boMAs Gedichte und Texte

Sonntag, 16. Dezember 2018

Du Null


Der Tatortreiniger rettete mir den Samstagnachmittag. Ich war zu nichts zu gebrauchen. Wie ich es bereits schrieb, hielt mich die Öde in ihrem eiskalten Griff. Ein Wunder, dass ich mich überhaupt zu was aufraffen konnte. Ich begann mit dem Gucken 14 Uhr, und 20 Uhr lief immer noch Der Tatortreiniger. Eine Folge dauert ca. 30 Minuten – mal rechnen… Ich habe mir also 12 Folgen reingezogen. Nicht schlecht, Herr Specht! Danke dieser Serie mit ihren abgedrehten Stories und Akteuren, vornean Bjarne Mädel! Besonders die Folge „Rebellen“ fand ich bärenstark. Es existiert noch Qualität im Deutschen Fernsehen.
Ich hätte vielleicht nicht das ganze Pulver verschießen sollen, denn heute ist auch noch ein Tag.
Na gut, lassen wir`s auf uns zukommen. Ein Blick aus dem Fenster sagt so etwas wie „Mumpf“ oder „schmutziges Geschirrhandtuch“. Temperaturen um die 0 Grad Celsius laut Wetteransage. Passt. Ich mag die Nullen dieser Welt. Sie machen einem nichts vor. Manchmal würde ich gerne alles zurück auf Null drehen. Die Null ist absolut göttlich. Ich könnte gut damit leben, würde man mich als Null bezeichnen. Apropos: mir fällt gerade ein, dass ich träumte, Saxophon zu lernen, brachte aber keinen Ton heraus. Trotzdem versuchte ich es immer wieder…
Inzwischen kochen die Kartoffeln auf der neuen Herdplatte. Ich dachte, ich mache sie schon mal, denn später habe ich dazu bestimmt keine Lust mehr. Ich singe ihnen was, während sie köcheln. Die Kartoffeln hüpfen im Wasser auf und ab und applaudieren. Schön, denke ich, ich habe ein paar Fans gewonnen.
Und das war`s dann mal wieder.

Sonntag, 2. Dezember 2018

Freiheit?


Freiheit ist ein großes Thema in meinem Leben. Noch nie durfte ich mich so frei fühlen wie heute. Dieser Gedanke schoss mir erst vor kurzem mal wieder durch den Kopf. Befreit von Partnerin, Familie, Freunden und Bekannten*. Quasi heimatlos. Scheißegal, ob ich besoffen bin, irgendeinen Blödsinn anstelle oder von heute auf morgen von der Bildfläche verschwinde. Ich bin frei. Ich bin durchsichtig, vollkommen bedeutungslos, - keine Anrufe, keine SMS, weder Mails noch Post von irgendwem. Ich bin jeglicher Pflichten entbunden. Ich muss vor nix mehr davonlaufen. Ich kann einfach der sein, der ich bin, nurmehr mir selbst verantwortlich. Ziel erreicht, würde ich sagen und grinse in mich hinein. Die letzten Zwänge sind die des Brotverdienstes und meiner körperlichen sowie geistigen Bedürftigkeit. Auch die alten Ängste fallen nicht einfach von einem ab. So kann man im Prinzip frei sein, ohne sich wirklich frei zu fühlen. Momentan fühle ich mich so ähnlich wie am Ziel einer meiner Fahrradreisen von einer seltsamen Leere erfasst, nicht unglücklich, nein, sondern melancholisch, einsam und müde.
„Geht noch mehr frei?“ frage ich mich und antworte, ohne lange zu überlegen „Natürlich“. Vor kurzem stieß ich beim Durchblättern eines Journals auf ein Foto, auf welchem eine Gruppe indischer Yogis nackt posierte. Von solchen Typen bin ich echt beeindruckt. Sie fristen ein extrem asketisches Leben ohne jeglichen Besitz. Ich nehme an, dass sie dabei der Weltseele, respektive Gott, sehr nahekommen. Ganzschön strange für unsereins. Mir erscheinen sie auf dem Bild wie Wesen aus einer anderen Daseinsdimension. Diesen Grad von Erleuchtung und Freiheit werde ich sicher nicht mehr erreichen.
Mein Traum wäre es, meine sieben Sachen in einen Koffer zu packen und ohne viel Komfort um die Welt zu reisen – nach dem Motto „Ich bin dann mal weg“.
Aber der Weg des Loslassens ist steinig. Ständig stehen wir uns dabei selbst im Weg. Ich will mir nichts vormachen. Insgeheim sehne ich mich nach einem Zuhause, einem Hafen, einem Stück Heimat…



