boMAs Gedichte und Texte

Sonntag, 7. Mai 2017

Sonntagsruhe


Alleine zuhause. Ein Plakat-Ankleber bei der Arbeit an der Litfaßsäule auf der anderen Straßenseite. Bitte nicht von der Leiter fallen. Ich suche die Leistungsnachweise von Rentenversicherung und Agentur für Arbeit aus meinen Unterlagen, für die Steuererklärung 2016. Durchs gekippte Fenster schwappt etwas Berliner Luft ins Zimmer. Die Waschmaschine läuft. Im Hintergrund der Bluessender. Ich nippe am Weinglas, lasse das kühlschrankkalte Gesöff die Kehle hinunterlaufen. Die Erinnerungen blättern an mir ab wie eine Schicht alte Farbe. Das Leben häutet sich. Es ist ein ständiger Prozess...
Der Plakat-Ankleber war ruckzuck fertig. Die Litfaßsäule steht da wie unberührt. Normalerweise registriere ich gar nicht, dass die Plakate wechseln.

Samstag, 22. April 2017

Nichts, oder "Was verdeckt was?"


Frei von Gedanken schreiben. Die Wolken ziehen lassen. Ein Himmelbett am Strand. Das Rauschen des Meeres erzählt Romane. Ich lese die Postkarte von einem unbekannten Freund. Seine Zeilen wärmen mein Herz. Ich würde ihm gern antworten, aber ich habe keine Adresse, nur seinen Vornamen „Jürgen“. Danke für deine Karte im Traum, mein Freund.

Wie soll man frei von Gedanken schreiben? Ich will es versuchen. Einfach die Wörter loslassen... Der Zauberer lässt einen Gegenstand verschwinden, indem er ihn mit einem Tuch verhüllt. Aber der Gegenstand ist doch noch da – wir sehen seine Konturen. Der Zauberer lächelt ins Publikum und zieht mit einem Ruck das Tuch weg...
Wo verdammt ist der Gegenstand hin!? Wir reiben uns die Augen.

Das ganze Leben ist ein Verschwinden von Dingen. Wir fragen uns gar nicht, wohin sie gehen. Wo ist die Liebe? Wo sind meine Freunde? Wo sind Vater und Mutter?
Wo ist mein Leben? Die Illusion erweist sich als Wirklichkeit.

Alles steht in Bezug zu etwas. Die Verwirrung entsteht, wenn der Bezug wegfällt oder auf den Kopf gestellt wird.
Ein gedeckter Esstisch in der Umlaufbahn der Erde. Ich telefoniere mit Jürgen. Jürgen gibt`s nicht.

Ich stehe auf, um die fertige Wäsche aufzuhängen. Ich öffne die Trommel der Waschmaschine, greife ins Nichts und trage es zum Wäscheständer. Wie kann man nur so viel Nichts haben? frage ich mich beim Aufhängen.

Sonntag, 9. April 2017

Sekt oder Selters (II)


Die Erde nicht als Mittelpunkt des Universums zu sehen, war das Eine. Dass die Menschen davon abrücken, sich als Krönung der Schöpfung aufzufassen, erscheint dagegen beinahe unmöglich. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr.

Mit dem Nutzen der menschlichen Intelligenz verhält es sich ähnlich wie mit Medikamenten und ihren Nebenwirkungen. Die Nebenwirkungen können unter Umständen verheerender sein als der Nutzen des Medikaments.

Wir bräuchten eine Intelligenz, welche über unsere Intelligenz wacht. Eines Tages die KI?
Und hoffen, dass die KI weiser als der Mensch sein wird.

Ich stelle mir eine zukünftige Welt vor, in der die Menschen mittels sanfter Gewalt gezwungen werden, friedlich zusammenzuleben. Alle Güter wären gerecht verteilt, so dass niemand mehr Hunger leiden müsste und jeder ein Dach über dem Kopf hätte. Die Herausforderungen der Menschen beständen nicht mehr in der gegenseitigen Ausbeutung und im Streben nach Macht und Reichtum, sondern in der Erforschung des Weltalls und des Lebens, des Daseins an sich.
Selbstverständlich würde man sich dabei als Teil der Schöpfung empfinden und nicht mehr als deren Krönung.

