Die Arschwischmaschine hat frei

Montag, 14. Juli 2008

Gong - zur letzten Urlaubswoche

Mit Erschrecken stelle ich fest, dass meine letzte Urlaubswoche beginnt.
Alles in allem verlebte ich kurzweilige Tage. Nicht alles war Gold, aber einiges wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Manches erscheint mir bereits weit weg, so dass ich mich frage, ob ich es wirklich erlebte oder nur träumte. Vieles auf meiner Fahrradreise passierte wie im Tagtraum. Ich fuhr wie durch einen Tunnel, um mich herum ein riesiges 3D-Kino. Ich schummelte mich über die Wege und Straßen, als gäbe es mich nicht. Das dachte ich wirklich zwischendurch, wenn ich alleine Kilometer um Kilometer in die Pedalen trat. Das Universum existierte lediglich in meinem Kopf. Ich hatte beinahe autistische Anwandlungen. Es war derart intensiv, dass sich mein Geist vielleicht auf diese Weise schützte.
Warum verrinnt die Zeit nur so schnell? Nichts kann man festhalten. Immer der Blick nach Vorne.
Am schlimmsten waren die trüben Tage. Wenn ich dann noch die Orientierung verlor, wurde die Welt zu einem riesengroßen Irrgarten, in dem ich alleine und von Gott verlassen herumirrte. Da wurden ein paar Sonnenstrahlen zum schönsten Trost. Schließlich fand ich auch den Weg immer.
Und manche Tage waren unbeschreiblich schön. Mir fehlen die Worte, darüber zu erzählen. Alles war in wunderbares Licht getaucht und verwandelte sich vor meinen Augen gleichsam zu Gold. Ich war vor Glück ganz aufgeregt - jetzt nur nicht auf eine Straße und sich die Stimmung vom Auto- und Lastverkehr vermiesen lassen!
Wieder entdeckte ich viele schöne Orte und Landschaften Deutschlands. Die hässlichen Seiten einer überindustrialisierten Gesellschaft zeigten sich natürlich auch viel zu oft. Wir leben in einer Autowelt. Straßen durchschneiden brutal die Landschaften, und ich hatte stundenlang das Verkehrsgebrumme in den Ohren. Auf stark befahrenen Straßen fühlte ich mich ohnmächtig, förmlich erdrückt von der Blechlawine, die an mir vorbeirauschte. Es war teilweise sehr beängstigend. Haben wir uns an das alles bereits zu sehr gewöhnt?
Die Anspannung löste sich auf den Radwanderwegen, die ich immer wieder suchte.
Ich lächele für mich in Gedanken an meine Reise. Es war schön ... und ich blieb heil.
Ein freundlicher Montagmorgen läutet meine letzte Urlaubswoche ein. Bevor ich anfange darüber Trübsal zu blasen, schwinge ich mich lieber auf mein Bike und drehe eine Runde. Arrivederci, Freunde!

