Das Leben spielt sich zwischen beschissen gut und beschissen schlecht ab.
Nach einem kleinen Spaziergang die Weinberge am
Kuhberg entlang setzten wir uns auf die Aussichtsterrasse der Strahlenburg. Ein frischer Wind ging. Der Himmel war von Wolken zerrissen. Herbststimmung Mitte Juli. Wir saßen als einzige Gäste in dem Biergarten und mussten den Kellner, einen schmierigen Typen, erst hinaus locken.
Ich genieße immer wieder gern die weite Aussicht auf die Rheinebene über Mannheim hinweg bis zum Pfälzer Wald gegenüber. Meine gesamte Heimat liegt ausgebreitet vor mir: Links kann man bei guter Sicht bis zu den Vogesen sehen. Alles rückt im Blick zusammen, fast als könnte man hin greifen, - einer Spielzeug-Landschaft gleich. Dabei fallen mir viele Orte ein, die ich Olivia noch zeigen will, z.B. Schwetzingen, Speyer und Walldorf (wo ich 18 Jahre lang wohnte) …
Ich hoffe, dass das Wetter in der zweiten Woche von Olivias Besuch etwas sommerlicher wird.
Immer wieder erstaunt es mich, wie viele Menschen geistig durch Religion, Ideologie und Sekten beeinflussbar sind. Gerade junge Menschen lassen sich oft von abstrusen Ideen und extremen Ansichten anstecken. Religiöse Gruppierungen wie die Salafisten oder Sekten wie die Scientology Kirche nutzen dies aus, um neue Mitglieder zu rekrutieren, die sie manipulieren und für ihre Sache einspannen können. Sie sperren sich gegenüber rationalen Argumenten und halten ihre Ideen sowie ihre Werte für die allein wahren und heilbringenden. Kritik wird strikt abgeblockt, Aussteiger und Abtrünnige werden verfolgt und bedroht. All diesen Gruppierungen und Glaubensgemeinschaften ist gemein, dass sie ein klares Feindbild haben und menschenverachtende Thesen in die Welt setzen. Demokratie und Grundgesetz interessieren sie nicht. Freie Meinungsäußerungen sind nicht erwünscht, die Mitglieder haben sich den Dogmen der Gemeinschaft völlig zu unterwerfen. Als Gegenleistung wird ihnen das Paradies oder werden ihnen Superkräfte versprochen. Der Gruppendruck muss immens sein. Mit faschistoiden Methoden wird die Weltherrschaft angestrebt – nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
Immer wieder stelle ich mir die Frage, warum sich derart viele Menschen geistig kastrieren lassen und bedingungslos, gleich Marionetten den selbstherrlichen Demagogen und Führern folgen – sogar bis in den Untergang. Was macht die Anziehungskraft aus? Ich kann dies für mich absolut nicht nachvollziehen. Ich kann z.B. nicht verstehen, wie die Nazis in Deutschland zu einer Massenbewegung werden konnten. Wie kann ein Mensch mit Mitgefühl und Verstand solchen abstrusen und menschenverachtenden Ideen auf den Leim gehen? Waren die Deutschen in der Masse nur eine Herde dummer, blökender Schafe? Natürlich duckten sich damals viele, weil sie schlicht wahnsinnige Angst hatten, aber das gesamte Phänomen einer solchen kollektiven Verblödung kann ich mir damit nicht erklären. Denn: Wie kann es sein, dass der Nazismus heute noch verbreitet ist – auf der ganzen Welt? Wollen die Menschen nicht aus der Geschichte lernen? Wie viele Holocausts brauchen sie noch? In den Zeiten der Massenmedien und des Internets kann sich fast jeder Mensch grenzenlos informieren, so dass auch das Argument der Unwissenheit kaum noch als Entschuldigung zieht.
Ob Nazis, Salafisten, Stalinisten oder Scientology ..., in meinen Augen gibt es kaum einen Unterschied zwischen ihnen. Alle scheißen sie auf die Werte einer aufgeklärten Welt, in welcher die Menschen frei und in ihren Menschenrechten geschützt leben können sollten.
Immer wieder deprimiert es mich, wenn ich lese und höre, dass (junge) Menschen ihr eigenes Denken wie einen Mantel an der Garderobe ablegen, Familie und Freunde aufgeben, dafür irgendwelchen religiösen oder ideologischen Dummschwätzern folgen.
