Anreise


Liebe R & W, verzeiht mir bitte, dass ich Euch nichts von meiner Stippvisite in der Heimat Kund tat und somit einem Treffen aus dem Weg ging. Ich befinde mich derzeit in einer schwierigen Seelenlage und brauchte die wenige Zeit für mich.


Mein Rucksack erhielt einen Sitzplatz 1. Klasse. Er war ein guter Reisebegleiter, etwas grau und einfältig vielleicht, andererseits ungeheuer genügsam und ausgeglichen. Zugreisen über hunderte von Kilometern dehnen sich länger als Arbeitstage. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren, starrte stundenlang aus dem Zugfenster auf die vorbeihuschenden Landschaften und auf die Mitreisenden. In meinem Kopf liefen die Gedanken Marathon, japsten vor sich hin und fanden keine Ruhe.
Als ich in Frankfurt umstieg, meinte ich bereits heimatliche Luft zu schnuppern. Ausgerechnet mit dem EC nach Klagenfurt fuhr ich die letzten Kilometer. Erinnerungen über Erinnerungen. Der Schaffner bemerkte, dass ich anders als auf dem Fahrschein vorgesehen alleine reiste und drückte mir sein Bedauern aus, was ich drollig fand. Wahrscheinlich wirkte ich etwas geknickt. Mit feuchten Augen schaute ich auf die mir immer vertrauter werdende Landschaft mit ihren Ortschaften.

Die Pension lag im Herzen der Altstadt. Das Zimmer urig und bescheiden unterm Dach. Kurz dachte ich: das wäre ein schönes Liebesnest über die Ostertage gewesen. Natürlich Blödsinn – denn dieser Zug war abgefahren.
Der Samstagnachmittag meiner Ankunft schenkte mir frühlingshafte Sonnenstrahlen. Marktplatz und Hauptstraße wimmelten von Menschen. Ich schlich um sie herum, drehte eine Runde durch die mir vertrauten Gassen und verschwand schließlich in der Pinte, eine der wenigen verbliebenen „Trinkstätten“ vergangener noch wilderer Tage. Touristen linsten nur vorsichtig hinein oder machten ein Foto von der Eingangstüre, über der ein Schild mit der Aufschrift „Betreutes Trinken“ prangte. Auch heute sammelt sich hier (und in wenigen anderen Lokalen der Altstadt) die Alternative Szene der Region, vergleichbar einem Mini-Kreuzberg. Ein paar der Alteingesessenen standen an der Theke und zockten. Die Zeit war hier stehengeblieben. Aus den Lautsprechern tönten Rocksongs der Siebziger, was mir gerade recht war. Ich sog die vielfältigen Eindrücke auf und fühlte mich halbwegs im Einklang mit meiner Umgebung.
Endlich hatte ich genug von der lauten Beschallung und wechselte in eine der vielen Nachbarkneipen. Ich ergatterte gerade noch einen Sitzplatz. Auf mehreren Bildschirmen wurde Fußball übertragen – der Hit: Bayern gegen Dortmund. Okay, warum nicht etwas Ablenkung. Ich bestellte mir ein Riesenschnitzel, lauschte den Sprüchen der anwesenden Fußballexperten und verfolgte das Spiel. In der Halbzeit stand es 5:0 für die Bayern, und ich hatte das Schnitzel bis auf ein paar Reste niedergerungen. Satt und träge machte ich mich davon. Draußen dämmerte es. Die milde Abendluft war zum Küssen.
Zurück in meiner Mansarde legte ich mich alsbald lang zusammen mit Hunter S. Thompsons Roman „Der Fluch des Lono“. Seit Wochen trage ich das Buch schon mit mir rum. Nun fand sich eine gute Gelegenheit zur Lektüre.

iGing - 04. Apr. 18, 10:54

Dem schließe ich mich an - ich bin zwar m.A.n. kein großer Reisekünstler, aber ich empfinde das Reisen als lebensnotwendiges Geschenk. [Klingt wie ein Widerspruch, ist aber keiner.] Und H. ist ja allemal eine Reise wert.

Dienstag, der Tag nach Ostern, war der schönste Tag hier seit mehr als einer Woche: Sonnenschein pur und warm wie im Sommer, da hast du was verpasst. Heute regnet es schon wieder, da verpasst du nichts.

bonanzaMARGOT - 04. Apr. 18, 11:11

ich schrieb nirgends, dass für mich reisen nur qual sei. manche reisen sind notwendig. andere eher zu unserem vergnügen...
das ganze leben ist ein geschenk und bedeutet zugleich anstrengung. ich mag allerdings das bild des geschenks nicht sonderlich. vielleicht stört mich die verpackung.

wetter hin, wetter her. gestern war auch in berlin ein schöner tag, und auch heute sieht es ganz passabel aus.
iGing - 04. Apr. 18, 11:46

Ich liebe das Bild des Geschenks, weil es mit Dankbarkeit verknüpft ist, und das ist für mich das schönste Gefühl überhaupt. Für das Leben ebenso wie für eine Reise oder das Wetter.
bonanzaMARGOT - 04. Apr. 18, 12:02

meine dankbarkeit beschränkt sich auf konkrete sachen und personen, welche mir gutes tun.
meinem schicksal gegenüber, oder anderen dingen, die abseits meiner persönlichen realität und einflussnahme liegen, fühle ich mich nicht zur dankbarkeit verpflichtet.
soll ich dem vulkan danken, dass ich an seinen berghängen wohnen darf? und wenn er ausbricht - was dann? kann ich den verfluchen, dem ich gerade erst dankte?
iGing - 04. Apr. 18, 12:52

Von Verpflichtung war ja auch nicht die Rede.
bonanzaMARGOT - 04. Apr. 18, 12:57

du hast dich doch dem kommentar rosenherz` angeschlossen, oder?
und dort klingt es schon als verpflichtung nach dem motto: man soll verdammt noch mal froh und dankbar sein, dass man reisen kann etc.

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