Sonntag, 7. Oktober 2007

Zombies im Altenheim

Mein Kollege hatte mir schon bei Dienstanfang im Telegrammstil angekündigt: "0 Uhr, Land of the Dead." Ich verstand ihn erst nicht, weil er im hiesigen Dialekt nuschelt und oft ohne Bezug eine Aussage in den Raum stellt.
"Was?"
"Der Zombiefilm", entgegnete er.
"Ach so. Könnte hinhauen. 0 Uhr dürften wir mit dem Rundgang fertig sein." Ich nahm meinen Kaffeebecher und wanderte zur Übergabe.
Mir ist egal, was in der Glotze läuft. Hauptsache, ich habe eine Ablenkung, einen Hingucker, wenn ich zwischendurch die Beine hochlege.
Ein paar Minuten vor Zwölf waren wir pünktlich zum Film fertig und richteten es uns im Aufenthaltsraum ein. Ich schmierte mir in der Küche ein Leberwurstbrot und pflanzte mich in einen Sessel. Mein Kollege holte sich zwei Joghurt aus dem Kühlschrank. Er hatte mir erzählt, dass er einige dieser Splatter zuhause hat und sie ab und zu ganz gern schaut.
Na gut, in meiner Teenagerzeit hatte ich auch eine Phase, wo mich Gewalt in Filmen seltsam berauschte. Es konnte nicht heftig genug sein. Eine Mischung aus Neugierde und sadistischem Genuss. Mit der ersten Liebe gab sich das Gott sei Dank. Nach etlichen Jahren sollte ich also im Altenheim wieder einen Zombiefilm sehen: Den Zombies wurden ordentlich die Köpfe weggeschossen, und sie revanchierten sich, indem sie die Lebenden, die sich in einer Schutzzone verschanzt hatten, angriffen und abschlachteten. Soviel zur Handlung. Die Gewaltexzesse waren derart überzogen, dass ich bei manchen der blutrünstigen Szenen unwillkürlich grinsen musste. Wir Altenpfleger sind ja bekannt für unseren etwas derben Sinn für Humor - wie auch Chirurgen, Rettungssanitäter und Bestatter.
Als es klingelte, bewegte ich mich schlafwandlerisch weg von dem Gemetzel auf der Mattscheibe hin zu den Bewohnern in ihren Zimmern. Die Alten erschienen mir merkwürdig fremd - wie skurrile Figuren in einem Zwischenreich, dem Tod näher als dem Leben. Das künstliche Licht und die Schatten der Nacht verstärkten das Gefühl einer ganz eigenen Atmosphäre: Man war abgeschnitten vom Rest der Welt! Die Untoten lagen bei uns im Altenheim! Nur waren sie nicht so blutrünstig wie die Zombies in dem Splatter. Doch vielleicht würden sie eines Tages bzw. Nachts zu neuem Leben erwachen, aus ihren Betten klettern, um uns zu massakrieren ... . Ich kehrte zum TV zurück. Ein Zombie fraß gerade an einem Unterarm wie an einem Hühnerschenkel. "Stell dir vor - unsere Alten als Zombies", sagte ich.
Mein Kollege lachte und brummelte etwas unverständliches. Der Film ging nicht mehr lange. Schnell hatte uns wieder der ganz normale Altenheimwahnsinn im Griff.
Alle überlebten die Nacht.

Samstag, 6. Oktober 2007

Bevor

der Ernst des Nachtdienstes beginnt, schnell noch "Spongebob Schwammkopf" reinziehen ...

Freitag, 5. Oktober 2007

Lou Reed

... hey?!

