Das Halbfinale

Das Halbfinale schaute ich auf einem Campingplatz am Bodensee zwischen Friedrichshafen und Lindau, d.h., es nannte sich Freizeitpark und war gleich mal 3 Euro teurer als normal. An der Rezeption standen drei Typen, die wie Wachleute aussahen - fehlte nur noch der Schlagstock am Gürtel - jedenfalls gaben sie sich derart. Das Bier musste ich mir vorher im Supermarkt des drei Kilometer entfernten Dorfes kaufen. War ja kein Problem an sich. Ich bin flexibel. Vom Zeltplatz zu den Waschräumen waren es gut 200 Meter Weges - was auch kein Problem war - 1. habe ich eine trainierte Blase, 2. war ich mit dem Fahrrad unterwegs. Außerdem pinkele ich nachts dann einfach auf den Boden, geschützt vom Zelt. Also alles kein Problem. Am Supermarkt des Freizeitparks, der aber leider geschlossen war, hatten sie einen großen Fernseher installiert. Dort saßen wir, es werden mit der Zeit doch um die zweihundert Menschen gewesen sein, und gafften auf den "kleinen" Bildschirm. Solidarisch rutschten wir zusammen. Einige brachten eigene Stühle mit, fast alle hatten ihre "Grundverpflegung" mitgebracht.
Neben mir saß eine Österreicherin, um die Fünfzig, schätze ich; sie zog mich wegen meines Getränkereservoirs auf. Dabei war das nur ein Sixpack. Da ich bereits eine dreiviertel Stunde vor Spielbeginn Platz genommen hatte, war es bereits zur Halbzeit ausgetrunken. Ich gab mir echt Mühe, langsam zu trinken. Umso erstaunter darauf die Österreicherin, als ich einen Liter Rotwein hervorzauberte. Ausserdem österreichischer. "Das ist ein guter", meinte sie. Yeah, Gott sei Dank, kam es nicht zur Verlängerung und zum Elfmeterschießen. Ich wäre auf dem Trockenen gesessen.
Ich glaube, wir spielten gegen die Türken. Nicht wir - was rede ich - die Deutschen - nicht die Deutschen, was rede ich - die deutsche Nationalmannschaft ... Glücklicherweise gewannen wir (nicht wir - was rede ich - die Deutschen - etc.); glücklicherweise fing es erst nach dem Spiel an zu regnen, denn wir saßen alle im Freien. Nicht vorstellbar, wenn nach dem zwischenzeitlichen Bildausfall noch der absolute Regenausfall hinzugekommen wäre auf diesem Luxus-Campinplatz, in diesem super Freizeitpark mit den freundlichen Wachsoldaten an der Rezeption.
Die "Deutschen" gewannen das Halbfinale, und ich wunderte mich über mich, dass ich mich darüber gar nicht recht freuen konnte - natürlich schrie ich "Ach!" und "Oh!" und "Yuppie!" und "Verdammt!" ... das ganze neben der Österreicherin, der ich für die Unterhaltung während des Spieles ausdrücklich danke. Links von mir saß nämlich ein älterer Alki, bei dem ich immer nachfragen musste, wenn er das Wort an mich richtete, weil ich ihn nicht verstand. Vielleicht war es auch sein Dialekt. Er nuschelte jedenfalls unverständlich, und ich war so verflucht höflich, immer wieder den Kopf in seine Richtung zu drehen, wenn er etwas von sich gab.

Nachdem ich nochmal Pinkeln war, fuhr ich zu meinem Zelt. Brot und Käse warteten auf mich. Ich hätte dieses Halbfinale bald vergessen, würde ich hier nicht davon erzählen.
virago - 09. Jul. 08, 16:43

Das Finale fand ich spannender. Gut, dass die Spanier nicht so defensiv spielen wie die Italiener. Erst in den letzten Minuten wurde es langweilig.

