Donnerstag, 18. Juli 2013

Alles ist gut


Ich sehe mich selbst umherirren … durch die Flure und Zimmer des Altenheims, treppauf, treppab im Zeitraffer – gerade so, als wäre ich eine Laborratte in einem Labyrinth. Zwei Notfälle in drei Nächten. Die Hitze hängt in den Bewohnerzimmern. Immer wieder renne ich zu einem Bewohner, der orientierungslos in seinem Zimmer steht. Er ist stark sturzgefährdet. Ich packe ihn wieder zurück ins Bett - wieder und wieder. Zwischendurch stehe ich am Medikamentenschrank und schütte Millionen Pillen in Medikamentenbecher. Der Schweiß läuft mir den Rücken hinunter. Es ist kein Traum. Der Rettungswagen kommt. Ich helfe, eine Bewohnerin vom Bett hinüber auf die Trage zu wuchten. Ich frage mich, warum ich das alles mache. Ein letztes Mal gehe ich durch die Zimmer, wechsele Windeln, helfe Bewohnern auf die Toilette, schiebe Bettpfannen unter Gesäße, fange demente Bewohner in den Fluren ein, halte sie an der Hand, tröste.
Der Morgen bringt Kühle. Die Vögel zwitschern. Nur noch die Dokumentation am Computer, die Tropfen für den Frühdienst richten, den Kaffee anstellen, die Außentür öffnen, Kalenderblätter abreißen. Ich schaue auf die Uhr – das Ende der Nacht ist in greifbarer Nähe. Komm langsam wieder runter, denke ich bei mir, - ich hab`s wieder geschafft. Die Kollegen und Kolleginnen laufen langsam ein, Stimmen und Lachen, Türen gehen, Husten, Guten Morgen, Begrüßungen, die Dienstübergabe. Für einen Moment habe ich das Gefühl, dass ich nicht in mir stecke. Ich sehe mich selbst umherirren … hinunter zu den Umkleideräumen gehen, den Spint aufschließen, wie ich die Dienstklamotten ausziehe, meine Tasche packe, und hinaus. Hinaus. Alles ist friedlich. Alles ist gut.

Mittwoch, 17. Juli 2013

TV-Tipp:

"Wenn Liebe so einfach wäre", 20 Uhr 15, ZDF

Dienstag, 16. Juli 2013

Es hat sich nicht wirklich was geändert


Ermessenssache


Was schädlich ist ab welchem Wert
ist viel Ermessenssache,
jeder wird von andersher belehrt.

In unserem Gespräch brachte ich
den Punkt auf Gift und SMOG,
worauf "der Gelassene" hämisch
sein Gesicht verzog:

"Dass ich nicht lache,
verkehrt, verkehrt,
das ist Ermessenssache;
auch für die breite Masse,
der Alltag bringt die Sorgen,
hauptsache, es stimmt die Kasse."

Erregt rief ich: "Reine Gier!"
Doch "der Gelassene" grinste nur:

"Dass ich nicht lache,
verkehrt, verkehrt,
das ist Ermessenssache;
gerade das Ringen um die Knete
bringt Stimmung auf die Welt
wie auf `ner Fete!"

Angesichts dieser Gelassenheit
schluckte ich ein- zweimal,
in seinen Worten lag so viel
Vermessenheit,
das war fast schon genial.



(1987)

Montag, 15. Juli 2013

Ein gutes Gespräch ist das beste Vorspiel


Mit dem Reden ist es bei mir wie mit dem Sex. Ich brauche ein Weilchen, um in Fahrt zu kommen. Aber dann!
Und ohne Anreiz geht auch nicht viel. Ich möchte nicht jedem Blödjan das Ohr abkauen – was mich wenig befriedigt, sondern eher ein ungutes Gefühl schafft. Es sollte schon passen. Das trifft auf Gesprächs- und Sexualpartner gleichermaßen zu. Natürlich gibt es da eine Spreizung der Bedürfnisse und Erwartungen. Jeder Vergleich hat seine Grenzen. Sex ist Sex, und Labern ist Labern. Nicht jeder gute Gesprächspartner ist automatisch ein guter Partner fürs Bett (und umgekehrt). Schön finde ich es, wenn beides, also Gespräch und Sex, ergänzend zur Anwendung kommen. In solchen Fällen ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich verliebe, hoch.
In gewisser Weise pimpere ich am Liebsten Frauen, mit denen ich auch gut reden kann; und ich rede am Besten mit Frauen, die … Nein, in diesem Fall klappt die Umkehrung nicht. Obwohl ich es mir manchmal wünschte.
Ich glaube sogar, dass bereits im Gespräch klar wird, ohne das Thema Sex überhaupt angesprochen zu haben, ob man mit dem Gegenüber gern in die Kiste springen würde. Ich spreche jetzt nicht von den nonverbalen Signalen (vis a vis), die wir aussenden. Es greift bereits bei der Kommunikation per Mail - und Telefon. Relativ früh entscheiden wir uns zur Beischlafbereitschaft, und dann ist es sogar einigermaßen egal, ob der Partner unseren optischen Wunschvorstellungen entspricht. Stimme und Eloquenz des anderen sind ungeheuer wichtig – gerade bei der Anbahnung einer Beziehung über das Internet.
Alle meine Dates, die durch das Internet zustande kamen, waren echte Blind Dates, jedenfalls was meine Seite angeht. Ich finde, dass Fotos falsche Erwartungen wecken können. Fotos spiegeln nie die Realität eines Menschen wider, sondern sind nur ein relativ oberflächliches und oft geschöntes Abziehbild der Persönlichkeit. Viele stehen freilich drauf, Fotos vom anderen zu sehen und von sich zu zeigen; und sie denken, dass Leute, die das Herzeigen von Fotos von sich verweigern, besonders hässlich sind. Ich finde mich nicht hässlich, aber ich zeige niemals Fotos von mir. Nun, das ist ein Thema für sich. Jeder Mensch hat so seine Eigenarten.
Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja, Sex lässt sich bei mir nicht vollständig vom geistigen Input trennen. Und ich bin in dieser Hinsicht bestimmt kein Einzelfall. Ein gutes Gespräch ist das beste Vorspiel ...

