Innere Erstarrung versus Erdbeben in Japan


Die alte, sehr alte Nachtwache wacht auf. Es ist schon wieder Mittag. Der Tag grau und kühl. Klamm und gebeugt erhebt er sich aus dem Bett, reibt sich die Augen. Der Kopf leer und trotzdem schwer. Die Glieder schmerzen. „Wohl vom langen Liegen“, denkt er sich, „das wird sich wieder einrenken.“ Mit einem Bier spült er ein paar Aspirin herunter. Im Fernsehen zeigen sie die Horrorbilder von einem Erdbeben. Es erwischte Japan. Zusätzlich verwüstete ein Tsunami die Küste. Das Wasser nimmt alles mit, was auf seinem Weg liegt. Die Menschen verängstigt. Kernkraftwerke werden vorsichtshalber abgeschaltet. Noch ist die Katastrophe frisch, und niemand weiß, wie groß der Schaden wirklich ist und wie hoch die Anzahl der Opfer. Nachdem er alles gehört hat, dreht er den Ton vom Fernseher ab, dafür die Hifi-Anlage auf. Er wartet, bis die Tabletten und das Bier wirken. Sein Blick ist noch traumvergessen. Die Musik aus der Anlage tönt an ihm vorbei. Kommt Zeit, kommt Leben. Er grinst. Um nicht regungslos am Schreibtisch zu verharren, geht er ins Bad und rasiert sich.
Zu seinem Spiegelbild sagt er: „Wir wissen gar nicht, wie gut wir es haben ...“ „Genau,“ antwortet das Spiegelbild, „ich erinnere mich nur an ein Erdbeben in meiner Kindheit. Da fielen einige Dachziegel auf die Straße, und die Mutter bekam in der Küche einen hysterischen Anfall.“ Nach der Rasur wischt er sich den Rasierschaum mit dem Handtuch aus dem Gesicht. „Und wie lange ist erst der letzte Krieg her?“ Er erfrischt sich das Gesicht mit Aftershave Balsam. „Unsere Eltern erlebten den Krieg noch als Kinder“, sagt das Spiegelbild und nickt bedeutungsvoll. „Tschüss Bruder ...“ Er kehrt mit einer frischen Flasche Bier an seinen Schreibtischplatz zurück. Keine neuen Mailnachrichten. Im Fernsehen laufen stumm die Bilder von der Zerstörung in Japan. Die Musik von The Who passt nicht dazu. Doch das fällt ihm nicht weiter auf. Vor kurzem entdeckte er eine erotische Seite im Internet, auf welcher relativ kunstvoll pornografische Bilder gezeigt werden. Die Seite hat den bezeichnenden Namen „fuck me like that“. Nach ein wenig Herumblättern schließt er sie wieder. Er kennt solche Tage. Sie sind wie Schatten. Sie sind ein Zwischenreich. Die Wirklichkeit bleibt draußen. Und das Innere kommt auch nicht richtig raus. Es tut nicht weh. Was kann in einem solchen Zustand schon weh tun? Vielleicht sollte er sich in den Finger schneiden, um es auszuprobieren? Nein. Quatsch. Sowas machen Borderliner - hatte er gehört.
Er wird duschen gehen. Und danach irgendwelche Spuren in dem Tag hinterlassen ...







Lange-Weile - 11. Mrz. 11, 15:59

Lebensbaum

Hallo Bo.,

na super - Sting gehört zu dem Yogaanhängern ;-).

Ja..Schmerz soll wie Leid ja auch ein Gefühl von Leben geben.
Doch welches Leben ist das ?
Vielleicht will das Leben ja gar nicht so leben, dass er es Z.Zeit erlebt?
Warum sich dieses Gefühl des aktuellen Lebens noch verstärken - ein Leben im Hamsterrad?
Der Lauf des Tages und der Nacht gehen täglich in die selber Runde, sowie der Lauf der Woche, des Monats, der Lauf es Jahres auch - und sieht der Lauf des Lebens vielleicht auch so aus ?
Vergrößert sich nur das Laufrad wie die Jahresringe am Baum ?

Vielleicht hilft ein Blick auf den Baum ja weiter . D. h. die innere Hülle verlassen und einen Blick von innen nach Außen wagen?

Ist es noch der Baum, den er zu Beginn seines Lebens pflanzte?
Hat er noch die Treibe am Stamm, die eines Tages Früchte tragen sollen?
Oder hat er zugelassen, dass andere seinen Baum in ein Spalier zwängten, damit SIE die Früchte leicht und ohne Anstrenung ernten können?
Oder hat er vom Spalier aus doch den einen oder anderen Zeig gerettet, der nun gen Himmel wächst und nur darauf wartet, bis das Laub dichter wird und der entflohene Treib die Führung über das Spalier übernimmt und letztendlich eigene Früchte trägt?
Kann das Laub des geretteten Triebes dicht genug werden, um die untere Ebene im Spalier verkümmern zu lassen ?
Wohin wird der aufsteigende Saft im Baum geleitet?
Bleibt er schon in den Zweigen, die in ein Spalier gezwungen wurden, hängen und wird aufgesogen ?
Oder findet der Lebensaft des Baumes schon in die höheren Spitzen?
Dort wo der gewohnte Halt nicht mehr zu finden ist? Dort, wo die Zweige haltlos dem Wind ausgesetzt sind? Ja..halten diese neuen Zweige auch einem Strum stand ?

Tausend Fragen, die sich zwischen den Zeilen deines Beitrages versteckt haben und mir grade eben zufliegen ;-)

Gruß LaWe


bonanzaMARGOT - 12. Mrz. 11, 11:18

hi lawe

der lebensbaum ist ein schönes bild.
es ist nicht einfach, einen blick auf sein eigenes leben zu werfen - wie es als ganzes erscheint.
man schaut ständig auf die welt und nimmt sich selbst wie selbstverständlich wahr. das gilt für den körper - wie für die seele.
oder auf die erdkruste übersetzt: unsere sinne sind auf die oberfläche beschränkt, und wir müssen schon ganz genau hinschauen, um etwas über die vorgänge im erdinnern zu erfahren. wenn dann ein erdbeben passiert, oder ein vulkan ausbricht, entlädt sich die spannung, und das innere zeigt sich uns als naturgewalt.
so ähnlich ist es auch mit unserer psyche, denke ich. wir rätselraten viel über sie. über die wirklichen tiefen seelischen vorgänge in uns wissen wir nur wenig.
penes-eum - 11. Mrz. 11, 18:15

Puh Bo,

ich schwanke zwischen heftiger Geschichte und "was ist Realität"

bonanzaMARGOT - 11. Mrz. 11, 18:22

Was ist Realität? Sag du's mir. Heute.
Vor wenigen Monaten liebte ich noch eine Frau. Und wir fickten uns ... um den Verstand. Jedenfalls ab und zu.
War das Realität?
Und nun?
Die Liebe hat sich aufgehängt. Gab es sie überhaupt?

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