Montag, 2. März 2009

Sonne, komm ...



... komm endlich raus!

Montag, 23. Februar 2009

Der Gedanke


Gerade kam mir ein Gedanke in den Kopf. Er schoss mir nicht in den Kopf wie ein Geistesblitz, vielmehr kam er einfach daherspaziert, und schaukelt dabei mit dem Spazierstock, und schaut geziert und tut unschuldig, als wäre er ein Gedanke wie jeder andere: Tja, da bin ich nun - hast du mich etwa noch nie gedacht? Stelle dir einen vierzigjährigen Menschen vor, Mann oder Frau, egal, einen führenden Angestellten meinetwegen, oder eine Mutter von drei Kindern, nebenbei berufstätig, eine Krankenschwester oder einen Altenpfleger, einen Baggerfahrer, eine Politikerin ... mit Vierzig auf der Höhe seines Lebens, in der Mitte seines Lebens, voll ausgebildet, mehr oder weniger erfolgreich; interagiert mit seiner Umwelt, als wäre das Peanuts. Selbstverständlich hat er seine Orgasmen, und längst alle Stellungen ausgetestet. Über den Bauchansatz redet man nicht. Selbstverständlich hat er Familie, Freunde und Bekannte, und er feiert jedes Jahr Weihnachten und Geburtstage und sonstige Jubiläen oder Feste. Selbstverständlich betrachtet er stirnrunzelnd seine Kontoauszüge und fährt an den Wochenenden mit seiner Familie in den Vergnügungspark oder zu den Eltern. Voll ausgebildet sind diese Vierzigjährigen. Mit wenigen Ausnahmen haben sie auch reichlich hinter die Binde gegossen. Was für eine erstaunliche Entwicklung, findest du nicht?! sagt mein Gedanke fordernd, und wirbelt dabei mit dem Spazierstock. Von der befruchteten Eizelle - einem Nichts quasi - hin zu diesen voll ausgebildeten ... Monstern, entschuldige bitte, mein Gedanke räuspert sich, in nur vierzig Jahren, das heißt in vierzig mal dreihundertfünfundsechzig Tagen oder in vierzig mal dreihundertfünfundsechzig mal vierundzwanzig Stunden, was nach Adam Riese nicht mal dreihundertfünfundsechzigtausend Stunden sind, so viele Stunden wie eine mittlere, deutsche Großstadt Einwohner hat. Ich befürchte, dass mein Gedanke jetzt abschweift, aber er lässt mich nicht los. Reihe eine erlebte Stunde, wegen mir die Mittagspause, dieser Großstadtbewohner hintereinander - was ist schon eine Stunde? Die erste Halbzeit eines Fußballspiels plus Pause, oder die Zeit, um gemütlich an einer Bar zwei Bier zu trinken, oder zwei Drittel einer Psychologievorlesung ..., - dreihundertfünfundsechzigtausend mal zeitlich hintereinander gesetzt ergibt diese eine belanglose Stunde die Lebensdauer eines Vierzigjährigen. Ist das nicht verrückt? Da steht dieser voll ausgebildete Mensch und war vor dieser Stunde nichts als eine befruchtete Eizelle ...
Ich weiß nicht, ob der Gedanke nun ausgereizt ist. Oder hat er sich verloren? Alles ist doch furchtbar normal. Was wollte ich eigentlich sagen?
Der komische Gedanke wendet sich ab, kratzt die Kurve. Das Letzte, was ich von ihm zu sehen bekomme, ist sein Hüftschwung, und wie sein Spazierstock federleicht durch die Luft wirbelt.


(boma, 2003)

