Dienstag, 17. November 2009

"2012" - Der Flop

Ich verließ eine halbe Stunde vor Schluss die Vorstellung. Der Film war eine Katastrophe. "2012" von Emmerich - die Krönung von Hirnverbranntheit gebannt in einem Kinofilm mit Überlänge. Der Streifen hatte so viel Tiefgang wie meine Duschwanne. Nun gut, "Tiefe" ist nicht gerade das Kriterium für einen Katastrophenfilm. Ich wollte wenigstens gut unterhalten werden, fühlte mich jedoch wie in einem drittklassigen Indiana Jones Abenteuer - ohne wirklich witzige Einlagen, und ohne das Flair eines Indiana Jones. Da waren streckenweise nur die computeranimierten Katastropheneinstellungen. Alles flog über- und durcheinander, mittendrin John Cusacks Familie, die wundersam überlebte, während die Erde sich unter ihnen auftat.
Gegen Ende spielte sich dann alles in irgendwelchen monströsen "Archen" ab, die für Reiche, Superreiche und VIPs im Falle des Weltuntergangs (mal einfach so) bereit lagen. Die Raumschiffe waren im Himalaya versteckt. Überdimensionale Tsunamis rollten inzwischen über die Kontinente und verschluckten die Welt mit Mann und Maus. Schließlich brach eine Flutwelle auch über das Himalaya Gebirge herein. Ein betender Mönch wurde von einem Gipfel gespült ..., und die Welle raste auf die Raumschiffe zu. Gnädigerweise hatte man sich dort dazu durchgerungen, die Tore der Schiffe für die verzweifelten "Statisten" zu öffnen. Mir kamen fast die Tränen ..., und da musste ich einfach das Lichtspieltheater verlassen, einem Impuls zwingend folgend nach zwei Stunden Katastrophe. Nein, ich konnte das Ende nicht mehr abwarten, auch nicht mit noch einer Dose Bier - und wer mich kennt, weiß, das heißt schon was.

An sich interessiert mich das Thema "2012", nicht weil ich an Weltuntergangsprophezeiungen glaube, sondern weil ich einen Weltuntergang, was auch immer ihn herbeiführt, für gar nicht unwahrscheinlich halte. Alles geht einmal zu Ende - auch die Welt, wie wir sie kennen. Ich will mich gar nicht an den möglichen Katastrophenszenarios aufgeilen. Mir geht es mehr um eine geistige Auseinandersetzung mit der Endlichkeit und um das Begreifen, dass wir Menschen auf einem Planeten leben, der wie ein lebender Organismus funktioniert. Doch die Menschheit verhält sich zunehmend wie ein Krebs, der überall Metastasen bildet und die gesunde Umgebung zerstört. Die Menschheit selbst ist eine hinreichende Katastrophe, gut genug für einen Weltuntergang. Wir müssen weder Meteoriten, Aliens, Neutrinostürme noch Mega-Vulkane bemühen.
Auch wenn ich also nicht an Weltuntergangsprophezeiungen, ob von Nostradamus oder den Mayas, glaube, finde ich die Mystik, die in ihnen steckt, durchaus spannend und aufregend - sozusagen als Gegenpol zum überbordenden Rationalismus unserer Zeit. Ich lese darin vor allem die Botschaft, dass wir wirklich auf eine Apokalypse zusteuern, wenn wir, die Menschen, unser (selbst)zerstörerisches Tun nicht umkehren.

Emmerichs Katastrophenfilm hat noch nicht mal das Zeug zu einer guten Verarsche. Er eiert haltlos durch alle möglichen Genres. Meine Erwartungen waren falsch. In der Pubertät, da war ich eine Zeit lang knallharter Katastrophenfilmfan. Mein Freund und ich zählten damals die Toten und beurteilten die Filme danach: je mehr Opfer, desto besser. Da kam ich nun über dreißig Jahre zu spät in "2012".