Also wenn man sich das mal überlegt, wie es ist, aber auch wie es nicht ist, und wie es war und wird mit dem ganzen drumherum, auch wenn das egal ist, weil unwesentlich oder kaum im Blick, in weiter Ferne als auch in unsichtbarer Nähe; wenn man sich das alles anschaut, überlegt, ohne dass man dabei an etwas spezielles denkt, mehr allgemein – doch nicht zu allgemein, gerade so als hätte man eine gewisse Unschärfe in der Betrachtung, welche alles ineinander verschwimmen lässt, man aber mit etwas Konzentration auf die Gegenstände zurückzukommen vermag; wenn man sich das alles so überlegt, ohne konkrete Gedanken zu haben, weil das Konkrete die Zusammenhänge zerreißt, und weil das meiste erst in einer gesamtheitlichen Sichtweise Bedeutung und Sinn findet, dann … dann löst sich nach und nach alles auf, ohne dass man weiß wohin, - es bleiben lediglich Floskeln, Hüllen, leere Formen, die miteinander - ineinander tanzen, bis sich selbst diese Formen auflösen hin zu einem farblosen Nichts, das sich allem entzieht, und in dem doch noch alles liegt ...
Nach einem ausgiebigen Frühstück fuhren wir nach Ladenburg, um mit Hund am Neckar spazieren zu gehen. Dort fand gerade ein Drachenbootrennen statt. Ich wusste bis dato nicht, was das ist. Drei Boote mit je 20 Insassen paddelten um die Wette – eine Gaudi-Veranstaltung.
Ein starker Wind wehte - dunkle Wolken jagten über den Himmel. Zwischendurch ging ein Schauer nieder. Wir verbrachten den Nachmittag mit Spazierengehen und Schauen. Ladenburg hat eine schöne kleine Altstadt.
Auf dem Rückweg sichtete Olivia zwischen den Bäumen der Neckarwiese Papageien – wie sich googeln ließ, waren vor Jahren welche aus dem Heidelberger Zoo in die Freiheit ausgebüchst ...
Drachenbootrennen
die alte Hundedame
Am Abend besserte sich das Wetter, und die ersten Töne auf dem kleinen Jazzfestival erlebten wir unter blauem Himmel. Die Zeit verging wie im Fluge bei Musik, Wein und Vesper. Schon gingen die Uhrzeiger gen Mitternacht, und wir machten uns müde aber glücklich auf den Nachhauseweg.
die SRH Big Band
die Hardt Stompers spielten New Orleans Jazz vorm Kaffeehaus
Olivia im Anmarsch. In Begleitung des Hundes ihrer Eltern, für den sie während des Urlaubs sorgt. Inzwischen ist sie schon in der Schwäbischen Alb. Trotz Nachtdienst in den Knochen habe ich keine Ruhe. Schnell noch Wäsche gewaschen und Bad geputzt. Schätze, wir werden nachher beide todmüde ins frisch bezogene Bett fallen, denn Olivia fuhr die ganze Nacht durch. In den freien Tagen will ich ihr meine Heimat zeigen. Auch ein Besuch bei meinen Eltern ist verabredet. Kaum zu glauben, dass sie in wenigen Stunden in meiner Tür steht. Seltsam. Wahrscheinlich die Müdigkeit. Gemixt mit der freudigen Erregung. Kühl ist es heute. Aber vom Putzen ist mir noch warm. Jetzt zeigt sich sogar die Sonne. Das wäre schön, wenn sie nicht im Regen ankommt. Es fällt mir schwer, meine Gedanken zu sammeln ...
Es war Fronleichnam. Am nächsten Tag würden wir nach Venedig reisen. Wir fuhren mit den Kindern zur
Burg Hochosterwitz bei St. Veit. Ich war an dem Tag etwas griesgrämig - keine Ahnung mehr, was der Grund war.
Als Kind war ich geil auf alle Sorten Burgen. Und auch heute noch staune ich zumindest. Es ist immer eine kleine Zeitreise ins Mittelalter.