Mittwoch, 9. Juli 2008

Das Halbfinale

Das Halbfinale schaute ich auf einem Campingplatz am Bodensee zwischen Friedrichshafen und Lindau, d.h., es nannte sich Freizeitpark und war gleich mal 3 Euro teurer als normal. An der Rezeption standen drei Typen, die wie Wachleute aussahen - fehlte nur noch der Schlagstock am Gürtel - jedenfalls gaben sie sich derart. Das Bier musste ich mir vorher im Supermarkt des drei Kilometer entfernten Dorfes kaufen. War ja kein Problem an sich. Ich bin flexibel. Vom Zeltplatz zu den Waschräumen waren es gut 200 Meter Weges - was auch kein Problem war - 1. habe ich eine trainierte Blase, 2. war ich mit dem Fahrrad unterwegs. Außerdem pinkele ich nachts dann einfach auf den Boden, geschützt vom Zelt. Also alles kein Problem. Am Supermarkt des Freizeitparks, der aber leider geschlossen war, hatten sie einen großen Fernseher installiert. Dort saßen wir, es werden mit der Zeit doch um die zweihundert Menschen gewesen sein, und gafften auf den "kleinen" Bildschirm. Solidarisch rutschten wir zusammen. Einige brachten eigene Stühle mit, fast alle hatten ihre "Grundverpflegung" mitgebracht.
Neben mir saß eine Österreicherin, um die Fünfzig, schätze ich; sie zog mich wegen meines Getränkereservoirs auf. Dabei war das nur ein Sixpack. Da ich bereits eine dreiviertel Stunde vor Spielbeginn Platz genommen hatte, war es bereits zur Halbzeit ausgetrunken. Ich gab mir echt Mühe, langsam zu trinken. Umso erstaunter darauf die Österreicherin, als ich einen Liter Rotwein hervorzauberte. Ausserdem österreichischer. "Das ist ein guter", meinte sie. Yeah, Gott sei Dank, kam es nicht zur Verlängerung und zum Elfmeterschießen. Ich wäre auf dem Trockenen gesessen.
Ich glaube, wir spielten gegen die Türken. Nicht wir - was rede ich - die Deutschen - nicht die Deutschen, was rede ich - die deutsche Nationalmannschaft ... Glücklicherweise gewannen wir (nicht wir - was rede ich - die Deutschen - etc.); glücklicherweise fing es erst nach dem Spiel an zu regnen, denn wir saßen alle im Freien. Nicht vorstellbar, wenn nach dem zwischenzeitlichen Bildausfall noch der absolute Regenausfall hinzugekommen wäre auf diesem Luxus-Campinplatz, in diesem super Freizeitpark mit den freundlichen Wachsoldaten an der Rezeption.
Die "Deutschen" gewannen das Halbfinale, und ich wunderte mich über mich, dass ich mich darüber gar nicht recht freuen konnte - natürlich schrie ich "Ach!" und "Oh!" und "Yuppie!" und "Verdammt!" ... das ganze neben der Österreicherin, der ich für die Unterhaltung während des Spieles ausdrücklich danke. Links von mir saß nämlich ein älterer Alki, bei dem ich immer nachfragen musste, wenn er das Wort an mich richtete, weil ich ihn nicht verstand. Vielleicht war es auch sein Dialekt. Er nuschelte jedenfalls unverständlich, und ich war so verflucht höflich, immer wieder den Kopf in seine Richtung zu drehen, wenn er etwas von sich gab.

Nachdem ich nochmal Pinkeln war, fuhr ich zu meinem Zelt. Brot und Käse warteten auf mich. Ich hätte dieses Halbfinale bald vergessen, würde ich hier nicht davon erzählen.

Donnerstag, 19. Juni 2008

Deutschland - Portugal, getränkt mit Ahnungslosigkeit

Es kann eigentlich nur besser werden seit dem Kroatienspiel. Das Spiel gegen Österreich gewann Ballack - und die Österreicher waren mal wieder glücklos. Irgendwie ist Österreich doch sowieso nur ein Wurmfortsatz von Deutschland, oder? Die Schweizer empfinde ich als Nation wesentlich eigenständiger und originärer. Man könnte Österreich vielleicht als den kleinen Bruder Deutschlands ansehen. Österreichische Nationalisten wirken wie trotzige Jungs, die nicht immer die ausrangierten Sachen des großen Bruders anziehen möchten. Oder anders ausgedrückt: Die Österreicher haben sich von ihrem großen Bruder noch lange nicht emanzipiert.
Scheiße, ich wollte kein Österreicher sein - allerdings auch nicht Deutscher. Aber ich bin`s. Darum werde ich heute Abend wieder in der Kneipe sitzen, um wahrscheinlich leidvoll mitzuverfolgen, wie die deutsche Mannschaft gegen Portugal sang- und klanglos untergeht. Beim Kroatienspiel fuhr ich nach der ersten Halbzeit nach Hause.
Es regnete Hunde und Katzen, und ich wurde nass bis auf die Knochen. Ich hoffe beim heutigen Spiel auf ein schnelles, trockenes Tor der Deutschen, und ich werde mir wünschen, dass der türkische Kampfgeist auf sie übergeht. Vielleicht schaffen sie es, ihre Komplexe abzulegen und im Kampf zu überzeugen. Die Deutschen können Fussball spielen, sonst hätten sie bis dato nicht so viele Titel sammeln können. Sie spielen, wie sie spielen - deutsch halt. Und die Portugiesen spielen portugiesisch. Es ist doch auch Quatsch portugiesischen Wein mit deutschem Wein zu vergleichen. Ist es nicht schön über Fussball, Nationalitäten und Wein zu reden, ohne wirklich eine Ahnung von Fussball, Nationalitäten und Wein zu haben? Ist es nicht wunderbar, so ahnungslos wie die meisten Menschen zu sein? Man schwätzt dumm daher, und es macht nichts, denn alle schwätzen irgendwie dumm daher. Wow! Ich bin auf das Spiel heute Abend gespannt und hoffe, dass es nicht regnet. Weder hier noch in Basel. Obwohl: Schuhmacher gewann meist die Regenrennen ...