Eine alte Liebe neu entdeckt

Unlängst wollte ich ein Gedicht über meine Liebe zu Unterarmen schreiben. Ja, außer Füßen liebe ich grazile, schlanke Unterarme. Sie können auch etwas kräftiger sein. Ich sehe sie am Liebsten fest und wohlgeformt.
Es blieb bei der Idee zum Gedicht. Ich fand nicht die Muse, obwohl die Unterarme der Bedienungen im Kaffeehaus gute Vorlagen hergaben. Besonders die einer jungen Frau.
Neben der Form ist es die Haut, die mich fasziniert, und die in jedem Licht anders schimmert mit ihren Härchen, den Leberflecken und der Äderung - darunter sich die Muskulatur abzeichnet wie ein zärtliches Liebespaar unter einer leichten Bettdecke ... (Na gut, dieser Vergleich war ein leichter Verschütter. Es ist nicht einfach, mit Worten zu balancieren.)
Unterarme gehören zu den schönsten Körperteilen. Mich würde interessieren, was berühmte Künstler wie Michelangelo und Rodin über Unterarme in Hinsicht auf ihr bildhauerisches Schaffen dachten.
Meiner Meinung nach wird die Wirkung von Unterarmen auf uns unterschätzt. Warum krempeln wir zu gern die Ärmel hoch? Doch nicht nur, weil uns warm ist, oder wir etwas anpacken wollen; sondern oft aus Eitelkeit, oder etwa nicht? Wir machen uns darüber bloß kaum Gedanken.

Das Gedicht hätte ich "Als ich heute meine Liebe zu Unterarmen neu entdeckte" genannt. Etwas lang der Titel? Da es kein Gedicht gibt, ist es egal.
Anatomisch gesehen leuchtet ein, warum Unterarme Unterarme heißen. Umso mehr ich aber den Namen für diese hochästhetischen Körperteile auf mich wirken lasse, desto fremder und unpassender kommt er mir vor. Sie hätten einen eigenen Namen verdient - wie die Hände. Die könnten ja auch Unterunterarme heißen oder Armenden. Selbst die Finger bekamen einen eigenen Namen und heißen nicht etwas Armspitzen. Wie kam diese Diskriminierung der Unterarme zustande? Sind wir geistig zu armselig, um sie angemessen wahrzunehmen und wertzuschätzen?

Ich denke, ich werde mir wenigstens einen Namen für meine eigenen suchen. Wie riecht eigentlich so ein Unterarm?
hmmmmmm - gut!

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Einschulung mit Zuckertüte

Fußmut

Contergan-Kinder können mit der Großen Zehe in der Nase bohren. Jedenfalls einige von ihnen. Ich finde das beachtlich, da ich mich bereits beim Schneiden der Zehennägel abmühe.
Der Contergan-Skandal fiel in meine Generation. Es hätte mich auch erwischen können.
In der Grundschule hatten wir eine Mitschülerin, Britta, mit Stummelarmen und -beinen. Sie war Klassenbeste. Ich Zweitbester. Eine Diskriminierung kriegte ich damals nicht mit. Jedenfalls nicht gegenüber diesem behinderten Mädchen. Es fielen mehr die Gastarbeiterkinder und die Kinder aus den Asozialenvierteln in den Fokus der Hänseleien und Ausgrenzung.
Ich stecke voller solcher Erinnerungen. Fange ich erstmal an zu bohren, fördere ich immer mehr zu Tage.

Wie ich auf das Thema komme? Total blödsinnig: Ich blickte gestern Abend auf meine Füße und dachte darüber nach, wie unnütz Fußnägel eigentlich sind; und was es für eine Arbeit ist, die regelmäßig zu schneiden. Ich mag meine Füße. In der Wohnung bin ich immer barfüssig zugange. Was machten die Menschen eigentlich, als es noch keine Nagelscheren gab? Ich saß also vorm PC, langweilte mich und schaute auf meine Füße hinab. Mir kamen Schlangenmenschen und Yogis in den Sinn, die die Beine hinter ihrem Nacken verschränken konnten ... und auch ein junger Mann mit einer Contergan-Behinderung, dem ich in der Heidelberger Altstadt öfters begegnet war. "Nur" seine Arme waren betroffen. Er lief als Punk in Gummistiefeln durch die Stadt. In der Kneipe streifte er sich die Stiefel ab und gebrauchte ganz selbstverständlich seine Füße zum Biertrinken. Er war schon ein Unikum - nicht nur wegen seiner Behinderung, sondern weil er selbstbewusst damit umging und damit nicht selten seine Umgebung irritierte oder gar schockierte.

