Jazz und Krebs


Der Pathologe hat sicher schon bessere Tage erlebt. Müde und abgespannt wirkt er, Ende Vierzig schätze ich ihn. Das Thema allerdings hat er drauf. Die komplexe und zumeist trockene Materie bringt er anschaulich und spannend rüber. Wie immer sind wir in der Schule mit Kaffee, Tee und Plätzchen gut versorgt. Der Tag schielt müde durch die Fenster des sechsten Obergeschosses. Ich sehe in den schmutzig weißen Himmel und auf das Dächer-Meer hin zum Horizont. Gerne hätte ich an diesem Samstag ausgeschlafen nach einem Abend mit Jazz von Klaus Doldingers Passport. Dieser alte Hund Doldinger, Baujahr 1936, zeigte sich erstaunlich fit. Über zwei Stunden boten seine junge Band und er eine mehr als passable Vorstellung, eine Mischung aus Jazz, Blues und Rock – querbeet durch alte und neue Musiktitel. Die Klassiker der Filmmusik durften freilich nicht fehlen, die Themes von „Das Boot“ und „Tatort“. Die jungen Musiker um ihn herum waren mit viel Spielfreude und Virtuosität dabei. Immer wieder zollte das Publikum ihren Soli viel Beifall. Am Ende waren alle gleichermaßen zufrieden, die Musiker sowie das Publikum. Jüngere Menschen sah man unter den Zuhörern leider nur wenige, die meisten waren 50+. Viele Sitzplätze blieben leer im Admiralspalast. Wir saßen in der letzten Reihe und konnten recht entspannt alles übersehen und anhören. Schon seltsam, dass bei einer Musiker-Koryphäe wie Doldinger der Saal nicht proppenvoll war. Auch las ich noch nichts darüber in den Internet-Medien.
...
Vielleicht hatte der Pathologe eine noch kürzere Nacht als ich. Seinen Mantel legt er während des gesamten Unterrichts nicht ab, die Haare ungewaschen und wirr, unrasiert – so sitzt er vor uns… wir spüren, dass er sein Fach, die Onkologie, lebt. „Krebs ist eine Sache hin zur Unordnung“, sagt er und erklärt uns kurz, welche Rolle die Entropie dabei spielt. Gleich zu Anfang gibt er uns zwei Buchtipps „Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie“ und „Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks: Die Geschichte der HeLa-Zellen“… sehr interessant, denke ich.
Wir tauchen während des Unterrichts tief in die Pathologie der Krebserkrankungen ab. Ich fühle mich in meiner neuen Berufswahl bestätigt, als er uns sagt, wie wichtig unsere Arbeit der Tumordokumentation ist… Ich kann jede Motivation gut gebrauchen bei den auf mich zukommenden Anstrengungen und der Ungewissheit eines zukünftigen Arbeitsplatzes.




Klaus Doldingers Passport am 18.11.2016 in Berlin

SpeziellesKänguru - 20. Nov. 16, 21:03

ein super konzert, so wie der ganze abend. danke!

bonanzaMARGOT - 21. Nov. 16, 15:14

ja, doldinger hat`s auch mit seinen stolzen 80 noch drauf. toll! und die jungs um ihn herum waren spitze!
seit langem wiedermal ein konzert, und dazu ein gutes, das den eintritt wert war.
rosenherz - 21. Nov. 16, 19:30

Ah, jetzt ist mir Klaus Doldinger ein Begriff! Irgendwo im Hinterkopf hatte ich diesen Namen gespeichert gehabt.

Ein Musiker mit anscheinend großer Lebenslust - und Lebenskraft.

bonanzaMARGOT - 22. Nov. 16, 06:55

ja. leider gehört auch er zur langsam wegsterbenden generation.
rosenherz - 21. Nov. 16, 20:23

Möglicherweise bist du mit der Onkologie am richtigen Platz. Ein Platz, wo du mit deiner eigenen Lebensphilosophie (zB dein Hinterfragen von Scheinheiligkeiten in der Gesellschaft) anderen Menschen dienlich sein kannst. Denn wo sonst wird die Lebensgeschichte eines Patienten so zentral zum Thema, wenn man an Krebs erkrankt ist.

bonanzaMARGOT - 22. Nov. 16, 06:54

wenn man die krankenakten der menschen vor augen hat, ist das erstmal schockierend...

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