Lüften


„Hier ruht in Gott … Hanna G. ... aus Hotzenplotz, Sudetenland … 1876 – 1956“
Ich öffne das Fenster zum Lüften und blicke auf den schwarzen Granit des Grabsteins, den der frühere Hausbesitzer zurückließ. Er kam zum Vorschein, als der neue Besitzer das Grundstück vom Dickicht befreite. Sicher wurde die Grabstelle vor Jahren aufgelöst und der Stein mitgenommen. Ich rechne kurz im Kopf und komme zu dem Schluss, dass es sich hierbei um die Urgroßmutter handeln solllte. Sie starb, als dieses Haus gebaut wurde.

Über mir wird gebohrt und gehämmert. Nachdem gestern der Verputzer noch mal bei mir war, hoffe ich, dass ich vorerst keine Handwerker mehr in der Wohnung haben werde.
Ein junges Ehepaar kaufte diese „alte Burg“. Nächstes Frühjahr will die Familie einziehen. Sie haben zwei Kleinkinder. Das eine dürfte erst in diesem Jahr das Licht der Welt erblickt haben. Sie waren wegen des Mietvertrags bei mir. Ein viertel Jahr ist das schon wieder her. Seitdem sah ich nur noch ihn an den Wochenenden. „Im nächsten Leben werde ich Handwerker“, sagte er mir nicht ohne Sarkasmus in der Stimme. Er ist Hauptschullehrer. Er wolle sich hier abarbeiten, hatte seine Frau damals lächelnd gesagt, das Baby wiegend auf dem Arm.
Nach den ersten Sanierungsarbeiten schälte sich immer deutlicher heraus, was man wohl in der ersten Kaufeuphorie übersah oder nicht sehen wollte - obwohl eine Architektin begutachtend und beratend zur Seite stand: Dieses Haus ist eine Bruchbude, und die Sanierung wird wesentlich teurer werden als geplant. „Dafür bekamen sie es fast geschenkt“, sagte der frühere Hausbesitzer, als ich ihn vor Tagen in der Stadt traf. Er ist froh, dass er dieses Erbe seiner Großeltern los ist.
Am letzten Wochenende begenete ich dem Hauptschullehrer wie gewohnt. Sein Gesicht war grau und müde. Er schlich mit dem Fotoapparat ums Haus. Wir besprachen kurz die für mich wesentlichen Dinge. Ich sah ihm seine Verbitterung deutlich an.
Nachdem ich nun neue dichte Fenster habe, muss ich öfter lüften als früher. Er legte es mir nahe. Sonst käme der Schimmel. Selbstverständlich, meinte ich. Er tat mir leid. Hoffentlich zerbricht seine junge Familie nicht an diesem ganzen Scheißdreck ...

Ich stehe am geöffneten Fenster und schaue auf den schwarzen Granit. Er lehnt am Mäuerchen der Grundstücksbegrenzung. Kühle erdige Luft durchströmt die Wohnräume. Ich amte tief durch.





SpeziellesKänguru (Gast) - 15. Dez. 14, 21:27

ich denke seit tagen darüber nach. denn das thema scheint mir durchaus unheimlich zu sein.
kann man sich denn überhaupt darüber freuen, das erbe seiner großeltern losgeworden zu sein....
das gehört einfach dazu, und damit soll man leben. vielleicht habe ich zu viel aberglauben - wiederum kulturell bedingt - aber ich kann es mir kaum vorstellen, dass ein grabstein von meiner urgroßmutter irgendwo nur so rumsteht. auch wenn ich diese urgroßmutter nicht mal kannte..
aber vor ihr weiß ich viel viel mehr als von meinen noch lebenden verwandten. auf diese weise verliere ich meine eigene identität nicht. oder ich
glaube es mindestens...

bonanzaMARGOT - 16. Dez. 14, 08:02

jeder mensch hat so seine eigene nähe oder distanz zu seiner (kulturellen) identität, herkunft und familie.
ich fühle mich nicht sonderlich verwurzelt. bei mir ist es also eher distanziertheit und nicht nähe oder gar identifikation. drum interessiere ich mich nur bedingt für z.b. die familiengeschichte.
die hauptsächlichen prägenden kulturellen einflüsse ergeben sich durch die sprache, die ich spreche, und das land, in dem ich lebe.
ich versuche mich relativ selbstbestimmt religiös und ethisch zu entwickeln.

den grabstein hätte ich auch nicht wie müll zurückgelassen.

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