"Finale" - aus Kurt Vonneguts "Zeitbeben":

Um zehn verkündete der alte, längst vergriffene Sciencefictionautor, er wolle jetzt ins Bett gehen. Es gäbe nur noch eins, was er uns, seiner Familie sagen wolle. Wie ein Zauberer, der einen Freiwilligen aus dem Publikum sucht, bat er, jemand solle sich neben ihn stellen und tun, was er ihm sage. Ich hielt die Hand hoch. "Ich, bitte ich", sagte ich.
Die Menge verstummte, als ich meinen Platz zu seiner Rechten einnahm.
"Das Universum hat sich so enorm ausgedehnt", sagte er, "mit Ausnahme von dem geringfügigen Glitsch, durch den er uns gejagt hat, dass das Licht nicht mehr schnell genug ist, irgendwelche Trips zu unternehmen, selbst wenn es unvernünftig viel Zeit dafür zur Verfügung hätte. Einst das Schnellstmöglichste, heißt es, gehört das Licht jetzt auf den Friedhof der Geschichte, wie der Pony Express.
Ich bitte jetzt dieses Menschenwesen, welches genug Schneid besitzt, direkt neben mir zu stehen, sich zwei funkelnde überflüssigen Lichts am Himmel über uns auszusuchen. Es ist nicht wichtig, was für Punkte es sind, sie müssen nur funkeln. Wenn sie nicht funkeln, sind es entweder Planeten oder Satelliten."
Ich suchte zwei Lichtpunkte heraus, die vielleicht anderthalb Meter weit auseinander lagen. Der eine war der Polarstern. Ich habe keine Ahnung, welcher der andere war. Meinetwegen war es Kotz, Trouts Stern von der Größe 2 b.
"Funkeln sie?" sagte er.
"Sie funkeln", sagte ich.
"Versprochen?", sagte er.
"Ehrenwort", sagte ich.
"Hervorragend! Klingeling!", sagte er. "Nun denn: Welche Himmelskörper diese beiden Glitzerteile auch repräsentieren mögen, sicher ist, dass das Universum einen solchen Verdünnungsgrad erreicht hat, dass das Licht, um vom einen zum anderen zu gelangen, tausende oder Millionen von Jahren benötigen würde. Klingeling? Doch nun bitte ich Sie, erst ganz genau den einen und dann ganz genau den anderen anzusehen."
"Okay", sagte ich, "fertig."
"Hat eine Sekunde gedauert, ja?", sagte er.
"Länger nicht", sagte ich.
"Selbst wenn es eine Stunde gebraucht hätte", sagte er, "hätte sich zwischen den beiden Punkten, wo diese beiden Himmelskörper einst waren, etwas von da nach dort bewegt, und zwar, vorsichtig geschätzt, eine Million mal so schnell wie die Lichtgeschwindigkeit."
"Was war es?" sagte ich.
"Dein Bewusstsein", sagte er. "Das ist eine neue Qualität im Universum, die nur existiert, weil es Menschen gibt. Von jetzt an müssen Physiker, wenn sie die Geheimnisse des Kosmos bedenken, nicht nur Energie und Materie und Zeit in ihre Rechnungen einbeziehen, sondern etwas ganz Neues und Schönes, welches man menschliches Bewusstsein nennt."
Trout machte eine Pause und stellte mit dem Ballen seines linken Daumens sicher, dass seine obere Gebissplatte nicht rutschte, während er an jenem verzauberten Abend seine letzten Worte an uns richtete.
Die Zähne saßen prima. Dies war sein Finale: "Ich habe über ein besseres Wort für Bewusstsein nachgedacht", sagte er "Nennen wir es Seele." Wieder macht er eine Pause.
"Klingeling?", sagte er.
Graugans54 - 03. Sep. 08, 21:37

Haben nur Menschen ein Bewusstsein?

Zu gerne möchte nicht nur Trout das glauben: Der Mensch ist die „Krone der Schöpfung“. Ich glaube eher, dass der Mensch die Krone der Mutation ist. Überhaupt, was ist das – Bewusstsein? Ist das Seele? Bestimmt gibt es ganz hervorragende philosophische Überlegungen dazu. Ich verstehe es als die Wahrnehmung des eigenen Selbsts in Abgrenzung zur Aussenwelt?
Dies wird aber auch bei einigen Tierarten beobachtet – mir fällt dazu ein, dass sich z.B. Schimpansen im Spiegel und sogar auf Fotos erkennen. Banal?
Auch der Mensch ist ein Säugetier, ganz kreatürlich, eigentlich also nichts besonderes. Ein biologisches Wesen unter vielen auf dieser Welt. Wir alle teilen den genetischen Code – verpflanzt in ein Bakterium produziert dieses Humaninsulin. Diese „Sprache“ ist also universell.
Aber solche Texte schreiben wie BonanzaMargot kann dann doch kein anderes Tier - meint die graugans

bonanzaMARGOT - 04. Sep. 08, 10:39

hallo graugans,

danke für deine antwort.
der vorgestellte text ist von kurt vonnegut und nicht von bonanzamargot.

bewusstsein bringe ich mit erkennen und reflexion in verbindung. ich gestehe auch anderen lebewesen wie tieren eine art bewusstsein zu. aber der mensch erscheint mir als das einzige wesen, welches sich speziell zu seiner existenz und dem "sein" überhaupt gedanken machen kann. das bewusstsein fließt, wie alles fließt. eine quelle ist noch kein bach, und ein bach ist noch kein fluss. ein mensch kann durch krankheit oder unfall diese fähigkeit wieder verlieren (, bleibt in meinen augen aber ein mensch).
nein, ich sehe den menschen nicht als krönung der schöpfung an. er ist teil der schöpfung, und er besitzt die fähigkeit, diese wunderbare (aber gleichzeitig erschreckende) schöpfung intellektuell zu reflektieren, und diese reflexionen in sprache/in kunst zu übersetzen.
ein fluch dieses bewusstseins ist, auch die endlichkeit des lebens vor augen zu haben, den verfall.
anders als trout, der sciencefictionautor, würde ich bewusstsein und seele nicht gleichsetzen. auf der anderen seite: ist die seele nicht erst durch unser bewusstsein erfahrbar? ist die seele vielleicht nur ein erklärungskonstrukt des bewusstseins - um z.b. mit der endlichkeit klar zu kommen?
ich würde gern allem eine seele zusprechen.
aber wer könnte das fühlen und erkennen, wenn es nicht lebewesen mit bewusstsein wie den menschen gäbe?

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