Mittwoch, 26. Oktober 2011

Otterscharf





auf zu den Kuschelpartys!

Vom Irrsinn auf unseren Straßen


Weil ich gestern die guten alten Eltern besuchte, war ich den ganzen Tag mit den Nahverkehrsmitteln unterwegs. Mit 3x Umsteigen dauerte die einfache Fahrt beinahe drei Stunden für eine Wegstrecke von knapp 30 Kilometern. In derselben Zeit fährt der ICE von Mannheim nach Basel den zehnfachen Weg.
Der Rückweg gestaltete sich zudem besonders stressig, weil Straßenbahn und Bus mit Menschen bis zum Erbrechen vollgestopft waren. Ich stand die gesamte Fahrt. Für eine ältere, gebrechliche oder gehbehinderte Person wäre diese Tortur ein Unding gewesen. Als ich endlich an meinem Wohnort ankam, war ich ganz schön geladen! Ich bewundere die Städter, die dieses Gedränge, diesen Lärm und Verkehr täglich ertragen müssen, und dabei nicht aggressiv werden.
Mir fiel auch mal wieder überdeutlich der wahnsinnige Autoverkehr auf, der sich über unsere Straßen schiebt. Ein Auto nach dem anderen, eines dicker und ps-stärker als das andere, dazu noch die Lkws ..., - selbst in den Seitenstraßen: man könnte meinen, dass viele Menschen jeden Meter mit dem Auto zurücklegen. Und das geht den ganzen Tag so! Nur eben ist`s am Nachmittag und frühen Abend überbordend.
Und solange die Nahverkehrnutzung derart anstrengend, langwierig und nervenaufreibend ist, kann man es den Leuten noch nicht mal verübeln, dass sie für alle Besorgungen das eigene Auto benutzen. Da können sie wenigstens unter klimatisierten Bedingungen sitzen - wenn auch im Stau.
Ich kann nicht verstehen, warum man für ein Ballungsgebiet wie den Rhein-Neckar Raum keine intelligentere Verkehrslösung finden kann. Im Prinzip änderte sich an der Gesamtsituation in den letzten Jahrzehnten, soweit ich es überblicken kann, kaum etwas. Im Gegenteil wurden die Straßen immer voller, und der Nahverkehr nicht wirklich attraktiver - nur beständig teurer für die Kunden. Immerhin schloß man die verschiedenen Nahverkehrsbetriebe unter einem Dachverband zusammen, so dass wenigstens die Fahrpreise einheitlich sind. Eine bessere Vernetzung kann ich aber nicht erkennen. Es ist einfach nur chaotisch. Dazu noch die Ausnahmen und Umleitungen durch die vielen Baustellen ...
Als ich am frühen Abend nach Hause kam, war ich mit den Nerven runter. Ich glaube nicht mal, dass ich mit zunehmendem Alter weniger beslastbar wurde. Vielleicht sah ich das Ganze früher noch mehr als Abenteuer an. Doch es stieg mit den Jahren auch kontinuierlich das gesamte Verkehrsaufkommen - was viele Menschen, die sich tagtäglich darin bewegen müssen, wohl gar nicht richtig wahrnehmen. Krank machend ist es aber auf alle Fälle!
Jetzt beginnt schon bald wieder die Vorweihnachtszeit. Da wird`s besonders übel in den Innenstädten. Total irre - von außen betrachtet, aber wir machen weiter munter mit. Haben wir einen masoschistischen Spaß daran?