Dienstag, 3. November 2009

Zwischen Wellen

zwischen-wellen

(Kohle/Kreide, 680 x 880 mm, 1985)




Das Leben als Nachtwache empfinde ich wie "Zwischen Wellen". Die Nachtwachenblöcke sind die Wellenberge, die beängstigend auf einen zukommen, bevor sie einen emporheben, in ihren Fängen halten ...
Erleichtert schlittere ich hinunter ins Wellental, in meine freie Zeit, doch bevor ich richtig durchschnaufen kann, sehe ich bereits die nächste Welle auf mich zukommen -
Ein Auf und Ab durch die Monate und Jahre, das mich sehr viel Kraft kostete. Manchmal wünsche ich mir wieder einen ruhigeren Seegang für mein Leben. Die Wechsel zwischen Tag- und Nachtleben machen einen ganz kirre. Natürlich gewöhnt man sich mit der Zeit auch an dieses "Geschwanke".

Als ich damals das Bild malte, wusste ich noch nicht, dass ich in der Altenpflege und eines Tages im Nachtdienst landen würde. Ich war mit meiner Freundin nach Frankreich an den Atlantik gefahren. Südlich von Arcachon campten wir, und dort soff ich beinahe ab, während meine Freundin in der Sonne brezelte. Ich hatte Wellen und Meeresströmung unterschätzt.
Wieder zuhause schrieb ich zu diesem Erlebnis eine Kurzgeschichte und malte das Bild.

"Zwischen Wellen" ist, denke ich, eine passende Analogie auf das ganze Leben. Wir werden im Laufe der Jahre ganz schön durchgeschaukelt.

Sonntag, 1. November 2009

Brasko

Brasko hat mal wieder nichts zu tun, als über sein nutzloses Leben nachzudenken. Er wollte niemals Karriere machen, und heute ist er auch nur ein drittklassiger Detektiv, der abführmittelsüchtig ist. Zum Dichter reichte es auch nicht. Erstens traute er sich nicht, zweitens blieben seine Gedichte dilettantisch und zusätzlich depressiv. Er war von Illusionen besessen. Immerhin sah er besser als Humphrey Bogart aus. Und überhaupt fühlte er sich sau intelligent.
Man konnte nie wissen. Wer hätte denn gedacht, dass er, als er mit Fünfzehn seinen Schulranzen pimperte, irgendwann in echtes, mehr als lebendiges Fleisch eindringen würde. War das nicht auch eine Karriere? Und ganz ohne Steuerkarte und Sozialversicherungsausweis.
Brasko schrieb als Sechzehnjähriger seine ersten Gedichte. Mitte Zwanzig war er Alkoholiker. Und zehn Jahre später wurde er durch Zufall Detektiv. Mit dem Honorar für seinen ersten Fall konnte er seine aufgelaufenen Schulden bezahlen. Es gibt genug Verrückte, die anderen Verrückten Geld dafür bezahlen, dass sie gesagt bekommen, was sie eigentlich sowieso wissen. Und Brasko hatte so was an sich - wie eine Krankheit. Aber wie ein sympathische Krankheit. Die Leute, wenn sie es wollten, konnten sich in ihm widerspiegeln, als wäre er der Schwanz zu ihrer Möse. Jedenfalls war es unverbindlich, man fickte die Wahrheit für ein paar Momente, und damit genug. Braskos Auftraggeber wollten keine Lösung zu einem Fall - sie instrumentalisierten Brasko, damit der den Kübel ihrer Lebensscheiße über sie ausleerte, dieses dann aber als Fake abtun zu können ...
Reiche und Spinner denken sich solche Sachen aus. Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis die Morbidität eine ungeheure Anziehungskraft auf sie ausübt. Nicht wegen der Gegensätzlichkeit, absolut nicht! Diese Betrachtungsweise ist viel zu oberflächlich. Satte Menschen kommen an einen Punkt, wo sie nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind, und wofür ...; sie benutzen dann Verrückte oder Künstler dafür, diese innere Hohlheit wenigstens fiktiv wieder aufzufüllen. Das klappt natürlich so wenig, wie ein Alkoholsüchtiger mit Alkohol glücklich werden kann.
Brasko ist aus ganz anderen Gründen süchtig, wenn man dies so sagen kann. Genau ist er sich nicht darüber im Klaren. Jedenfalls hat er die Selbstverarsche der meisten Menschen durchschaut. Nun schlägt er für sich Kapital daraus. Moralisch ist das nicht verwerflicher als alles, was sowieso im Rahmen des Kapitalismus an Ausbeutung und Betrug läuft. Man gibt den Menschen, was sie wollen.
Brasko gehört zu den Spinnern, und er weiß, dass er dieses Image behalten wird, solange er die Wahrheit schreibt. Außerdem lügt er schlecht, sehr schlecht.
Die vierundzwanzig Stunden eines Tages werden zu einem Tautropfen an einem Zweig. Die Sonne geht auf und unter, viele Male, und die Tage summieren sich zu Jahren; und die Jahre fließen in den Stamm zurück. Brasko macht sich nichts vor. Sein Herz ist wie eine moosige Weide - manchmal schmuseweich, und dann abgewetzt und hart.