Es liegt in der Natur einer Utopie, dass sie naiv erscheint.
Die Utopie einer besseren Welt ist ein Menschheitstraum. Und ich meine, nicht der schlechteste.

Wir brauchen nicht den Umweg über Gott.

Die Menschheit befindet sich am Scheideweg: Sekt oder Selters. Heilvolle Weiterentwicklung oder Untergang.

Samstag, 8. April 2017

Sekt oder Selters

...ganz oder gar nicht - wir Menschen mögen keine halben Sachen. Dabei sind wir in Wahrheit alles andere als konsequent in unserem Handeln. Zumeist jedenfalls. Der Wunsch ist Vater des Gedankens. Wir sollten uns nichts vormachen. Leichter gesagt als getan. Es gibt wohl keinen größeren Sprücheklopfer auf der Erde als Homo Sapiens - für Nichtlateiner (wie mich): „Der weise Mensch“. Hahaha! Bestimmt gibt es irgendwo weise Menschen. Allein mir begegnete bisher kein einziger, der dieses Attribut verdiente. Einige von uns sind sehr bemüht… (Hust!)
Na gut. Wir sind alle (nur) Menschen. Diesen Satz höre ich recht häufig, z.B. auf der Arbeit, - um damit zu sagen, dass wir alle fehlbar sind und uns nicht über jene erheben sollten, die Mist bauten. Schließlich könnten wir morgen selbst am Pranger stehen. So weit so gut. Aber sind wir wirklich ehrlich, wenn wir aufs Menschliche in jedem von uns abheben? Quark! Wir wollen uns nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Schon mal vorbeugen. Nur nicht die Zunge verbrennen. Vorsicht ist besser als Nachsicht! Hahaha! So sind wir Menschen. Okay, nicht alle. Es gibt Größenwahnsinnige… und Betrunkene. Ach ja, und die Verliebten – die sollte man nicht vergessen.

Da ist die Sonne. Sie durchbricht den Dunstschleier des Tages, während ich am Computer klöne. Sie macht keine Unterschiede. Sie scheint gleichermaßen für die Mistkäfer wie für die Menschen.
Ich möchte mit dem Nachdenken aufhören. Für heute.

Samstag, 1. April 2017

Verstopfung


Wenn es ein Klo für die Seele gäbe, wäre es ständig verstopft. Alles, was ich schreibe, bleibt doch bei mir. Alles was ich sage, fällt wieder auf mich zurück. Jegliches Auskotzen erleichtert nur kurzfristig.
Man schleift die Lasten des Lebens durch die Jahre wie einen immer schwerer werdenden Sack. Vielleicht könnte eine Amnesie helfen – ich weiß nicht. Oder Demenz. Wirklich nur im Jetzt existieren. In einem Zeitintervall, das zusammenschmilzt..., bis die Lichter endgültig ausgehen.

Sonntag, 26. März 2017

Der Zyklop


Heute Nacht träumte ich von Geistern. Das meiste wurde von der Dunkelheit wieder verschluckt. Ein Bild blieb jedoch hängen, vielleicht aufgrund seiner Skurrilität. Ich sah eine Figur gleich einem Zyklopen mit nur einem Auge im runden Gesicht. Die Figur trug einen Pullover mit einem großen kreisrunden lila Fleck auf dem Bauch. Und dieser Fleck entpuppte sich als eine Art Pforte für Geister…
Was man sich nicht alles zusammenfantasiert. Ich dachte, die Geister müssten aus dem Bauch des Zyklopen kommen, aber als der den Pullover anhob, fand sich darunter keine Entsprechung zu dem Flecken. Sehr seltsam, dachte ich im Schlaf und träumte wirr weiter…