Dienstag, 17. Februar 2009

Ein Song zum Dahinschmelzen

Montag, 16. Februar 2009

Pflegenotstand

http://daserste.ndr.de/annewill/index64_poll-pflege116.html

... wieder eine dieser unsäglichen Sendungen zum Thema Pflegenotstand.
Wenn ich diesen Diskussionen folge, fühle ich mich als Altenpfleger, der seit 23 Jahren in Pflegeheimen tätig ist, nur noch verarscht. Ich hätte Anne Will am liebsten weggeschaltet. Die Argumentationen drehen sich seit den Achtzigern des letzten Jahrhunderts munter im Kreis und haben inzwischen einen Bart wie Methusalem. Und die Politiker reden von Reformen!
Im Pflegealltag kam bis jetzt keine Reform an - das einzige, was bei uns seit Jahren ankommt, - dass die Theorielastigkeit zunimmt, während die Praxis weiterhin Not leidet. Wir leben im "Laberland". Jeder redet sich die Dinge zurecht, wie sie aus Sicht seiner Politik, Zunft und seinen persönlichen Interessen zu sein haben. Dabei kommt heraus, dass alle "irgendwie" recht haben ... und sich mal wieder nur marginal etwas in Richtung Problemlösung bewegt. Der Kern der Sache bleibt indessen unberührt - wir fahren lieber noch eine Runde Meinungskarussell. Das Ganze gewürzt mit dem immergleichen Betroffenheitsgestöhne, wenn anhand von Beispielen die Problematik deutlich gemacht wird. Jessas! In mir akkumulieren sich Wut, Ohnmacht, Scham, Trauer und Unverständnis zu einem fast unerträglichen Dauerzustand. Wie soll ich in diesem Beruf noch Jahre weiter arbeiten? Kann ich noch in den Spiegel schauen?
Mir wird schlecht ...

Morgen geht`s zurück in die Nacht. Ab Mai soll der Nachtdienst mit nur einer Pflegekraft abgedeckt werden, das heißt: Ich werde mit ca. 50 zum Teil schwer pflegebedürftigen Menschen allein sein. Was soll ich sagen?
Scheiße!

Montag, 9. Februar 2009

Ein echtes Kinoabenteuer - "Der seltsame Fall des Benjamin Button"

Das letzte Stück zum Kinocenter müssen wir zu Fuß zurücklegen, vom Wiesenplatz aus die Zollstraße entlang. Vor uns laufen zwei junge Frauen. Ich höre die eine den Namen Brad Pitt erwähnen und sage zu Meral, dass sie bestimmt auch in den Film gehen. Es ist dunkler Abend, klamme Februarwitterung.
Zwei Tage zuvor gingen wir denselben Weg, um Fleisch einzukaufen, das in Deutschland um mehr als die Hälfte billiger ist. Der Truthahn war lecker ... Die jungen Frauen sind tatsächlich noch vor uns. Wir müssen einfach nur hinter ihnen bleiben, und sie bringen uns direkt zum Kino, vorbei an einer alten, kleinen Kirche samt Pfarrhaus, einem Altenheim und einem Kiosk, der noch hell ist. Auf der Brücke zur Grenze begegnen uns immer noch Einkäufer, taschenbepackt oder mit Ziehwägelchen, auf dem Rückweg von Weil am Rhein.
Das Kino ist ganz oben. Wir kürzen den Weg ab durch das Parkhaus. Zielstrebig steuern wir die Kinokasse an. Es ist die Samstagabendvorstellung und zwei Schlangen Wartender stehen an. "Leider haben wir nur noch auseinander liegende Plätze", sagt der Kassierer. Nach kurzem Bedenken und einem Blick zu Meral nehme ich die Karten trotzdem. "Vielleicht können wir ja mit jemandem tauschen", sage ich. Die Vorstellung hat begonnen, und die letzten Reihen füllen sich. Unsere Hoffnung auf nebeneinander liegende Sitzplätze zerplatzt. Aber ich habe einen Platz ganz außen, und Meral setzt sich auf die Stufen neben mich. Der Film erzählt die seltsame Lebensgeschichte eines Mannes, der als Greis auf die Welt kommt und immer jünger werdend schließlich als dementes Baby in den Armen seiner großen Liebe stirbt. Das Leben ist grotesk. Speziell dieses Leben. Das Leben von Jedermann. Zwischendurch sieht Brad Pitt in dem Film wirklich aus wie Brad Pitt. Meral und ich sind gefangen vom Leinwandgeschehen. Die Geschichte wird in wunderbar poetischen Bildern erzählt, die das Herz anrühren - mal zum Lachen, und mal zum Heulen. Die Figuren erzählen von Hoffnung, Liebe und Einsamkeit; von den Träumen, die man hat, und wie das Schicksal Zeichen setzt; wie man an seinen Träumen vorbei lebt, als wären sie Inseln im Nebel; und dann reißt doch eines Tages der Schleier auf, und alles ist so, als hätte es gar nicht anders sein können. "Brad Pitt ist ein schöner Mann", flüstert Meral. Ich zucke mit den Achseln. Ein paar Minuten lang sieht er in dem Film wirklich nicht übel aus, bevor ein pubertierender Jugendlicher, der innerlich vergreist, und ein "dementes" Baby die Rolle des Benjamin Button übernehmen. Längst haben Meral und ich entschieden, dass der Film ein wahres Leinwandgedicht ist, ein Epos auf das Leben: Wie verrückt und grausam das Leben ist, und dicht daneben heiter, glücklich und voll Anmut - und alles ist geheimnisvoll, ein Mysterium.
Als wir wieder auf der Zollstraße sind, zurück in der Nacht eines Samstags im Februar 2009, verweben sich die Eindrücke wirr ineinander. Mir ist warm, obwohl es inzwischen graupelt. Zum Wiesenplatz, wo die Tram fährt, sind es gut 10 Minuten Fußweg. Die jungen Frauen sind vielleicht auch auf dem Rückweg, oder sie trinken noch eine Cola im Café des Kinocenters; oder sie bestellen etwas schärferes und reden über Brad Pitt. Wie`s aussieht, werde ich nicht jünger, denke ich, - noch pflege ich die Menschen im Altenheim, um dann eines Tages selbst die letzte Tür in meinem Leben aufzumachen. Bis dahin will ich noch vielen Menschen begegnen, die etwas zu sagen haben - wie in diesem Film, und wie Meral, und einige andere, die schon lange in meiner Erinnerung Platz genommen haben.
Wäre die Wirklichkeit nur nicht so verdammt wirklich: Eine verlauste, dicke Alte quält in der leeren Tram ihren Hund, der abwechselnd knurrt und heult ... Mich juckt ein Ausschlag auf dem Handrücken ... Wir treffen am Voltaplatz Merals Sohn, der mit einem Kumpel auf dem Weg zur Disco ist ... Im Milchhüsli bleiben wir bis zur Sperrstunde und rühren im eigenen Leben, - in unserer Liebe herum ... Wie immer trinke ich ein großes Cardinal ... Es könnte alles besser aber auch schlimmer sein.



