"Das Lied der Sperlinge", 22 Uhr 25, 3sat
bonanzaMARGOT
- 21. Mär. 13, 15:29
Der Betriebsarzt wechselte, und ich musste nach einem Jahr wieder hin dackeln. Wieder wurde mir Blut abgenommen; wieder wurde festgestellt, dass mein Blutdruck zu hoch ist. Wen wundert`s.
„Das können wir nicht so lassen“, sagte er, „wir wollen doch, dass Sie noch eine Weile bei uns arbeiten.“
„Noch 17 Jahre“, erwiderte ich, „in diesem Beruf.“
„Sie wollen das Rentenalter auf 69 erhöhen“, sagte der Betriebsarzt und blickte kalt durch seine Brille. Es gibt Menschen, in deren Anwesenheit ich mich unbehaglich fühle. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen.
„Grüßen Sie Herrn P von mir, wenn Sie ihn sehen“, meinte er abschließend. Herr P ist mein Chef. Die passen gut zueinander, dachte ich im Rausgehen.
Ich statte Ärzten ungern Besuche ab. Sie entdecken immer was, und die wenigsten sind mir sympathisch. Verdammt, das ist doch mein Körper! Den stelle ich ungern zu Untersuchungszwecken aus. Ich finde die Sichtweise der Ärzte auf den Menschen meist entwürdigend. Man wird zur Sache degradiert. Dieser schien mir zu jener Sorte zu gehören, die an der menschlichen Seite wenig bis gar nicht interessiert ist. Dummerweise braucht man die Quacksalber dann doch irgendwann.
Also werde ich brav bei meinem Hausarzt einen Termin wegen der Hypertonie ausmachen, - um mir sagen zu lassen, was ich sowieso weiß. Und wenn ich schon mal dabei bin, kann ich gleich noch bei meinem Zahnarzt anrufen. Eine Plombe fiel mir aus einem Weisheitszahn. Ich hasse es, wenn mir ein Fremder im Mund herumfuhrwerkt. Hoffentlich lässt sich die Prozedur auf einen Zahnarztbesuch beschränken.
Mit solch unangenehmen Gedanken verließ ich das Krankenhaus, in dem der Betriebsarzt sein Büro hat. Es regnete leicht. Es war kalt. Es war auf den Tag genau Frühlingsanfang. Als ich vor einem Jahr den Betriebsarzttermin hinter mich gebracht hatte, war mein Schritt beschwingter. Ich war frisch verliebt. Eine Fehldiagnose, wie sich schmerzhaft herausstellte. Nun hatte mich die kalte Realität im Griff. Der neue Betriebsarzt gehörte dazu. Wenigstens könnte wirklich endlich Frühling werden. Alle Menschen reden davon. Wäre es möglich, dass ein Jahr ganz ohne Frühling vergeht?
Ich drehte eine Runde durch die Stadt. In einem Buchantiquariat schaute ich nach einem Buch von Allen Ginsberg, fand aber keins. Stattdessen erstand ich von Friedrich Glauser „Beichte in der Nacht – und andere Erzählungen“. Auch nicht schlecht. Eine broschierte Ausgabe aus Zürich von 1967.
In einer Kneipe las ich Bukowskis „Ein schlampiger Essay über das Schreiben und das verfluchte Leben“. Hat sich schnell gelesen. Genau die richtige Länge für ein Bier. Über Ginsberg schreibt er darin: „Seit Whitman hat uns in der amerikanischen Dichtung keiner mehr so die Augen geöffnet wie Allen Ginsberg. Und dieser kleine jüdisch-kommunistische Homo, wie ihn mal ein rotznäsiger Kritiker genannt hat, schreibt 99,8% von euch angeblichen Schwergewichtlern jederzeit an die Wand.“
Wird Zeit, dass ich mir ein Buch von diesem Ginsberg zulege. Ich freue mich auf Bücher, die meinen Geist anregen und nicht langweilen. Davon gibt es nicht viele. Man muss den Betriebsärzten, den Herrn Ps und den Liebeslügen dieser Welt etwas entgegenstellen.