Montag, 24. Oktober 2011

Fernweh


Ich erwachte in der Karibik - genau genommen waren`s die Antillen. Also, ich war noch nicht ganz wach, ich dämmerte noch im halbdunklen Zimmer vor mich hin. Auf Phoenix lief eine Doku zu den Antillen-Inseln, und ich träumte mich dorthin. Mein Gott, was für eine Sehnsucht in mir aufkeimte! Dazu ein unerklärliches Fernweh ..., als ich die Bilder vom Meer, den Stränden und der tropischen Fauna und Flora sah.
Natürlich bin ich Realist genug, um relativ schnell aus solchen Träumereien aufzuwachen, und zwar richtig - so dass nur noch die Wehmut bleibt. Im Internet surfte ich dann doch noch mal kurz in die Karibik. Seufz! Ich kann Euch sagen: wenn ich über die finanziellen Mittel verfügte, wäre ich schneller fort, als Ihr gucken könnt. Ich meine: richtig fort! Nicht nur für eine Urlaubswoche oder so. Und wenn ich die Schnauze voll hätte - nach ein paar Monaten vielleicht - käme ich wieder zurück. Doch ich glaube, es würde mich dann regelmäßig in die Ferne ziehen ...
Okay, - man darf ja nochmal ein paar Hirngespinste haben, selbst als älterer Herr, oder? Apropos älterer Herr - möglicherweise klappt`s ja als Rentner. In 20 Jahren. Mein Gott, was wohl in 20 Jahren sein wird?! ich mag gar nicht dran denken. Nicht nur mit mir, sondern mit der ganzen Welt. Wenn man sich alles mal kritisch anschaut. Insbesondere die Finanzkrise, von der sie nur noch reden. Und dann die immer häufiger auftretenden Umweltkatastrophen, die Klimaveränderung und das alles. Puuuh! Nein, ich mag`s mir wirklich nicht vorstellen. Aber vielleicht ist auch alles halb so wild, wie man sich`s ausmalen könnte, und es verschlägt mich wirklich auf eine Südseeinsel oder so. In 20 Jahren. Oder ich bin dann schon im Altenheim - nicht mehr als Nachtwache sondern als Bewohner. Ich würde mir dann ein riesengroßes Poster von meinem Traumstrand an die Wand hängen, und wenn eine junge knackige Schwester hereinkäme, würde ich sie bitten, davor zu posieren ...

Meine letzte Urlaubswoche ist angebrochen. Danach geht`s wieder ran an die Buletten im Altenheim. Immerhin war ich ein paar Tage in Prag. Das riss es heraus. Auch wenn ich inzwischen schon wieder ganz da bin.
Der Herbst ist jetzt richtig Herbst. Das Laub leuchtet wunderbar gelb in der Sonne. Gestern saß ich mittags sogar nochmal im Biergarten. In der Sonne ließ es sich aushalten. Zwar nicht Südseeinsel, aber auch nicht ganz schlecht, wie ich finde.

Samstag, 22. Oktober 2011

Der Fänger im Roggen (176)


Holden sinniert über Mädchen:

... Das Blöde mit Mädchen ist, wenn sie einen Jungen mögen, egal, was für ein großer Arsch er ist, sagen sie, er hat einen Minderwertigkeitskomplex, und wenn sie ihn nicht mögen, egal, wie nett er ist oder wie groß sein Minderwertigkeitskomplex ist, sagen sie, er ist eingebildet. Sogar schlaue Mädchen machen das.
...

Der Fänger im Roggen (219/220)


Holden unterhält sich mit seiner kleinen Schwester Phoebe über seinen Schulrausschmiss, und was er nun vorhat:

