Die sterben wollen, leben lange; und die lange leben wollen, sterben früh. Wenn es so einfach wäre, wollte ich möglichst gleich sterben - nein, quatsch, ich wollte möglichst lange leben ...
Heute morgen verfolgte ich einen bewegenden Bericht im TV über das Leben und Sterben einiger Menschen. Wunderbar wurde aus der Perspektive der Hinterbliebenen darüber geredet und eine Stimmung aufgebaut. Ich lag noch im Halbschlaf. Ich hatte merkwürdige Abenteuer geträumt, die der Tag inzwischen wegspülte.
Es ist mal wieder Sonntag. Ich lebe in den Tag hinein. Mein Vermieter wäscht Wäsche. Beim Schleudergang zittert der Schreibtisch leicht.
Michael Nymans Musik betört mich. Es soll sein. Die Zeit bleibt stehen. Der Himmel bleibt stehen. Die Farben bleiben stehen. Nur ein einzelner Vogel, der von einer Stromleitung zur anderen fliegt, irritiert das statische Bild des Tages.
Herrliches Herbstwetter. Wer wird in der Politik für die nächsten vier Jahre die Kastanien aus dem Feuer holen? Dame mit König oder Dame mit Bube? Witzig am Rande: das mir zugewiesene Wahllokal ist im Altenheim. Hat dieser Fakt vielleicht Symbolcharakter? Na ja, einen gewissen Charakter schon. Alles wird beim Alten bleiben. Everything will remain unaffected.
Ich bin gespannt auf die Kommentare zu den Hochrechnungen am Abend. Dazu Neuen Wein und Zwiebelkuchen. Oder doch lieber den guten, alten Gerstensaft? Wie ich mich kenne, bleibe ich beim Bier. Hoffentlich wird`s schön knapp, ein munteres Farbenpotpourri: schwarz-rot-rot-gelb-grün ...
Viel Grün und Rot wäre wünschenswert.
Apropos Altenheim: es gibt ein paar Millionen Demenzkranke mit Wahlkarten. Mich würde mal interessieren, ob damit geschummelt werden kann. Auch interessant, wie hoch die Wahlbeteiligung diesmal sein wird. Am Ende haben wir eine Regierung, die wieder nur verdrossen geduldet aber nicht von einer echten Mehrheit gewählt wurde. Für wen ist das schöne Wetter von Vorteil? Dazu gibt`s doch bestimmt auch irgendeine Statistik.
Ich glaube, ich bin heute herbstmüde - am Tag davor. Melancholisch sitze ich am Schreibtisch ... mit Überlegungen, die immer mehr an Bedeutung verlieren. Alles ist nah und doch weit, ganz weit entfernt von mir.
Es kommt so ... oder so.
Eine kurze Reportage, welche leider erst wieder im Nachhinein zeigt, wie wenig wir den Aussagen von Politikern trauen können. Der Bürger wird unverfroren an der Nase herum geführt und für dumm verkauft, während die betreffenden Politiker dazu schweigen bzw. munter weiter lügen.
Ich frage mich manchmal, wie viele Leichen noch im Keller der Politik liegen, welche nach und nach durch engagierte Journalisten und Politikwissenschaftler(innen) an die Öffentlichkeit gelangen ...
Es ist beschämend.
Gewalt. Wir sind zurecht erschreckt, wenn wieder ein Mensch in der Öffentlichkeit zu Tode geprügelt wurde, von Jugendlichen, jungen Männern, die kein Maß kennen und sogar ihre Brutalität während der Tat genießen. Danach der Katzenjammer bei den Beteiligten, die Trauer der Angehörigen, die Wut der Öffentlichkeit, die persönliche Ohnmacht; und die öffentliche Verwurstung, als gäbe es Gewalt in all seinen schrecklichen Erscheinungsformen erst seit heute. Die Gewalt passiert permanent in den Medien, ob in Filmen, Computerspielen, oder in den realen Kriegen. Die jungen Menschen werden allein gelassen bei der Verarbeitung dieses riesigen Spektrums an Grausamkeit auf der Welt. Sie haben zu wenige moralische Vorbilder. Die Gewalt ufert immer dann aus, wenn junge Menschen relativ orientierungslos und überfordert in die Erwachsenenwelt entlassen werden.