Ach ja, nicht, dass Ihr denkt, Brasko wäre mein Alterego, er ist eine Farce auf das Leben, nicht mehr.

Freitag, 30. Oktober 2009

Find the other side of the world

oder: Fuck die Andere Seite


Ich finde die Vorstellung faszinierend, dass es eine Stelle auf der Erde gibt, die mir genau gegenüber liegt. Diesen Ort empfinden wir als Unterseite. Aber diese Unterseite empfindet komischerweise gerade uns als Unterseite. Heute wissen wir, dass die Gravitationskraft uns zu dieser Perspektive verführt. Gäbe es die Schwerkraft nicht - wären alle Richtungen willkürlich, außer der, die in die Vergangenheit zeigt.
Alles hat seine Gegenseite. Am Besten kann man die an Objekten ausmachen. Lebewesen haben in aller Regel ein Vorne und Hinten. Ich lebe meist nach vorne, wenn ich nicht gerade auf dem Klo sitze. Wie würde die Welt wohl ausschauen, hätte ich ein Auge am Hinterkopf? Ansonsten bin ich darauf angewiesen, dass mein Rücken (meine "Darkside of the Moon") von meiner Freundin in Augenschein genommen wird, etc.
Alle Dinge haben eine andere Seite. Sie liegt uns immer gegenüber. Und sie liegt im Dunkeln, dabei wechselt die Gegenseite ihre Position mit uns wie ein Schatten. Daher sind wir verführt, die Gegenseite wie ein Gegenteil zu uns zu betrachten, als etwas Fremdes und unter Umständen sogar Feindliches.
Liegt nicht China auf der anderen Seite der Welt? Noch immer ist China wahrscheinlich in unseren Augen das fremdeste Land der Welt ...
Die andere Seite wird zur Anderen Seite, wenn wir sie von uns losgelöst sehen. Bei ideellen Sachen passiert diese Trennung tagtäglich: Wir sehen das Böse losgelöst vom Guten, wir denken uns den Makrokosmos ganz anders als den Mikrokosmos. Der Teufel ist in unseren Augen ein Abtrünniger, und gehört nicht mehr dazu. Wir kämpfen gegen jene, die wir zu unseren Feinden erklären. Wir zerteilen das Ganze, weil unsere Vorstellungskraft das Ganze nicht erfassen kann - zu absurd ist uns der Gedanke, dass ein Mensch auf der anderen Seite der Welt ebenso fest wie wir auf der Erde steht.
Lieber ficken und bekriegen wir die Gegenseite, als sie als ein Teil von uns anzuerkennen.
Jede Medaille hat zwei Seiten. Nur eine kann oben liegen, denken wir. Und genau in diesem Denken liegt unser Fehler. Sie liegen beide oben. Beide Seiten sind Teil derselben Sache.
Unseren Geist sehe ich bildlich als das Vermögen, die Münze bzw. Medaille auf der Kante zu balancieren ... (aber das Unvermögen herrscht vor?)

