Jean-Dominique Bauby "Schmetterling und Taucherglocke"

Aus dem Kapitel "Der Schutzengel":

Im Laufe der Wochen hat mir diese erzwungene Einsamkeit zu einem gewissen Stoizismus verholfen und zu der Erkenntnis, dass das Krankenhauspersonal zweigeteilt ist. Da gibt es die Mehrheit, die mein Zimmer nicht betreten würde, ohne zu versuchen meine SOS-Signale zu begreifen, und die anderen, weniger gewissenhaften, die so tun, als sähen sie meine Notzeichen nicht, und wieder verschwinden. So wie dieser reizende Unmensch, der mir die Übertragung des Fußballspiels Bordeaux-München in der Halbzeit abgedreht hat und mir eine unwiderrufliches "Gute Nacht" zukommen ließ. Diese Unmöglichkeit der Kommunikation belastet natürlich weit über die praktischen Aspekte hinaus. So kann man den Trost ermessen, den es für mich bedeutet, wenn Sandrine (seine Logopädin) zweimal am Tag an die Tür klopft, mit einem Schnütchen wie ein ertapptes Eichhörnchen hereinschaut und auf einen Schlag alle bösen Geister vertreibt. Die unsichtbare Taucherglocke, die mich ständig umschließt, erscheint dann weniger bedrückend.
Graugans54 - 24. Sep. 08, 14:21

Unvorstellbar

was diesem Mann da widerfuhr. Ich habe das Buch gelesen, kurz nachdem es erschienen war. Es beschreibt Baubys "locked-in-Syndrom", bei dem es praktisch keine Möglichkeit gibt, mit der Aussenwelt zu kommunizieren, obwohl man alles, alles mitbekommt. Er diktierte das Buch mittels Augenzwinkern während ihm ein spezielles Alphabet mit den häufigsten Buchstaben am Anfang vorgelesen wurde.
Bauby gewährt einen Einblick in dieses Dasein und findet sogar Worte, die zeitweise vergessen lassen, wie mühevoll sie zu Papier gebracht wurden. Soweit ich weiß, ist er kurz nachdem das Buch fertig war gestorben. Ein sehr trauriges Schicksal.

bonanzaMARGOT - 24. Sep. 08, 16:30

hallo graugans,

wie du es sagst. bauby bringt uns mit diesem zeugnis etwas näher, was uns total unwahrscheinlich, fern und erschreckend erscheint. er zeigt, dass man immer mensch bleibt, egal wie reduziert man in seinen fähigkeiten und möglichkeiten ist. er spricht auch für jene, die keine sprache mehr haben.

ein literarisches Tagebuch

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