Nur keine Panik auf der Titanic. Mein Vermieter sucht nun massiert nach einem Käufer für das Haus. Ich gönne es ihm, wenn er die Bruchbude für einen anständigen Preis loswird: zudem Hanglage mit einem großen, verwilderten Grundstück, schwer erreichbar und eine befahrene Autostraße in unmittelbarer Nähe. Der letzte potentielle Käufer kam bereits mit einem Architekten. Sie inspizierten auch meine Wohnung. Ich verpisste mich derweil ins Kaffeehaus. Die Vorstellung, dass fremde Menschen durch meine Wohnung latschen und blöd herum gucken, ist einfach scheußlich. Da muss ich nicht dabei sein.
Bei Verkaufserfolg müsste ich auf eine Kündigung meines Mietverhältnisses gefasst sein. 2014 verspricht ein spannendes Jahr zu werden. Mal sehen, wo ich lande. Den Sommer will ich jedenfalls noch hier verbringen – was kein Problem sein sollte, meinte mein Vermieter, wenn überhaupt, müsste ich wohl Ende des Jahres ausziehen. Die Frage, die sich mir stellt, ist: Wage ich dann mal einen größeren Sprung … vielleicht in eine andere Gegend, eine andere Stadt? Die Gelegenheit wäre günstig.
Morgen habe ich ein Gespräch mit meinen Chefs im Altenheim. Es geht darum, ob sie meinen Auflösungswünschen des Beschäftigungsvertrages zustimmen. Eigentlich steht da nur der Zeitpunkt zur Diskussion - aber sie machen da ein großes Ding draus, weil sie schließlich Ersatz suchen müssen …
Wie gesagt, die Gelegenheit wäre günstig, mal ganz woanders hinzuziehen. Bloß wohin?
2
Brasko dachte an Frauenmösen und daran, warum er an nichts anderes denken konnte.
Warum stand er auf Mösen und nicht auf Schwänze? Wieso hatte er einen Schwanz?
Was für ein Gefühl war es für eine Frau, einen Schwanz im Mund zu haben?
Der 1. Mai war verregnet. Er kam schon eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt ins Kaffeehaus. Kei, der Halbjapaner, bediente. Sie nickten sich zu.
Es saßen ein paar Feiertags-Spießer zum Kaffeetrinken herum.
Harry Potter wird mich schon finden, dachte Brasko.
Fragen über Fragen. Es waren nicht nur die Mösen, die ihn beschäftigten.
Kei stellte das dunkle Hefeweizen vor ihn auf die Theke.
„Danke.“
Kei grinste.
Was für eine Scheiß-Welt! Brasko nahm einen ersten, kräftigen Schluck. Der erste Schluck war immer das Beste. Am liebsten hätte er einen Indianertanz aufgeführt. Er würde so vieles gern machen, aber er traute sich nie. Den meisten Menschen schien es ähnlich zu gehen.
Um sich abzulenken, schaute Brasko auf den Arsch der Bedienung, die im Gastraum servierte.
Aber Frauenärsche lenken einen nur richtig ab, wenn man die Arschbacken in den Händen hält.
Mein Gott! Brasko dachte an den Ukraine-Konflikt, um sich nicht weiter aufzugeilen. Idioten!
Die sollten lieber rumficken als so einen Terror im eigenen Land zu veranstalten. Aber vielleicht ließen ihre Frauen sie nicht mehr ran … Wenn jeder Idiot Politik machen will, dann wird es echt idiotisch!
„Brasko? "
Brasko fuhr auf dem Barhocker herum.