Ich kam auf diese Gedanken, als ich beim Websurfen auf die Seite " Find the other side of the world " stieß. Für meinen Standpunkt bedeutet dies, dass ich im Pazifik östlich von Neuseeland auftauchte, wenn ich mich senkrecht durch die Erde bohren würde. Keine gute Vorstellung. Festland wäre mir lieber.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Das Brot des Alters



die Jahre vergehen
man bekommt krumme Zehen
man wird müde und auch ein bisschen prüde
die Rente ist karg
nur die Ängste sind stark
es gehen die Jahre, man sieht schon die Bahre
ist unendlich träge
demnächst kommt die Pflege
die Eltern sind tot, man liegt im eigenen Kot
es ist niemand mehr da
das ganze Leben ... nicht wahr
es ist irgendwie nicht wahr, wie es einst war
die glücklichen Zeiten
wie saftig waren damals die Weiden
man liebte wie irre und war vom Leben ganz kirre
aber die Jahre vergingen
keine Macht kann sie wiederbringen
man ist nur noch Last, das Leben ist Knast
gewindelt, gefüttert
von nichts mehr erschüttert
doch das Ende kommt nicht, Leben ist Pflicht
alles verging
und man ist nur noch Ding
der Geist wird dement, die Träume Zement
wer schrieb dieses Buch?
warum wird das Leben zum Fluch?
ein Geschenk wär` der Tod
wie für den Hungernden Brot



(boma, 20.10.09)

Samstag, 17. Oktober 2009

Maultaschen und Maulschellen

Gerechtigkeit hat viel mit Verhältnismäßigkeit zu schaffen. Denken wir an die Waage, die Justitia in der Hand hält. Eine Altenpflegerin wurde kürzlich wegen der Mitnahme von einigen Maultaschen gekündigt. Ihr Arbeitgeber bezichtigte sie des Diebstahls. Selbst ohne die genauen Einzelheiten dieses Falls zu kennen, schreit diese Entscheidung, die nun ihren gerichtlichen Segen erhielt, nach Ungerechtigkeit.
Diebstahl bleibt Diebstahl, sagen die Einen. Die Anderen sprechen von Bagatelldelikten, welche Arbeitgebern willkommener Anlass sind, sich von unbequemen oder teuren Mitarbeitern zu trennen. Es wird geschwollen von einem zerrüttetem Vertrauensverhältnis gesprochen. Andererseits bekommt man als Arbeitnehmer Angst und fragt sich vielleicht: bin ich wegen des betriebseigenen Kugelschreibers kündbar, den ich aus Versehen in der Hemdtasche vergaß, und der jetzt bei mir zuhause auf dem Schreibtisch liegt?
Zu dem Fall der wegen des Maultaschendiebstahls gekündigten Altenpflegerin machte ich mir einige Gedanken - schließlich bin ich auch Altenpfleger und kenne den Umgang mit den Essensresten. Noch nie warf ich so viel Essen weg wie in meiner Zeit im Altenheim. Wenn sich nun ein Mitarbeiter eine Maultasche in den Mund steckt, die er sonst gleich in den Schweineeimer geschmissen hätte, erfahren doch eigentlich nur die nutznießenden Schweine einen Schaden, oder? Doch nicht direkt der Arbeitgeber - im Gegenteil, er hat einen Mitarbeiter, der zusätzlich als "Schweineeimer" dient und hernach gestärkt weiter arbeiten kann. Was anderes ist es, wenn sich Beschäftigte am Vorratslager bedienen, um sich den Einkauf von Wurst, Käse, Eiern und Milch zu sparen. Auch das soll es geben.
Die Kündigung dieser Frau wegen der Mitnahme von ein paar Maultaschen ist eine bodenlose Frechheit! Ich will nicht wissen, wie viele Stunden sie im Laufe der Jahre ihrem Arbeitgeber schenkte, wenn sie wegen der vielen Arbeit nicht pünktlich in ihren verdienten Feierabend kam. Auch in dieser Hinsicht rede ich aus dem Nähkästchen, weil ich den Stress des Pflegealltags nur zu gut kenne. Diese Altenpflegerin schenkte wahrscheinlich ihrem Arbeitgeber in den 17 Jahren Betriebszugehörigkeit mehrere tausend Euro, und nun wurde sie wegen der Mitnahme von Maultaschen im Wert von wenigen Euro gekündigt! Ja, wo ist da die Verhältnismäßigkeit, wo die Gerechtigkeit?
Aber diesen Damen und Herren geht es wohl ums Prinzip. Man sollte ihnen ihr Prinzip sonst wo hin stecken!
Solche Nachrichten, wie Arbeitnehmer gekündigt, ausspioniert und gemobbt werden, derart in den letzten Monaten zunehmend durch den Medienwald rauschen, machen mich wiederholt sehr wütend. Warum gibt es diese Schieflage in unserer Gesellschaft? Und warum habe ich das Gefühl, dass diese Schieflage zunimmt?
Kündigungen und Arbeitsgerichtsurteile wie diese, Maultaschen-Urteil, sind Maulschellen für meinen Gerechtigkeitssinn - ich denke, dass die meisten Bürger und Bürgerinnen ähnlich empfinden.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Umkehrung der Verhältnisse - oder: Wer ist Arno Abendschön?