(Ach übrigens: die Arschwischmaschine hat Urlaub!)

Donnerstag, 12. Juni 2008

Deutschland - Kroatien

Juchhu, wir spielen Fußball, wir sind Deutschland, wir sind happy, und wir sind Sommer!
Hisst die Nationalfahnen, schwenkt sie über den Köpfen, hängt sie aus den Fenstern und fahrt mit ihnen spazieren. Wir sind eine Nation und grüßen den Fußballgott. Wir grüßen alle Nationen der EM, wir grüßen die Menschen auf der ganzen Welt, wir grüßen den Sport und die Spieler, wir grüßen die Fairness und den Sportsgeist.
Heute Abend spielt die deutsche Mannschaft. Deutschland gegen Kroatien. Obwohl ich kein ausgemachter Fußballfan bin, werde ich mir das Spiel in Gesellschaft angucken. Bestimmt ist Volksfeststimmung - wie mir ein Arbeitskollege, ein Eingeborener, sagte, sind überall im Dorf Videoleinwände installiert worden. Ich bin noch unschlüssig, wo ich zum Spiel verweilen werde. Zu viel Tumult mag ich nicht. Am liebsten sitze ich gemütlich bei einem Bier an der Theke. Wie schon bei der WM 2006 habe ich ein komisches Gefühl angesichts dieser kollektiven Euphorie, der in den Deutschlandfarben angemalten Gesichter, der Nationaltrikots und der Fahnen. Alles ist gut, was Spaß macht, sagt man. Auch ich werde 90 Minuten lang mit der deutschen Mannschaft fiebern: bei einem Tor, das sie schießt, jubeln, bei brenzligen Situationen Grimassen schneiden und bei einem Gegentor fluchen.
Gut, dass ich mich dabei nicht sehe. Was macht die Lust an diesem Sportereignis aus?
Der Fußball verbindet Menschen, die sich sonst nicht mit dem Arsch anschauen würden - die Fans der gegnerischen Mannschaft ausgeschlossen. Die Menschen befinden sich in einem seltsamen Gleichklang der Körpersprache. Man freut sich gemeinsam, und man leidet gemeinsam. Jeder Zuschauer wird zum Fußballspezialisten: es wird diskutiert und fachgesimpelt, dass die Köpfe rauchen - die Kühlung erfolgt mit Gerstensaft. Ich suche die Ablenkung und Unterhaltung in Gesellschaft. Mit mir allein ist es mir auf Dauer zu langweilig. (Zuhause schaue ich mir selten ein Fußballspiel in voller Länge an.) Die Aufmerksamkeit aller ist auf das Fußballspiel fokussiert - es ergeben sich ganz zwanglos Gespräche zwischen an sich fremden Menschen zu dem Geschehen auf dem Spielfeld. Hinzu kommt, dass man sich bei einem Länderspiel plötzlich durch seine Nationalität verbunden fühlt; was im Alltag eher unwichtig und nur unterschwellig vorhanden ist, wird einem in der Rivalität mit einem anderen Land, einer anderen Nation plötzlich gewahr. Dabei kann man im besten Fall durchaus mit Lust seine Aggressionen entladen. Fußball ist ein Kampfspiel, und die Zuschauer kämpfen gleichsam mit. Die Anziehungskraft und Bedeutung solcher großen Sportereignisse liegt in den Ambivalenzen Kampf und Spiel, Freude und Anspannung, Abgrenzung und Handreichung. (Gestern sah ich zufällig eine Dokumentation über den Verhaltensforscher und Volkskundler Eibl-Eibesfeldt. Bestimmt hätte er zu diesem Thema einiges Erhellendes zu sagen. http://erl.orn.mpg.de/~fshuman/de/hpeibl.html )
Was ich nicht wirklich verstehe, dass so viele junge Menschen geradezu geil darauf sind, ihre Autos zu beflaggen und sich grotesk, "karnevalesk" mit nationalen Devotionalien zu schmücken. Unter meinen Arbeitskollegen/ -kolleginnen sind nicht wenige, die eine große Freude daran haben. Sie machen es ganz arglos, als gehörte es einfach dazu. Manche mögen auch etwas stolz sein, sich als Deutsche zu fühlen.
Wie soll man dieses Verhalten einschätzen?
Wir sind Deutschland! Wir sind Fußball! Wir sind Papst! Bald sind wir Gott ...