„Ich sitze neben ihnen.“
„Jessas, haben Sie mich erschreckt, Mr. Potter!“
„Und neben mir sitzt Mr. Sherlock Holmes, den sie freilich ebenso wenig sehen können.“
„Guten Tag, Mr. Holmes.“
Kei schaute zu Brasko. „Noch ein Bier?“
„Äh, ja, nein, ja. Moment, Kei.“
„Mr. Potter, wie verständige ich mit Ihnen, damit es nicht so aussieht, als führte ich Selbstgespräche?“
„Konzentrieren Sie sich einfach auf ihre Gedanken.“
„Etwa so ?“
„Genau.“
„Wow. Es funktioniert.“
„Und blenden Sie bitte Ihre Gedanken an Mösen aus.“
„Entschuldigung.“
„Sie sind wohl ziemlich notgeil, Mr. Brasko?“
„Weiss nicht – sind das nicht alle Männer?“
…
„Noch ein Bier, Kei.“ Braskos unsichtbare Bargenossen schwiegen. Sie waren wahrscheinlich nur in seinem Kopf. Alles nur Einbildung. Kei plazierte das frische Bier auf der Theke.
„Können wir nun zur Sache kommen?“ fragte Harry Potter, und Sherlock Holmes grunzte.
Jede Gesinnung, welche andere Menschen ausgrenzt, ist die falsche.
Jede Gesinnung, welche Gewalt gegen Menschen zustimmt, ist die falsche.
Jede Gesinnung, welche auf Diktatur und Unfreiheit beruht, ist die falsche.
Jede Gesinnung, welche ein paar Wenige privilegiert und die meisten Menschen nur instrumentalisiert, ist die falsche.
Jede Gesinnung, die kriegstreiberisch auftritt, ist die falsche.
Jede Gesinnung, die sich als die allein richtige ansieht, ist die falsche.
"African Queen", 22 Uhr, BR
bonanzaMARGOT
- 01. Mai. 14, 16:39
Ich mag Dich nicht, weil Du bist, wer Du bist, sondern dafür, wer ich bin, wenn ich mit Dir zusammen bin.
(Gabriel Garcia Marquez)
bonanzaMARGOT
- 30. Apr. 14, 15:11
„Lieber heimlich schlau als unheimlich dumm“ stand in großen Lettern auf dem Abreißkalender des Altenheims, den ich nachts immer aktualisiere – RATSCH!
Ich weiß nicht warum, aber in mir legte sich beim Lesen dieses Spruchs ein Hebel um. Wer hindert mich eigentlich daran, dem Altenheim Lebewohl zu sagen? Ich grinste. Die Schnauze habe ich schon lange gestrichen voll von dem Laden. Es muss der Tag kommen, an dem man Butter bei die Fische macht, auch wenn unklar ist, wohin die Reise geht. Wenn nicht jetzt, wann dann?! Der Sommer steht vor der Tür …
„Aus gesundheitlichen und persönlichen Gründen“ schrieb ich. Besitze ich den Mumm, den Brief heute schon abzugeben? Manchmal sitzt der Heimleiter noch in seinem Büro, wenn ich am Abend zum Dienst komme. Spätestens morgen bei der Nachtwachen-Besprechung, denke ich. Mist! Warum fällt es mir nur so schwer? Dabei weiß ich, dass ich unheimlich erleichtert sein werde.
"Blue Valentine", 20 Uhr 15, ARTE
bonanzaMARGOT
- 28. Apr. 14, 08:48
1
Ring frei für Putin gegen Obama, dachte Brasko, der den Klitschko-Kampf am Vorabend verschlafen hatte. Brasko brütete vor sich hin und trank Cola-Weiss. Sonntage waren nicht sein Fall.
Er musste erst mal in Tritt kommen. Der schlaksige Obama hätte wahrscheinlich keine Chance …
Das Telefon klingelte.
„Brasko.“
„Hallo Mr. Brasko. Mein Name ist Harry Potter.“
„So so, was kann ich für Sie tun Mr. Potter ?“ Unwillkürlich hatte Brasko einen Lachanfall.
