Neunzehn Nächte in vierundzwanzig Tagen


Shit, gestern lag der Septemberplan auf der Station - der September geht weiter, wie der August aufhört: neunzehn Nächte in vierundzwanzig Tagen! Die Urlaubszeit schlägt zu Buche.
Was würde ich drum geben, nie wieder ein Altenheim von innen sehen zu müssen, nie wieder in der Altenpflege arbeiten zu müssen, überhaupt nicht im Sozial- oder Gesundheitsdienst ...
In ein paar Jahren komme ich an ein Festgeld, was meine Eltern für mich anlegten. Dann kann ich mir wenigstens mal eine Auszeit nehmen, falls das Geld nicht für Schulden drauf geht, die ich bis dahin habe. Wer weiß das schon? Gerade muss ich meinem Zahnarzt dreitausend Euro in der Rachen schieben.
Am Besten wäre aber, es ließe, besser heute als morgen, einen Schlag, und ich könnte das Kapitel Altenheim und Nachtwache ein für allemal abschließen.
Um ein wenig Hoffnung für die nächsten arbeitsreichen Wochen am Leben zu halten, werde ich seit langem wieder einen Lottoschein ausfüllen - nur ein Feld mit vier Wochen Laufzeit. Fehlen nur noch die richtigen Zahlen. Unvorstellbar, wie glücklich ich wäre, falls ich gewänne! Endlich würde die Last der Maloche von meinen Schultern fallen. Ich laufe eigentlich schon auf Notstrom.

Die Frau wird bereits seit fünfzehn Jahren künstlich über eine Magensonde ernährt. Sie bekam den Alzheimer sehr früh mit Mitte Fünfzig. Nun liegt sie seit Jahren spastisch, Schleim abhustend und stöhnend bei uns. Am Wochenende bekam sie Fieber, erbrach Kaffeesatz, und wir sagten: "Vielleicht schafft sie es jetzt." Aber mit dem Antibiotikum geht`s ihr wieder etwas besser. Ist es nicht schlimm, wenn man sich für einen Menschen wünscht, dass er endlich das Zeitliche segnet? Ich musste die Frau stündlich absaugen. Ihre Mundhöhle war voll braunem, übel riechendem Schleim, der langsam aus ihrem Mund auf das unterlegte Handtuch floss - ihr Gesicht bleich, kaltschweißig, die Augen müde und matt.
Aus dem Stockwerk über mir hörte ich einen dumpfen Schlag. Als ich nachschaute, lag ein Bewohner rücklings halb unter seinem Bett. Der Mann ist demenzkrank und hat dazu Parkinson. Er rafft so gut wie gar nichts mehr, aber er ist nachtaktiv und kann, wenn auch sehr wacklig, noch gehen. Meiner Ansicht nach müsste man ihn zu seiner Sicherheit fixieren. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass er sich den Oberschenkel bricht oder sich anders ernsthaft verletzt. Glück im Unglück: vorsichtig ziehe ich den Mann unter dem Bett hervor und stelle keine Blessuren an ihm fest. Irgendwie bugsiere ich ihn zurück ins Bett und kontrolliere seine Windel. Inzwischen klingelt es. Ein Ehepaar muss noch ins Bett gelegt werden. Sie sind geistig fit und schauen abends noch fern. Der Ehemann, bereits über Neunzig, schüttet mir oft sein Herz aus. "Es ist nicht schön, alt zu werden", sagte er mir, und ich erwiderte: "Na, sie machen mir Mut."
Er ist mit der Heimsituation permanent unzufrieden. Immer gibt es etwas, was ihm gegen den Strich läuft. Ich hörte ihm zu, während ich ihn versorgte. Er macht sich nichts vor: "Lange geht es mit mir nicht mehr." Am meisten wurmt ihn, glaube ich, die Abhängigkeit und die Bevormundung. Das Pflegepersonal ist da nicht immer sensibel.
Es war Dreiundzwanzig Uhr, und ich konnte das erste Mal durchatmen. Um mich abzulenken, schaltete ich den Stationsfernseher ein. Was mache ich hier nur? dachte ich und hoffte, dass die Nacht ohne großen Scheißdreck vorbei gehen würde. Der Nachtdienst allein mit der Verantwortung für fünfzig Bewohner ist eine besondere, psychische Herausforderung.

Neunzehn Nächte in vierundzwanzig Tagen! Wenn ich die überstanden habe, werde ich erleichtert aufseufzen. Und vielleicht nagt bis dahin auch der Liebeskummer nicht mehr so stark an mir.
Wie auf meinen Fahrradreisen werde ich mich Tag für Tag, Etappe für Etappe durchbeißen.
Ich bin müde.
Lange-Weile - 19. Aug. 10, 17:02

Wann und wie generieren ?

"Der Nachtdienst allein mit der Verantwortung für fünfzig Bewohner ist eine besondere, psychische Herausforderung." ist nich nur eine besondere Herausforderung, sondern auch unverantwortlich für die; die den Schlüssel - 1 Nachtwache auch 50 Bewohner - erarbeiteten. Wenn was passiert, sucht man sich immer einen Prügelknaben, auf den sie dann rauf hauen können. Die wirklichen Verantwortlichen lehnen die Verantwortung in solchen Fällen gern ab. Das selbe gilt für 19 Nachtwachen in 24 Tagen - liegt dass noch im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben? Wann soll der Mensch sich regenerieren?

Also - ich will mir auf den Weg in die ewigen Jagtgründe so ein Altenheim ersparen und da hoffe ich auf die guten Gene meiner Eltern.

Als ich heut meinen Beitrag schrieb, waren meine edanken ebenfalls bei einem möglichen Lottogwinn. Vielleeicht sollte ich das tun ?