Deutschland - Kroatien, 18 Uhr, ein Muss für alle Verhaltensforscher!

Freitag, 23. Mai 2008

Wurmige Lyrik

(Ich arbeite noch dran.)


Scan10014

Dienstag, 6. Mai 2008

Wieso wird "genausogut" auseinander geschrieben, verdammtnochmal?!?

Ich schlief 24 Stunden mit kurzen Unterbrechungen und fühle mich wie gerädert. Meine Träume waren intensiv, aber ich erinnere sie nicht - sie hocken wie undeutliche, dicke Farbkleckse hinter meiner Stirnplatte. Mein Blick in den Tag ist getrübt. Was ich sehe, ist an sich nicht übel: die Sonne lacht, Zweige wiegen sich im Wind, Wolken wie Wattebäusche ziehen langsam über das Blau des Himmels.
Was ich höre, macht mich nachdenklich: eine TV-Dokumentation berichtet über die Armut und den Hunger in vielen Ländern der Welt, Hintergründe werden belichtet, Zusammenhänge zu unserem Wohlstand aufgezeigt, Spekulanten treiben die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe ...
Mir schwirrt der Kopf. Links der Blick aus dem Fenster in einen paradiesischen Tag, rechts zeigt mir der Fernseher die Hässlichkeiten der Welt. Hernach reden die Politiker und Technokraten ... ich schalte um ... in den Sitcom-Kanal. Jetzt passen die Bilder links und rechts von mir halbwegs. Nur in meinem Kopf ist Nebel, als wäre ich besoffen. Ich schnappe mir die angebrochene Flasche Wein und fülle mir einen Becher. Mir ist nach Harmonie. Wenn ich mich wie betrunken fühle, kann ich genauso gut betrunken sein. (Wieso wird "genausogut" auseinander geschrieben?)

Nach 5 Nächten kann die Umstellung vom Nachtdienst zurück in ein normales Leben am Tage ganz schön hart sein. Vor allem meine Nerven liegen dann blank. Ich bin tagelang reizbar ganz ohne Grund und kann mich selbst nicht leiden. Ich finde die Welt zum Kotzen! Ich verfluche das schöne Wetter! Ich bin ganz schön durch den Wind ... vielleicht wird mir besser, wenn ich in einen Biergarten übersiedle. Früher las ich Bukowski, wenn ich down war. Es tat mir gut, von seinen kaputten Typen zu lesen. Jack London ist auch nicht schlecht, wenn er von Abenteurern und Tramps schreibt.
Mist! Mir wird übel von dem roten Fusel. "Merlot delle Venezie".

Da draußen geht der Punk ab! Der Frühling tobt. Van Gogh lässt grüßen.
...
Und tschüss!