Leider bemerke ich immer wieder eine Umkehrung der Verhältnisse: Es werden die "Außenseiter" an den Pranger gestellt; man beschuldigt sie ohne näheres Hinsehen der Volksverhetzung und des Rassismus, weil man an die großen und tatsächlichen Demagogen und Wortverdreher nicht heran kommt oder selbst zu ihnen zählt. So geschehen M. K., der einen Prosatext, einen Romananfang, ins Autorenweb stellte und sogleich mit Schlamm beworfen wurde. Man glaubte, ihm eine rassistische Gesinnung andichten zu müssen. Es wurde ihm sogar mit einer Anzeige wegen Volksverhetzung gedroht. Sein Text wurde alsbald auch von den Betreibern des Autorenweb gelöscht. Ein unter dem Namen A.A. veröffentlichender Literat nahm das Thema auf und diffamierte M.K. in dem Internetmagazin Opinio. Wer M.K.s Gedichte und Prosa aus dem Forum Literarchie kennt, kann sich angesichts dieser öffentlichen Schelte und Verurteilung nur die Haare raufen. So ging es jedenfalls mir, als ich vor wenigen Tagen auf diese "Umkehrung der Verhältnisse" durch Beiträge in Literarchie stieß. Das Ganze erinnert mich ein wenig an die Hexenjagden der mittelalterlichen und selbstgerechten Inquisitoren. Hier wird offensichtlich ein Autor von einer Literatenclique nach einer nur oberflächigen Betrachtung seines Werkes diskriminiert.
Im Internet kann man keine Bücher und Texte verbrennen, also löscht man sie einfach ...
Man bläst allzu gern ins selbe Horn, wenn man, ohne seinen Verstand bemühen zu müssen, Menschen verurteilen kann.
Diese Psychologie der Umkehr der wahren Verhältnisse beobachte ich auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Meistens werden damit unbequeme Menschen und "Außenseiter" von der der Gemeinschaft gemobbt. Das passiert in der Schule wie am Arbeitsplatz. Diese Art des Mobbings und der Diskriminierung gibt es in Familie und Politik und offensichtlich auch unter Literaten und Künstlern.
Es ist für mich immer wieder beschämend zu sehen, wie sich eine ganze Horde über Einzelne hermacht, wenn jene den "Burgfrieden" stören.