"Amateur", 22 Uhr 45, RBB
bonanzaMARGOT
- 20. Mär. 13, 12:53
Verwandle alles Gold in Wasser. Verwandle die Straßen in Wiesen und alle Autos in Büsche und Bäume. Zertrete die Konsumtempel und katapultiere die Börsen ins All.
Schütze aber aufrichtiges Handwerk und den schlichten Arbeiter. Schütze die Benachteiligten und Armen. Bewache die Liebenden. Gebe den Durstigen zu Trinken und den Hungrigen zu Essen. Schenke dem Frierenden eine warme Zuflucht und dem Einsamen ein Zuhause.
Verwandle alle Waffen in Brot. Verwandle den Krieg in Frieden. Nehme den Diktatoren ihre Macht. Versage den Reichen den Reichtum.
Schenke den Regierungen Weisheit. Schenke allen Menschen Einsicht und Weisheit. Öffne ihren Blick für das Wunder der Natur. Lehre ihnen Ehrfurcht vor den Dingen.
Verbanne den Hass aus meinem Herzen. Schenke mir Ruhe und Kraft. Behüte mich vor den Versuchungen, vor Gier und Niedertracht. Bewache meinen Geist und gebe ihm Nahrung. Beschütze mich auf meinen Wegen. Verleihe mir Demut, Vertrauen und Güte. Führe meine Sehnsucht ins Licht.
Du bist die Liebe. Du bist die Hoffnung und das Leben. Du bist das Blut und der Tod. Du bist das Gestern und das Morgen. Du bist die Blume meines Herzens. Du bist das Meer meiner Seele. Du bist Berg und Tal meines Geistes. Du bist mein Gewissen. Du bist mein Gefäß. Ich bin dein Gefäß. Du bist mein Schatten. Du bist die Sonne, und du bist die Nacht. Du bist der Regen und der Wind. Du küsst meine Tränen und schenkst mir Lachen.
Heute will ich dich würdigen. Heute will ich dir meine Beachtung schenken. Heute will ich vor dir niederknien. Heute richte ich meine Worte an dich, einem Gebet gleich. Heute soll jeder meiner Atemzüge dir gelten. Heute will ich dir danken.
Ich danke dir, Namenloser, dass ich lebe. Ich danke dir für die Zeit, die du mir auf dieser Welt gibst. Ich danke dir für dein Wohlwollen. Ich danke dir für deinen Schutz. Ich danke dir für dein Verzeihen. Ich danke dir für die Vollkommenheit wie auch für die Unvollkommenheit. Ohne dich wäre ich nichts.
Ich hebe mein Glas, Namenloser. Ich stoße mit dir an. Auf Alles und Nichts. Auf Dasein und Tod. Auf Licht und Schatten. Auf die Galaxien und Sterne. Auf die Erde! Auf das Kleine und das Große. Auf Anfang und Ende. Auf die Erkenntnis – aber auch auf die Blindheit. Auf die Liebe! Auf Verlierer und Sieger. Auf das Ganze. Auf die Toten. Auf die künftigen Generationen. Auf das Heute! Auf uns.
"Howl - Das Geheul", 20 Uhr 15, Einsfestival
bonanzaMARGOT
- 18. Mär. 13, 17:18
Aus Bukowskis Tagebucheintrag 27. Februar 1993:
… Warum gibt es so wenig interessante Menschen? Warum nicht wenigstens ein paar, unter all den Millionen? Müssen wir es weiter aushalten mit dieser öden, schwerfälligen Spezies? Ihre einzige Leistung scheint Gewalt zu sein. Darauf verstehen sie sich ja soo gut. Da blühen sie auf. Stinkende Blumen, die uns jede Chance vermasseln. Es macht mir Probleme, dass ich dauernd mit ihnen Umgang haben muss. Wenn ich will, dass das Licht angeht, dass mein Computer repariert wird, die Klospülung funktioniert. Wenn ich mir einen neuen Reifen kaufen, einen Zahn ziehen oder den Wanst operieren lassen will. Ich brauche das Scheißvolk für die kleinen notwendigen Dinge, auch wenn ich sie abschreckend finde. Und das ist milde ausgedrückt.