Sonntag, 13. April 2008

Ich träume, mein Wach-Sein ist eine Illusion

Heute Morgen träumte ich zu den Stimmen aus dem Fernsehen eigene Bilder und Geschichten. Solche Träume, die von einer Restwahrnehmung der Wirklichkeit beeinflusst werden, habe ich regelmäßig. Wie Regen der auf einen dichten Wald prasselt - einige Tropfen gelangen bis auf den Boden, während die Hauptlast von Blattwerk und Gestrüpp abgefangen wird. Könnte man, um dieses Bild beizubehalten, den Schlafenden unten am Waldboden wähnen, im Halbdunkel, während der Wache auf den Baumkronen hockte, im Licht des Tages und im Licht seiner Gedanken? Mir wollte es vorhin, als ich erwachte, so scheinen: Das Erwachen hob mich förmlich langsam empor wie einen Taucher aus der Düsternis der Tiefe, während mir der Schlaf die Schwere gegeben hatte, hinab zu sinken. Kaum war ich wach, schaffte sich meine Denkmaschine Platz und verblüffte mich sofort mit einer seltsamen Fragestellung: Wenn ich im Schlaf die Stimmen aus dem Fernsehen in meinen Träumen interpretiere - ist nicht die ganze Wirklichkeit, die wir wach wahrnehmen, lediglich eine Interpretation unseres Gehirns? Erträumen wir die Wirklichkeit nur? Gut, ich war doch noch nicht ganz wach, als ich mir diese Frage stellte. Ich rieb mir die Augen und fühlte mich noch nicht ganz emporgehoben ..., gleichwohl verließen mich diese Gedanken nicht mehr. Ich sitze darüber vorm Computer und rätsele. Mir kommen fast reflexartig die Bilder von Magritte in den Sinn. Vielleicht ist die Wirklichkeit nur ein "Klar-Traum" unseres Gehirns, welchen wir mit den Lebewesen teilen, deren Gehirne dem unseren ähnlich sind. Somit verschlafen wir unser ganzes Leben. Ist diese Vorstellung nicht köstlich? Der Tod würde dabei das Erwachen aus dem Leben bedeuten.
(Jetzt fallen mir auch noch die absurden Grafiken von M.C. Escher ein.) Ich träume, mein Wach-Sein ist eine Illusion. Ich lebe in einer Illusion, die darum wirklich ist, weil ich sie mit vielen anderen teile.
Und das ist vollkommen in Ordnung für unser Leben, wie es in Ordnung für das Leben anderer Kreaturen ist, die aufgrund ihrer Andersartigkeit in anderen Wirklichkeiten/Illusionen leben. Leben ist, sich die Wirklichkeit erträumen. Leben ist Interpretationssache.

Vor wenigen Tagen las ich von Walter Jens` Demenzerkrankung. Beruflich werde ich ständig mit der Demenz-Problematik konfrontiert. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Welt dieser Menschen aussieht. Ihre Gehirne verabschieden sich aus unserer Wirklichkeit. Sie tauchen unerklärlich ab. Oft verschwindet damit auch der Mensch, den wir liebten und achteten. Können wir ihn noch erreichen? In welchen Träumen lebt er?

Montag, 7. April 2008

Bilde neue Worte aus:

Freiheit, Toleranz, Anarchie und Glück.

Z.B.:

