Mittwoch, 8. Februar 2012

Extremer Arbeitsweg


Als ich gestern mit dem Fahrrad hinunter in die Stadt fuhr, musste ich die Zähne zusammenbeißen. Die Finger schmerzten trotz der Handschuhe höllisch. Am Liebsten hätte ich den Schmerz heraus geschrien! Ich schaffte es gerade so bis zum Glascontainer. Danach ging`s im Supermarkt einkaufen, wo ich mich etwas aufwärmte. Ich hätte zwei Paar Handschuhe übereinander ziehen müssen. Wie grausam doch die Kälte sein kann, wenn man sich aus Leichtsinn nicht adäquat anzieht. Solche Schmerzen hatte ich schon lange nicht mehr! Besorgt blicke ich auf das kommende Wochenende, wo ich am Sonntagmorgen nach dem Nachtdienst den Rückweg vom Altenheim per Fahrrad antreten muss, da kein Bus fährt. Es sind immerhin sieben Kilometer durch den Wald im Dunkeln bei dieser eisigen Kälte auf einer teilweise stark abschüssigen Strecke. Wenn es wenigstens nicht glatt ist …
Ich werde mich gut einpacken müssen – vor allem an Kopf und Händen. Meine Kollegen halten mich für verrückt. Fast alle kommen mit dem Auto zur Arbeit.
Ich bin froh, wenn es morgens wieder hell ist – und natürlich wärmer! Auf der anderen Seite ist eine solche morgendliche Heimfahrt bei schlechten Witterungsverhältnissen ein einzigartiges Erlebnis! Etwa wie Eisbaden. Und über einem zwischen den Baumwipfeln funkeln die Sterne … Zum ausführlichen Naturgenuss wird mir allerdings die rechte Muße fehlen.

Dienstag, 7. Februar 2012

TV-Tipp:

"Das Mädchen mit dem Perlenohrring", 23 Uhr 15, WDR

Der Franzose


Er setzte sich neben mich an die Bar im Café Petit Paris. Es waren außer uns nur wenige Gäste zugegen. Er unterhielt sich mit der Bedienung, und als ich eine Bemerkung machte, wandte er sich mir zu. Er hatte einen französischen Akzent, sprach aber einwandfrei deutsch. Wie ich im Laufe des Abends erfuhr, war er Franzose, hatte Deutsch studiert und arbeitete als Dolmetscher. Erst redeten wir über Mietverhältnisse und die Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden. Die Bedienung suchte gerade für sich und seine Familie eine Wohnung in Heidelberg. Der Franzose mochte um die Fünfzig sein, glattrasiert, schick gekleidet, die Haare zurück gekämmt und zu einem Mini-Dutt geknotet. Das sah lustig aus und verlieh ihm den Flair eines Künstlers. Ich weiß nicht mehr, wie wir das Thema wechselten. Irgendwann sprach ich jedenfalls die Unruhen in den Banlieues französischer Großstädte an, woraufhin mir der Franzose die gesamte französische Kolonialgeschichte herunter betete, - vor allem die von Algerien, um mir das Verhältnis der Franzosen zu den eingebürgerten Nordafrikanern zu erklären. Es war ein bisschen viel Info auf einmal für mich, aber ich hörte interessiert zu und versuchte zwischendurch immer mal wieder einen Bezug zur Gegenwart zu finden. Der Franzose war gebildet – wahrscheinlich hatte er auch Geschichte studiert. Als dieses Thema abgehandelt war, erzählte er mir von seiner Scheidung und dem neuen Glück, das er gefunden hatte. Er zog ein Foto seiner neuen Liebe aus der Tasche und zeigte es mir. Ich sah eine sehr hübsche Frau mit intelligenten Gesichtszügen und verstand sein Glück. So hatten wir fast zwei Stunden verplaudert. Währenddessen hatte der Franzose ein Bananenweizen getrunken. Ich trank wie immer dunkles Hefeweizen. Keine Ahnung, wie oft ich nachbestellte. Ich wollte ihn zum Abschied noch nach seinem Namen fragen, doch dann ließ ich es. Wir reichten uns die Hand und bekundeten unsere gegenseitige Hochachtung. Die meisten Deutschen seien, sagte er, politisch ziemlich uninteressiert, und deswegen fand er es erfreulich, auf einen Menschen wie mich gestoßen zu sein. Dieses Lob schwächte ich natürlich gleich ab, indem ich meinte, dass meine politische Bildung gemessen an seiner ziemlich bescheiden ausfiele. Beinahe eröffneten wir noch einen Diskurs über Bildung und Intelligenz.
Ich blieb alleine zurück an der Bar und bezahlte gleich darauf. Die letzten Einkäufer eilten durch die dunkle Fußgängerzone. Es war kurz vor Acht. Bei Mc Donalds holte ich zwei Cheeseburger zum Mitnehmen und hastete zum Taxistand. Es war scheiß kalt. Der Taxifahrer freute sich über die Fahrt. Ich schätze, er war einer dieser Akademiker, bereits in die Jahre gekommen, der keine Anstellung auf seinem Fachgebiet gefunden hatte. Wir kamen leicht ins Gespräch.

