Sonntag, 28. Juni 2009

Endlich an der Küste



Blick auf die Lübecker Altstadt


bei Travemünde angekommen


was heißt schon ankommen?


...


In Lübeck war ich schneller als erwartet. Doch die Fahrt nach Travemünde gestaltete sich dann noch als kleine Odysee für einen Fahrradfahrer.
Der Tourismus haute mich voll um, und ich stand da plötzlich mittendrin mit der langen Tour im Kopf und in meinen Eingeweiden - als wäre ich auf einem fremden Planeten gelandet.
Entspannung war noch nicht angesagt. Ich fuhr durch die Touristenhochburgen wie "Timmendorfer Strand" und fühlte mich ziemlich niedergeschlagen an diesem Tag. In Neustadt i.H. packte ich schließlich mein Zelt aus. Mir war fast nach Heimfahrt zumute.
Gut, dass ich die letzten Kilometer bis Fehmarn noch antrat. Der nächste Tag sollte schön werden. Die Hotelküste lag hinter mir, und es gab eine Reihe kleiner Orte und schöner Landstriche, die ich küstennah auf den letzten Kilometern nach Fehmarn durchstreifte.

Samstag, 27. Juni 2009

Regen und Wind



im Wald Schutz gefunden


bin heil geblieben


Sturm bei Bitterfeld/Seaview


...


Nass zu werden ist an sich kein Problem, wenn man auf dem Bock nicht auskühlt.
Hässlich ist es, wenn man im Regen das Zelt auf- und abbauen muss. Die Feuchtigkeit hält sich in den Sachen, im Schlafsack - bei nächtlichen Temperaturen unter 10°C nicht sehr angenehm. Zwischendurch dachte ich, dass durch eine verrückte Anomalie April und Juni im Jahreslauf verwechselt wurden.
Das Fahrrad sah nach einem Regentag aus wie Sau. Manche schöne Strecke am Main, an der Mulde und an der Elbe wurde mir durch das schlechte Wetter vergällt.
Als der Dauerregen aufhörte, kam der Wind. Auf dem Weg nach Bitterfeld hatten die Windböen Sturmstärke. Der Himmel war ein Naturschauspiel - ich konnte meinen Blick kaum abwenden.
Ich erlebte die Naturkräfte in all ihren Facetten. Und ich dachte oft bei mir: "Mensch, da sind deine Grenzen."

