Letzte Station


Nach mehrwöchigem Kampf hatte sie es geschafft. Oder wie soll man es sagen(?): Sie fand ihren Frieden, sie durfte gehen - dorthin, wo wir alle früher oder später ankommen. Ich nahm von der Greisin in meinem letzten Nachtwachenblock Abschied. Ich ahnte, dass ich sie nicht mehr sehen würde. Sie lag bereits in Agonie. Ich hielt ihre Hand und streichelte ihre Stirn, ihr graues Haar. Ich kannte sie als liebe, verwirrte Omi, die etwa drei Jahre lang bei uns lebte. Gestern wurde sie vom Bestatter abgeholt.
Die betagten Damen, die ich abends ins Bett bringe, fragten mich nach ihr. Sie bekamen mit, dass es der Frau sehr schlecht ging. Aber niemand wollte direkt aussprechen, dass sie im Sterben lag. Sie wissen alle, dass das Altenheim für sie die letzte Station ist. Sie sehen, wie sich die Reihen lichten und durch neue Gesichter wieder aufgefüllt werden. Ein Zimmer wurde frei, und die Warteliste ist lang. Schon in wenigen Tagen werde ich im selben Bett einen anderen alten Menschen begrüßen.
...
Ach so, ich habe ja Urlaub! Nur noch eine Nacht und dann vier Wochen kein Altenheim, keine Nachtwachen, keine Windeln wechseln und keine Abschiede ... Die Alten kommen und gehen. Es sind inzwischen so viele. Die einen sterben relativ überraschend, andere sterben zu lang. Eines Tages werde vielleicht auch ich, falls ich nicht schon vorher das Zeitliche segne, froh über ein Bett im Altenheim sein. Ich habe keine (eigene) Familie, und es wird für mich keinen anderen Platz geben. Ausserdem wollte ich meine Angehörigen und Freunde nicht mit der Pflege und Fürsorge belasten. Ich hoffe nur, dass ich geistig halbwegs fit bleibe - und auch als Greis noch richtig schöne und provokative Beiträge in den Blogs abfassen kann. Wer weiß? Ich kann nicht gerade sagen, dass ich scharf auf diese "letzte Reise" bin.

Okay. In einer Woche reise ich erstmal nach Prag. Bahnticket und Buchungsbestätigung für das Hotelzimmer liegen parat ... Ich freue mich!

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