Montag, 6. Februar 2012

Schon damals irgendwie bonanzamargot




bin ich das?

Sonntag, 5. Februar 2012

Insekt





Original: Filsstift, 400 x 500, 1995 ... farblich nachbehandelt

Samstag, 4. Februar 2012

TV-Tipp:

"Nackt unter Leder", 22 Uhr 35, ZDFkultur

Der Achtzigste


Klaus fährt mich. Das ist sehr anständig von ihm. Allerdings ist er bedrückt, als wir uns treffen. Er wurde schriftlich abgemahnt. Gleich doppelt. Er redet von nichts anderem. In vierzig Berufsjahren passierte ihm so was noch nicht. „Wenn es ganz schlimm kommt, muss ich eben in Vorruhestand gehen“. Eigentlich wollte er die paar Jahre bis zum seinem 65sten noch arbeiten, damit er die volle Rente kassieren kann. Ich weiß immer noch nicht genau, was er arbeitet. Er fängt mitten in der Nacht auf dem Großmarkt an und hat dort mit Früchten zu tun. Vor einem halben Jahr wurde die Firma von einer anderen übernommen, und seitdem hat er Schwierigkeiten. Wahrscheinlich will man ihn raus drängen. Er ist aber auch ein Dickkopf und ziemlich rechthaberisch. Die Abmahnungen sind ein Dämpfer für ihn. Verständlich. Ich weiß, wie ich mich damals nach der Abmahnung fühlte.
Die Sonne scheint. Es ist ein sehr kalter Wintertag. Ich blinzle müde in die Helligkeit. Nach der Nachtwache schlief ich kaum drei Stunden. Mein Vater wird Achtzig, und Klaus fährt mich. Mit den Nahverkehrsmitteln wäre ich sonst über zwei Stunden unterwegs. Es ist Mittag, als wir meine Heimatstadt erreichen.
Die Eltern freuen sich wie die Schneekönige über meinen Besuch. Wir sitzen zwei Stunden im Wohnzimmer zusammen, trinken Kaffee und reden. Das Hauptthema ist die Alzheimerdemenz des Vaters. Er verliert sein Kurzzeitgedächtnis. Von meinem letzten Besuch weiß er nichts mehr. Er spricht mich ständig mit dem Vornamen meines Bruders an. Er erzählt viel aus der Vergangenheit. Er sagt selbst, dass er sehr vergesslich ist. Aber die Vergangenheit sähe er ganz deutlich vor seinem geistigen Auge. Wir reden entspannt darüber. Ich weiß durch meinen Beruf viel über Alzheimer und sage den Eltern, dass sie so normal wie möglich weiterleben sollen. Sie arbeiten viel im Haus und im Garten. Sie sind den ganzen Tag über beschäftigt. Das ist gut. Sie sind beide sehr tapfer. Ich weiß, dass sie früher oder später meine Hilfe brauchen werden. Ich merke, dass nach zwei Stunden die Konzentration bei meinem Vater nachlässt. Seine Augen sind müde. Er sucht nach Worten. Er taucht ab in die Vergangenheit. Die Gegenwart weht durch ihn hindurch. Die Gegenwart ist für ihn ein Gespenst, das er nicht festhalten kann. Er fragt nach meinem Auto. Die Mutter erklärt ihm, dass ich schon lange kein Auto mehr fahre.
Wir verabschieden uns herzlich. Die Eltern winken von der Haustüre hinter mir her. Ich liebe sie. Ich gehe zu dem vereinbarten Treffpunkt, wo mich Klaus abholt. Der Tag ist sehr hell. Es ist kalt. Ich schaue mich um und schwelge in Erinnerungen. Alle Häuser und Straßen sind mir noch sehr vertraut.
Klaus kommt pünktlich. Er fährt einen Smart. Er zeigt mir die Abmahnungen. Er steht noch immer wie unter Schock. Im Kaffeehaus gehen wir noch einen trinken. Die Zeit verfliegt. Es wird Abend. Klaus verabschiedet sich. Für die letzte Strecke nach Hause nehme ich den Bus.