...
Ich bin mir nicht sicher, ob die gute Phoebe wusste, wovon ich überhaupt redete. Schließlich ist sie bloß ein kleines Kind und so. Aber wenigstens hörte sie mir zu. Wenn jemand wenigstens zuhört, ist es schon mal nicht schlecht.
"Daddy bringt dich um. Er bringt dich um", sagte sie. Aber ich hörte nicht zu. Ich dachte an etwas anderes - etwas Verrücktes. "Weißt du, was ich gern tun würde? Also, wenn ich die verfluchte Wahl hätte?"
"Was? Hör auf zu fluchen."
"Du kennst doch das Lied >Wenn einer einen fängt, der durch den Roggen kommt<. Ich würde gern ..."
"Das heißt >Wenn einer einen trifft, der durch den Roggen kommt<", sagte die gute Phoebe. "Das ist ein Gedicht. Von Robert Burns."
"Ich weiß, dass es ein Gedicht von Robert Burns ist."
Aber sie hatte Recht. Es heißt tatsächlich >Wenn einer einen trifft, der durch den Roggen kommt<. Aber das wußte ich da nicht.
"Ich dachte, es heißt >Wenn einer einen fängt<", sagte ich. "Jedenfalls stelle ich mir dabei immer lauter kleine Kinder vor, die in einem großen Roggenfeld spielen und so. Tausende von kleinen Kindern, und niemand ist da - also, kein Großer -, nur ich. Und ich stehe am Rand eines verrückten Abgrunds. Und da muß ich alle fangen, bevor sie in den Abgrund fallen - also, wenn sie rennen und nicht aufpassen, wo sie hinlaufen, dann muss ich irgendwo rauskommen und sie fangen. Und das würde ich den ganzen Tag lang machen. Ich wär einfach der Fänger im Roggen und so. Ich weiß, es ist verrückt, aber das ist das Einzige, das ich richtig gern wäre. Ich weiß, es ist verrückt."
...

Freitag, 21. Oktober 2011

Prag (7)


Noch mehr Prag!



An meinem letzten Tag in Prag war das Wetter einfach göttlich! Die Sonne schüttete ihre goldenen Strahlen über die Stadt. Die Fluten der Moldau funkelten silbern. Das ist keine Übertreibung! Ich ließ mich von der Schönheit des Tages mitreißen. Meine Wanderung führte mich über die Anhöhe des Letná Parks, vorbei an dem riesigen Metronom (wo früher das Stalindenkmal seinen Platz hatte), hin zur Prager Burg. Dann der Abstieg in die Stadt, ein Päuschen machen, um erneut hoch zu steigen zum Petrin Turm, der auf der Spitze des gleichnamigen Berges steht. Nein, ich war nicht oben auf dem Turm. Die Aussicht über die Dächer von Prag hatte ich bereits zur Genüge genossen. Die 60 m mehr würden den Bock nicht fett machen. Dieser Tag lieferte mir eine regelrechte Sightseeingtour - beinahe wie aus dem Prospekt.
Nach dem Genuß der Prager Höhenluft promenierte ich noch gemütlich am Moldauufer entlang. Umso schöner ein Erlebnis ist, desto mehr wünscht man sich, es mit jemandem zu teilen. Ich führte stille Selbstgespräche - im Tonfall Holdens, dem jugendlichen Helden aus "Der Fänger im Roggen", und ich knipste eine Menge Bilder.
Nach einigen Stunden taten mir die Füße weh, aber es war ein guter Schmerz. Fast so ein guter Schmerz wie der Muskelkater nach einer tollen Liebesnacht.

Also, ich resümiere: Die Reise nach Prag hat sich sehr gelohnt: zwischendurch abenteuerlich, sehr laufintensiv, das Bier war gut und billig, das Toilettenpapier dünn ..., und ich konnte mich an dieser schönen Dame Prag gar nicht sattsehen. Klar, gab es auch die weniger schönen und unangenehmen Seiten. Ich sprach schon davon: die Touristenschwärme, die Konsumtempel, die Hektik und der Lärm der Stadt, die ein oder andere Unfreundlich- bzw. Ungastlichkeit. Ich denke, das muß man in Kauf nehmen, - und man nimmt es gern in Kauf, wenn man mit derart viel Schönheit entlohnt wird.
Ich kann Prag für einen Kurzurlaub nur weiterempfehlen. Was Ihr draus macht, ist Eure Sache.
Ahoi!





das Metronom





Blick über Prag vom Letná Park





ein schöner Pavillon





in der Prager Burg





der Petrin Turm





Rosengarten vor der Sternwarte





Blick aufs andere Ufer





Kunst an der Moldau





trauriges Mädchen in Straßenbahn

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Prag (6)


Für alle, die ähnlich desorientiert durch Städte laufen wie ich



Von der Innenstadt her kommend, nimmt man z.B. die Tram-Linie 11. Die Friedhöfe sind eigentlich nicht zu verpassen. Sind alle schön ummauert.