Freick
Anarchick
Tolerarchie
Glüheit

Samstag, 29. März 2008

Heute Morgen ging die Welt unter

Heute Morgen ging die Welt unter. Alles Leben, alle Hoffnungen, aller Reichtum, alle Wünsche, alle Begierden lösten sich auf. Es blieb buchstäblich nichts. Nur etwas Gries im Raum. Ohne Identifikation, ohne Bewusstsein, ohne Stellenwert. Der Weltenozean verschluckte das Schiff Erde mit Mann und Maus. Die Wogen glätteten sich schnell. Ich lag im Bett und dachte weiter nach. Konnte es einen Sinn für das Ameisenleben geben? Und warum machte ich mir Sorgen um meine Zukunft, meine Rente? Warum hatte ich Angst, Harz IV Empfänger zu werden? Heute Morgen ging die Welt unter. Jeden Morgen ging sie unter. Und wir überlebten es. Was für ein Gefühl ist das, wenn man die Erde in der Milchstraße sieht, die Milchstraße unter einer Milliarde Galaxien und das Universum selbst vielleicht nur als ein Korn im Reisfeld? Was fühlen wir, wenn wir morgens aufstehen? Denken wir an die erste Zigarette, denken wir an Liebe, oder denken wir bereits an das Fernsehprogramm vom Abend?
Was wissen wir von unserem Leben und dem, was uns tagtäglich umtreibt? Wir glauben sehr viel zu wissen. Einige Menschen basteln Religionen und Ideologien. Einige Menschen werden süchtig auf der Suche. Gestern kaufte ich die Bibel. Ich will sie gar nicht unbedingt lesen, nur in der Hand halten.
Schon komisch. Einige Menschen wollen am Besten in Saus und Braus leben. Und andere sind froh, wenn sie nur überleben.
Heute Morgen ging die Welt unter. Vielleicht hast du es nicht bemerkt, Kumpel. Wir sind längst verlorene Seelen.

Sonntag, 2. März 2008

... doch es sieht nicht nach Regen aus

Menschen gehen auf Wegen. Menschen verlassen ihre Häuser. Menschen strömen Berge hinunter und Berge hinauf. Menschen alleine und in Gruppen, Familien und Ausflügler. Es ist Sonntag. Dieser Sonntag ist ein besonderer Sonntag. Sonntage sind immer noch Sonntage. Die Läden haben geschlossen. Sonntage riechen nach Kaffee und gestärkter Wäsche. Immer noch. Und der Autolack glänzt, weil das Auto gestern in der Waschanlage war. Doch dieser Sonntag ist mehr als nur Sonntag - es ist Rummel! Das Dorf rüstete auf. Ein großer Fanfarenzug marschiert von der Unterstadt zur Oberstadt und die Sträßchen wieder zurück ... . Ich komme an alldem nicht vorbei, wenn ich das Haus verlasse. Ich muss nicht nur den Sonntag sehen sondern auch den ganzen Rummel, Schläuche aus Menschen und ich mittendrin. Menschen branden wie Fluten aus allen Richtungen in die Kleinstadt. Menschen stehen an den Fressständen. Menschen genießen das Bad in der Menge, trinken ihren Schoppen, grölen und lachen. Menschen stehen dumm herum. Kinder weinen. Kinder schreien. Kinder lachen. Kinder wollen zum Rummel, zu den Fahrgeschäften. Die Eltern wollen fressen. Ich weiß nicht, was sie sonst wollen. Ich quäle mich an ihnen vorbei. Ich will zum Bahnhof. Der Bahnhof ist am anderen Ende. Von dort fährt die Straßenbahn. Hauptsache raus hier, denke ich, woanders ist wenigstens nur Sonntag. Ich rieche abwechselnd Bratwurst, Parfumwolken, Schweiß und gebratene Mandeln; manchmal alles gleichzeitig. Ich rieche nichts mehr, bilde ich mir ein. Ich sehe auch nichts mehr. Nur Trubel.
Während ich gehe, denke ich an eine Arbeitskollegin, die gestern in Urlaub flog. Drei Wochen Fernost. Das ist sehr weit weg. Ich weiß nicht, ob ich gern dabei wäre. Wenigstens wäre ich dann nicht hier. Ich sagte ihr: "Nehme viel mit aus dem Urlaub ... du bist früher zurück, als du denkst; und wenn du das Altenheim betrittst, wird es sein, als wärest du nie weg gewesen ...", und wir drückten uns kurz zum Abschied. Ich weiß nicht, ob ich gern mitgeflogen wäre. Wer weiß, wo ich dann jetzt wäre? Vielleicht in einem noch schlimmeren Rummel, und ich würde die Sprache nicht verstehen und die Kultur auch nicht. Irgendwann wollte ich aber schon mal ganz weit weg verreisen, weg von Altenheimen, Sonntagen und Rummel.
Ich hebe den Kopf und blicke in den Himmel, der verhangen ist ... doch es sieht nicht nach Regen aus.

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