Samstag, 25. März 2017

Meine Höhle


Ich habe eine Höhle im Kopf
in die ich mich zurückziehen kann
wann es mir gefällt
mein Kindbett, meine Träume
ruhen da
ich merke es manchmal gar nicht
mit offenem Mund
und glasigen Augen
starre ich ins Leere
alles außenherum ist still
alles weg
ich werde mich nie umbringen
wenn ich es auch
oft dachte
sehr oft dachte
aber in meinem Kopf ist eine Höhle
in die ich fliehe
eine Höhle, ein Muttermund
ein warmes Bett, Schlaf
allein im Wald
Sonne
allein, allein, allein
...
(1985)

Samstag, 18. März 2017

März


In Bezug auf die Löffelei vom letzten Sonntag wurde ich darauf hingewiesen, dass es die „Löffelliste“ gibt, auf der man sich Dinge notiert, die man noch erledigen will, bis man den Löffel abgibt, - oder sich jedenfalls wünscht. Mir fällt beim ersten Nachdenken gar nichts ein. Meiner Meinung nach muss es realistisch sein. Nach was steht mir der Sinn? Welchen Herzenswunsch würde ich mir gern noch erfüllen? Tja. Regelrecht unter den Nägeln brennt mir nichts. Natürlich wünscht man sich weiterhin Gesundheit und ein Leben ohne allzu große Schwierigkeiten, Unfälle oder Katastrophen, - was aber oft gar nicht zu beeinflussen ist.
Wäre jetzt sozusagen das Ende der Fahnenstange für mich erreicht - wüsste ich also, dass ich nur noch einige Monate zu leben hätte, dabei aber über genügend Energie verfügte, um etwas anzustellen, dann…

Ich glaube, ich hätte gern meine Ruhe. Vielleicht würde ich mich aufs alte Fahrrad schwingen (nach einer Generalüberholung) und schauen, wie weit ich komme. Wie ein Geist würde ich durch Dörfer und Städte fahren, über Hügel und Berge, Ebenen auf ellenlangen geraden Wegen durchstrampeln…
Das Meer wäre mein Ziel. Egal wo.
Ich wollte allein sein mit meinen Tränen über mein Leben und die Welt, - allein mit der Luft und dem Himmel über mir, allein auf den vielen Wegen, allein mit den Bäumen und Gräsern, allein mit dem Horizont…

Mein ganzes Leben war von der Sehnsucht nach Freiheit bestimmt. (Oft führte mich diese Sehnsucht in die Irre.) Alles andere, das Streben nach Besitz oder Macht, der Ehrgeiz für Erfolg und Karriere, der Sinn für Familie, die Gier nach dem ganzen materiellen Firlefanz in der heutigen Welt, blieben mir weitgehend fremd.
Ich fühlte mich schon immer sehr allein. Ich weiß nicht, warum das alles stattfindet.
Aber ich liebe die Menschen, ich liebe alle Seelen und alles Leben auf dieser Erde – weil wir Schicksalsverwandte sind. Ich liebe das Leben, und muss dennoch ständig damit hadern.

Heute wäre so ein Tag, an dem ich am liebsten meinen Löffel einpacken würde, um auf die letzte Reise zu gehen…

Sonntag, 5. März 2017

Der menschliche Aspekt


Im Gleisdreieckpark ein Menschenauflauf wie bei einem Volksfest. Ich traute meinen Augen nicht. Das warme sonnige Vorfrühlingswetter lockte ins Freie. Vor allem Familien mit Kindern breiteten sich auf dem Parkgelände aus, welches Spielplätze, Fitnessanlagen und Flächen für Skater anbietet. Auf den Wiesen picknickten die Menschen, und überall tobten die Kinder wild durcheinander, spielten Ball oder mit anderem Spielgerät. Auf den Wegen ein Tumult von Spaziergängern, Joggern, Skatern, Radlern, spielenden Kindern… Im Schritttempo und im Slalom bewegte ich mich auf meinem Fahrrad Richtung Potsdamer Platz, wo ich mit O. verabredet war. Auch ich fühlte mich belebt von der Aufbruchsstimmung der Natur, die förmlich in der Luft lag. Jedes Jahr von Neuem sind wir Teil dieses magischen Schauspiels, werden zum Spielball unserer Triebe…, einer überschäumenden Lust am Leben.