(So klein ist der neue jüdische Friedhof nicht, Sehnsucht, oder?





wo Kafka und Kisch liegen

Prag (5)


Einblicke



Abends, wenn ich im Dunkeln zurück zum Hotel kam, qualmten mir die Socken. Nichts wie rauf in mein kleines Zimmer, Schuhe aus und Füße hochgelegt. Das war meist so zwischen 19 und 20 Uhr. Nachdem ich mich etwas ausgeruht hatte, ging ich runter ins Hotelrestaurant, Bierchen trinken und eine Kleinigkeit essen. Das Hotel war wirklich preiswert, aber vom Essen war ich enttäuscht. Die Portionen waren unterirdisch. An meinem letzten Abend wollte ich mir vor meiner Abreise ein 200g Rindersteak gönnen. Mal zuschlagen, dachte ich. Dann kam ein Steak, etwas doppelt so groß wie mein Daumennagel. Und die Kroketten waren Gummibällchen. Ich glaube, die wären vom Boden wieder hoch auf den Teller gedopst.
Das verärgerte mich - ehrlich - und ich sah von weiteren Bestellungen an diesem Abend ab, verzog mich recht früh wieder in mein Zimmer und las "Der Fänger im Roggen" zuende.

Ich war auf meinen Wanderungen vollkommen in die Großstadt eingetaucht, floß mit den Menschenströmen und manchmal auch gegen sie. Wo die Geschäfte, die Einkaufszone und die Konsumtempel sind, da sieht heute wohl jede europäische Großstadt zum Verwechseln ähnlich aus. Bevor ich zurück zum Hotel schlappte, als es bereits dämmerte, ging ich im Palladium noch ein Bier trinken. Das war ein Einkaufszentrum auf etlichen Etagen und Zwischenetagen. Ich glaube, was von dem Volumen sah ich zuletzt in Paris. (Das Rhein-Neckar-Zentrum bei mir hier um die Ecke kann es damit nicht aufnehmen.) Für gewöhnlich gehe ich in solche Einkaufsbunker, wo sich die Geschäfte stapeln, nicht oft und gerne, drum kann ich darüber vergleichend schlecht urteilen, aber so ein Riesending hatte ich schon lange nicht gesehen! Da fühlt man sich erstmal erschlagen, wenn man reinkommt.
Ich fuhr also die Rolltreppen hoch bis zur obersten Etage, denn da waren die ganzen Restaurants, Kneipen, und setzte mich an eine Bar, von wo ich einfach auf die vielen tausend Menschen schaute, oder die Bedienungen beobachtete, wie sie lustlos bei der Sache waren. Wirklich, manche Bedienungen laufen mit einem Flunsch herum, als ob man für ein Lächeln extra bezahlen müßte. Das ist in Prag nicht anders als hierzulande. Wo der Konsum vorherrscht, sinken Freundlichkeit und Service. Woran mag das liegen? Ich bin mir jedenfalls nicht für ein Lächeln gegenüber meinen Mitmenschen zu schade. Aber in einer solchen Atmosphäre passt man sich dann doch irgendwie an, glaube ich.
Nach dem Bier ging ich pinkeln - logisch. Es gab eine große Toilette auf der Etage, die ich ganz lustig fand, weil über den Urinalen Bilder von jungen Frauen in die Wand eingebracht waren, die kritisch und witzelnd auf unsere Teile beim Pinkeln herabblickten. Ich stand am liebsten an dem Urinal, worüber eine der jungen Damen einen Zollstock in der Hand hielt und darauf lachend die Länge meines Geschlechtsteils andeutete. Als ich da mal wieder stand und zufällig neben mich auf einen Pinkel-Kameraden schielte, glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen: der holte sich einen runter und schaute dabei lüstern auf die Bilder vor sich. Erst dachte ich, als ich die rhythmische Handbewegung bei ihm wahrnahm, er würde nur etwas langwierig abschütteln, aber als ich dann in sein Gesicht schaute ... Widerlich, sage ich Euch. Doch bestimmt nicht typisch für Prag, oder?
Ahoi!