Es gibt kaum etwas Schlimmeres als eine solche Verunsicherung, dass Menschen im Alltag voreinander Angst haben müssen. Ich bin für eine harte Hand - einerseits - weil den bereits entgleisten Jugendlichen und Banden nicht mehr mit gutem Zureden beizukommen ist; auf der anderen Seite müssen alle sozialpädagogisch verantwortlichen Einrichtungen und ihre Vertreter selbstkritisch und gesellschaftskritisch mit diesem Gewalt-Problem umgehen. Es sieht ganz danach aus, dass wir die jungen Menschen auf dem Weg in eine sehr komplex gewordene Lebenswelt weitgehend allein lassen.
Zivilcourage entsteht auch nicht von selbst. Wir dürfen den Gewaltexzessen nicht zu viel Freiraum lassen. Jeder Hooligan, jeder Gewalttäter, sollte (wenn gefasst) zeitnah mit seiner Tat konfrontiert werden, mit den Verletzungen des Opfers und den sozialen Folgen.
Gewalt. Wir müssen viel stärker als bisher deutlich machen, wie verurteilenswert und unmoralisch gewaltsame Übergriffe Mitmenschen gegenüber sind. Dies müssen wir den jungen Menschen auch glaubhaft rüberbringen. Mir kommt es so vor, dass wir mal wieder nur den Sündenbock hin- und herschieben. Danach kommt ein dumpfbackiger Aktionismus: Die Justizministerin will die Strafen erhöhen, die Pädagogen wollen Prävention, andere zielen auf die berühmte Zivilcourage ab; einige Wissenschaftler und Journalisten fordern, dass man nach dem Kern und dem Auslöser dieser blinden Gewalt forscht. Die Opfer sind tot. Sie schweigen hörbarer, als manche denken.
Heute vor acht Jahren. Ich war in Südfrankreich. Auf dem Campingplatz von Cassis, 15 km von Marseille. Der Boden war hart wie die vorherigen Male. Ich sah auf die Felsenküste und fuhr zu den Calanques. Ich hatte mein Fahrrad im Zug von Karlsruhe-Straßburg bis Marseille mitgenommen. Früh morgens kam ich in Marseille an. Es war schön. Der kalte Wind war schön. Ich brannte innerlich.
Ich erinnerte mich an den Campingplatz. Und ich erinnerte mich an Cassis, an den kleinen Hafen, die Bucht, den Strand, den Felsen, die Calanques ..., den Sternenhimmel.
Eine Woche Cassis, Altweibersommer am Mittelmeer, das Meer glitzerte kalt ...; um mir die Zeit zu vertreiben, fuhr ich mit dem Rad zu den kleinen Felsbuchten und zu den Nachbarorten Richtung Toulon.
Ich weiß nicht mehr, wie ich es mitbekam. Es gab keine deutschen Zeitungen. Aber in den Cafés mit Fernsehen waren alle ganz aufgeregt. Ich sah die Bilder der einstürzenden Türme, ich hörte die Diskussionen und die Betroffenheit in der fremden Sprache (mein Schulfranzösisch war zu schlecht).
Mein Gott, dachte ich, was ist da passiert? Am nächsten Morgen kaufte ich mir die "Daily Mail" mit den schockierenden Bildern als Aufmacher. Das Ganze war irgendwie unreal. Ich schaute aufs Meer. Es war nach wie vor herrlich, und doch lag etwas Unbestimmtes in der Luft. Ich war allein. Ich hatte niemanden. Zuhause war nur meine Exfreundin, die mit ihrem neuesten Freund beschäftigt war. Meine Reise ans Mittelmeer war eine Flucht gewesen. Und während ich einsam und melancholisch die mediterrane Schönheit genoss, passierte diese grauenhafte Geschichte mit den Twin Towers - für mich am anderen Ende der Welt. Wie unheimlich ist doch die Vorstellung, dass wir (die westliche Welt) von arabischen Terroristen bedroht werden. Als ich in den Cafés saß, beobachtete ich die Menschen und versuchte zu unterscheiden, ob sie betroffen - erschrocken auf den Anschlag reagierten oder gegenteilig eine gewisse Genugtuung, gar Freude empfanden. Letzteres war durchaus zu beobachten.