Nun möge sich jeder selbst ein Bild machen:

Der Link zu dem Text des Anstoßes: Ne Schule mach ich locker (Romananfang)

Der Link zu A.A.s Beitrag auf Opinio: Sarrazin und die Folgen - Hass im Internet - Wie man Pogromhetze betreibt

Der Link zur Diskussion diesbezüglich auf Literarchie: AUFSTAND mein Text`ne Schule mach ich locker`hat hier ---&

Zum Blog Action Day 2009 - Climate Change

Seit langem verfolge ich die Diskussionen über den bevorstehenden Klimawandel. Vor einem Viertel Jahrhundert war das Ganze nur ein Gespenst, dass manche am Horizont zu erblicken vermuteten. Da sagten die meisten Wissenschaftler noch, alles sei im Rahmen, es wären normale Schwankungen. Der Einfluss des Menschen auf das globale Klima wurde klein geredet. Politik und Wirtschaft konnten einen solchen Zusammenhang auch gar nicht gebrauchen, denn sie setzten beide auf Wachstum. Wachstum war und ist der Prophet der Neuzeit. Wir sind alle Wachstumsgläubige. Und es wuchs ja wirklich der Wohlstand in einem begrenzten Teil der Welt; es wuchs auch die gesundheitliche Versorgung in einem begrenzten Teil der Welt, so dass ich auf ein langes Leben hoffen kann - glücklicherweise wurde ich in einer westlichen Industrienation geboren. Was aber ebenso wuchs, waren die Emissionen und der Müll. Sie wuchsen sozusagen in den Himmel und unter die Erde. Sie stinken und verrotten vor sich hin. Glücklicherweise nicht direkt vor der Haustüre der Reichen, und zu den Reichen müssen wir uns im globalen Vergleich zählen. Den Müll entsorgen wir zu einem guten Teil in den Dritte Welt Ländern. Und wenn wir den Himmel teilen könnten, würden wir auch unsere Abgase irgendwie um den Himmel über uns herumleiten.
Ja, es wuchs auch unsere Arroganz - und vor Allem unsere Ignoranz angesichts der globalen Verhältnisse, bzw. Missverhältnisse.
Inzwischen sind wir klüger. Selbst die Politiker können heute angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse den Einfluss des Menschen auf das Weltklima nicht mehr leugnen. Es werden Klimagipfel veranstaltet, ausgebootete Politiker schreiben sich das Thema "Klima" auf die Fahne; es entsteht allerorts ein irrationaler Aktionismus. Nun, alles ist besser als nichts. Ich begrüße die ernsthaften Bemühungen der Politik, die drohende Erderwärmung abzumindern. Eine Erwärmung von nur wenigen Grad Celsius hätte verheerende Folgen. Auch die Reichen wären davon irgendwann betroffen. Wie es aber so ist, werden erst die Ärmsten unter den drohenden Hochwassern, Sturmfluten und Wirbelstürmen leiden. Ich brauche die Apokalypse nicht zu bemühen, um mir für die nächsten Jahrzehnte ein Horrorszenarium auszumalen. Es ist an der Zeit, dass die Mächtigen dieser Welt Verantwortung übernehmen. Sie können keine unüberwindbare Mauer um sich ziehen.
Wir müssen endlich vom Propheten Wachstum loslassen, ansonsten schlittern wir alle nach und nach über den Abgrund. Die Erde ist endlich. Sie hat begrenzte Rohstoffe und Ressourcen. Das empfindliche und wunderbare Ökosystem, welches aus einer uns unbekannten tief liegenden Weisheit das Gleichgewicht von Klima und Natur steuert, wird von uns seit ca. 200 Jahren zunehmend mit Füssen getreten. Naturvölker erspürten dieses sensible Gleichgewicht noch intuitiv und versuchten im Einklang mit der Natur zu leben. Doch der so genannte zivilisierte Mensch, vom Eroberungsgedanken ganz versessen, erhob sich arrogant über die Natur und seine Mitgeschöpfe.
Ich sehe wenig Aussichten, das Steuer in naher Zukunft herum zu reißen. Der momentane Aktionismus versandet in Makulatur. Es ist das wachstumsgläubige und konsumorientierte Wesen Mensch, welches wie ein Dämon alle gute Bestrebungen zunichte macht. Wir sind süchtig ... und größenwahnsinnig.
Es ist ein faustischer Fluch, der auf uns lastet.
Die Natur braucht uns Menschen nicht, aber wir können nicht ohne Luft, Wasser und Nahrungsmittel leben.