Freitag, 26. Juni 2009

Die Abmahnung

Liebe Leute, werdet nur nicht Altenpfleger, außer ihr seid altruistisch (u.o. masochistisch) veranlagt. Ich erinnere mich noch gut, wie mir eine alte Kollegin vor 20 Jahren sagte: "In unserem Job stehst du stets mit einem Bein im Gefängnis." Und mit der PDL diskutierte ich vor Jahren auf einer Betriebsfeier, wie viel Engagement und Selbstaufgabe von einem Altenpfleger zu erwarten sei. Sie vertrat die Meinung, man müsse, wenn ein Engpass besteht, selbst mit dem Kopf unterm Arm noch zur Arbeit erscheinen. Ich erwiderte, wir seien doch nicht Soldaten an der Front!
Heute, an einem meiner letzten Urlaubstage, bekam ich Post von meinem Arbeitgeber. Inhalt war eine Abmahnung. Zur Vorgeschichte: Vor einem Monat stürzte eine Bewohnerin unglücklich in meiner Nacht. Ich fand sie beim 2. Rundgang blutüberströmt vor ihrem Bett. Dummerweise hatte ich am Abend vorher beim 1. Rundgang vergessen, ihr Zimmer zu kontrollieren; und so war die arme Frau viele Stunden hilflos, da das Unglück sich wohl bereits am Vorabend ereignet hatte. Ihr könnt euch vorstellen, was für Vorwürfe ich mir machte ... Ich war von "Klingeln" anderer Bewohner abgelenkt gewesen und vergaß danach ganz die Ecke zu kontrollieren, in welcher die betroffene Bewohnerin ihr Zimmer hat. Bei ihr war pflegerisch in der Nacht nichts zu machen, und so entdeckte ich die Misere erst in den Morgenstunden beim 2. Rundgang.
Glücklicherweise erholte sich die Bewohnerin inzwischen wieder. Sie hatte viel Blut verloren, und ihr Leben stand anfangs auf der Kippe. Ihr könnt mir glauben, dass ich mich ziemlich mies fühlte (noch mies fühle, wenn ich an diese Nacht zurück denke).
Wie ich in einem meiner Beiträge vor ca. drei Monaten schrieb http://abendglueck.twoday.net/stories/5590956/, müssen wir wegen gesunkener Bewohnerzahlen die Nächte seit 01.05.09 alleine arbeiten. Das macht die Organisation der anfallenden Arbeiten nicht gerade leicht, zumal wenn es viel klingelt. Ich glaube, der Fehler wäre nicht passiert, wenn wir noch zu Zweit in der Nacht gewesen wären. Nein, ich möchte damit gar nichts entschuldigen. Ich stehe zu meiner Verantwortung und schrieb meinem Arbeitgeber, bevor ich in Urlaub fuhr, die gewünschte Stellungnahme zu den Ereignissen.
Über die Abmahnung ärgere ich mich, weil mir darin einfach alles aufgeschultert wird. Wie sieht es denn mit der Verantwortung meiner Vorgesetzten aus, die von heute auf morgen quasi übergangslos den Nachtdienst mit nur einer Wache einführten? Wie sieht es mit deren Verantwortung aus, wenn sie weglaufgefährdete Menschen aufnehmen, woraufhin in den letzten Jahren zwei Bewohner zu Tode kamen? Ich erfuhr keinerlei (psychische) Unterstützung nach der verhängnisvollen Nacht, obwohl ich moralisch, wie sich jeder vorstellen kann, ziemlich in den Seilen hing. Stattdessen flatterte diese Abmahnung herein und versüßt mir nun den Rest meines Urlaubs.
Ja, als Altenpfleger stehst du an der Front. Sie verheizen dich. Wenn du versagst, kriegst du von den Vorgesetzten in den Arsch getreten oder wirst ausgetauscht. Was du bisher für die alten Menschen und das Altenheim geleistet hast, zählt nicht.
Die Arschwischmaschine ist zurück in der Realität.

Donnerstag, 25. Juni 2009

Die Flüsse



die Mulde hinter Bitterfeld


der Oberlauf des Mains


Elbe-Lübeck Kanal


die Elbe bei Unwetter


...


Sie flossen einfach wunderbar. Wenn die Natur ein Kleid ist, dann sind Flüsse die Nähte, welche den Stoff zusammenhalten und gleichsam teilen, der Landschaft ihren Schnitt und Charakter geben.
Ich fühlte stets etwas Wehmut, wenn ich einen Fluss verlassen musste, nachdem ich seinen Lauf viele Kilometer begleitete. Besonders schön sind die Strecken, die man in Ufernähe entlang fahren kann mit Blick auf die schillernden Fluten - was leider nur begrenzt auf festen Wegen möglich ist. Manchmal scheint es, dass der Fluss mit einem Verstecken spielt, und man kriegt ihn immer nur kurz zu Gesicht, wenn man ihn überquert. Lediglich am Elbe-Lübeck Kanal konnte ich ca. 80 km direkt am Ufer zurücklegen - obwohl künstlich, ein schönes Gewässer , welches sich in eine leicht hügelige, dünnbesiedelte Landschaft einfügt. Alle Flüsse hatten ihren besonderen Reiz, je nach Landschaft, auf der sie sich räkelten wie liebestrunken, ausschweifend ...
Elbe und Main verfolgte ich einige hundert Kilometer durch die Bundesländer, Gebirge und Tiefland, durch Großstädte und über weites Land. Die Dialekte der Menschen wechselten, wie die Landschaften ineinander übergingen. Nur der Fluss behielt stur seine Identität.
Die Weiße Elster ist ein Flüsschen, das eine gute Strecke parallel zur Saale fließt, um bei Halle in sie zu münden. Für mich war sie Wegweiser von Plauen nach Leipzig. Und die Mulde war mir Sprungbrett an die Elbe. Schade, dass mir das hässliche Wetter oft den ausgelassenen Blick auf die wunderschönen Landstriche verdarb. Auf alle Fälle waren diese zwei Flüsse, Weiße Elster und Mulde, interessante Neuentdeckungen auf meiner Reise.
Dem Neckar, der quasi mein Hausfluss ist, widmete ich einen guten Teil meines vorjährigen Urlaubs, als ich ihn auf dem Weg zum Bodensee bis Tübingen hochfuhr. Ich genoss die Strecke an seinen Ufern am 1. Tag bis Eberbach. Es war ein guter Start ...