Wir fanden einen schönen Platz vor einem Lokal, tranken Bier und betrachteten die vorbeiströmenden Leute. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an ihrer Vielgestaltigkeit und dem kulturellen Mischmasch…, anmutigen und kuriosen Typen, spießigen und abstoßenden Erscheinungen. Sie alle lebten in ihren Welten von Familie, Herkunft, Nationalität, Beruf… mit ihren ganz eigenen Vorlieben, ihren Freundschaften, ihrer Liebe… Ich saß O. gegenüber – wir fügten uns selbstverständlich ein in diese Vielfalt. Trotz der (teilweise großen) Unterschiede schien sich alles wunderbar zusammenzufügen. Mir waren sie alle recht, wie sie da kreuz und quer herumliefen. Der menschliche Aspekt hielt seine schützende Hand über uns. In solchen Momenten des Aufgehoben Seins inmitten meiner Mitmenschen sind Gewalt und Krieg unmögliche Vorstellungen. Dabei trennt uns nur eine hauchdünne Membran von ihnen. Ein aggressiver Eindringling – ein falsches Wort – ein Handgemenge... und der Frieden ist gestört. Das Verbindende unter den Menschen zerspringt wie Glas. Die Menschlichkeit verzerrt sich zur Fratze und reißt Abgründe des Schreckens auf…
Die Märzsonne hatte sich hinter die Häuser zurückgezogen. Ein kühler Wind kroch unter unsere Klamotten und verdrängte langsam die Gemütlichkeit. Wir leerten den Hopfensaft und machten uns auf den Heimweg.

Samstag, 25. Februar 2017

Na ja


In den letzten Tagen ging ich früh zu Bett, noch früher als sonst wegen einer beschissenen Verkühlung. Ich positionierte die ganzen Erkältungsmittelchen auf dem Nachtschrank mitsamt den Büchern, die ich gerade lese: ein Gedichtband von Bukowski „Alle reden zu viel“ und Carl Weissner „Stories, bei denen man auf die Knie geht und vor Glück in die Fußmatte beißt“. Na ja.
Jedenfalls war Carl Weissner der beste Bukowski-Übersetzer ins Deutsche*, drum dachte ich: mal gucken, was der selbst so schrieb - ist aber mehr was für Leute, die gern in Eingeweiden wühlen.

Statt zu lesen, ließ ich mich von Dokus der Mediathek eines Fernsehsenders berieseln, die ich als App auf dem Handy hatte. Na ja.
Ich kuschelte mich ins Kopfkissen und hörte zu: über die Anfänge des Universums die Menschwerdung und die ganzen Rätsel drum herum.
Langsam dämmerte ich weg inmitten der Galaxien, eingebettet in die Dunkle Materie, dem Geheimnis des Daseins - gleichermaßen nah und entfernt. Ich übergab mich der Nacht in meinem Kopf, dem ganz eigenen Universum in mir, welches mich um den Verstand bringt, sowie meinen Verstand erst ausmacht.

Ich kam zwischendurch zu mir, griff mir das Nasenspray oder rieb mir die Schläfen mit Minzöl ein. Währenddessen hörte O. Musik im Wohnzimmer. Schräge Töne erreichten mein Ohr, Klezmer Musik. Na ja, nicht unbedingt mein Ding.
Ich schloss wieder die Augen, auf eine Erkenntnis wartend wie auf Stuhlgang, der bereits im Kommen ist - man glaubt zu spüren, dass jeden Moment der Zug abgeht und die Erleichterung eintritt…

Aber ich reichte den Staffelstab an die Dunkelheit weiter und verabschiedete mich mit einem knallenden Furz von der Realität.


*was entscheidend zur Bekanntheit Bukowskis in Deutschland beitrug

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