(Freiheitsstatue flachgelegt)
Mein Gott, ich gähne wie ein Löwe mitten in den Tag. Im TV läuft die Nachbesprechung des GP von Barcelona. Ferrari wieder auf dem Siegertreppchen, und Niki Lauda, der Günther Netzer des Rennsports, bringt seine Analysen vor. Als sie einen Rennunfall zeigen und besprechen, kommt mir spontan ein alter Lindenberg Song in den Sinn: "Ricki Masorati mit dem Bleifuß fährt als Formel 1 Pilot, in jeder Kurve kichert der Tod ... rauscht er gegen die Balustrade, hat er angebrannte Ohr`n ..." (Den Titel lud ich erst vor Kurzem herunter.) Ich rauschte mit meiner Kollegin durch die letzte Nacht im Altenheim: Ganz ungefährlich in zwei Runden. Wenn der Morgen dämmert, neigt sich "unser Rennen" dem Ende. Durch die offenen Fenster dringt Vogelgezwitscher an unsere Ohren. Das Dunkel der Nacht verabschiedet sich mit einem Fest, einer Symphonie und wunderbarem, sphärischem Licht. Als ich die mit Windeln prall gefüllten Abfallsäcke in den Container wuchte, sauge ich die kühle frische Morgenluft gierig ein. Der Wald steht noch wie eine dunkle Wand hinter dem Haus. Wir gönnen uns einen Kaffee aus dem Automaten. Die Ziellinie liegt greifbar nah vor uns. Es wird schnell heller, und wir begrüßen freudig die eintrudelnden Kollegen. "Gab`s was?", fragen sie. Wir müssen diesmal nicht viel erzählen.
Trallala, es grünt so schön ... welche Überraschung, als ich aus dem Traumland erwachte und aus dem Fenster blickte. Da hing bereits ein grüner Pelz über den Terrassengärten mit allerlei Farbtupfen. An den Tagen, die ich aufgrund des Nachtdienstes verschlafen hatte, bemerkte ich die Wandlung der Natur nicht. Das Leben schlug gewaltig zu - die Bäume schlagen aus: Ein Sternenmeer junger Triebe an den Zweigen. Wenn das nicht Musik für die Herzen ist! Der Frühling kam auf leisen Pfoten wie ein Kater und schlug mir seine Tatze wider Erwarten in die Brust ... welch süßes Sterben: Das Sterben der Nacht, hinein in das volle, trotzige Grün.
Trallala, ich tanze mit dir, geliebtes Leben, für heute bin ich gerettet.
Aus "Aufbewahren für alle Zeit" (1976) von Lew Kopelew:
"Grausame Feiglinge - das ist ein ganz besonders übler Menschenschlag. Feigheit gebiert viele Laster. Ein gutmütiger Feigling wird niemals niederträchtige Handlungen anstiften, wird niemanden absichtlich dem Henker zutreiben. Der gute Feigling fürchtet nicht nur den eigenen Schmerz, den eigenen Tod, er fürchtet auch für andere. Der grausame Feigling ist von Grund auf schlecht, er rächt sich für ausgestandene eigene Angst, sobald er sicher ist, dass er ungestraft quälen, erniederigen, töten kann.
Es sind archaische Instinkte, die Kinder zu Tierquälereien veranlassen, grausame Instinkte - bei Knaben häufiger als bei Mädchen -, vormenschliches, animalisches Erbe aus der allerfrühesten Beziehung zur Welt. In ihrer vollsten Ausprägung treten diese Instinkte beim grausamen Feigling in Erscheinung. Und am schändlichsten , am gemeinsten ist jene Feigheit, die nicht nur grausam, sondern auch ehrgeizig ist, die sich prunkvoll ideologisch verbrämt. Sie erzeugt lebensfrohe Mörder und wollüstige Henker, die nicht nur schamlos und skrupellos zu Werke gehen, sondern sich dessen auch noch stolz-bescheiden rühmen, mit ihrer eigenen Grausamkeit prahlen in der Überzeugung, dem Staat, dem Vaterland, dem Gesetz oder sonst einem hohen abstrakten Begriff zu dienen."
Heute Morgen träumte ich zu den Stimmen aus dem Fernsehen eigene Bilder und Geschichten. Solche Träume, die von einer Restwahrnehmung der Wirklichkeit beeinflusst werden, habe ich regelmäßig. Wie Regen der auf einen dichten Wald prasselt - einige Tropfen gelangen bis auf den Boden, während die Hauptlast von Blattwerk und Gestrüpp abgefangen wird. Könnte man, um dieses Bild beizubehalten, den Schlafenden unten am Waldboden wähnen, im Halbdunkel, während der Wache auf den Baumkronen hockte, im Licht des Tages und im Licht seiner Gedanken? Mir wollte es vorhin, als ich erwachte, so scheinen: Das Erwachen hob mich förmlich langsam empor wie einen Taucher aus der Düsternis der Tiefe, während mir der Schlaf die Schwere gegeben hatte, hinab zu sinken. Kaum war ich wach, schaffte sich meine Denkmaschine Platz und verblüffte mich sofort mit einer seltsamen Fragestellung: Wenn ich im Schlaf die Stimmen aus dem Fernsehen in meinen Träumen interpretiere - ist nicht die ganze Wirklichkeit, die wir wach wahrnehmen, lediglich eine Interpretation unseres Gehirns? Erträumen wir die Wirklichkeit nur? Gut, ich war doch noch nicht ganz wach, als ich mir diese Frage stellte. Ich rieb mir die Augen und fühlte mich noch nicht ganz emporgehoben ..., gleichwohl verließen mich diese Gedanken nicht mehr. Ich sitze darüber vorm Computer und rätsele. Mir kommen fast reflexartig die Bilder von Magritte in den Sinn. Vielleicht ist die Wirklichkeit nur ein "Klar-Traum" unseres Gehirns, welchen wir mit den Lebewesen teilen, deren Gehirne dem unseren ähnlich sind. Somit verschlafen wir unser ganzes Leben. Ist diese Vorstellung nicht köstlich? Der Tod würde dabei das Erwachen aus dem Leben bedeuten.
