Worte versagen


Inge liegt im Sterben. Mein Vermieter ist kräftig am Ausmisten. Es tut sich was. Das Wetter sommerlich. Ob Inge am Abend noch lebt? „Wir hatten eine schöne Zeit“, meinte sie. Ich weiß nicht, was die 92-jährige Greisin in mir sah. Ihre Demenz nahm in den letzten Monaten merklich zu. Sie aß nicht mehr und magerte ab. Nun liegt sie im Sterben. Sie nahm meine Hand und drückte sie an ihre Wange. Ich saß bei ihr auf der Bettkante und flößte ihr die Nachtmedikamente ein, gab ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor ich ging. Sie gehört zu den Bewohnern, die mir nahe gehen. Dreieinhalb Jahre. Sie forderte mich ganz schön – in menschlicher Hinsicht. Keine einfache Persönlichkeit. Ich glaube, sie war wirklich in mich verliebt. Verrückt. Einerseits fand ich es drollig, auf der anderen Seite war es mir unangenehm. Ich wünsche ihr, dass sie sich nicht noch tagelang quälen muss. „Inge, Inge“, sagte ich und lächelte sie an - auch etwas aus Verlegenheit. Das alles ist schwer auszuhalten.
Plötzlich ist Sommer. Die letzten Nachtdienste vor meinem Urlaub. Jetzt nicht schlapp machen.

Lange-Weile - 20. Mai. 14, 18:13

traurig

Hallo Bo.,

irgendwie ist es immer traurig, wenn ein Mensch für immer geht. Sie nehmen so viel Erinnerungen an ein langes Leben mit, von denen niemand mehr erfahren wird.

Ich drück dir die Daumen für die Nachtwache, aber vielleicht ist das Bett schon leer, wenn du den Dienst antrittst.

LG LaWe

bonanzaMARGOT - 20. Mai. 14, 18:26

ja, mal sehen.
es ist für mich in der nacht beschissen, wenn ein todesfall eintritt und angehörige und bereitschaftsarzt kommen, während ich die andere arbeit irgendwie parallel dazu verrichten muss. da muss ich emotional ein spagat machen ... je nachdem kann das sehr viel kraft kosten.

meine liebenswerten chefs wollen von solchen mehrfachbelastungen natürlich nichts wissen. es passiert ja nicht so oft, sagen sie.
all das läuft ohne supervision oder psychische betreuung. man darf aber natürlich fortbildungen besuchen, als ob die einem patentrezepte für solche situationen liefern könnten ..., als ob diese fortbildungen irgendeine entlastung darstellen würden ...
im gegenteil. man kriegt nur einen dicken kopf davon.

ich darf mich jetzt nicht in den altenpflege-scheiss hineinsteigern, weil gleich muss ich wieder los. ich kann es sowieso nicht ändern. das heisst - ich kann es für mich nur dadurch ändern, dass ich damit aufhöre.
ich bin müde.

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