* bitte nicht pikiert sein, wer sich nach wie vor mit mir freundschaftlich verbunden fühlt

Samstag, 24. November 2018

Die Welt hat einen Sprung


Der alte AEG-Herd gab seinen Geist auf. Der Topf mit den Makkaroni kochte über, und es ließ einen Knall – die Sicherung flog raus. Danach war zappe. Für die Nudeln reichte die Hitze aber noch. Inzwischen kaufte ich mir eine einzelne Herdplatte, was weit besser zu meinem Singledasein passt.
Das nächste Problem bereitete mir der TV-Empfang. Offenbar war nun auch meine Adresse von der Umstellung auf digitales Fernsehen betroffen. Vorgewarnt wird man da offenbar nicht. Ich wollte vor der Arbeit noch etwas Morgenmagazin schauen, aber nichts ging mehr. Okay, kein Beinbruch. Ich verbringe nicht viel Zeit vor der Glotze. Gewöhnlich gebe ich mich mit dem Angebot auf der Mediathek zufrieden… abends vorm Einpennen. Aber einen Schönheitsfehler bedeutete der Verlust für mich schon. Ich hab`s gern, wenn alles funktioniert, wie`s soll. Ein Luxusproblem freilich. Auf der anderen Seite zahle ich immer diese Rundfunkgebühren – und nicht gerade wenig, finde ich. Also recherchierte ich im Netz, was zu tun sei. Endlich fand ich für meinen Fernseher gestern die Lösung. Ich musste einfach die Einstellung auf „Finnland“ ändern, und der automatische Sendersuchlauf funzte wieder. Warum war ich da nicht selbst draufgekommen?
So spielt das Leben. Vieles bleibt völlig im Dunkeln oder scheint zumindest unergründlich. Ich denke dabei nicht nur an technische Dinge, sondern auch an uns Menschen und die Welt im Ganzen. Tag für Tag dokumentiere ich Krebserkrankungen. Unglaublich, wie viele Menschen betroffen sind. Scheußliche Sache – und ziemlich komplex. Bei aggressiven Tumoren hilft nur Beten. Ich denke dabei an die Epikrisen von Lungen- oder Pankreaskarzinomen, die täglich auf meinem Schreibtisch landen… Da machst du am besten gleich dein Testament.
Vieles ist unmöglich zu verstehen. Das Verhalten von Menschen gehört auch dazu. Besser nicht zu sehr damit hadern. Ich weiß, leichter gesagt als getan. Nehme nur mal die Bitch, die mich betrog und Anfang dieses Jahres verließ. Was für ein Elend, nur daran zu denken. Die Liebe ist in jedem Fall so eine Sache, der man nie wirklich auf den Grund kommen wird. Sie mag den Rückblick nicht besonders – die Liebe will immer vorwärtsschauen. Kein Wunder, denn sie hinterlässt auf ihrem Weg nichts als Asche. Es folgt ein quälender Abschied in Zeitlupe. Das Herz erholt sich nur langsam. Ich frage mich, ob z.B. unser viriler Altkanzler Schröder ähnliche Liebesschmerzen durchlitt. Jedenfalls ließ er sich nicht viel davon anmerken. Wie oft war er verheiratet? Und wie ihn gibt`s eine Menge Schwerenöter(innen)… Kommt mir vor wie bei einem Weitsprungwettbewerb: Der Weitspringer denkt vor jedem Sprung: Der wird`s jetzt reißen. Er nimmt Anlauf, kommt auf Tempo, peilt das Trittfeld des Absprungs an, aber… in der Luft merkt er schon, dass es wieder nichts war – zu spät! Der Weitspringer schlägt in der Sandgrube auf, rappelt sich hoch, blickt auf den Abdruck seiner Landung und kehrt leicht geknickt zurück zum Start. Er hat noch ein paar Versuche… Beim nächsten Mal soll es unbedingt hinhauen!
Ich bin ein miserabler Weitspringer. Mein Rekord liegt in Liebesbeziehungen bei fünf Jahren. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Der Vergleich passt freilich nur bedingt, denn erst muss man zu den Ladies kommen, um wieder zu einem neuen „Sprung“ ansetzen zu können. Nein, an Möglichkeiten fehlte es mir nicht. Auch nicht an Leidenschaft. Ich vermute eher, dass ich die Sache mit zu viel Gedankenschwere angehe… Auch fehlt`s mir wohl an der richtigen Technik. Beim letzten Sprung hätte ich besser den Anlauf abgebrochen oder wäre erst gar nicht gestartet. Ein wesentliches Merkmal der Liebe ist die Geistesschwäche der Beteiligten.