Und schließlich sah ich zufällig vor kurzem im TV ein Interview mit einem Contergan-Betroffenen. Er erzählte ziemlich scheußliche Sachen aus seinem Erleben. Wie mies doch die Menschen sein können!
Seine Eltern hätten unmoralische Sexualpraktiken vollzogen, deswegen diese Missgeburt ... und Ähnliches. Auch wurde damals geschrieben, dass die Contergan-Kinder frühzeitig sterben würden.
Wahrscheinlich kursierten noch mehr dumme und kuriose Gerüchte, welche für die Betroffenen eine unglaubliche Demütigung bedeuteten.

1961/1962 wurde der Contergan-Skandal aufgedeckt. Fast ein halbes Jahrhundert verstrich seitdem.
Ich kam gesund und vollständig auf die Welt. Wirklich gesund und vollständig?
Was sind das für Begriffe?

(Schlappe fünf Jahre später setzte der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond. Ich wurde eingeschult. Auf dem Erinnerungsphoto halte ich die Zuckertüte tapfer fest.)

Mittwoch, 3. Oktober 2007

Die Horrorkneipe

Als ich gestern vom Kaffeehaus nach Hause radelte, war es bereits dunkel. Zwei Bier lang halte ich es an der Theke aus, lese Zeitung oder zur Zeit "Schöne neue Welt" und schaue den Bedienungen ... bei der Arbeit zu. Das klingt nicht sehr spannend. Also, ich bekam Lust auf Pizza. Auf dem Weg liegt ein Italiener, der ausschließlich Gerichte Zum Mitnehmen anbietet. Eine Pizza Calzone passt prima oben in die Satteltasche, ohne dass der Belag runter läuft. Bis sie fertig sein würde, wartete ich in einer Kneipe zwei Häuser weiter. Der Schankraum liegt etwas tiefer als die Straße. Das Fenster ist mit einer Gardine verhängt und mit Zimmerpflanzen verstellt. Früher war mal eine Eisdiele drin. Von außen würde man keine Kneipe erwarten. Die Tür ist aus dickem, mattem Glas wie die Eingangstüre von meinem Zahnarzt. Ich stieg die Stufen hinunter und trat ein. Wie immer waren nur wenige Gäste zugegen. Ehrlich gesagt, war es das erste Mal, dass ich überhaupt Gäste in der Kneipe antraf. Ich setzte mich an die Bar. Links von mir ein Pärchen, mittleren Alters, und hinter mir ein Tisch voll besetzt mit jungen Leuten, die irgendwas feierten. Die Bedienung ist eine Frau um die fünfzig, die immer etwas ängstlich und nervös blickt. Wenn ich alleine bei ihr sitze, plaudere ich mit ihr ein paar Worte. Ich erzählte ihr von meiner Arbeit im Altenheim. Keine Ahnung, ob sie mich wiedererkannte. Häufig kehrte ich bei ihr noch nicht ein. Ich nehme an, dass sie den Laden führt, der wie ein Zwischending von Kneipe und Wohnzimmer anmutet. Ziemlich düster. Ich bestellte ein Pils. Heute hat sie wenigstens ein paar Gäste, dachte ich. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, dass ich nur auf ein Pils blieb.
Es war eine seltsame Atmosphäre. Ich fühlte mich wie ein Fremder. Und dann die Chefin hinter der Bar, die stets unsicher schaute, als ob sie etwas zu verbergen hätte. Das Pärchen, die Gesellschaft hinter mir, alles wirkte gestellt - wie auf dem Holodeck von Raumschiff Enterprise (falls das jemandem was sagt).
Ich überlegte mir, ob sich das Paar schon länger kannte. Aber ich glaube, er war noch dabei, bei der Frau zu landen. Die Frau hatte ein hübsches, schön geschnittenes Gesicht. Er war eher gewöhnlich und trug ein hässliches Hemd. Ich mochte ihn nicht. Was fand sie nur an dem Typ? Vielleicht lernten sie sich im Internet kennen, und heute hatten sie ihr erstes Date. Aber ausgerechnet hier?! Der Laden war irgendwie unheimlich. Ich erinnerte mich der Schauergeschichten, die ein Gruppenleiter am Lagerfeuer erzählte, als ich elfjährig mit der katholischen Jugend im Zeltlager war. Irgendwer, meist ein junges Pärchen oder zwei, verirrt sich und kommt zu einem abgelegenen Landgasthof oder Motel. Dort treffen sie auf sehr nette und zuvorkommende Herbergsleute ... und blablabla, die aber ein furchtbares Geheimnis hüten. Ich bin kein allzu guter Geschichtenerzähler. Der Gruppenleiter damals am Lagerfeuer konnte es besser. Es waren Untote, und aus der Herberge gab es kein Entkommen!
Ich trank den letzten Schluck Pils, schaute mich noch einmal um und bezahlte. Meine Pizza sollte jetzt fertig sein. Als die schwere Glastür hinter mir ins Schloss fiel, fühlte ich mich, als hätte ich die Schwelle zwischen zwei Welten übertreten. Die Untoten ließ ich hinter mir und freute mich auf eine Pizza Calzone mit viel Käse und Pilzen. Sie lag schon auf der Warmhaltefläche bereit ...

