig ist mir, dass mir das Arbeitsamt nicht zu sehr auf die Pelle rückt.

Das Arbeitszeugnis meines Arbeitgebers erhielt ich auch schon. Hier ein Ausschnitt:

„Herr Bonanzamargot hat die ihm übertragenen Arbeiten stets zuverlässig und verantwortungsbewusst erledigt. Mit seiner ruhigen und ausgeglichenen Art, mit Umsicht und Einfühlungsvermögen versorgte Herr Bonanzamargot die ihm anvertrauten Heimbewohner und Heimbewohnerinnen. Gegenüber seinen Kolleginnen und Kollegen sowie den Vorgesetzten verhielt er sich stets höflich, korrekt und zuvorkommend. Des Weiteren zeichnete er sich durch Pünktlichkeit, Engagement, durch Einsatzbereitschaft aus. Er war bei Mitarbeitern und Bewohnern beliebt.“

„Wenn dir was missfällt, streiche es an, und ich ändere es“, sagte der Pflegedienstleiter. Wer kennt sich mit diesen Formulierungen aus? Stecken darin versteckte Botschaften, die mich schlecht aussehen lassen? Oder soll ich meiner PDL vertrauen?
Scheiß drauf. Es wird schon stimmen. Mindestens indirekt.

Noch zwei Nachtwachen am folgenden Wochenende, und ich bin ein „freier Mann“. Nach 20 Jahren. Wenn man aus dem Knast kommt, muss es so ähnlich sein. Da ist keine echte Freude, obschon ich Erleichterung spüre. Das Altenheim wurde zu einer Art Zuhause in dieser langen Zeit. Die Gefühle sind zwiespältig. Ich erinnere mich an mein Abi, als ich der ungeliebten Schule ade sagte und mich trotzdem nicht wirklich freuen konnte. Wir soffen uns halt die Köppe zu. Das war`s. Abhaken. Den Paukern den blanken Arsch raus strecken.
- Und jetzt? Erstmal Urlaub machen. Den Kopf frei kriegen. Das Leben lieben, und die neue Freiheit genießen!

Samstag, 20. September 2014

Gedanken am Rande der Nacht


Letzte Nacht trat ich des öfteren auf die Terrasse des Altenheims und blickte in den Sternenhimmel. Die Mondsichel stand scharf im Osten. Ich schaute in die unendliche Anzahl leuchtender Punkte über mir. Die Vorstellung von der Größe des Universums überwältigte mich. Mein Verstand konnte es nicht fassen. Obwohl das Gefühl von der Winzigkeit des Menschen gegenüber der Größe des Weltalls bereits tausendmal beschrieben wurde, bleibt es ein Faszinosum – ich musste immer wieder hoch in den Nachthimmel schauen, der die Unbegreiflichkeit der Welt und des Lebens widerspiegelt. Vielleicht ist der ganze Raum auf eine merkwürdige Art gefaltet, dachte ich, so dass die riesigen Entfernungen nur eine Illusion unserer Sichtweise auf die Welt bedeuten …
Im Aufenthaltsraum flimmerte der Fernseher. Unwillkürlich lauschte ich nach verdächtigen Geräuschen, ob es irgendwo im Haus polterte oder ein Bewohner schrie. Manchmal schreckte ich durch den merkwürdigen Laut eines Tieres auf, den ich aber im ersten Moment für das Rufen eines Bewohners hielt. Das Dorf schlummerte sanft in der Dunkelheit, umgeben von bewaldeten Berghängen. Ein paar Nachtschwärmer störten die Ruhe ...
Die Sterne des Nachthimmels erschienen mir wie aus einer anderen Welt. Vielleicht wundern sich die Sterne über uns ebenso wie wir uns über sie.

TV-Tipp:

"B. B. King: The Life of Riley" (Doku), 22 Uhr 10, ARTE

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