Mittwoch, 1. Februar 2012

Büroschlaf





Tusche, 100 x 100, 1983 ... (leicht nachbehandelt)



Heute fielen mir die kleinen Bildchen wieder in die Hände, die ich in meiner Lehrzeit nebenbei auf Notizzettel kritzelte. Ich machte meine Lehre zum Techn. Zeichner in einem kleinen Ingenieurbüro für Haustechnik. Die beiden Chefs waren Arschlöcher … total von sich eingenommen. Als Stift war ich für sie der Depp vom Dienst – nach dem Motto: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Gut, dass ich Gesellschaft hatte: Zwei junge Frauen, die auch noch lernten. Ich schaute oft zu ihnen rüber, wenn sie konzentriert an ihren Zeichenbrettern standen. Mit den meisten Ausgelernten und Technikern hatte ich ein kumpelhaftes Verhältnis. Waren die Chefs den halben oder ganzen Tag auf Baubesprechungen, atmeten alle auf. Ich musste mich dann nicht so angestrengt hinter meinem Zeichenbrett verstecken ..., (denn) ich kam nicht selten verkatert zur Arbeit. Außerdem fand ich die meisten Tätigkeiten ziemlich langweilig. Stundenlang kratzte ich irgendwelche Leitungen nach den Vorgaben der Chefs aus den Plänen, pauste die Pläne oder musste stapelweise Leistungsverzeichnisse kopieren. Zwei Jahre hielt ich den Scheiß durch. Normalerweise dauert so eine Ausbildung dreieinhalb Jahre. Gott sei Dank konnte ich sie durch Abi und Notendurchschnitt um einiges verkürzen.

Längst hakte ich meine Zeit als Techn. Zeichner ab. Sie existiert nur noch in den Annalen meiner Erinnerung … und auf diesen kleinen Bildchen, die gar nichts besonderes sind, - nur ein Stück Vergangenheit, das überdauerte.