Und jetzt liegt sie mir schwer im Magen.
Das nächste Mal schreibe ich nicht über eine Horrorkneipe sondern eine Horrorpizza, eine Pizza, die sich im Bauch in ein Alien verwandelt.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Der Toilettenstuhl

oder auch Klostuhl

Das klassische Modell - wie ich ihn in seiner Urform während meiner Zivildienstzeit kennenlernte, abgenutzter freilich als auf dem Bild und nach Urin und Desinfektion müffelnd. Das Holz riecht mit der Zeit. Ausserdem reichlich unpraktisch, weil ohne Rollen.
Aber schön sieht er doch aus, oder?

Für die alte Säckin

Ausschnitt aus Romano Guardini "Vom Sinn der Schwermut":

"... Du freundlicher Geist, der du diese Stätte bewohnst, ich danke dir, dass du meine Stille allzeit umfriedigtest; ich danke dir für jene Stunden, die ich an meiner Erinnerung spinnend hier zubrachte; ich danke dir für dies Versteck, das ich mein eigen nenne! Da wächst die Stille, wie die Schatten des Nachmittags wachsen; da wird das Schweigen immer tiefer, wie unter einer beschwörenden Zauberformel. Gibt es etwas so berauschendes wie die Stille? So rasch der Trinker den Becher an die Lippen führt: der Wein berauscht ihn nicht so rasch wie mich die Stille, die mit jeder Sekunde wächst. Und dieser Becher Weins, ist er nicht wie ein Tropfen, verglichen mit dem unendlichen Meer des Schweigens, aus dem ich trinke? Und wiederum, was ist so flüchtig wie dieser süße Rausch? Ein Wort nur, und du fällst aus allen Himmeln: ein Erwachen schlimmer als das Erwachen des Trunkenen, wenn er ernüchtert ist. Du bist ganz versunken und hast die Sprache vergessen: da zerreißt einer den Zauber, und du stehst da und schämst dich der Laute, die du hervorbringst ..."
(1928)