…
Als Bukowski diese Zeilen schrieb, hatte er nur noch ein Jahr.
Wer weiß, wie lange ich das scheiß Menschen-Spiel noch mitmachen muss. Manchmal überkommt mich die Ahnung, dass es auch nicht mehr zu lange sein wird. Viel erwarte ich jedenfalls nicht mehr. Ich meine, viel Gutes und Neues. Wenn ich meine Ruhe habe, bin ich schon froh. Das gilt für den Nachtdienst wie überhaupt. Ganz besonders zur Zeit. Meine Haut ist dünn. Ich komme mir vor wie ein Polarforscher in der Eiswüste: Jeden Tag frage ich mich, was ich hier eigentlich mache. Mir ist zum Kotzen. Die Platte hängt, und ich komme nicht an den Plattenspieler heran. Ich wundere mich wirklich, dass es mich noch gibt – ob ich das bin, der zur Arbeit geht, mit den Alten spricht und ihre Windeln wechselt.
Vor meinem Dienst kehrte ich gestern in der "Kupferkanne" ein. Es ist ein neuer Pächter drauf. Ein Italiener mit drei fleißigen Töchtern. Wirklich nett. Und der Laden brummt. Wenn ich da an den letzten Wirt denke, der alles falsch machte, was man nur falsch machen kann. Die Leute spüren ganz genau die Arbeitseinstellung und Atmosphäre. Mit den Alten im Altenheim ist es genauso – bis zuletzt spüren sie genau, wie man sie behandelt, und wie man zu seiner Arbeit steht. Würden mir die Alten nicht ab und zu das Gefühl geben, dass ich richtig bin, dass ich meine Sache gar nicht so schlecht mache, sähe es ziemlich finster um mich herum aus.
Ich setzte mich an einen kleinen Tisch gleich beim Eingang und freute mich, dass ich zuvorkommend bedient wurde. Ich sauge positive Begebenheiten gierig auf. Meine Seele ist ausgetrocknet. Und müde. Ich trank ein Bier und las Bukowski ...
Der Nachtdienst verlief ohne Besonderheiten. Das heißt, in der ARD lief um Mitternacht ein interessanter Film: „Howl – das Geheul“ - der vom Dichter Allen Ginsberg und sein in den Fünfzigern veröffentlichtes Gedicht „Howl“ handelt. Sein Verleger muss sich vor Gericht verantworten, weil die Staatsanwaltschaft das Gedicht als obzön und damit als strafbaren Akt ansieht. In der Gerichtsverhandlung streiten sie darüber, ob es sich um Kunst oder Schweinekram handelt. Der Verleger wird am Ende freigesprochen. Die Argumente der Staatsanwaltschaft sind mir gar nicht so fremd, wenn ich an manche Kommentare zu meinen Gedichten denke. Die Ewiggestrigen sterben nicht aus. Ihr beschränkter Geist wird nie kapieren, was Kunst ist. Freiheit im Ausdruck und selbstständiges Denken finden sie anstößig.
Allen Ginsbergs Gedicht wurde im Spielfilm mehrmals in Passagen zitiert. Ich fand`s nicht übel.
Ginsberg starb 1997, drei Jahre nach Bukowski. Er soll einen Riesenschwanz gehabt haben.