Auf die Flüsse will ich mein Glas erheben! Sie waren meine beständigen Begleiter.

Mittwoch, 24. Juni 2009

Wie Wege enden



durch das liebe Tier


er sah doch anfangs so gut aus


auf den Schrecken trank ich erstmal ein Bier


...


Das sind drei Beispiele, wie Wege auf einer solchen Tour unerwartet enden können. Dann heißt es, Nerven bewahren und die Kilometer bis zum letzten Abzweig zurück fahren.
Meistens hatte ich genug Bier im Gepäck, um mich seelisch-moralisch wieder aufzubauen.

Dienstag, 23. Juni 2009

Die Berge



oben



obener


...


Um die Berge kommt man auf einer solchen Tour nicht drum rum. Primär suche ich mir natürlich Flussläufe aus. Flüsse fließen aber meist auch durch Berge - eher selten fährt man direkt am Ufer.
Ich wusste also, dass ich in die Berge komme. Die Strecke von Eberbach nach Miltenberg durch den Odenwald kannte ich bereits - für den 1. Tag ein guter Vorgeschmack auf die Anstrengungen, die noch folgen sollten. Zum ersten Mal starben meine Finger an der Lenkstange ab, und ich schwitzte auf den letzten Kilometern zum Scheitelpunkt Blut und Wasser. 10 Kilometer vor Amorbach ging es dann nur noch bergab, und mein verschwitzter Körper kühlte aus. Ich war glücklich, wie ich da wie ein Affe auf dem Schleifstein den Berg hinunter sauste, hin zum Ziel meiner 1. Etappe.
Hinter Kulmbach, das waren Tag 5 und 6, ging es dann richtig zur Sache im Frankenwald und Vogtland.
Steigungen bis zu 13% waren nicht selten. Ich gewöhnte mich erstaunlich schnell an die Berg- und Talfahrten durch das Gebirge. Es lief immer nach dem selben Muster: hin zu den Ortschaften ging es bergab, und aus dem Ort hinaus musste ich wieder 1-3 km kraxeln. Manchmal war ich ganz froh, um meinen ausgekühlten Körper auf Temperatur zu bringen; und wenn ich wieder an einem endlosen Berg fest zu hängen schien, dachte ich: "Steter Tropfen höhlt den Stein ..." Ich kam immer oben an. Dann musste ich das "oben" revidieren, denn es gab ein "obener". Der Frankenwald war herrlich! Ich habe ihm viele Glücksmomente zu verdanken.
Das Vogtland war zäher. Es zog sich landschaftlich mehr in die Breite. Trotzdem waren Höhen um die 400m keine Seltenheit. (Im Frankenwald kletterte ich bis über 500m.) Es kostete mich einige Nerven, bis ich an meinem 4. Etappenziel, dem Stausee Pöhl, bei Plauen ankam. Das Vogtland sollte mich auch noch ein gutes Weilchen an der Weißen Elster begleiten. Als ich dann endlich Gera erreichte, ließ ich die Berge hinter mir. Und man glaubt es fast nicht: bei aller Erleichterung fehlte mir etwas.

Montag, 22. Juni 2009

Mein Drahtesel



im besten Licht



und beladen

...