Montag, 1. Oktober 2007

Die Arschwischmaschine hat frei

Herrlich die Freude der deutschen Fußballdamen über den errungenen Weltmeistertitel zu sehen. Wie gerne wäre ich auch in China. Irgendwo an einen Sack Reis gelehnt über Gott und die Welt sinnierend und um mich herum nur grinsende, quasselnde Schlitzaugen. Konfuzius steh mir bei!
Durch das Fernsehen und Internet schrumpft und verdichtet sich die Welt, so dass man den Blick für ihre Größe verliert. Wäre ich ein Baum, ich würde den ganzen Tag fern sehen. Jeder meiner Äste wäre ein anderer Kanal.
Herrlich dieser Sonnentag. Das Leben zeigt mir seine prallen Titten. Ich muss nur hinfassen. Es ist erlaubt. Ich sehe mich selbst durch die Welt wandeln, wie ich das Haus verlasse, die Tür hinter mir ins Schloss drücke, mit dem Fahrrad hinunter in die Stadt rolle, wie ich geduckt in die Pedalen trete und konzentriert auf den Verkehr achte, wie das Altenheim und die Häuser an mir vorbeirauschen, als wären sie Kometen aus einer anderen Wirklichkeit ... vielleicht bin ich ein Baum und reise über meine eigenen Äste.
Herrlich die Freiheit, selbst wenn sie eine Illusion ist.

Das Telefon reißt mich aus meinen Gedanken. Mein Herz steht fast still. Was, wenn es das Altenheim ist? Ich gehe nicht dran.

Sonntag, 30. September 2007

Lebenserhaltung

Das Greisendasein bei Pflegebedürftigkeit bedeutet in unserer Gesellschaft Lebenserhaltung. Dabei verdienen Pflegeheime, Ärzte, Apotheken, Sanitätshäuser und die Pharmaindustrie. Wir haben alles, um einen alten, bettlägerigen Menschen am Leben zu erhalten. Er wird auf Wechseldruckmatratzen gelagert und per Magensonde ernährt. Wir dokumentieren jeden Furz und jeden Pickel. Die Ärzte verschreiben fleißig, und die Apotheken liefern - was es alles an Mittelchen gibt. Natürlich sind viele Salben und Medikamente krankheitsbedingt notwendig, doch ich wage die These, dass die meisten bestenfalls Placeboeffekte aufweisen (dummerweise mit Nebenwirkung für den Patienten).
Das Verschreiben und die Anwendung vieler Mittelchen lenkt von der Hilflosigkeit der Pflegenden und Ärzte ab - und ist insofern ein Placebo für alle Beteiligten!
Was Pharmaprodukte nämlich nicht leisten können, ist den Ersatz sozialer Zuwendung, also den marktwirtschaftlichen Faktor Mensch. Ein Mensch kostet Zeit, und Zeit ist Geld. Es ist billiger, einen Menschen schlafen zu legen, als sich um ihn zu kümmern. Das ist die Krux.
Dem Altenpfleger macht man weis, dass es ganz normal sei, wenn er morgens innerhalb von zwei Stunden acht Bewohner waschen und ankleiden muss, von der anfallenden Behandlungspflege ganz abgesehen. Man sagt dem Altenpfleger, dass er den Beruf verfehlt habe, wenn er diese Abfertigung in Frage stelle (... wurde mir von meiner PDL auf einer Betriebsfeier gesagt, als ich meine Gedanken frei äußerte).
Ich mache dem Altenpfleger keinen Vorwurf, der irgendwann unter den gegebenen gesellschaftlichen und betrieblichen Umständen kapituliert und eine Wischiwaschi-Pflege abliefert, die mit seinem Berufsethos eigentlich nicht mehr zu vereinbaren ist. Ständig leben wir Pflegenden in einer schwer erträglichen Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
In den Pflegebetten liegen Menschen und nicht Puppen oder Tiere. Auch keine Babys - sondern alte, sehr eingeschränkte und dahinsiechende Menschen, die es verdient hätten, ihre letzten Tage in Würde zu verbringen. In einem dieser Betten könntest du eines Tages liegen - überlege ich mir oft, wenn ich nachts die Zimmer abgehe, Windeln wechsele, Hintern wische, Menschen hin- und herwälze, Sondennahrungen ab- und anhänge ... . Ich komme menschlich sehr schnell an die Grenzen meiner Belastbarkeit und kompensiere das durch Routine - doch blind für das, was ich sehe, will ich nie werden!

Wir erhalten die Menschen am Leben mit Antibiotika und Sondenernährung und sehen dabei nicht, dass wir die seelische Gesundheit total vernachlässigen. Dafür ist scheinbar niemand zuständig.

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