Das Beruhigende an Naturgesetzen ist, dass sie für alles gelten. Das Beruhigende am Tod ist, dass er jeden trifft. Wirklich jeden. Heute noch in der Reihe im Supermarkt angestanden, und morgen tot. Der Kassiererin ein schönes Wochenende gewünscht und mit der Bäckereifachverkäuferin geflirtet. Es gefällt mir, dass sie lacht und rot anläuft. Wer weiß – es ist vielleicht das letzte Mal, dass ich sie sehe. Ich fragte mich schon oft, ob man es fühlt, wenn es zu Ende geht. Obwohl ich im Altenheim einige Menschen sterben sah, weiß ich es nicht. Die Alten liegen meist schon in Agonie. Manchmal kam es mir so vor, als ob sie wüssten, dass sie sich auf der Zielgeraden ihres Lebens befanden. Und manchmal sah es so aus, als wollten sie ums Verrecken nicht Abschied nehmen. Auch kann der Tod ganz unerwartet kommen – für den Betroffenen wie für uns und die Angehörigen. Ich finde es immer gut, wenn es schnell geht. Wenn der Tod nahe ist, hypnotisiert er regelrecht die Umgebung. Ab einem gewissen Zeitpunkt spüre ich, dass es nicht mehr lange dauert.
Ist schon seltsam: da wird man unwissend und rosig geboren, und einige Jahrzehnte später liegt man grau und faltig auf dem Sterbebett, - hat ein Leben hinter sich, zeugte vielleicht selbst Kinder, ging verschlungene oder gerade Wege. Was sind ein paar Jahrzehnte? Kaum haben wir etwas Verstand entwickelt, müssen wir ihn bereits wieder abgeben. Und wie wir am Leben hängen! Es gleichzeitig verfluchen können! Es unerträglich finden …
Am Besten sind jene dran, die sich darüber keine Gedanken machen. Was soll es auch bringen, Fragen zu stellen, die man nicht beantworten kann? Das Leben funktioniert wie ein Spiel, auf das man sich einlässt. Es macht keinen Sinn, die Spielregeln zu hinterfragen. Blöd nur, wenn man wie ich nicht so richtig Lust auf dieses Spiel hat. Ich hemme damit nicht nur mich in meinem Fortkommen sondern auch die Menschen um mich herum.
Das erinnert mich an meine Zeit als Psychologiestudent, als ich dem Dozenten dumme Fragen stellte und mich meine Kommilitonen daraufhin böse anblickten – als hätte ich mir etwas unerhörtes erlaubt. Wie kann man nur?
Aber so bin ich. Ich kann`s nicht ändern. Obwohl ich mich inzwischen im Beruf den Spielregeln beugte. Ich sage nichts mehr. Das heißt, ich vermeide Situationen, in denen ich nicht an mich halten könnte. Auch erhielt ich mir etwas Selbstdisziplin. Ich bin ja nicht blöd und kippe durch ein paar unbedachte Bemerkungen meine Existenz vor die Säue.
Ich denke: Solange die Bäckereifachverkäuferin bei meinem Anblick rot wird und lacht, habe ich noch nicht verloren - .
„Zwei Laugenbrötchen, bitte.“
"Die letzten Tage der Emma Blank", 22 Uhr 15, Einsfestival
bonanzaMARGOT
- 15. Mär. 13, 16:36
Ich bin froh, dass der Himmel blau ist. Und nicht rot, grün oder braun. Ich liebe das Blau des Himmels. Dieses Jahr sah ich ihn meist verhangen. Wie mit alten, schmuddeligen Gardo-Gardinen.
Am Liebsten würde ich aus dem Wort Liebe ein Pferd mit Flügeln basteln und mich mit ihm in die Lüfte erheben. Auf die Erde hinunterblicken, wie klein alles ist. Nichts kann mir etwas anhaben.
Ich sitze auf dem geflügelten Wort Liebe und fliege der Sonne entgegen. Mit großer, bunter Sonnenbrille auf der Nase. Dazu Musik von David Bowie.