Gruss LaWe

bonanzaMARGOT - 19. Aug. 10, 17:16

hi lawe!

dummerweise glaube ich nicht wirklich an einen lottogewinn. aber es gibt einem wenigstens einen funken hoffnung, aus dieser misere, dieser abhängigkeit vom job und den düsteren zukunftsaussichten heraus zu kommen.
ich spiele höchst selten lotto - es sind ja wieder ein paar euro, die ich eigentlich in den wind schieße. da trinke ich doch lieber ein bier ...

ja, das mit den arbeitszeiten geht, glaube ich, schon. und leider gibt es eben auch hinsichtlich der besetzung des nachtdienstes für den arbeitgeber keine detaillierten vorgaben. fünfzig bewohner sind offensichtlich die akzeptierte grenze, um nur eine nachtwache einzusetzen. im letzten jahr informierte ich mich darüber eingehend, weil ich ziemlich in der predouille war.
nein, ich habe die ganze altenpflegestory gründlich satt, liebe lawe. zu viel "scheißdreck" erlebte ich in den letzten zwanzig jahren. doch immer muss man sich ducken und hat kaum jemanden, bei dem man sich aussprechen kann.
berufsfremde sagen: "das könnte ich nicht machen ..." und bei kollegen/kolleginnen ist nur selten gesprächsbereitschaft vorhanden (wenn es ans eingemachte geht), weil jeder irgendwie abhängig von seinem arbeitsplatz ist. und sowieso kannst du nicht jedem trauen ...
du kannst dir nicht vorstellen, was ich da schon an menschlicher niedertracht erlebte.
Lange-Weile - 20. Aug. 10, 12:17

Mühlenräder zermalmen

Hallo Bo.,

Ich glaub auch nicht an einen Lottogewinn, doch ab udn na kommen mir solche Gedanken. In schlechten wirtschaftlichen Zeiten nehmen die Lottospieler bestimmt zu.

Meine Freundin arbeitet als Erzieherin in Kindergarten und hat 18 Kinder (3-Jährige) allein zu beaufsichtigen. Sie kann sich nur mit einem permanenten Rundumblick versichern, dass niemand von den Kleinen dummes Zeug macht. Was die Verantwortung betrifft, fühlt sie sich dadurch chronisch überfordert und merkt, dass der Job sie deshalb aushölt. Doch der Schlüssel von 18 Klienkindern auf einen Erzieher ist staatlich anerkannt und darauf basieren die Finazierungen eines Kindergartens dann ja auch.

Ich weiß nicht mehr so genau, wie es in den Krankenhäusern mit dem Krankenschwestern - insbesondere auf den Intensivstationen - aussieht. Da ist der Schlüssel bestimmt ebenso weit angesetzt.

Wenn die Menschen Angst um ihrem Arbeitsplatz haben, dann vergessen sie bestimmt auch ihre Menschlichkeit untereinander und diese Entwicklung nimmt glaub ich auch zu und das macht die Menschen ebenfalls krank.

Nene...auch wenn ich gestern hier ein Klagelied gesungen habe, ich bin froh, dass ich aus dieser Mühle raus bin und mein eigener Chef bin.

Jeder Mirarbeiter, der in einer Mittelschicht lebt, sollt eine Alternative zu dem haben, was er jobmäßig grade macht. Das macht ihn stärker und widerstandfähiger gegen die Machenschaften der Obersten. Mir persönlich hat das immer geholfen.

Gruß LaWe
bonanzaMARGOT - 20. Aug. 10, 17:43

so, der lottoschein ist schon mal ausgefüllt

...
ja, die psychische überforderung geschieht in diesen berufgruppen permanent. nachgefragt wird immer nur dann, wenn das kind in den brunnen fiel. danach geht es weiter in der tagesordnung. wie immer wird alles mit der wirtschaftlichkeit begründet. und personal ist nunmal der größte kostenfaktor in einem dienstleistungsbetrieb oder in einer behörde (z.b. jugendamt).
bereits vor über zwanzig jahren sagte mir eine altenpflegekollegin, dass man in unserem beruf stets mit einem bein im gefängnis steht. man wird quasi zur lüge und zu falschen dokumentation der sachverhalte genötigt.
anders lassen sich gar nicht die qualitätsanforderungen von medizinischem dienst und heimaufsicht erfüllen.
der arbeitgeber macht also druck auf seine angestellten, und die lassen dann fünfe grade sein, wie man so schön sagt. nur sehr wenige trauen sich, die wahrheit zu sagen. nach ein paar jahren weiß man dann auch gar nicht recht, was wahr und unwahr ist. man nimmt die verlogenheit als gegeben hin.

lawe, wie stellst du dir das vor mit der alternative? so leicht läßt die sich leider nicht aus dem hut zaubern.
du hattest das glück auf deinem lebensweg, etwas zu finden, was dir spaß macht und mit dem du gleichzeitig einigermaßen deinen lebensunterhalt bestreiten kannst.
dazu gratuliere ich dir. es fiel dir bestimmt nicht in den schoß, und du mußtest mut und energie aufwenden, um den schritt in die selbstständigkeit zu schaffen.

leider sehe ich keine alternative für mich am horizont. mir fehlt wohl auch der geschäftssinn und bin ganz froh, dass ich als angestellter regelmäßig meinen lohn aufs konto bekomme.
mal sehen, wie`s weiter geht. jedes ding hat mehrere seiten. wenn ich z.b. ins gefängnis komme, habe ich zumindest mein regelmäßiges essen und ein dach über dem kopf ...
unter umständen ist es im gefängnis sogar noch besser als in dem ein oder anderen altenheim.

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