in meinem kleinen Zimmer





Palladium





die freundlichen Damen über den Urinalen





die eine Kirche, in die ich kurz reinschaute

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Prag (4)


Winkel, Bögen und Gräber



Im Großen und Ganzen hatte ich aber Glück mit dem Wetter. Nur der eine Tag war versifft. Am nächsten Morgen war die Stadtluft wunderbar reingewaschen. Die ersten Atemzüge, als ich vom Hotel auf die Straße trat, waren eine echte Wohltat.
Jetzt hatte ich schon ein Bild von der Stadt im Kopf. Zuerst wollte ich das 24h Ticket ausnutzen, das ich am Vortag gekauft hatte, und fuhr mit der Straßenbahn raus zu den Friedhöfen. Kafka liegt da irgendwo begraben. Ich sag`s gleich: ich war nicht an seinem Grab. Erst fand ich`s nicht, weil ich im falschen Friedhof war, und als ich am letzten Tag vor dem richtigen Friedhofseingang stand, war der abgesperrt - wegen irgendwelcher jüdischer Feiertage oder Ferien. Für alle, die Kafkas Grab in Prag besuchen wollen, hier mal die Adresse: Nad vodovodem 1, Neuer jüdischer Friedhof. Und beachtet die Öffnungszeiten ...!
Aber der olle Kafka läuft mir ja nicht weg.
Dafür kam ich ans Grab von Egon Erwin Kisch. Auch nicht schlecht, oder?
Nach dem Ausflug zu den Friedhöfen fuhr ich Richtung Bahnhof. Ich wollte gleich mal abchecken, wo ich an meinem Abreisetag hinmusste. Und das war gut so, denn ich wusste bis dato nicht, dass der eigentliche Bahnhof unter der Straße lag. Und es war auch nicht gerade einfach als Fußgänger zu ihm hinzugelangen. Ich hatte mich fast schon daran gewöhnt, etwas blöde durch die Gegend zu irren. Dabei war ich an diesem Vormittag noch völlig nüchtern. Weil sich meine allmorgendlichen Darmgeschäfte anmeldeten, mußte ich mich aber beeilen. Uff, geschafft! dachte ich, als ich bei den Bahnhofstoiletten ankam. Dummerweise wartete ich dann noch eine gefühlte Ewigkeit am Wechselautomaten in der Schlange. Schon doof, wenn man nicht das passende Münzgeld dabei hat.
Ich glaube, ich hab`s heute mit den Tipps: Leute, nehmt euch unbedingt schönes weiches Klopapier mit, wenn ihr in Prag unterwegs seid. Denn das, was in den Toiletten ist, das ist so verflucht dünn, wie ich noch keins in meinem Leben gesehen habe. Es hat weder Zugfestigkeit, noch ist es angenehm auf der Haut.
Gut, hätten wir das also auch.
Als ich alles erledigt hatte, war wieder das Svejk Restaurant an der Reihe. Es war ja fast schon Mittag. Einfach herrlich, wenn man erleichtert bei Sonnenschein durch Prag scharwenzelt. Es gibt so viele schöne Ecken, Winkel und Plätze zu entdecken. Ganz zu schweigen von dem vielen Kunsthandwerk, den Straßenkünstlern, der richtigen Kunst. Prag hat sehr viel Kunst zu bieten, und ich meine jetzt nicht nur die ollen Kirchen und so. Aber wenn Ihr auf Kirchen und Museen steht, dann könnt Ihr den ganzen Tag nichts anderes machen, als Kirchen und Museen besuchen. Das versichere ich Euch. Ich war immerhin kurz in einer Kirche drin, die gleich neben dem Café Kafka.
Nun kann man mich einen Kulturbanausen schelten, aber so bin ich eben. Ich mag einfach nicht diesen Mief, wenn Ihr wißt, was ich meine. Manche sagen auch "Muff" dazu. Dabei finde ich Geschichte schon spannend. Aber da lese ich lieber ein gutes Buch drüber. Manche decken sich ja, wenn sie in einer fremden Stadt sind, mit tausend Reiseführern ein, damit sie nur nichts verpassen. So einer bin ich nicht. Jetzt wird mir auch klar, warum ich die Schule hasste: ich mag`s verdammt nicht, wenn man sich einfach alles mögliche an Wissen ins Hirn drückt, ohne es zu filtern oder zu ordnen oder so. Also, ich muss etwas richtig fühlen und erdenken. Richtig tief - ansonsten ist es für mich wertloser Scheiß, und ich sperre mich automatisch.
Nein, ich bin kein Wissensverweigerer! Es ist immer dasselbe mit Euch: kaum sagt man etwas, was ein bißchen unüblich und befremdend ist, stempelt Ihr einen zum Extremisten.
Okay - jedem Tierchen sein Plaisierchen.
Ahoi!