Je älter man wird, desto mehr sollte man sich in Bescheidenheit üben, auch was die Liebe angeht. Es kommt die Zeit, da muss man keine großen Sprünge mehr machen. Na, wenn das kein Trost ist.

Samstag, 17. November 2018

Höhe der Zeit


Gepriesen sei das Internet! Ich ließ mir meine Lebenszeit ausrechnen (mir war mal wieder so öde) - also nicht nur mein Alter in Jahren, das habe ich noch gerade so im Kopf, sondern etwas genauer. Hier das Ergebnis:
Ich lebe seit 1.764.720.000 Sekunden, oder 29.412.000 Minuten, oder 490.200 Stunden, oder 20.425 Tagen, oder 2.917 Wochen, oder 671 Monaten... Das sind noch ganz überschaubare Werte, finde ich. Heutzutage sind wir umgeben von Großen Zahlen. Es wird geklotzt, nicht gekleckert. Wir sind umgeben von Milliardären und finden das ganz normal. Die Weltbevölkerung wächst und wächst - bei wie viel Milliarden sind wir inzwischen? Wie viele Sterne hat die Milchstraße? – wie viele Galaxien das Universum? Größenwahn ist en vogue. Spätestens seit der Digitalisierung findet eine Inflation der Großen Zahlen statt. Ich erinnere mich an Zeiten zurück, da war für mich Tausend eine unvorstellbare Größe. Tausend Mark waren ein Vermögen! Wer kennt nicht den Spruch: Wenn das Wörtchen „Wenn“ nicht wär, wär mein Vater Millionär!* Heute zählen sich die Millionäre zur Mittelschicht. Friedrich Merz jedenfalls, der neue alte politische Emporkömmling, zwischenzeitlich Millionär, zählt sich zur oberen Mittelschicht. Offenbar ein sehr volksnaher Mann, dem man nur eine politische Karriere wünschen kann. Hat er sich doch verdient, oder?
Wir schmeißen mit Zahlen und Begriffen um uns, die wir gar nicht mehr erfassen können. Kein Schwein weiß, um was es geht. Man babbelt einfach nur noch nach, - und umso mehr man semantisch auf der Höhe der Zeit ist, desto mehr wird einem zugenickt. Ich lausche dann und wann gern Gesprächen meiner Mitmenschen, z.B. beim Fahren mit der Bahn, in der Kneipe/im Café oder auch am Arbeitsplatz, - also immer dann, wenn ich gerade nichts Besseres zu tun habe. Unglaublich, was ich da schon alles gehört habe. Über was reden die da? Kommen die von einem anderen Stern? Oder bin ich einfach zu blöd, sie zu verstehen? Nein, neben mir sitzen keine chinesisch sprechenden Chinesen (auch keine Spanier). Syntaktisch befinden sie sich weitgehendst in derselben Sprache, die ich auch spreche, aber…
Ich muss so ein Gespräch mal aufnehmen, damit ich direkt am Beispiel erklären kann, was ich meine. Möglich ist schließlich auch, dass ich Autist bin, ohne es zu wissen. Da lebe ich seit 20.425 Tagen und kriege nun raus, dass alles so ist, weil ich ein verfluchter Autist bin… Kann das sein?
Oder hinke ich der Zeit hinterher? Die Zeit ist aber auch verflucht schnell unterwegs, finde ich. Das merke ich vor allem an Wochenenden. Kaum habe ich mir überlegt, was ich am Wochenende machen will, ist es auch schon rum… und meine 2.918ste Woche in diesem Trauerspiel beginnt usw. usf.
Aber im Ernst jetzt: Die Zeit rast! Ich erinnere mich noch gut (als wäre es gestern gewesen), dass die Lehrerin vorne an der Tafel was erklärte, und ich absolut nichts davon mitbekam, obwohl ich hinhörte. Ehrlich, ich hörte hin! Ein Wunder, dass ich es bis zum Abi schaffte. Ein Mysterium. Alles ging so schnell. Bevor ich zu Ende überlegt hatte, was die Lehrerin meinte, musste ich bereits Bewerbungen schreiben. Ist erst ein paarhundert Monate her. Kann gar nicht fassen, dass mein Leben nun schon dreiviertelst vorbei sein soll**. Was habe ich eigentlich die ganze Zeit gemacht?