Das Leben ist ohne Träume trostlos. Total trist und dröge. Sozusagen im Eimer. Oder am Arsch.
Ich bin froh, dass ich mir den Himmel blau träumen kann. Dass ich die Liebe als geflügeltes Pferd sehe. Auf dem ich nie friere. Und das mich nicht abwirft.
Heute ist der Himmel glatt und blau. Gott rasierte sich und ist ein gütiger Vater. Die Sonne eine strahlende Mutter. Ich lehne mich an ihren wärmenden Strahlenvorhang. Ein Tag wie Rasierwasser. Ein Tag wie frisch gewaschene Wäsche.
Soll doch kommen, was kommt. Ich trage meine Träume immer bei mir. Nur Träume helfen gegen den Seelenschmerz. Träume von Freiheit. Von Liebe. Von lebensfrohen Menschen. Von einem Hafen. Von Zärtlichkeit.
Ich bin froh, dass heute heute ist. Gestern gestern war. Dass der Himmel blau ist. Und nicht rot, grün oder braun.
Tränen im Sonnenlicht. Perlen meiner Träume. Geschenke der guten Geister. Sphärenklänge. Ich reite auf dem geflügelten Pferd höher und höher in den Weltenraum. In die Zeiten. In die Äonen von Sein und Nichtsein. Wo sich die Größen verlieren. Wo die Engel tanzen. Wo es keine Fragen mehr gibt.
"Toter Mann", 20 Uhr 15, ZDFkultur
bonanzaMARGOT
- 14. Mär. 13, 12:53
Die Welt ist wieder vollständig. Ein neuer Papst wurde gewählt. Es ist irre, was darum gestern im TV ein Wirbel gemacht wurde. Wir Atheisten sollten uns auch einen Papst wählen. Sozusagen als Kontrapunkt. Manchem Schwachsinn kann man nur mit Schwachsinn begegnen.
Personenkult und Traditionen – ich werde nie hinter deren Anziehungskraft kommen. Schon verrückt, wie die Menschen im Regen auf den Petersplatz strömten. Mir wird bei solchen riesigen Menschenaufläufen regelmäßig übel. Die Menschen werden zu Marionetten. Ihr Verstand setzt aus.
Wenn die Menschen mit diesem Eifer für Frieden und Gerechtigkeit einträten, dann bräuchten sie keine Religionen mehr. Aber offensichtlich reicht die Intelligenz nicht aus, von selbst auf Ideale wie Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu kommen – man braucht politische und religiöse Vorsager. Das entlastet vom eigenen Denken. Man beruft sich einfach auf die Regeln und Traditionen seiner Religion (oder Ideologie) – und basta. Es ist eben so, weil es geschrieben steht; oder weil der Papst dies und das sagte. Die Welt ist in Ordnung, wenn man brav in die Kirche geht, zu Gott betet und ein reuiger Sünder ist. Der Wegfall der Eltern als Autorität wird durch den göttlichen Vater im Kirchengewand ersetzt. Oder eben durch den diktatorischen Demagogen mit der Ideologie im Aktenkoffer. Es gilt: Wer für uns ist, ist gut; und wer gegen uns ist, ist schlecht. Simpler geht`s kaum. Auch der Nationalismus kann mit solch simplen Gesetzmäßigkeiten zur Religion werden. Und bei manchen reicht auch schon der Fußballverein. Wichtig allein ist eine einfache Wertorientierung, die man sich nicht durch eigenes mühevolles Nachdenken erarbeiten musste, sondern die man sich mit vielen anderen einfach überstülpen lässt.