Gräber















Winkel
















Bögen













Dienstag, 18. Oktober 2011

Prag (3)


Im Regen



Es regnete Katzen und Hunde - das sah ich gleich, als ich am zweiten Tag am Frühstücksbuffet saß, und es würde so schnell auch nicht aufhören. Na gut, dann eben Prag im Regen, dachte ich. Ich trank immer 2 oder 3 Tassen Kaffee und aß ein Brötchen und ein Brot mit Schinken und Käse sowie ein hartgekochtes Frühstücksei. Dann war ich satt - proppesatt. Mein Zeug hatte ich schon dabei, so dass ich nur noch den Schlüssel abgab und in den Tag startete. Es war ziemlich häßlich draußen. Geduckt unter dem Regenschirm lief ich durch den River Town Market zur Straßenbahnhaltestelle. An der Rezeption hatte ich mir ein 24 h Ticket gekauft. Die Händler bauten noch an ihren Ständen herum - viele Asiaten, die jede Menge Schund-Klamotten anboten. Für das dünne Portemonnaie war`s aber wohl okay. An der Ecke zum Fluß war ein Mc Donalds, wo ich mich erstmal aufs Klo verzog. Kaum war ich morgens ein, zwei Kilometer gelaufen, mußte ich aufs Klo. Lästig der Scheiß.
Die Scheiben von der Tram waren ganz beschlagen, und ich wischte mit der Hand ein Stück frei, damit ich sehen konnte, wohin sie fuhr. Ich wußte ja in etwa die Richtung, in die ich wollte, und wohin ich nicht wollte. Erstmal war ich nur froh, im Trockenen zu sitzen.
Die Straßenbahn fuhr eine ewig lange Strecke bergan. Schließlich stieg ich oben auf dem Berg Hradschin aus, ganz in der Nähe von der Prager Burg. Das Pflaster glänzte vor Nässe. Es war wirklich ein scheußliches Wetter. Trotzdem machte ich das ein oder andere Photo. Nachdem ich mir einiges angeschaut hatte, machte ich mich wieder auf den Weg runter zur Moldau, zur Karlsbrücke. Da war nämlich ganz in der Nähe ein Svejk Restaurant - genau gegenüber vom Kafka-Museum. Die Svejk Restaurants bieten das billigste Pilsner Urquell in ganz Prag an - nur 32,90 Kronen für den Halben. Und man saß dort auch recht gemütlich. Das Personal trug weiße Poloshirts, auf denen Svejks rundes Säufergesicht aufgedruckt war. Das ist das Emblem dieser Restaurants.