Im Halbfinale war das Gewitter spannender.

bonanzaMARGOT - 09. Jul. 08, 18:12

Das Finale

bekam ich irgendwo zwischen Schaffhausen und Basel mit. Ich wußte nicht, auf welcher Seite ich eigentlich mein Zelt aufschlug. Die Campingplatzmutter sah wie eine Spanierin aus, und die Typen, die sich neben mich setzten, redeten Schwitzerdütsch, dabei waren wir auf der deutschen Seite. Ich fragte sogar nochmal nach, denn ich hatte an dem Tag meiner Fahrradreise bestimmt ein dutzend Mal die Grenze zwischen Schweiz und Deutschland überquert. Mir war also ganz schön schwindlig - nicht nur von der Hitze und dem Bier. Am Ende orientierte ich mich am Zahlungsmittel. Ich mußte in Deutschland sein, wenn ich mit Euro bezahlte. Warum wurde ich aber dann auf einem deutschen Campingplatz von einem Schweizer blöde angemacht? "Warum ich so hochdeutsch spreche?" "Ich dachte nur, dass man mich am Besten verstehe, wenn ich hochdeutsch spreche", sagte ich, "außerdem könne ich gar nicht anders ..." Ich merkte sogleich, dass es zu sehr ins Detail gehen würde, wenn ich erklärte, warum ich für seine Ohren zu hochdeutsch spreche ... und ich ihn in seinem Dialekt nur schwer verstehe. Ja ja, auch ich bin lernfähig. Aber warum soll nur ich lernfähig sein?
Ich lese eben hauptsächlich Schriftdeutsch, und so spreche ich - das ist doch geradlinig, oder?
Das Spiel hatte längst angefangen, und statt eines Pflaumenkuchens, der mir von der Wirtin empfohlen wurde, hatte ich eine Wurst mit Kartoffelsalat durchgesetzt. Noch stand es Unentschieden in dem Finale.

Der Rest läßt sich schnell erzählen: Nachdem ich gesättigt war, fiel das 1 : 0 für Spanien. Scheinbar gab es um mich herum nur Schweizer und Spanier, die sich nicht trauten, sich wirklich darüber zu freuen, dass die deutsche Mannschaft zurücklag. Für mich war es gelaufen ... an diesem Ort ... und überhaupt. Ich verdaute die Riesenwurst in meinem Magen und erwartete den nächsten Morgen, um nach Basel aufzubrechen.
virago - 09. Jul. 08, 18:57

Tja... sei halt kein Deutscher. Oder lerne wenigstens Schwyzerdütsch, wenn du schon deinen Geburtsfehler nicht korrigieren kannst. Wirklich, wie taktlos von dir, während eines EM-Finales mit einem Schweizer hochdeutsch zu sprechen! Hättest du nicht auf Französisch ausweichen können? ;-)
bonanzaMARGOT - 09. Jul. 08, 19:31

wir wurden nicht bösartig zueinander,

so war es nicht, aber ich kann in meinen kurzen texten schließlich nicht die ganze differenziertheit einer kommunikation darstellen. ich würde es als halb-derbe andeutungen bezeichnen, aus denen ich mich etwas larmoyant - und im richtigen moment souverän - herauswand. ich hatte nichts von diesen kappen zu befürchten. schließlich befand ich mich nicht in sachsen.
allerdings war ich kaputt von ca. 100 km fahrt, war verbrannt von der sonne, hatte bereits 8-10 bier unterwegs getrunken ... hatte in die scheiß berge fahren müssen wegen der rhein-verschlingungen ... kurz gesagt, ich war einfach froh, dass ich mein zelt aufgestellt hatte ... erwartete das endspiel ... sozusagen als betthupferl.
bonanzaMARGOT - 10. Jul. 08, 09:46

virago,

du meinst, ich hätte so machen sollen, als ob ich französisch rede? mit meinem schulfranzösisch kann ich bestenfalls noch ratebrechen. das reicht zur steinzeit-kommunikation: "tor!", "au! weh!" (was heißt auf französisch "tor"?)
da mime ich doch besser einen engländer: "fuck, fuck!", "fucking fuck!", "fucking goal!"
virago - 13. Jul. 08, 15:46

Eigentlich

meine ich: Du hättest mit dem Schweizer Französisch sprechen oder es zumindest versuchen können, damit er sich nicht mit Deutsch plagen muss - vermutlich konnte der auch nicht gut Französisch und dann hättet ihr euch beide gleich geplagt ;-). Für Schweizer ist Hochdeutsch doch eine Fremdsprache! (Hat mir mal ein Schweizer gesagt.)