Ich relaxte manche Stunden auf dem Mäuerchen, das den Bowlesplatz umschränkte. Viele Erinnerungen flogen mich an. Doch war alles anders. Ich war anders. Der Ort Cassis dagegen schien in den Jahren still gestanden zu haben. Im Kern hatte sich kaum etwas verändert.
Nach einer Woche brach ich mit dem Fahrrad nach Marseille auf. Ich wollte über Avignon zur Rhône fahren, dann den Fluss hoch bis Lyon ...; doch riss mir die Kette in den Banlieues von Marseille. Es war Sonntag. Ich war fertig. Die Spätsommersonne blendete mich, und die Einsamkeit ... Noch am selben Tag fuhr ich abends im Zug zurück in die Heimat.
Heute vor acht Jahren. Wo stehe ich heute? Wo steht meine Angst?
Was wissen wir wirklich von der terroristischen Bedrohung? Schauen wir nicht nur voyeuristisch auf solche monströse Geschehen - wie am 11.09.01? Haben wir uns damit wirklich psychologisch auseinandergesetzt? Was passiert heute noch im Namen dieses Terroranschlags?
Gibt es eine realistische Bedrohung von islamischen Terroristen auf unsere westlichen Werte, die einen Kampfeinsatz deutscher Soldaten in Afghanistan rechtfertigen?
Warum höre ich die Schreie in mir? Schreie nach Freiheit und Gerechtigkeit. Schreie für mehr Menschlichkeit. Schreie nach Leben oder wenigstens nach einem gnädigen Tod ...
Warum sehe ich in dieser Gesellschaft mehr Arroganz und Materialismus als die Ehrfurcht vor dem Leben? Warum siegt der Hass so oft über die Liebe? Warum sind Begriffe wie "Toleranz" oft nur Worthülsen?
Leben wir noch für unsere Ziele? Leben wir für eine bessere Welt? Oder kapitulieren wir lieber stillschweigend - im Bad unserer Lebenslügen, unserer Ignoranz und unseres Wegschauens?
Ich wollte, ich könnte aufhören mit diesen unbequemen Fragen. Aber es gibt nichts auf der Welt, was meine Sinne und meinen Verstand auf Dauer betäuben könnte. Warum das alles? Warum schaffen wir uns selbst eine Atmosphäre der Angst? Warum vergessen wir, dass wir alle Brüder und Schwestern sind?
Nein, ich bin nicht der Mutigste, und ich bin kein Märtyrer, aber ich muss mir und der Welt ständig diese Fragen stellen. Zu viele zucken mit den Achseln. Zu viele schauen lieber weg ..., oder sie gaffen, was noch schlimmer ist. Wir Menschen sind geborene Gaffer. Viel sehen - aber nix verstehen.
Ich will verstehen ...
Der Sommer zeigt nochmal seine sonnige Seite. Ein paar Tage Schwabenmeer. Sich sagen, dass irgendwie alles gut ist. Den Blick auf den See genießen, die Sonnenuntergänge über der Kulisse von Lindau-Insel. Spazieren gehen und tief durchatmen, Menschen und Allerlei beobachten. Wie das Leben pulst - einfach so. Bier, Käse und Brot genießen. In die Wolken schauen und sich vom Wind die Haare verwurschteln lassen (wenn sie nicht so kurz wären). Das Leben kann federleicht sein. Traumhaft - obwohl die Realität mit den Alltagssorgen ständig um die Ecke lugt. Ein paar Tage die Bedrohlichkeit und die Ängste abseits legen. Die Zeit fliegt. Alles verschwindet in einem großen Vergangenheitsbehälter. Gestern, vorgestern, vorvorgestern ...
Heute abend bin ich bereits wieder Arschwischmaschine. Das Altenheim wird mich wie immer verschlucken, und ich werde versuchen, die Menschen in den Nächten zu behüten - einsam auf den Fluren, in den Bewohnerzimmern. Einsam in den Nöten. Wieder werde ich mich fragen, was hier eigentlich vorgeht. Alles wird mir unheimlich fremd und zugleich vertraut sein.
Das Leben ist obskur mit seinen vielen Erscheinungswechseln. Wie eine Nußschale wird die Seele in den Wellen hin- und hergeworfen.