"A big light beer, please", sagte ich zu der Bedienung und breitete mich mit meinen Sachen auf einer Holzbank aus. Sie hatten erst vor ein paar Minuten geöffnet, und ich war noch der einzige Gast.
Ich schrieb ein paar Postkarten, und danach las ich im "Der Fänger im Roggen".
"One more?" fragte die Bedienung.
"Yes", nickte ich kurz. So ging es immer hin und her. Ich habe eine ziemliche Ausdauer in solchen Dingen.
Ich hatte diesen Roman schnell in mein Herz geschlossen. Holden, der jugendliche Ich-Erzähler war wegen seiner schlechten Leistungen von der Schule geflogen, und da ging ihm ziemlich viel durch den Kopf, und das schrieb er auf, wie es ihm in den Sinn kam; jedenfalls liest es sich so, - als wäre der ganze Roman ein einziger Satz. Ich konnte Holdens Gedanken und seinem Witz gut folgen. Da waren verdammt viel kluge Sachen dabei, und er äußerte sie ganz lakonisch, jugendlich naiv. Oft mußte ich beim Lesen grinsen, und ich erwischte mich dabei, dass ich anfing, in seiner flapsigen Art zu denken. Ja, ich war wirklich drin in diesem Buch.
"One more?"
"Yes."
Zwischendurch schaute ich auf die Bedienungen, die noch nichts zu tun hatten, aber wie der Teufel hin- und herliefen, und ich schaute raus und sah, dass es immer noch Katzen und Hunde regnete, und ich sah einige Touristen, die stehenblieben und schüchtern ins Lokal schauten.
Natürlich wollte ich nicht ewig dort sitzen bleiben. Da hätte man mich am Abend raustragen können. Ich stelle mir vor, wie sie mich in eine Schubkarre gelegt hätten und vor dem Restaurant auf den Bordstein gekippt hätten - gegenüber vom Eingang zum Kafka-Museum.
Soweit kam es nicht. Ich weiß aber auch nicht mehr genau, wo ich an diesem Tag noch überall langschlappte. Aber ich weiß, dass ich nach dem 3.,4. Bier ziemlich regelmäßig pinkeln muß. Genaugenommen muß ich dann schon pinkeln, wenn ich nur ein Bier sehe.
Es gibt eben auch solche Piss-Tage, dachte ich.
Aber Ihr sollt nicht meinen, dass ich nur in Kneipen rumsaß. Ganz ehrgeizlos bin ich nicht. Und die Photos zeugen auch davon.
Ahoi!





irgendwo auf dem Hradschin





den Berg wieder runter





Blick in ein Gässchen





unten erstmal einen Espresso reingeschüttet





das Innenleben eines der Svejk Restaurants

Montag, 17. Oktober 2011

Prag (2)