http://wwws.warnerbros.de/benjaminbutton/

Freitag, 23. Januar 2009

Und hier einen Song extra für den Lieben Gott

Körperwelten

Niemals, auch in keiner noch so großartigen Präsentation von Kunst, sah man Menschen derart auf den Gegenstand ihrer Betrachtung ausgerichtet, wie vor den von Hagen`schen Plastinaten; das Erstaunen, die Schauder der Selbstergriffenheit fanden in den Betrachtern einen so unvergesslichen Ausdruck, weil jeder in dem Gesehenen sich selbst anschaute. Man spürt, dass die Betrachter sich nie zuvor derartig nahe gekommen waren wie in der Konfrontation mit den Körperplastinaten.
(Bazon Brock, Professor emeritus für Ästhetik/Gestaltungstheorie, Wuppertal)


Körperwelten in Heidelberg von 10. Januar bis 26. April 2009

http://www.koerperwelten-deutschland.de/

Mittwoch, 21. Januar 2009

Nummer 44

Der Präsident legte den Eid ab. Er war nun der mächtigste Mann der Welt. Mit Gottvertrauen, Intelligenz und Mut wollte er die großen Aufgaben angehen. Es gab viel zu tun. Sein Vorgänger hatte ihm eine abgewirtschaftete Nation hinterlassen und einen Krieg, der nicht zu gewinnen war. Der Präsident spürte, dass die Menschen an ihn glaubten. Die Herzen flogen ihm zu. Die Welt hielt den Atem an, als er die Hand zum Schwur hob. Würde er ein guter Hirte sein?
Er war jung - in meinem Alter. Kaum zu glauben. Ich wischte Popos im Altenheim, und er fuhr in einer gepanzerten Limousine zu den Staatsgeschäften. Im Fernsehen hörte ich seine Antrittsrede. Der Präsident sagte kluge Sachen. Ich bekam feuchte Augen. Millionen jubelten vor den Bildschirmen und auf den Straßen ihrer neuen Ikone zu. Die Erdenbürger hatten seit langem wieder einen Hoffnungsträger. Auch ich war ergriffen von dem Aufbruchsgefühl. Es war beinahe messianisch. Und es menschelte gewaltig. Wie sollte man sich dieser Stimmung entziehen? Selbst das Böse wurde rührselig. Trotzdem blieb ich skeptisch. Im Altenheim hatten wir einen neuen Heimleiter bekommen, der auch gut reden konnte. Leider bewegte sich deswegen nichts zum Besseren. Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein.
Ich wusste, warum ich lieber eine Arschwischmaschine war, und nicht Heimleiter oder gar Präsident. Ich konnte nicht glauben, obwohl ich die wahnsinnige Anziehungskraft spürte. Ich konnte mir einfach nichts einreden.
Ja, ich erinnere mich, dass dieser Präsident damals etwas ganz Besonderes war ... Er war Nummer 44. Der erste Farbige.
Aber die Menschen änderten sich darum nicht.


Mittwoch, 14. Januar 2009

I remember



Che Guevara

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