* auch bekannt als "hätte, hätte, Fahrradkette"

** wobei man die letzten zwei bis drei Achtel des letzten Viertels getrost streichen kann, weil man diese Zeit (wahrscheinlich) kaum noch Leben nennen kann

Sonntag, 11. November 2018

Eintopf


Mein Verstand ist müde. Dieses ständige Nachdenken über den Sinn des Daseins kann einen auf Dauer krank machen. Ich muss da mal `ne Pause einlegen. Wenigstens für heute, einem tristen Novembertag, an dem es nichts zu machen gibt, als ein Zeit-Bad bei Kerzenlicht zu nehmen und dem Bierkasten ein paar Flaschen abzuringen. Nun nur noch ein weniger anstrengendes Thema finden… Am besten einen bunten Themen-Eintopf. Einfach ohne Nachzudenken drauflosschreiben. Sich von Inspiration und Zufall leiten lassen. Und scheiß drauf, ob es jemanden interessiert. Okay, das kümmert mich auch sonst nicht. Fast nicht. Wenn ich ehrlich bin, freue ich mich schon, wenn meine Blog-Beiträge gelesen und kommentiert werden. Also gut. Ich sehe schon, so wird das nichts. Nichts schlimmer als die Heuchelei, die man an sich selbst entdeckt.

Und nun werfe ich einfach mal ein paar Zutaten in den Eintopf:

Heute Morgen im Halbschlaf fand ich AKK sexy, nicht nur wegen ihres Namens.

Am Liebsten würde ich mich mit dem Arsch auf Trumps Gesicht setzen, und ich glaube, ihm würde das sogar gefallen.

Die Bayern verloren gegen Dortmund und Uli Hoeneß bekam `ne Bierdusche ab. Weiter so!

Bei Sebastian Vettel war in Sao Paulo irgendwas lose zwischen den Beinen. Fast hätte ich gelacht.

Ich glaube wirklich, dass AKK eine gute Kanzlerin für Deutschland wäre. Scheiße, dass sie schon verheiratet ist. Aber das sagt heutzutage nichts mehr. Wie komme ich an diese Lady ran?

Die AfD will der Beobachtung durch den Verfassungsschutz entgehen, indem sie statt Scheiße in Zukunft Stuhlgang sagt. Endlich.

In der Mitte unserer Galaxie existiert ein Schwarzes Loch.

Die November-Tristesse kommt spät, aber sie kommt.

Es regnet.