Dienstag, 31. Januar 2012

Kosmos





Filsstift, 720 x 560, 1995 (als Puzzle)

TV-Tipp:

"Wag the dog", 21 Uhr, ZDF neo

Montag, 30. Januar 2012

TV-Tipp:

"L. A. Confidential", 21 Uhr, Arte

Störung





Pastellkreide, 500 x 700, 1994

Der junge Mann


Neben der Bushaltestelle hatte ein junger Mann geparkt. Er kam zum Auto zurück und fummelte noch etwas herum. Ich wartete, die Hände in den Manteltaschen vergraben, auf den Bus, der in Kürze um die Ecke kommen sollte. Es war früher Nachmittag. Ich stellte mir vor, dass der junge Mann mich fragen würde, ob er mich mitnehmen könne – hinunter ins Dorf. Aber ich verdrängte diesen Gedanken gleich wieder, weil es Unsinn war, in ein fremdes Auto zu steigen, wo doch der Bus gleich auftauchen musste; außerdem wollte ich am Bahnhof in die Straßenbahn nach Heidelberg umsteigen, und der junge Mann fuhr bestimmt nicht bis dorthin. Das wäre alles viel zu kompliziert. Es spielte keine Rolle, ob ich nun hier in der Kälte stand und auf den Bus wartete, - oder dann unten am Bahnhof auf die Straßenbahn. Wenn überhaupt, macht das vielleicht ein knappes Grad Celsius aus, was es unten im Tal wärmer ist. Ich überlegte noch diesen ganzen Blödsinn, da fragte mich der junge Mann wirklich, ob er mich mit runter nehmen könne. Ich erklärte ihm, dass der Bus gleich käme, und ich sowieso zum Bahnhof müsse, um in die Straßenbahn umzusteigen ... Da fahre er auch vorbei, sagte er, und ich müsse doch hier nicht in der Kälte auf den Bus warten. „Wo man nie genau weiß, wann der eigentlich kommt“, sagte ich. „Eben“, antwortete er, und ich stieg in sein Auto. Es war ein dunkler Kleinwagen, wie ihn junge Leute fahren. Aber was weiß ich, mit was die jungen Leute heute herumfahren. „Danke“, sagte ich und schnallte mich an. Er lächelte. Ein netter junger Mann, dachte ich leicht erstaunt. Auf der anderen Seite: warum sollte es nicht nette, junge Männer geben? Ich war ja selbst mal ein netter, junger Mann.
Es sind circa zwei Kilometer hinunter ins Tal. Wir redeten über den Winter und über den Tunnel, der gebaut wurde. Er erzählte mir, dass er im Nachbarort wohnt, und dass er zum Döner gehen wolle, er habe noch nichts gegessen heute - sein Magen hinge ihm durch. Der junge Mann war schlank und gutaussehend. „Ich esse immer erst abends“, sagte ich, mehr um etwas zu sagen. Ich fühlte mich wohl in der Gesellschaft des jungen Mannes. Er ließ mich am Bahnhof hinaus, so dass ich es nicht mehr weit bis zur Straßenbahnhaltestelle hatte. „Vielen Dank und noch einen schönen Sonntag!“ verabschiedete ich mich. „Danke, Ihnen auch!“ Er strahlte über das ganze Gesicht.

Ich stand am Gleis und wartete auf die Straßenbahn, die Hände in den Manteltaschen vergraben, noch ganz beeindruckt von dieser Begegnung. Er war glücklicher darüber, mich mitnehmen zu dürfen, als ich über das Mitgenommen-Werden. Jedenfalls hatte es auf mich den Anschein. Hoffentlich nahm er mich nicht mit, weil ich ihm bedürftig oder traurig vorkam. Ich war vielleicht etwas einsam; darum hatte ich mich auch entschieden, das Haus zu verlassen für einen kleinen Ausflug nach Heidelberg. Oder der junge Mann hatte einfach einen guten Tag und wollte seine gute Laune mit mir teilen. Vielleicht fühlte er sich auch etwas einsam. Sonntage sind oft einsame Tage.
Die Straßenbahn brauchte eine Ewigkeit, bis sie einlief. Neben mir stand eine Zwergin, das heißt eine sehr kleine ältere Frau, die ungeduldig nach der Bahn Ausschau hielt und zwischendurch zu mir hoch schaute. Sie lächelte. Ich lächelte zurück. Gut, dass ich aus dem Haus gegangen war.

ein literarisches Tagebuch

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