Exponierte Lage


Hätten mich die zwei Männer höflich gebeten, meinen Platz zu räumen, wäre ich ihrem Wunsch bestimmt nachgekommen. Stattdessen schauten sie mich an, als wäre ich von einem anderen Stern. „Wieso sitzen Sie hier, wir hatten den Platz für 18 Uhr 30 reserviert?!“
Ich saß auf einer Sitzbank am Ende der Bar in exponierter Lage und hatte es mir mit einem Weizenbier gemütlich gemacht.
„Tut mir leid, hier war nicht reserviert“, sagte ich und dachte, dass damit alles klar wäre.
Die zwei Männer, südländische Erscheinung, in meinem Alter oder etwas jünger, schauten mich entgeistert an. Dummerweise machte der Barkeeper, bei dem sie wohl ihre Reservierung angemeldet hatten, gerade eine Zigarettenpause.
An und für sich bin ich kein Unmensch. Wenn sich die beiden nicht so vorwurfsvoll in meine Richtung gewandt hätten, wäre ich eingeknickt. Ihre Beharrlichkeit ärgerte mich, und ich sagte: „Wenden Sie sich bitte an die richtige Adresse!“
„Und Sie wollen noch sitzen bleiben?“
„Ja!“ nickte ich bestimmt, dabei hatte ich vorgehabt nach dem Bier zu gehen. Stadtausflüge stimmen mich immer leicht depressiv. Die vielen Menschen, der Verkehr und der Lärm gehen mir mit der Zeit auf die Nerven. Trotzdem begebe ich mich alle paar Tage in das städtische Gewühl, um einzukaufen, Menschen zu beobachten und etwas Zeit totzuschlagen. Nach drei bis vier Stunden habe ich dann meist genug.
Die beiden Männer zogen sich schließlich zurück und suchten sich eine andere Sitzgelegenheit in dem großen Gastraum. Ich trank mein Bier aus und wollte einen Gin Tonic bestellen. Der zuständige Barkeeper war zurück aus seiner Pause und von seinem Kollegen über den Vorfall unterrichtet. Auch hatte sich inzwischen der eine von den beiden Männern bei ihm beschwert. Wahrscheinlich machte der Barkeeper nun mich für den erhaltenen Anschiss verantwortlich. Jedenfalls musste ich ihn beinahe an den Haaren herbeiziehen, damit ich meine Bestellung aufgeben konnte.
Einige Minuten vor diesem Vorfall bekam ich eine Voicemail vom Reisebüro. Es ging darum, dass ich die Unterlagen vom Reiseveranstalter noch nicht (wie versprochen) per Post erhalten hatte.
„... die Unterlagen werden für Sie am Flughafen hinterlegt, und zwar ist das … im Terminal 3, Ebene 3 ...“
Super! Da bin ich mal gespannt, ob das alles hinhaut.
In mir machte sich Groll breit, und dann kamen diese zwei Typen mit ihrem Platzanspruch. Ich weiß, ich hätte einlenken sollen. Ich war sowieso schon angepisst und wollte gehen, aber jetzt waren alle Parteien verärgert: die zwei Männer, der Barkeeper und ich.
Alles nicht so einfach. Na ja, ich brauchte nicht ewig für den Gin Tonic. 19 Uhr befand ich mich bereits auf dem Weg zum Taxistand.

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