Sonntag, 14. Juli 2013

Melancholie scheibchenweise


Gestern eine fesselnde Doku über Daniel Ellsberg gesehen. Vielleicht haben junge Männer wie Snowden ihn zum Vorbild. Respekt!

Endlich erschien Umberto Ecos Roman "Der Friedhof in Prag" als Taschenbuch. Will ich den Roman noch lesen? Ich weiß nicht. Viele Erinnerungen, die ich abschütteln will, kleben an diesem Buch.

Das alljährliche Jazzfestival fand gestern Abend in den Gassen rund um das alte Rathaus statt. Als ich vorm Kaffeehaus saß und die Vorbereitungen beobachtete, kam ich nicht umhin, ein Jahr zurück zu denken. Bevor der Trubel losging, flüchtete ich in meine Burg.

Ich muss es mal wieder loswerden: Die Menschen haben einen Knall! Promis, die einfach mal so zum Spaß mit dem Heli von Hamburg nach Sylt fliegen. Reiche Ladys, die für ihr Hündchen sündhaft teures Allerlei kaufen. Ein Starfriseur, der die Sylter High Society frisiert und Shampoo Flaschen teurer als Schampus unter die Leute bringt … Und alle fühlen sich super gut!

Auf meiner Fahrradreise notierte ich: „Ihre Fahrräder sehen so aus, als wurden sie kaum ein paar Kilometer gefahren … mit Anhänger für den Hund. Solange es solche Menschen gibt, ist die Welt verloren.“ In den Ostseebädern bekam ich ein Gefühl dafür, was mondän heißt.

Manche Beziehungen beginnen wie ein gutes Essen – es schmeckt, man genießt es – und enden mit einem verdorbenem Magen.

O, die Franzosen feiern heute ihren Nationalfeiertag. Täterä!

Ein sonniger Sonntag. Autos brausen die Talstraße hoch und runter. Manchmal frage ich mich, wohin die alle unterwegs sind. Ich werde mich nachher aufs Bike schwingen und über den Verkehr fluchen. Noch keinen blassen Schimmer, wohin ich eigentlich will. Jedenfalls ein paar Stunden in die Sonne. Morgen geht`s schon wieder in die Nacht.

Samstag, 13. Juli 2013

Gruppenphoto ohne Nachtwache


Anstatt mich nach der letzten Nachtwache Schlafen zu legen, nahm ich den Bus zum Hauptbahnhof, trank ein Feierabendbierchen und wartete darauf, dass die Geschäfte öffneten. Nach zwei Stunden fühlte ich mich total alle. Es macht keinen Sinn, dachte ich bei mir. Eigentlich wusste ich es schon vorher: Die Müdigkeit zwingt mich über kurz oder lang in die Knie, wenn ich nach der Nachtwache durchmache.
Wenigstens ging ich noch zum Friseur und kurz Einkaufen. Gegen 12 Uhr war ich zuhause, futterte schnell etwas und kuschelte mich ins Bett.