„Mr. Brasko??“
„Entschuldigen Sie. Es ist Sonntag, und ich stellte mir gerade vor, wie Putin Obama in die Eier ...“
„Hören Sie auf zu lachen, oder ich verwandele Sie in ein Kaninchen!“
„Übers Telefon? HAHA!“
„Ja, das funktioniert auch telefonisch. Aber jetzt im Ernst. Ich benötige Ihre Hilfe in einer prekären Angelegenheit.“
„Ich bin ganz Ohr. Legen Sie los.“
„Also, wir wollen endlich etwas richtigstellen ...“
„Wir?“
„Dazu komme ich gleich. Unterbrechen Sie mich bitte nicht. Wir wollen aus unserem literarischen Schattendasein hervortreten, denn es gibt uns wirklich! Vorerst sind wir zu fünft: Sherlock Holmes, Old Shatterhand, Lederstrumpf, Kommissar Maigret und meine Wenigkeit. Ich bin mir aber sicher, dass sich uns bald noch mehr anschließen. Wir wollen das falsche Bild, welches von uns in Film und Buch verbreitet wird, geraderücken. Verstehen Sie, Mr. Brasko? Weil es uns wirklich gibt! Es gibt uns wie Sie!
„Mich gibt es allerdings. Wollen Sie mich veräppeln?!?“
„Nein. Keineswegs. Sie wurden mir empfohlen, weil Sie offen für solche … äh … schwierigen Fälle sind.“
„Kann sein. Ich bin ein aufgeschlossener Mensch. Ich glaube an nichts und alles. Das meiste langweilt mich. Heute ist Sonntag. An Sonntagen langweile ich mich ganz besonders. Klingt lustig, was Sie mir da erzählen, Mr. Potter.“
„Ist es aber ganz und gar nicht! Ich bin der echte Harry Potter! Und ich protestiere in aller Entschiedenheit gegen das Verhohnepiepeln meiner Person; und ich spreche nicht nur für mich sondern für all die anderen, die langsam wach werden und sich von ihrem falschen Image lossagen wollen! Darum gründeten wir die Liga der echten Buchhelden.“
„Sie wollen mir also damit sagen, dass sie keine Erfindungen der Buchautoren sind ...“
„Genau.“
„Tut mir leid. Kapiere ich trotzdem nicht. Die meisten von Ihnen müssten doch längst tot sein.“
„Unsereins stirbt nicht.“
„Ach so, verstehe. So wie der Weihnachtsmann.“
„Genau.“
„Hust, der war auch mal mein Kunde.“
„Heißt das, Sie nehmen den Auftrag an, Mr. Brasko?“
„Was für einen Auftrag?“
„Wir wollen die Menschheit über unsere wahren Identitäten aufklären, und Sie sollen uns dabei unterstützen.“
„Da haben Sie sich ja was vorgenommen – die Menschheit aufklären … HAHA. Was soll ich denn dabei tun?“
„Telefonieren Sie mit mir, oder nicht?“
„Mr. Potter, ich habe Sie am Apparat.“
„Genau. Wir können telefonieren, aber unsereins hat noch keinen Körper.“
„Moment ...“ Brasko schlurfte zum Kühlschrank und goss sich nach – zwei Drittel Müller Thurgau und ein Drittel Cola light. Er nahm sofort einen großen Schluck und wischte sich über den Mund. Für solche Fälle war er noch zu nüchtern.
„Sie brauchen also ein paar passende Körper?“
„Genau. Mr. Brasko, die Details erkläre ich Ihnen bei unserem ersten Treffen.“
„Aber Sie haben doch keinen Körper. Wie erkenne ich Sie?“
„Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Kommen Sie nur an den vereinbarten Treffpunkt, und ich werde mit Ihnen in Verbindung treten. Haben Sie am 1. Mai Zeit? 16 Uhr vorm Kaffeehaus?“
„Warum nicht.“
„Gut, dann verbleiben wir so, Mr. Brasko. Es war mir eine Freude.“
„Mir auch“, sagte Brasko, aber Harry Potter hatte bereits aufgelegt.
Die Welt war ein Irrenhaus. Obama versuchte es mit einer Serie rechter und linker Haken ... Putin konnte sich immer wieder wegducken. Hitler und Stalin saßen in der ersten Reihe und lachten sich kaputt. Wo lag noch mal die Ukraine? Was gab es dort zu gewinnen? Brasko schaute aus dem Fenster. Alles kam ihm verflucht unwirklich vor.
"Boxen", 22 Uhr 45, RTL
bonanzaMARGOT
- 26. Apr. 14, 15:16