(Jetzt fallen mir auch noch die absurden Grafiken von M.C. Escher ein.) Ich träume, mein Wach-Sein ist eine Illusion. Ich lebe in einer Illusion, die darum wirklich ist, weil ich sie mit vielen anderen teile.
Und das ist vollkommen in Ordnung für unser Leben, wie es in Ordnung für das Leben anderer Kreaturen ist, die aufgrund ihrer Andersartigkeit in anderen Wirklichkeiten/Illusionen leben. Leben ist, sich die Wirklichkeit erträumen. Leben ist Interpretationssache.
Vor wenigen Tagen las ich von Walter Jens` Demenzerkrankung. Beruflich werde ich ständig mit der Demenz-Problematik konfrontiert. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Welt dieser Menschen aussieht. Ihre Gehirne verabschieden sich aus unserer Wirklichkeit. Sie tauchen unerklärlich ab. Oft verschwindet damit auch der Mensch, den wir liebten und achteten. Können wir ihn noch erreichen? In welchen Träumen lebt er?
Freiheit, Toleranz, Anarchie und Glück.
Z.B.:
Freick
Anarchick
Tolerarchie
Glüheit
Ich zitiere aus: Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Achter Brief, 1795:
"... Die Vernunft hat geleistet, was sie leisten kann, wenn sie das Gesetz findet und aufstellt; vollstrecken muß es der mutige Wille und das lebendige Gefühl. Wenn die Wahrheit im Streit mit Kräften den Sieg erhalten soll, so muss sie selbst erst zur Kraft werden und zu ihrem Sachführer im Reich der Erscheinungen einen Trieb aufstellen; denn Triebe sind die einzigen bewegenden Kräfte in der empfindenden Welt. Hat sie bis jetzt ihre siegende Kraft noch so wenig bewiesen, so liegt das nicht am Verstande, der sich nicht zu entschleiern wußte, sondern an dem Herzen, das sich ihr verschloß, und an dem Triebe, der nicht für sie handelte.
... die Vernunft hat sich von den Täuschungen der Sinne und von einer betrüglichen Sophistik gereinigt, und die Philosophie selbst, welche uns zuerst von ihr abtrünnig machte, ruft uns laut und dringend in den Schoß der Natur zurück - woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind?
...
Nicht genug also, daß alle Aufklärung des Verstandes nur insoferne Achtung verdient, als sie auf den Charakter zurückfließt; sie geht auch gewissermaßen von dem Charakter aus, weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz geöffnet werden muß. Ausbildung des Empfindungsvermögens ist also das dringende Bedürfnis der Zeit, nicht bloß weil sie ein Mittel wird, die verbesserte Einsicht für das Leben wirksam zu machen, sondern selbst darum, weil sie zu Verbesserung der Einsicht erweckt."
Heute Morgen ging die Welt unter. Alles Leben, alle Hoffnungen, aller Reichtum, alle Wünsche, alle Begierden lösten sich auf. Es blieb buchstäblich nichts. Nur etwas Gries im Raum. Ohne Identifikation, ohne Bewusstsein, ohne Stellenwert. Der Weltenozean verschluckte das Schiff Erde mit Mann und Maus. Die Wogen glätteten sich schnell. Ich lag im Bett und dachte weiter nach. Konnte es einen Sinn für das Ameisenleben geben? Und warum machte ich mir Sorgen um meine Zukunft, meine Rente? Warum hatte ich Angst, Harz IV Empfänger zu werden? Heute Morgen ging die Welt unter. Jeden Morgen ging sie unter. Und wir überlebten es. Was für ein Gefühl ist das, wenn man die Erde in der Milchstraße sieht, die Milchstraße unter einer Milliarde Galaxien und das Universum selbst vielleicht nur als ein Korn im Reisfeld? Was fühlen wir, wenn wir morgens aufstehen? Denken wir an die erste Zigarette, denken wir an Liebe, oder denken wir bereits an das Fernsehprogramm vom Abend?
Was wissen wir von unserem Leben und dem, was uns tagtäglich umtreibt? Wir glauben sehr viel zu wissen. Einige Menschen basteln Religionen und Ideologien. Einige Menschen werden süchtig auf der Suche. Gestern kaufte ich die Bibel. Ich will sie gar nicht unbedingt lesen, nur in der Hand halten.
Schon komisch. Einige Menschen wollen am Besten in Saus und Braus leben. Und andere sind froh, wenn sie nur überleben.
Heute Morgen ging die Welt unter. Vielleicht hast du es nicht bemerkt, Kumpel. Wir sind längst verlorene Seelen.