Berauschend ist anders


Die „Deponie“ ist eine gemütliche Kneipe unter der S Bahn Trasse zwischen Friedrichstraße und Hackscher Markt. Wir trafen uns nach meinem Samstagsunterricht zum Einkaufen und auf ein Bier. Ich fühlte mich wie betäubt nach den Stunden Tumordokumentation. Wenigstens machte ich inzwischen Fortschritte – ich bildete es mir zumindest ein. Noch drei Wochen bis zur Abschlussprüfung. Langsam sollte was gehen. Ich verschickte die ersten Bewerbungen an Krankenhäuser und ans KKRBB*.
Zielstrebig steuerten wir die „Deponie“ an. Die kalte Winterluft und die Samstagsnachmittagsbetriebsamkeit machten mir nicht sonderlich Freude. O. kann dem städtischen Treiben mehr abgewinnen, aber sie weiß, dass ich davon nur miese Laune kriege. Seit geraumer Zeit ist meine Stimmung sowieso nicht bestens, - was bei mir heißt, dass ich den Miesepeter bis zum Exzess kultiviere. In solchen Phasen ist es schwer auszuhalten mit mir. Es tut mir leid für O.
Um diese Uhrzeit fanden wir noch prima Platz in der „Deponie“. Wir pflanzten uns an einen Stehtisch neben der Bar. Einige Pärchen verteilten sich im Lokal, ein Tourist schrieb fleißig Postkarten, und ich saß da, als hätte ich einen Stock verschluckt. O. berichtete das ein oder andere von ihrer Arbeit. Immerhin hat sie noch nicht das Lachen verlernt. Wenn ich mir überlege, was sie alles hinnehmen und leisten muss… Von mir kam nicht viel mehr als „ist mir wurscht“ und „also gut, noch`n Bier“.
Inzwischen dämmerte es. Unruhig rutschte ich auf dem Hocker hin und her und wusste nicht, wohin ich schauen sollte. Der Tag war gelaufen. Es ging nur noch ums Abendessen und vorm TV Chillen. Wenn das Fernsehprogramm nichts hergibt (was oft der Fall ist), legen wir eine DVD ein (Columbo oder Agatha Christie).
Auf dem Rückweg durch den Park am Gleisdreieck fragte mich O., wo die Kaninchen seien. Ich antwortete mit einem Achselzucken, - ab und zu würde ich schon noch eins sehen am Morgen oder am Abend. Über den Dächern ein diffuser Lichtkegel unbekannter Quelle. Sterne funkelten schüchtern zwischen Wolkenfetzen. Die Häuserzeilen unserer Straße lagen vor uns.
O. schloss die Tür auf. Am Briefkasten eines Mitbewohners klebte eine handschriftliche Notiz, - echte Nachbarschaftspoesie:


An das unbekannte Klauschwein!

Vielen Dank für das Hinterlassen
meines aufgerissenen Pakets…
Echt armselig!

Ich hoffe, Du liest das,
und dir fallen die Klaupfoten ab!

Ach ja, und Krebs im Arsch
wünsche ich Dir auch!



Der beklaute Nachbar hat mein Mitgefühl.

(*Klinisches Krebsregister Berlin-Brandenburg)

iGing - 15. Jan. 17, 13:48

"Sterne funkelten schüchtern zwischen Wolkenfetzen."

Klingt ausgesprochen gut!

bonanzaMARGOT - 15. Jan. 17, 14:01

ja, nicht alles ist scheiße.
rosenherz - 15. Jan. 17, 14:51

Oh oh, Paket aufreißen - da war wer ziemlich dreist. Oder wars ein Hund, der sich daran zu schaffen gemacht hat?

Drei Wochen noch bis zum Abschluss - das klingt nach Stress in der Endspurtphase. Und erinnert mich so nebenbei daran, dass ich da einen Abgabetermin vor Augen habe für meine Arbeit, ich aber noch keine einzige Zeile dafür geschrieben habe.

bonanzaMARGOT - 15. Jan. 17, 15:13

... in berlin klauen sie wie die raben.
die paketsendung für den nachbarn hatte der zusteller leichtsinnigerweise auf den briefkästen abgestellt... die briefkästen befinden sich bei uns im haus gleich nach dem eingang. ich sah das päckchen dort zwei tage stehen.

durchfallen kann bei uns eigentlich niemand. die prüfung gehört eben dazu. und natürlich macht man sich da selbst etwas stress, weil man nicht schlecht abschneiden will.
iGing - 15. Jan. 17, 15:29