Es ist schmerzhaft, mitzuerleben, wie sich die Menschheit selbst richtet. Die drohende Klimakatastrophe ist nur ein Symptom neben anderen, welches die menschliche Maßlosigkeit gnadenlos beantworten wird. Vielleicht das gewaltigste neben unseren kriegerischen Selbstveranstaltungen.




Dienstag, 13. Oktober 2009

Die Entscheidung für das Leben kann ein Fluch sein


Es gab diese Frau. Sie war nun etwa solange in dem Altenheim wie ich. Als sie zu uns kam, war sie erst Anfang Sechzig. Die Diagnose: Alzheimer. Ich konnte sie noch am Waschbecken waschen. Ich konnte sie noch führen. Und sie redete, wenn auch wirr. Ich kann mich kaum erinnern. Warum verlässt mich mein Gedächtnis? Nach fünfzehn Jahren in dieser Altenpflegeeinrichtung sah ich viele Dutzend Menschen kommen und gehen, leiden und sterben. Diese Frau ist ein Relikt aus der Vergangenheit. Sie war immer da, und sie blieb die ganze Zeit im selben Bereich - also, sie wechselte immer nur in ein Nachbarzimmer.
Seit über zehn Jahren liegt sie auf einer Wechseldruckmatratze, wird künstlich ernährt, und wenige Stunden am Tag in einen Spezial-Rollstuhl gesetzt. Inzwischen bringt sie nur noch ein Brummen hervor. Ihre Augen zucken nervös, wenn ich ihr die Windel wechsele, wenn ich sie wasche, wenn ich sie von der einen Seite auf die andere drehe. Wie eine Heuschrecke liegt sie mit angezogenen Beinen und angewinkelten Armen im Bett - eine durch die hochkalorische Sondennahrung gut genährte Heuschrecke. Ihr Hautzustand ist gut. Schon lange kann sie wegen der Aspirationsgefahr kein Essen und Trinken mehr schlucken. Ihr Kopf ist durch die Spastik überstreckt, und sie röchelt und hustet oft. Wenn sich zu viel Schleim im Rachenraum ansammelt, saugen wir sie ab. Sie gurgelt und hustet. Ihre Stirn kräuselt sich. Es riecht faulig aus ihrem Mund.
Eine alte Schulfreundin besucht sie noch. Ihre Kinder kommen schon lange nicht mehr, was ich gar nicht werten will. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es für mich wäre. Wir reden zu leicht darüber, dass wir unsere Eltern in jedem Fall pflegen und betreuen würden. Wir reden viel, wenn das Leben lang ist.
Diese Frau sagt seit Jahren nichts mehr, und doch sagt sie viel - viel über unser Denken, unsere Heuchelei und den Zustand unserer Gesellschaft. Das Leben dieser Frau ist ein Dahinvegetieren und ein ständiger Kampf gegen den aufsteigenden Schleim. Nur selten sehe ich sie ganz entspannt schlafen.
Morgen, wenn ich Nachtdienst habe, werde ich sie wieder sehen. Alles wird wie immer sein. Wir verlieren selten Worte über diese Frau, nur wenn Medikamente vom Arzt geändert wurden, oder wenn wir sie absaugen mussten. Irgendwann wurde vergessen, ein paar persönliche Bilder von ihr, von ihrer Vergangenheit, nach einem Umzug in ein Nachbarzimmer, aufzuhängen. Und ich - mache auch nichts.
Ich schreibe hier von unserer Menschlichkeit. Ich schreibe von einer innerlichen Zerreisprobe.
Es macht mich wütend, wenn Politiker und Professoren über Ethik diskutieren, währenddessen Menschen allein dadurch gefoltert werden, dass sie am Leben erhalten werden.

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