Nur der Kapitalismus nimmt unter den Religionen der Hirnverbranntheit eine gewisse Sonderrolle ein. Er hat nicht einen sondern Millionen Vorsager. Sie regieren in den Bank- und Versicherungstürmen. Sie wurden zu den eigentlichen Strippenziehern auf diesem Planeten und halten sich dabei geflissentlich im Hintergrund. Der Kapitalismus unterwanderte alle gesellschaftlichen Bereiche. Er stellt die Meta-Religion auf unserer Welt dar. Regeln, Gesetze, Traditionen und Ideologien höhlt er einfach aus und instrumentalisiert sie. Wir Menschen werden unter seiner Herrschaft peu à peu zu materialistischen Zombies mit kaum mehr Seele als die Maschinen und Computer, die wir bedienen.
Und das schöne ist, wir merken das alles gar nicht – oder kaum. Wir stellen sogar unsere Intelligenz und Kreativität in den Dienst der Ausbeuter und Vorsager. Wir befinden uns in einem Irrgarten der Massenverblödung.
(Okay, ich schaue wohl zu viel Fernsehen in letzter Zeit. Diesen Horror sollte man nur dosiert an sich heranlassen. Dumm nur, dass es Kirche und Papst wirklich gibt …)
Leise rieselt der Schnee. Ich denke öfter an Kärnten, als mir gut tut. Durch den Schnitt kommt es mir vor, als wäre es eine Ewigkeit her. Beinahe so, als hätte ich alles nur geträumt.
Ich stand in Weinheim auf dem Bahnsteig und wartete auf einen Regionalexpress. Da fuhr plötzlich vor meiner Nase der Eurocity Frankfurt-Klagenfurt ein. Er kam von Klagenfurt. Seine Waggons waren total verdreckt von der langen Fahrt. Ich schaute auf die Wagen-Nummern. Ich saß meist in den Nummern 259-261. Das Stahlmonster wirkte wie ein Leviathan aus ferner Vergangenheit, - tauchte kurz vor mir auf, schnaubte und setzte seine Fahrt fort. Ich blieb wie konsterniert auf dem Bahnsteig zurück: Wie viele Stunden hatte ich im letzten Jahr auf meinen Reisen in ihm verbracht? Ich weiß die Haltestellen auswendig. Ab München hatte ich die deutschen Großstädte hinter mir. Dann am Chiemsee vorbei, Salzburg … Knapp acht Stunden dauerte eine Reise. Ich kannte inzwischen das ein oder andere Gesicht vom Bordpersonal. Manchmal fuhr ich gleich nach dem letzten Nachtdienst, damit wir so viel wie möglich Tage miteinander verbringen konnten. Natürlich war ich erst mal kaputt, wenn ich ankam. Umso öfter ich in dem Zug saß, desto lästiger wurde die Zugfahrerei. Es bestand nicht mehr dieselbe Spannung wie am Anfang. Ich wollte einfach nur ankommen. Zurück war es dasselbe. Ich zählte meine Besuche nicht. Aber ich fuhr in den 9 Monaten unserer Beziehung wenigstens 1-2x im Monat hin und her.
Man macht verrückte Dinge, wenn man verliebt ist. Und hinterher fragt man sich, warum; obwohl man weiß, warum.
Ich stand auf dem Bahnsteig und sah dem Eurocity hinterher. Es war ein Gespenster-Zug. Wie ganz Kärnten eine Gespenster-Region für mich ist. Die Tränen lassen sich in solchen Momenten nicht zurückhalten. Nein, ich möchte kein Mitleid erwecken. Ich kenne den Schmerz gut, wenn etwas vorbei ist. Das Leben selbst ist eine Zugreise. Wir wissen nicht, wer zusteigt. Wir wissen nicht, wer in unser Abteil kommt – und für wie lange.
Ich blicke aus dem Zugfenster und sehe die Alpen, diese massigen schneebedeckten Berge. Ich sitze in einem Spielzeug-Zug, der sich durch die Täler schlängelt, einer Hoffnung entgegen …, einer anderen Welt und Zukunft entgegen.
Ein einziger Abend zerstörte alles. Eine Lawine erfasste den Zug und begrub unsere gemeinsamen Hoffnungen und Wünsche auf immer.