Mit der
Schrägbahn ging es vom Parkplatz hoch zur Burg. Olivia hat Höhenangst, und ausgerechnet zwei "Tanten", die mit uns in der Kabine waren, machten blöde Bemerkungen darüber, wie steil die den Berg hinauf geht etc., so dass Olivia Blut und Wasser in den wenigen Minuten schwitzte.
Blick von den Zinnen hinunter zum Parkplatz
... ein Kreuz
Blick in die Landschaft
Die Gastronomie im Burghof - mein Lieblingsplatz
Blickfang an der Burgmauer
Tut mir leid, Olivia, dass ich an dem Tag nicht gut drauf war.
"Der aus dem Regen kam", 20 Uhr 15, ARTE
bonanzaMARGOT
- 09. Jul. 12, 16:30
„Wir müssen ihre Mutter ins Krankenhaus fahren“, sagte der Rote Kreuz Mensch am anderen Ende der Leitung, „können Sie kommen? Ihr Vater ist dement, und man kann ihn in diesem Zustand schlecht alleine lassen.“
„Ja – natürlich“, stotterte ich, und mir wurde heiß und kalt zugleich, „was hat denn meine Mutter?“
Und der Rote Kreuz Mensch erzählte etwas von starken Schmerzen und vom Herzen, und dass sie meine Mutter zur Abklärung mitnehmen müssten.
Früher Sonntagnachmittag, ich hatte drei Nächte im Altenheim hinter mir und war noch nicht lange wach. Eine hilfsbereite Nachbarin saß bei meinem Vater im Wohnzimmer. Der Einsatz mit Rettungswagen und Notarztwagen hatte in der Nachbarschaft einigen Wirbel verursacht. Ich bedankte mich bei der Nachbarin und wand mich meinem Vater zu. Er wirkte unsicher und war reichlich verwirrt. Bei jedem Besuch merke ich, wie die Demenz fortschreitet. Vergesslichkeit und Wortfindungsstörungen hatten zugenommen. In regelmäßigen Abständen fragte er mich dasselbe: z.B. wo ich wohne und arbeite. Ich schenkte ihm Wasser ein, denn er selbst vergaß zu trinken. Immerhin war er ruhig, er wanderte nicht im Haus umher, was durchaus bei Dementen vorkommen kann. „Die Rosemarie müsste doch da sein“, sagte er, und ich erklärte ihm, dass sie im Krankenhaus ist, und dass wir warten müssen, bis näheres über ihren Zustand bekannt ist.
Es wurde ein langer Nachmittag des gemeinsamen Wartens. Die Untersuchungen im Krankenhaus zogen sich hin. Mehrmals rief ich dort an und fragte nach.
Am Abend, der Tatort lief bereits im TV, erhielten wir endlich die positive Nachricht, dass wir nun meine Mutter abholen können. Alle Untersuchungen waren abgeschlossen. Lungenembolie und Herzinfarkt konnten ausgeschlossen werden.
Glücklich brachten wir meine Mutter nach Hause, wo sie alles erzählte, was sie erlebt hatte. Sie war froh, wieder daheim zu sein. „Ich werde mir wohl eine Haushälterin besorgen müssen, die mir ein paar Arbeiten abnimmt“, sagte sie, „der Erwin (also mein Vater) macht zwar noch viel, aber er ist auch nicht mehr der gesündeste.“ „Ja“, stimmte ich zu, „unbedingt – mach das!“ Gott sei Dank war meine Mutter nochmal glimpflich davon gekommen. Nicht auszudenken, wenn sie sie im Krankenhaus behalten hätten. Wie hätte ich die Situation mit meinem Vater gemanagt? Ein Altenheim wollte ich ihm nicht zumuten. Ich weiß, dass er dort unglücklich wäre. Er würde versuchen wegzulaufen. Er würde gar nicht verstehen, was los ist. Es täte mir sehr weh mitzuerleben, wie der Lebenswille meines Vaters gebrochen wird.
Über unserer Familie hängt ein Damokles Schwert. Wenn sich meine Mutter etwas erholt hat, muss ich dringend die Lage mit ihr erörtern … Olivia, meine Freundin, sprach von einem Notfallplan, als wir am Abend miteinander telefonierten. Den brauchen wir – ansonsten hocke ich mit meinen beiden geliebten Alten ziemlich in der Predouille.