Samstag, 10. November 2018

Zeichen


Wenn man mich eines Tages hier rausträgt, hinterlasse ich wenigstens einen ordentlichen Eindruck. Ich will nicht tot in einer schmutzigen, zugemüllten Wohnung gefunden werden. Unangenehme Vorstellung. Nun ist mir schlecht vom Putzen. Für heute reicht`s. Ein scheiß Job. Ich denke an die vielen, für die Putzen den Brotverdienst bedeutet. Nicht Sport ist Mord, sondern Hausarbeit.
Ich reiße die Fenster auf und setze mich in den kühlen Luftzug. Dazu ein Drink, und mir geht`s langsam wieder besser. Von der Straße tönt die alltägliche Geschäftigkeit der Stadtbewohner zu mir herein. Ein schöner Novembertag grüßt.
Was bleibt mehr zu tun als die Instandhaltung und Verwaltung des Lebens? Die Freude auf das tägliche Feierabendbier, die Freude aufs Wochenende mit zweimal Ausschlafen und zwei Tagen, an denen ich nicht über den Tumorfällen brüten muss, die Freude auf den nächsten Urlaub und auf den nächsten Sommer… Ich blicke mich in meinen vier Wänden um. Mir gefällt, was ich sehe. Ich habe es mir schön gemacht. Ab und zu gönne ich mir eine kleine Freude in Form eines neuen Kleidungsstücks, eines Schmuckstücks oder eines Buches. Mir kam kürzlich ein Hörspiel von Günter Eich in den Sinn, welches ich vor vielen Jahren gehört und mich beeindruckt hatte. Keine Ahnung, warum ich mich daran erinnerte. Ein Akt der Langeweile oder ein Zeichen – wer weiß das schon? „Das Jahr Lazertis“ – leider fand ich keine Hörfassung im Internet. Bei der Recherche wurde mein Interesse am Autoren Günter Eich geweckt und ich beschloss, mir ein/zwei Bücher mit seinen Sachen zu bestellen. Ich bin gespannt.
Und was stellst du heute noch an, bro?
Gute Frage. Schätze, die übliche Runde. Vorerst noch `nen Drink. Ich warte auf ein Zeichen. Außerdem läuft die Waschmaschine noch.
Was für ein Zeichen?
Weiß nicht. Irgendein Impuls, eine Inspiration, ein glücklicher Zufall… etwas, das mich aus meiner Lethargie reißt.
Wird schon.
Klar.

Samstag, 3. November 2018

Leberwurstbrot


Der Wahnwitz hat zwei Beine und nennt sich Mensch. In einer der letzten Nächte träumte ich von einer neuen weltweiten Marke, die sich „Leberwurstbrot“ nennt: Neben allen möglichen Produkten, für die sie steht und überhaupt nichts mit Leberwurstbroten zu tun haben, nimmt sie auch Einfluss auf die Politik. In ihrem Namen wird eine weltweite politische Bewegung gegründet. Überall prangen fortan Werbebanner mit dem Schriftzug „Leberwurstbrot“… Genial! fand ich im Schlaf und war hin und weg von dem erdachten Label.

Momentan fühlt sich das Leben an wie ein Puzzle ohne Orientierungsbild. Wie von selbst reihen sich die Wochen aneinander und unterscheiden sich kaum merklich voneinander. Dabei leben wir in rasanten und spannenden Zeiten. Politisch ist einiges in Bewegung, die technische Entwicklung explodiert geradezu (nur beim Diesel nicht), und das Klima spinnt. Aber all das erreicht mich nur wie durch Watte – als würde sich mein Leben im Auge des Sturms abspielen. Bin ich alleine mit dieser Empfindung? Bei mir kommt freilich noch eine persönlich bedingte Lethargie hinzu, welche das Gefühl des Stillstands und der Leblosigkeit verstärkt. „Zwick mich, damit ich spüre, dass ich lebe!“ rufe ich. Doch da ist niemand.

Ich nehme mein Herz und schmiere es an die Wand. Seltsam, es ist gar nicht rot, denke ich, es sieht eher aus wie ein Leberwurstbrot.