Ist mir in Hamburg auch mal passiert. Eine Tante hatte fürs Kind zwei Bilderbücher zu Weihnachten geschickt - die leere Schachtel stand auf dem Briefkasten. Aber ich hab keinen solchen Zettel aufgehängt. Gleiches mit Gleichem (oder Ähnlichem) vergelten, finde ich einfach nicht gut. Es ist hundertmal besser, eine andere Lösung zu suchen/zu finden. Wenn ich einen Zettel aufgehängt hätte, hätte ich vielleicht geschrieben: Ich wünsche Ihren Kindern viel Spaß mit den Bilderbüchern!
bonanzaMARGOT - 15. Jan. 17, 15:35

iging, die antwort des geschädigten ist auch nicht mein stil. aber ich kann seinen ärger gut nachvollziehen.
wahrscheinlich hätte ich gar keinen zettel aufgehängt. es muss nicht unbedingt jemand von den hausbewohnern gewesen sein... obwohl ich inzwischen denke, dass hier ein paar nicht ganz saubere gesellen wohnen.

keine ahnung, was in dem päckchen des bestohlenen nachbarn war...
bilderbücher wahrscheinlich nicht.
rosenherz - 15. Jan. 17, 15:52

Bei meiner Tochter ist es eher umgekehrt, da kommen manchmal Pakete angeliefert, die sie gar nicht bestellt hat. Und noch häufiger landen bei ihrer Postadresse Rechnungen für gelieferte Waren - vermutlich Bestellungen des Vormieters, der sich da aus der Zahlung zu winden sucht.
bonanzaMARGOT - 15. Jan. 17, 16:05

hm... fragt sich, was ärgerlicher ist.
herbstfrau - 16. Jan. 17, 12:36

Berlin

..mal anders...
obwohl eigentlich auch nicht. In Wilhelmsaue hat man dem Freund meiner Enkelin dreist das Fahrrad aus dem Hinterhof gestohlen- es war mit einer dicken Kette am Eisengitter des Kellerfensters festgezurrt. Wie lange wird der Dieb wohl gefeilt haben. oder aber er hat einen Seitenschneider dabei gehabt.. traurig traurig.
Und die nicht gesichteten Kaninchen hat man vielleicht auch mitgehen lassen...
Meine Berlinzeit (2004 bis 2006) beinhaltete keine Diebstähle, nur wunderschöne unvergessliche Erinnerungen..
Apropos Erinnerungen...ich muss die Bilder auslagern. Danke noch mal fur eure diesbezüglichen Tipps!!

bonanzaMARGOT - 16. Jan. 17, 13:09

hallo herbstfrau!
meine erfahrungen in berlin (2014 - 2017) sind ambivalent.
berlin ist eine großstadt, die viel zu bieten hat an kultur, veranstaltungen, interessanen und schönen orten/plätzen. es prallen gegensätze aufeinander. viele menschen leben in armut. der verkehr auf den straßen ist ätzend und gefährlich. man sieht menschen und dinge, die man lieber nicht sehen will. in manchen stadtteilen sollte man besser nicht in der dunkelheit unterwegs sein.
berlin ist multikulturell - nicht jede fremdländische kultur passt sich an. ich komme mir mitunter fremd unter fremden vor.
berlin ist ein aufregendes pflaster... vorsicht ist geboten - geklaut wird wirklich alles, was nicht niet und nagelfest ist. eigentlich wollte ich mir schon vor zwei jahren ein neues fahrrad kaufen, aber das lasse ich lieber sein, denn ich befürchte, dass ich nicht lange freude dran haben würde.
iGing - 16. Jan. 17, 15:12

Da gibt's nur eins: das Fahrrad in die Wohnung stellen (war in Hamburg so üblich).
bonanzaMARGOT - 16. Jan. 17, 15:38

ja, das wäre eine möglichkeit, und das machen auch viele.
aber wie sieht es mit der sicherung aus, wenn ich unterwegs bin - beim einkaufen, auf ausflügen...?
ne, das ist mir zu viel stress, immer zu bangen, ob das neue bike noch dort steht, wo ich es abstellte.
bei dem alten bock wäre ein diebstahl auch ärgerlich, aber zu verkraften. außerdem ist die wahrscheinlichkeit eines diebstahls um einiges geringer - die diebe gucken schon ziemlich speziell und klauen keinen "schrott".

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