Am Abend fand ein Mitarbeiterfest vorm Altenheim statt. Eine Kollegin hatte noch am Morgen gefragt, ob ich komme. Und ich antwortete: „Ich weiß nicht, ob ich`s packe.“ Das war relativ ehrlich. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, diesmal zu gehen – die letzten Jahre hatte ich Nachtdienst während der Mitarbeiterfeste. Betriebsfeiern sind mir schon lange suspekt, so dass ich meistens froh bin, wenn ich drumrum komme. Es ist irgendwie seltsam, den Kollegen, Kolleginnen, Chefs und Chefinnen pseudoprivat zu begegnen. Man muss aufpassen, dass man sich nicht die Zunge verbrennt. Andererseits will ich mich nicht ständig ausklammern. (Als Nachtwache ist man schon genug ausgeklammert.)
Die Kollegin hakte nach: „ Wir können dich mitnehmen.“
„Hochkommen ist nicht das Problem“, sagte ich, „abends dann hinunter – weil kein Bus mehr fährt.“
Es ist nicht so, dass ich meine Kollegen und Kolleginnen (vom Tagdienst) nicht mag. Einige sind echt nett. Aber momentan ist da niemand darunter, den ich unbedingt näher – also auch privat – kennenlernen möchte.
„Klar, dann fährst du mit uns zurück“, sagte sie und fügte hinzu, dass sie ein Gruppenphoto machen wollten, „mache dich also schick!“ Sie lachte mich an, und ich verabschiedete mich in meinen Feierabend.
O je, dachte ich. Wenn es so was wie eine Phobie gegen das Sich-Fotografieren-Lassen gibt, dann habe ich die. Es gibt für mich kaum was Schlimmeres als fotografiert zu werden. Insgeheim hatte ich in diesem Moment entschieden, nicht zu dem Mitarbeiterfest zu gehen. Ich wusste ja, dass ich es nicht packen würde, wenn ich mich nach dem Nachtdienst nicht gleich hinlegte.

Ich pennte mit wenigen Unterbrechungen (einen halben Tag und eine Nacht) durch. Am späten Nachmittag wachte ich auf, weil das Telefon klingelte. Jetzt müsste ich schon langsam aufstehen, dachte ich, wenn ich doch hinginge. Allerdings würde ich, abgeschlagen, wie ich mich fühlte, nicht lange durchhalten – und keine Freude an dem Ganzen haben. Ich ließ mich zurück ins Bett plumpsen.
Jedes Mal aufs Neue bin ich erstaunt, wie lange ich nach einem Nachtwachen-Block schlafe. Ich habe Kreuzweh vom vielen Liegen – was aber auch an meiner Matratze liegt, die ich schon vor zwei Jahren austauschen wollte ...
Immerhin kam ich um das dämliche Photo herum.

Donnerstag, 11. Juli 2013

TV-Tipp:

"Magnum", 1 Uhr 10, ZDF

Mittwoch, 10. Juli 2013

Die Notiz


„Einer der letzten fünf Tiger fraß mich gestern ...“
Manchmal schießen mir Gedanken durch den Kopf, die ich notiere, weil ich sie originär finde oder weiterspinnen will. Bei dieser Notiz komme ich aber einfach nicht drauf, was ich mir dabei dachte.
Außerdem schrieb ich mir auf: „Sehr geehrter Herr, Ihre Geburtszeit war um 8 Uhr 25.“ Ob diese Zeitangabe wirklich stimmt? Tatsächlich fragte ich gestern beim Standesamt nach. Ich wusste, dass es morgens gewesen war - aber nicht die genaue Uhrzeit. Fragt mich bitte nicht, warum ich nachfragte. Wahrscheinlich hatte ich Langeweile. Nein, schon lange wollte ich meine Mutter nochmals darauf ansprechen, denn erzählt hatte sie es mir irgendwann mal. (Nun ist sie leider tot.)
Solche Zeitpunkte sind etwas besonderes, finde ich. Ich wurde um 8 Uhr 25 geboren. Wow! Es ist jetzt eine viel genauere Vorstellung, als nur den Tag zu wissen. Bei einer astrologischen Anfrage wollen sie doch die Uhrzeit – auch wenn ich nicht an Astrologie glaube, aber wer weiß? Vielleicht fordere ich mal spaßeshalber mein Horoskop an. Es hat seinen Reiz, wenn man über solch verrückte Zusammenhänge nachdenkt.
„Einer der letzten fünf Tiger fraß mich gestern ...“ Warum zum Teufel habe ich mir das notiert? Weil es eine witzige Vorstellung wäre, von einer durch den Einfluss der Menschen aussterbenden Tierart gefressen zu werden? Aber warum gestern – also eigentlich vorgestern? Ich lebe noch. Und es kreuzte auch kein Tiger meinen Weg. Womöglich fand ich einfach den Satz gut, so wie man einen einzelnen Pinselstrich gut finden kann, ohne zu wissen, was folgen soll. Ich lass es am Besten einfach so stehen. Manche Sachen finden erst später oder gar erst viel später ihre Bedeutung. Wie das eigene Leben, die Welt, das Universum. Ich bin selbst so eine unerklärliche Notiz. 8 Uhr 25 wurde sie an einem Wintertag vor fünfzig Jahren in die Welt gesetzt.

ein literarisches Tagebuch

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