Freitag, 26. Oktober 2018

Freitags Meditation


Freitag. Ich nahm mir frei. Ein verlängertes Wochenende. Ich stimme mich auf die kalte und dunkle Jahreszeit ein. Die Werktage tröpfeln dahin. Die Wochenenden immer zu kurz. Ich bin froh, wenn 2018 rum ist. Mein Herz erholt sich nur langsam. Ein Winterschlaf wäre nicht schlecht.
Mal sehen, was ich mit dem verlängerten mache. Ich wollte nach längerer Zeit wieder ins Kino gehen. Was läuft eigentlich? Dann müsste ich meine Wohnung durchwischen, das Bett frisch beziehen, Wäsche waschen (was ich sowieso fast jedes Wochenende mache). Dann will ich ebenfalls nach längerer Zeit wiedermal zum Hermannplatz. Dort gibt`s eine nette Kneipe und einen Hanf-Shop mit schönen T-Shirts. Etwas Kreuzberger Luft schnuppern. Ein paar Bier trinken. Im Rucksack trage ich immer noch Henry David Thoreaus „Vom Ungehorsam gegen den Staat“ mit mir herum. Das Buch könnte ich in der Kneipe zu Ende lesen. Sind nicht mehr viele Seiten.
Ich schaue auf die Uhr und registriere: Wenn man ausschläft, ist der Tag wesentlich kürzer. Schon fast Mittag. Ich denke an meine Arbeitskolleginnen, die Pause machen und höre im Geiste ihr Lachen und lebhaftes Gequatsche. Schön. Sie starten auch bald ins Wochenende. Ich falte die Hände auf meinem Schoß und versinke in mir… lasse mich vom Blues in meinem Rücken küssen.

Dienstag, 23. Oktober 2018

Ganz sicher ist es der Blues


Mach dich locker, Baby. Schau dir deine Zimmerpflanzen an – beklagten die sich je? Obwohl du dich kaum um sie kümmerst…, aber schau sie dir an, sie gedeihen trotzdem – jedenfalls die übriggebliebenen zwei. Okay, vielleicht nicht das beste Beispiel… Nimm die Natur als Ganzes, wie sie sich immer wieder aufrappelt nach Meteoriteneinschlägen, Vulkanausbrüchen und Hurricanes. Nicht unterzukriegen, die Natur, nicht mal der Mensch wird sie auslöschen – glaube mir, nicht mal diese vertrottelte Menschheit wird es schaffen. Alles geht immer irgendwie weiter. Und dir geht`s doch prächtig – sei ehrlich! Du bist ein verdammter Glückspilz! Alter, du solltest jeden Tag tausend Purzelbäume vor Freude schlagen, dass es dir so gut geht. Du bist mindestens so robust wie der Elefantenfuß, der dort auf dem Lautsprecher steht. Es wird der Blues sein, stimmt`s? Ganz sicher ist es der Blues. Du hast einen guten Musikgeschmack, muss ich schon sagen. I really dig it! … You`re a fuckin` king!

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Zeitmüll


Es gibt Dinge, die die Zeit überstehen. Andere fliegen weg. Als ich mich vorhin in meinen vier Wänden umguckte, fielen mir noch einige Relikte aus der Vergangenheit auf… gar nicht wenige, wenn ich mir überlege, wie viel ich zwischenzeitlich wegschmiss. Vor meinem Umzug nach Berlin mistete ich gründlich aus – was auch nötig war. Und erst vor kurzem wanderte so einiges in den Müll. Wozu etwas aufheben, mit dem man schlechte Erinnerungen verbindet. Trotz allem bleibt genug alter Kram übrig, vor allem wenn die Zweckdienlichkeit im Vordergrund steht. Es wäre ziemlich aufwendig, die gesamte Wohnungseinrichtung auszutauschen. Bloß weil wir damals nach dem Einzug diese Sachen zusammen einkauften? Nö, so krass bin ich dann doch nicht drauf. Ich würde auch nicht die Kneipe wechseln, oder bestimmte Orte nicht mehr besuchen, an denen wir mal zusammen waren… Obwohl, es war schon ein Stück traurig, als ich in Warnemünde über den Strand schlappte. Aber dann dachte ich mir, dass ich mir solche schönen Orte nicht vermiesen lassen will, bloß weil ich hier schon mal mit meiner Ex war. Ich werde die Erinnerungen daran mit neuen besseren überschreiben. Es war gut, hier zu sein, auch wenn es wehtat. Irgendwann wird mein Herz einer neuen gehören, und ich werde kaum noch daran denken, dass es einmal eine andere Frau und eine andere Zeit gab. Der Horizont und die Sonne werden den Liebenden gehören, als wäre es nie anders gewesen.
...
Könnte man doch die Zeit wie anderen Müll entsorgen. Ich stelle mir vor, dass alle paar Monate die Zeitmüllmänner an meiner Tür klingeln und mich fragen: „Haben Sie Zeitmüll?“
Wenn sie heute vorbeikämen, würde ich lächeln und antworten: „Ja, ich habe da noch einiges…“

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