Tor auf französisch? Keine Ahnung... porte? Nein, Blödsinn, das heißt ja Tür. Portal? Nous n' avons pas tiré un portal parce que le baton etait dans le chemin ... *gg*
bonanzaMARGOT - 13. Jul. 08, 17:03

ich sollte den schweizer

mit meinen rudimenten französicher kenntnisse, äh französischkenntnisse, ne, tut mir leid, also beeindrucken, das wäre doch schwachsinniger gewesen als einen goldfisch in einem weinglas schwimmen zu lassen, womöglich noch ein leeres.
die schweizer können mir allesamt den buckel runterrutschen. ich habe einen breiten. und danach sollen sie sich im gotthard-tunnel einschließen - selten sah ich ein volk, das derart von sich eingenommen ist und dabei absolut keine echte idee von seiner identität hat.
okay, das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in letzterer zeit mehr in der schweiz war und weniger in frankreich, italien, holland ... und in vielen ländern noch gar nicht. das deutsche identitätsproblem wurde ja von hitler aufgeblasen und implodierte schließlich nach dem verlorenen krieg zu einem krümel armseligen, heuchlerischen, schleimigen bewußtseins. da ist es noch heute. ein paar blöde schwenken inzwischen fahnen. ich denke mir: prima, so kann man sich auch outen. eigentlich wollte ich gar nicht wissen, dass es so viele blöde unter den deutschen gibt.
das nächste mal kaufe ich mir auch eine deutschlandfahne. wozu sich noch tarnen?

virago, tut mir leid, was war nochmal dein anliegen? du bist österreicherin. habsburg also. wie kann man eine nation österreich nennen? ätzend. weißt du es?
virago - 13. Jul. 08, 17:25

Ähhhm....

... was war noch mal mein Anliegen? Hatte ich eins?
Oh ja, richtig: Cordoba 1978 ;-).

Die Habsburger sind doch gemeinsame Geschichte. Außer natürlich, du betrachtest dich als einen Preußen.
bonanzaMARGOT - 13. Jul. 08, 17:45

klar bin ich ein preuße!

ein waschechter, wenn man das bißchen polenblut herausgewaschen hat ..., aber wer ist heute schon noch rein?

cordoba? was ist das? ein griechischer sportwagen? oder eine insel? oder ist das eine neuer mond vom jupiter?

1978 war ich 16 und ... tja. ich war halt 16, mein gott, jeder ist mal 16, oder?

die österreicher haben jedenfalls den ball nicht erfunden. bei österreich denke ich an ... wiener schnitzel. bestimmt, wenn es einen sport gäbe, des fussballs ähnlich, aber mit einem sportgerät gespielt, das aussähe wie ein wiener schnitzel - ja, dann wäre österreich vielleicht tatsächlich zumindest darin international eine größe.
ich habe gar nichts gegen österreich. österreich ist ein land ohne küste aber mit einer menge berge. österreich hat innsbruck, wien und salzburg und noch einige andere dörfer. österreich hat falco und ambros - hatte ...
wahrscheinlich fallen die schatten der österreicher alpen zu lang aus, so dass man nichts wirklich bedeutendes erkennen kann ...
hoppla - mozart!
wie konnte ich diesen kleinen klaviererotiker vergessen?
doch wie ging man damals mit mozart um?
eine schande!!
realy!
da haben sie mal ein geniales kind in ihren reihen und behandeln es wie den letzten dreck.
gut, schnee von gestern. künstler werden selten von der zeit akzeptiert, in der sie leben.
genaugenommen ist es der tod eines künstlers, wenn er von den eigenen landsleuen angenommen wird.

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