Der erste Tag



Ich brauchte nur lange genug am Ufer der Moldau entlangzulatschen, und ich erreichte automatisch die Innenstadt. Ein Fluss ist für den Fremden eine gute Orientierung. Ich hatte zwar den Stadtplan, aber ich musste erstmal ein Gefühl für die Proportionen kriegen. Man ist da ja quasi als Ameise unterwegs. Nach dem Frühstück im Hotel tigerte ich los. Das Sirenengeheul von Polizei und Rettungswagen gehörte zu den ersten fremden Eindrücken. Schwer zu beschreiben. Deren Sirenen heulen heller und melodischer als die deutschen. Egal.
Nach einer guten halben Stunde Fußmarsch hatte ich den Dunstkreis der City erreicht. Das sah ich schon an den Touristenströmen. Die tschechischen Namen auf den Wegweisern sagten mir gar nichts. Und als ich dann inmitten des Häusermeers war, war es auch mit der Orientierung nicht mehr weit her. Aber ich hatte ja eine Masse Zeit totzuschlagen, konnte also einfach drauf loslaufen. Auf einem großen Platz wußte ich dann schon, dass ich richtig war. Alles fotografierte, und ich schoß auch ein paar Bilder. Dann dachte ich, dass es an der Zeit wäre, mein erstes Bier zu trinken. Um die Ecke war das "Café Kafka". Nichts besonderes. Ich saß draußen und relaxte.
Als ich von Heidelberg losfuhr, war mir klar, dass zum Auffüllen der Lücken im Tagesablauf eine Lektüre ganz nützlich sein könnte, drum wollte ich mir vor der Abfahrt in der Bahnhofsbücherei einen Roman oder sowas kaufen. Ich stand vor dem Bücherregal mit der Belletristik und schaute über das bescheidene Angebot. Hm. Hm. Kafka fiel mir natürlich ins Auge. Aber dann dachte ich mir, dass ich in Prag nicht auch noch Kafka lesen wollte - das wäre in etwa wie dick Butter auf einem Wurstbrot. Einfach zu viel.
Salingers "Der Fänger im Roggen" stand da auch. Ziemlich aufreizend. Ich nahm das Buch in die Hand und wußte fast sofort, dass es das richtige war. Das ist nicht nur mit Büchern so. Auch mit Frauen. Ehrlich. Plötzlich steht da die eine richtige wie aus dem Boden gewachsen.
Also, ich mach`s kurz: ich packte "Der Fänger im Roggen" in meinen Rucksack, kaufte noch ein paar Dosen Bier als Reiseproviant und wartete im Bahnhofrestaurant auf meinen Zug.
Ewig und drei Tage wollte ich dieses Buch schon lesen. Keine Ahnung, warum ich`s bis dato noch nicht fertiggebracht hatte. Und Prag wollte ich ja auch schon seit ewigen Zeiten besuchen. Also passte das auch irgendwie - oder wie seht Ihr das?
Ich hatte also die Innenstadt von Prag gefunden, und als ich da vorm "Café Kafka" Budweiser trank, gingen mir allerhand blöde Gedanken durch den Kopf: z.B., dass ich die tschechischen Frauen ziemlich schmalarschig fand, oder dass hier auffällig viele junge Männer mit langen Haaren, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, herumliefen - so wie die Franzosen irgendwann mal. Und später nach der xten Kneipe fiel mir auf, dass da die Popmusik der späten Achtziger und Neunziger rauf und runter lief, so als wäre die up to date - also so Sachen von Sting, Pink Floyd oder so. Ich weiß auch nicht.
Am ersten Tag bummelte ich erstmal die ganzen ausgetretenen Touristenpfade ab. Karlsbrücke und zurück. Dann wieder in die Innenstadt, in die Fußgängerzone ..., wie schon gesagt: ich schlappte gefühlt jeden Tag mindestens tausend Kilometer. Dabei wollte ich gar nicht wie ein typischer Tourist ausschauen, aber ich fühlte mich so furchtbar dämlich, weil ich mich gar nicht auskannte und immer blöd durch die Gegend glotzte. Ich erkannte die Einheimischen daran, dass sie mindestens doppelt so schnell unterwegs waren - und viel zielgerichteter. Mit den Tagen nahm ich dann auch an Tempo auf, weil ich dann schon wußte, wo das Bier besonders billig war, und wo ich sitzen wollte, "Der Fänger im Roggen" lesen und so.
Im Prinzip klappte alles ganz prima. Obwohl ich mir manchmal ein Gespräch gewünscht hätte. Es war schon ziemlich einsam - ganz allein in solch einer großen Großstadt. Immer wollte ich mir das nicht geben.
Ahoi!





Moldau Ufer





Innenstadt





Café Kafka





Karlsbrücke





vielleicht hauste hier der Typ, der mich am Bahnhof zum Taxi brachte

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