Kaum war ich losgefahren, hatte ich Probleme mit der Schaltung. "Wie soll ich die Berge hoch kommen, wenn ich nicht aufs kleine Zahnrad schalten kann?", dachte ich und steuerte bereits nach wenigen Kilometern eine Fahrradwerkstatt in Heidelberg an. Glücklicherweise war es nur eine Einstellungssache. Die Korrosion nagt an den mechanischen Teilen. So ganz richtig funzte die Schaltung nie auf meiner Tour. Einen Gang kriegte ich gar nicht rein, den musste ich immer überspringen beim Schalten; und wenn ich es vergaß, krachte es ganz fürchterlich.
Man verwächst irgendwie mit dem Gerät, wenn man tagtäglich viele Stunden auf dem Bock hockt. Drum empfand ich es beinahe wie eine eigene Verletzung, als sich am Ende des 5. Tages der Ständer verabschiedete. Wahrscheinlich auch eine Folge von Korrosion, dazu die Last des Gepäcks. Zwei Tage später ließ ich mir in Leipzig einen neuen dran schrauben. Es ist doch besser, wenn das "Gerät" wieder von alleine steht.
Nach den Bergen bemerkte ich, dass ich mir einen Achter ins Hinterrad gefahren hatte. Mit dem Speichenspanner wollte ich die lockeren Speichen nachspannen - und schon hatte ich eine abgemurkst - merke: lasse als Laie lieber die Finger von der Technik! Fortan fuhr ich wie auf Eiern und betete, dass mein Hinterrad durchhielt. Die Radwanderwege waren oft nichts anderes als Feld- und Waldwege, so dass man trotz Umsicht früher oder später in ein Schlagloch rauschte. "Scheiße!" fluchte ich dann und betrachtete beim Fahren besorgt das schlackernde Hinterrad.
Aber das gute Stück hielt. Zärtlich wie den Hintern einer Frau streichele ich den Brooks-Sattel und sage: "Heute geht es in die Werkstatt. Dort lasse ich dich auch putzen." Zeitweise war die Fahrt eine "Tour de Schlamm". Ich hatte mehr Regen- als Sonnentage.
Ich werde mich schwer von meinem Drahtesel trennen können, mit dem ich in den letzten 2 Wochen so viele Höhen und Tiefen durchlebte. Doch es muss sein - umso früher habe ich ihn wieder.
Insgeheim liebäugele ich bereits mit einem neuen. Das darf er aber nicht wissen, sonst wird er am Ende noch eifersüchtig und bockig ...

Sonntag, 21. Juni 2009

Die Strecke





1) Heidelberg - Miltenberg
am Neckar bis Eberbach, durch den Odenwald bis Miltenberg

2) Miltenberg - Ochsenfurt
am Main

3) Ochsenfurt - Zeil a. M.
am Main

4) Zeil a. M. - Kulmbach
am Main

5) Kulmbach - Plauen
über Frankenwald und Vogtland

6) Plauen - Gera
an der Weißen Elster

7) Gera - Eilenburg
an der Weißen Elster bis Leipzig

8) Eilenburg - Dessau
an der Mulde

9) Dessau - Magdeburg
an der Elbe

10) Magdeburg - Stendal
an der Elbe

11) Stendal - Gartow
an der Elbe

12) Gartow - Mölln
an der Elbe bis Lauenburg, dann Elbe-Lübeck Kanal

13) Mölln - Neustadt i.H.
am Elbe-Lübeck Kanal bis Lübeck, dann an der Ostseeküste

14) Neustadt i.H. - Fehmarn
an der Ostseeküste

(Streckenabschnitte sind immer grob +/- 20km. Die Zeltplätze lagen meist im Umland.)

...

Ich war 14 Tage unterwegs, die mir im Nachhinein bereits weit weg erscheinen und (irgendwie) unwirklich. Vielleicht kann ich mich an die Reiseerlebnisse noch einmal herantasten, wenn ich sie schriftlich rekapituliere. Es ist ungeheuer viel, was ich sah und mit all meinen Sinnen aufnahm - auch meine gedanklichen Abenteuerreisen, während ich in die Pedalen trat. Ein paar Ausschnitte und Bilder möchte ich hier aufbewahren.

ein literarisches Tagebuch

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